Sind Gendersternchen diskriminierend, reaktionär und frauenfeindlich?

Wie bitte? Gendersternchen sollten diskriminierend sein? Wieso das denn?

Ganz einfach: Aus der Genderforschung wissen wir, dass es keineswegs nur das männliche und weibliche Geschlecht gibt. Da gibt es noch viele weitere. Wie viele das genau sind, ist noch nicht vollständig erforscht. Die „Gender Master List“ erwähnt zum Beispiel andere Geschlechter als die 60 Geschlechter, welche von Facebook im Jahr 2014 aufgelistet wurden. Aber jedenfalls gibt es sehr viele Geschlechter, das ist erwiesen. Solche Erkenntnisse abzustreiten hieße, den Rechtspopulisten der AfD nach dem Mund zu reden und da ist schon einmal Distanzierung geboten. Außerdem hat erst kürzlich das Bundesverfassungsgericht zumindest die Registrierung eines dritten Geschlechtes im Geburtenregister gefordert, also gibt es nun auch per Gerichtsbeschluss nicht nur Männer und Frauen. Mit der Schreibweise „Personengruppe*Innen“ reduziert man die Menschen aber wieder nur auf Männer und Frauen. Diese Ausgrenzung aller anderen Menschen ist eindeutig diskriminierend. Man kann sich auch fragen, was einen so schreibenden Autoren noch von einem Rassisten unterscheidet. Immerhin erklärt sein Text, es gäbe wichtige und unwichtige Menschen: Die einen (Männer und Frauen) sind es wert, erwähnt und angesprochen zu werden, alle anderen aber nicht. Ob das nun schon rassistisch oder „nur“ diskriminierend ist, möge jeder selbst entscheiden – Ausgrenzung ist es auf jeden Fall. Gendersternchen und ähnliche Schreibweisen sind also für jeden Diskriminierungsgegner ganz klar abzulehnen.

Natürlich könnte man einwenden, dass den Autoren gegenderter Texte ihr Fehler gar nicht bewusst ist. Vielleicht wollen sie einfach nur besonders entgegenkommend sein, weil möglicherweise nicht jeder Leserin der Unterschied zwischen Genus und Sexus, also zwischen dem grammatischen und dem sexuellen Geschlecht bekannt ist. Verständlich wäre das. Die Schulzeit ist lange her und Grammatik war oft ein etwas langweiliger Unterricht. Insofern ist der Gedanke verständlich, dass einige Frauen sich möglicherweise nicht angesprochen fühlen könnten, wenn grammatisch männliche Wörter wie „der Teilnehmer“ oder „der Bürger“ im Plural verwendet werden. Aber warum wird beim Gendern nur Frauen dieses Verständnisproblem unterstellt? Warum nicht auch Männern? Durch diese Einseitigkeit beim Gendern wird angedeutet, Männer seien klüger als Frauen. Eine sehr frauenfeindliche Unterstellung! Auch bei Männern ist umgekehrt vorstellbar, dass sie bei personenbezeichnenden Wörtern, die grammatisch weiblich sind, ebensolche Verständnisprobleme haben. Wörter wie „die Person“, „die Fachkraft“, „die Koryphäe“ sind alle weiblich. Um auszuschließen, dass Männer fragen, „ach, bin ich damit auch gemeint?“, wenn von „die Personen“ oder „die Fachkräfte“ die Rede ist, muss hier ebenfalls gegendert werden. Nur eben anders herum, hier muss die männliche Endung angehängt werden: Die Personen*Er, die Fachkräft*Er. Wer nicht so schreibt, verhält sich frauenfeindlich, weil er unterstellt, Männer wären schon schlau genug, das selbst heraus zu finden.

Überhaupt sollte man wenigstens auf Konsequenz achten, wenn man schon gegendert schreibt. Meist wird der Ansatz nicht bei allen Wörtern konsequent durchgezogen. Oft bleiben viele Wörter unvollständig gegendert. Beispiel „Bürgermeister“. Ist ein Bürgermeister etwa nur für die männlichen Bürger da? Und können nicht auch Frauen Bürgermeisterin werden? Korrekt müsste bei Bürgermeistern also von Bürger*Innenmeister*Innen die Rede sein. Bei der Wahl des Schülersprechers sollte eigentlich von Schüler*Innensprecher*In die Rede sein, bei Menschen, die Personenkontrollen durchführen, von „Personen*Erkontrolleur*Innen“. Und was ist mit „der Mensch“? Das ist ein grammatisch männliches Wort. Sollte man also nicht „Mensch*Innen“ schreiben? Falls hier jemand einwendet, das sei doch aber logisch, dass damit auch Frauen gemeint sind … nein, ist es eben nicht! Bzw. woher will man das wissen, dass es jedem als logisch erscheint? Dann könnte man das auch bei allen anderen Wörtern erwarten und das ist ja offensichtlich nicht gegeben. Entweder es ist überall logisch oder gar nicht, liebe Mensch*Innen!

Doch zurück zum Thema der Diskriminierung von Geschlechtern. Hinzu kommt noch, dass das Geschlecht ohnehin nur ein soziales Konstrukt ist. Diese Erkenntnis der Genderforschung sollte ebenfalls bekannt sein. Ist es nicht ziemlich rückschrittlich, Menschen in Texten trotzdem wieder auf ihr Geschlecht festzulegen? Warum muss man z.B. mit der Ansprache „liebe Bürger*Innen“ die Bürger wieder an ihre Rolle als Mann oder Frau erinnern, obwohl diese Bürger als selbstbestimmte moderne Menschen ihre in der Kindheit nur anerzogene männliche oder weibliche Rolle sicher längst überwunden haben? Sind gegenderte Texte also nicht auch reaktionär und überhaupt sexistisch?

Wie schreibt man nun aber Texte, ohne Geschlechter auszugrenzen? Dafür gibt es zwei Lösungen: Zum einen bietet sich die Anwendung der ganz normalen deutschen Rechtschreibung an. Sie ist nicht diskriminierend. Mit dem generischen Maskulinum werden alle Menschen einer Personengruppe angesprochen, unabhängig von Geschlecht, Alter, Haarfarbe oder weiteren unterteilenden Eigenschaften. Beispielsweise bezeichnet „die Bürger“ alle Menschen mit der Eigenschaft, Bürger eines Landes zu sein. Ihr Geschlecht ist dabei egal. Es spielt erst dann eine Rolle, wenn gezielt nur die Teilgruppe der weiblichen Bürgerinnen oder zum Beispiel der astralgender Bürger angesprochen wird.

Die andere Lösung ist die Methode von Lann Hornscheidt. In ihrer, nein … in ecs Schreibweise sähe diesecs Text für ecs Lesecs, Y gerade in ecs Abschnitt ecs Artikelecs sind, so aus, wie hier in diesecs Satz. Ecs Schreibweisecs ist für ecs ungeübtecs Y sicher zunächst ungewohnt, aber vielleicht setzt sich das … Entschuldigung, setzt sich ecs irgendwann durch. Lann Hornscheidt muss ecs wissen, denn sie ecs hatte bis Ende 2016 die Professur für Gender Studies und Sprachanalyse an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Ob die Stelle seitdem unbesetzt ist und dort nun Fachkräft*Ermangel herrscht, ist nicht bekannt.


FAZ, 28.02.2018: Wenn das Genus mit dem Sexus – von Peter Eisenber

FAZ, 02.05.2018: Eine kleine Sex-Grammatik – von Helmut Glück

Richard Dawkins Foundation für Vernunft & Wissenschaft: Feministen, rettet das generische Maskulinum! – von Harald Stücker

 

6 Kommentare:

  1. Aber die AFD gibt sich doch alle Mühe, siehe gendergerechte Begrüßung im Brandenburger Landtag

  2. Ja, stimmt. Einer der seltenen Fälle, wo jemand von der AfD Humor bewies 🙂

  3. Na, ganz so selten ist das nicht: Nicolaus Fest über den Brüsseler Wahnsinn.

  4. Wenn man der AfD zu viele Steilvorlagen hinwirft, sind ein paar ironische Reaktionen aber auch schwer zu vermeiden. (Bin gerade erst in der dritten Minute der Rede).

  5. Fortschritt in der Genderforschung muß hart erarbeitet werden aber
    Es gibt genug zu tun

    Da muß man nichts hinwerfen – die EU-Mißstände liegen klar auf der Hand. Hier hat sich Broder ihrer angenommen. U.a. unterhält man in Brüssel einen Auswärtigen Dienst mit 7.000 Beschäftigt*Innen, davon 4.000 in der Abteilung Präventive Krisenverhinderung. Allerdings hat man von diesen Hochbezahlt*Innen angesichts der Krisen der jüngsten Vergangenheit nichts gesehen und gehört.
    Aber jetzt mal zum Thema. Leider ist es so, daß bei der Entwicklung eines Fötus ab und an etwas schief läuft weil die Natur sich nicht entscheiden kann. Das Neugeborene hat dann männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale. Auf Wunsch mancher Eltern wird dann operiert. Daß das Ergebnis dem späteren Befinden der Betroffenen nicht immer entspricht ist naheliegend. Sicher war das mit ein Grund für das Entstehen der Genderforschung. Diese hat dann herausgefunden, daß es ca. 67 Geschlechter gibt. Es ist klar, daß ein neues Forschungsgebiet auf einem bisher unbeackerten Feld rasche Erfolge zeitigt. In den wenigen Jahren ihres Bestehens hat die Genderforschung auch festgestellt, daß das Geschlecht ein gesellschaftliches Produkt ist, vulgo von der Umgebung bestimmt. Weiterer Fortschritt, wie z.B. der Nachweis eines 68.Geschlechte, ist aber mühsam. Deshalb mußte die Forschungsfront verbreitert werden:

    In Deutschland gibt es demnach 146 Genderprofessuren an Universitäten und 50 Genderprofessuren an Fachhochschulen. Das entspricht nahezu der Anzahl der Pharmazieprofessuren (191) und ist fast doppelt so hoch wie die Anzahl der Professuren in Altphilologie (113).

    Es gibt m.E. viel zu tun. So sollte Hebammen*Innen, Ärzten*Innen und Standesbeamten*Innen Hilfsmittel zur Geschlechterbestimmung an die Hand geben. Ach nein, das wäre sinnlos, weil das Geschlecht von der Umgebung bestimmt wird. Es wäre also zu erforschen, ob das bei bestimmten Umgebungen schon bei der Geburt klappt, bzw. welche Zeiträume bei welcher Umgebung notwendig sind. Auch wäre zu klären, welche Umgebungen welches Geschlecht generiert. Das wirft sofort die nächste Frage auf, ob es wünschenswerte Umgebungen gibt und damit begehrte Geschlechter. Schwierig, weil alle Geschlechter gleichberechtigt sind. Auf alle Fälle sind Vorschriften für die Ausweis- und Passausgabe-Behörden zu erarbeiten, wie das Geschlecht in den Papieren zu stehen hat. Es gibt also viel zu tun. Um so unverständlicher wenn so was festgestellt wird.

    Frank : Die andere Lösung ist die Methode von Lann Hornscheidt. In ihrer, nein … in ecs Schreibweise sähe diesecs Text für ecs Lesecs, Y gerade in ecs Abschnitt ecs Artikelecs sind, so aus, wie hier in diesecs Satz. Ecs Schreibweisecs ist für ecs ungeübtecs Y sicher zunächst ungewohnt, aber vielleicht setzt sich das … Entschuldigung, setzt sich ecs irgendwann durch.

    Manche dieser Leut*Innen begnügen sich nicht mit dem eigenen „Forschungs“gebiet, weil der Unfug sich dort nicht ins Uferlose treiben läßt. Ergo verläßt man es und wütet wie die Axt im Walde in der Deutschen Sprache. Was sagen eigentlich Philologen, die Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. in Wiesbaden und der Duden-Verlag dazu?!

  6. Nachtrag
    Irgendwo hatte gelesen und notiert : Deutschland hat 185 GenderProfessor*Innen und 3.700 Kunstprofessuren. Kontrastprogramm : Das Land, welches weitgehend von der Veredlung importierter Rohstoffe und dem folgenden Export lebt hat 205 Lehrstühle für Werkstoffe und Materialien.

Schreibe einen Kommentar

Name und E-Mail-Adresse erforderlich (E-Mail-Adr. wird nicht veröffentlicht).
Siehe auch Kommentar-Regeln, Spamschutz und Hinweise zu Textformatierung