Das ZDF, Jens Spahn und angebliche Mehrarbeit für Pflegekräfte: So entstehen Fakenews

Das ZDF lieferte heute ein schönes, oder besser gesagt schlechtes Beispiel, wie Fakenews durch Weglassen wichtiger Informationen entstehen. Auf Facebook teilte ZDF heute ein Bild von Jens Spahn mit einem eingefügten Satz, in dem er scheinbar fordert, Pflegekräfte sollten Mehrarbeit leisten. Zitiert wurde er mit: „Wenn von einer Million Pflegekräften 100.000 nur drei, vier Stunden mehr pro Woche arbeiten würden, wäre schon viel gewonnen.“

Unglaublich, was dieser Spahn da vor hat! Die ohnehin schon überarbeiteten und unterbezahlten Pflegekräfte auch noch zu Mehrarbeit zu treiben … Die Facebook-Kommentatoren beim ZDF liefen innerhalb weniger Minuten zur üblichen Hochform auf. Spahn hätte „mal wieder den Bogen überspannt“, das sei „ein Schlag ins Gesicht für Pflegekräfte“, da sähe „man mal wieder, dass Herr Spahn keine Ahnung von der Realität hat„, denn „die Pflegekräfte sind jetzt schon überlastet und leisten oft viele Überstunden“, waren noch die harmlosesten Sätze.

Inzwischen sind es mehr als 2000 Kommentare, die beim Durchscrollen alle in diese oder in härtere Richtungen gehen. Das Dumme ist nur, dass Jens Spahn noch ein paar weitere Sätze gesagt hat. Es wäre nicht so verkehrt gewesen, sie vor dem Kommentieren gelesen zu haben. Aber das hätte ja beim Hass-Kommentare-Schreiben nur gestört. Eine wichtige Zusatzinformation befindet sich bereits im ZDF-Text zu diesem Posting, aber wer liest heute schon mehr als Überschriften? Zusätzlich gibt es im Bild noch (etwas klein gehalten) die Angabe auf eine sogenannte „Quelle“, die „Augsburger Allgemeine“. Aber mit einer Suchmaschine das entsprechende Interview zu finden, ist natürlich nur IT-Experten möglich, normale Menschen, die an ihren Android-Smartphones auf Facebook kommentieren, haben noch nie etwas von „Okay Google“ oder ähnlichen ausgefuchsten Recherchekniffen gehört.

Insofern ist völlig verständlich, dass die heutige Bevölkerung nie über Schlagzeilen hinauskommt. Falls es doch jemand geschafft hätte, dann hätte er im Interview erfahren können, dass Spahn keineswegs gesagt hat, dass Pflegekräfte allgemein mehr arbeiten sollen, sondern dass man „ein Auge auf die Arbeitsbedingungen werfen müsse“, weil „viele Beschäftigte in Heimen und ambulanten Diensten ihre Stundenzahl reduziert“ haben. Ihm geht es also um die Untersuchung und um die Korrektur der Ursachen dafür, dass Pflegekräfte überhaupt verkürzt arbeiten gehen wollen. Und an diesem Ansatz kann ja erst einmal nichts falsch sein.

Übrigens stellt es auch die „Augsburger Allgemeine“ in ihrer Überschrift falsch dar: „Spahn will Pflegekräfte mit besseren Bedingungen zu Mehrarbeit motivieren“. Falsch. Er will sie nicht zu Mehrarbeit motivieren, sondern er will sie mit besseren Arbeitsbedingungen dazu motivieren, wieder normal, also nicht mehr so viel verkürzt zu arbeiten. Aber bei der „Augsburger Allgemeinen“ könnte man noch entgegenkommend sagen, das sei schließlich ein privatwirtschaftlich herausgegebenes Medium, was sich verkaufen muss, weshalb man also das bekannte Prinzip möglichst drastischer, auffälliger Schlagzeilen anwenden müsse. Aber warum macht man das auch beim ZDF? Dort sollte man doch wissen, dass die Mehrheit inzwischen leider zu blöd ist, mehr als die Überschrift wahrzunehmen. Warum packt man dann ausgerechnet den entstellendsten Satz in diese Überschrift? War es Schlampigkeit, oder läuft eine „Der muss auch weg“-Kampagne gegen Spahn? Beides sollte bei einem öffentlich-rechtlichen Sender, der doch angeblich eine der Säulen der Demokratie ist, undenkbar sein.

Über Demokratie könnte man sich hier ohnehin auch wieder Gedanken machen. Wie soll eine Demokratie funktionieren, wenn ihre Bürger völlig unfähig sind – und das zeigen leider fast alle dieser Kommentare -, sich noch nicht einmal über Hintergründe, sondern wenigstens über komplette Zitate zu informieren? 

Aber dieser Gedanke soll hier nicht weiter verfolgt werden, einfach damit der Text nicht völlig im Sarkasmus endet.


Andere Artikel zu diesem Thema:

MEEDIA, 21.9.2018: “Jens Spahn will, dass Pfleger mehr arbeiten”: Wie Medien ein Zitat aus dem Kontext reißen und einen Social-Media-Shitstorm anheizen

 

9 Kommentare:

  1. Die heute show hat bereits in ihrer bekannt niveauvollen und sachbezogenen Art reagiert. Irgendwas aus dem Zusammenhang reißen, Hauptsache, man hat einen Lacher.

    https://twitter.com/heuteshow/status/1042714354712551424

  2. Nazijargon? Aber hier wird es doch von den Guten angewendet, da ist das bestimmt in Ordnung.

  3. Die Methoden sind alles andere als neu. Ich habe seit der haarsträubenden Berichterstattung im Jugoslavienkrieg aufgehört, mir Heute und Tagesschau anzutun.
    Ich empfehle: man sehe sich geziehlt Sendungen über Themen an, von denen man selbst etwas versteht. Das Ergebnis ist durchgehend verheerend. Der Schluss vom Teil aus Ganze ist die Folge: unser TV kann nur meine Frau (und die Enkel) einschalten.
    Auch der Blick ins Internet hat seine Tücken. Dort wird auch viel Mist verbreitet – aber man hat immerhin die Möglichkeit, mehrere Seiten eines Vorfalles zu beleuchten.

  4. Aber das Spahn nicht, die, in der Anstalt aufgezeigte, private gewinnorientiere Maschinerie der sozial finanzierten Altersvorsorge aufhalten wird, bleibt hier schon noch Thema oder?
    Von mir aus, dann ist es eben Plump auch vom ZDF, aber den Falschen trifft es hier meiner Meinung nach nicht. Ich sehe nicht das ich im Alter in Deutschland entsprechend versorgt werde, obwohl ich noch Jahre lang ins System einzahle, wovon sich einzelne Bereichern. Und, und vor allem mit, dieser Art von Politikern, wie Spahn, wird sich daran auch nichts ändern.
    Er hätte die Masse auf seiner Seite, instantan und das würde mit Sicherheit auch ein ZDF berichten, wenn er sagen würde, er drösselt die private Veruntreuung von sozialen Geldern im Pflegesystem auf und sorgt dafür, dass die Menschen, die die Arbeit wirklich leisten dafür auch entsprechend entlohnt werden.
    Wäre ihm niemand böse, nein, man wäre sogar von soviel spontaner sozialer Aktivität innerhalb der deutschen Regierung nahezu schockiert.
    Also ja, er drückt sich schwammig aus, sagt nichts Halbes und nichts Ganzes und lässt die Presse was Ganzes draus machen, Pech gehabt, hätte man sich mal klarer zu den Bedürfnissen der Bevölkerung bekannt, als missverständlichen Mist erzählt, aber was erwarte ich da von einem Politikwissenschaftler, woher soll er das auch wissen.

    Hier gibts eigentlich echt nix zu verteidigen Frank.

  5. Nein, Thomas, das bleibt hier kein Thema, ganz einfach weil es hier nie Thema war. Das ist eine völlig andere Sache. Die letzte Folge der „Anstalt“ habe ich nicht gesehen, ich weiß jetzt also gar nicht, worum es Dir konkret geht. Die private Altersvorsorge war nie Spahns Erfindung und an den Details, die da falsch laufen, ist er auch nicht Schuld. Aber wie schon gesagt: Das ist ein komplett anderes Thema.

  6. Er hat es nicht erfunden, ja, aber er allein könnte es abschaffen und so lange wie er es nicht tut, braucht er von mir, so wie viele andere Politiker, keinen Applaus noch Mitleid für irgend etwas was medial mit ihm passiert erwarten.
    Aber ja Fake-News, eigentlich isses voll der nette volksnahe Typ der keinerlei kapitalistischen Antrieb besitzt und nur das Beste für uns alle will. Sorry der Zynismus, aber das glaubst du doch selbst nicht.
    Und nur weil jetzt das ZDF mal wieder Mist gebaut hat („Überaschung“) soll ich jetzt Spahn differenzierter betrachten!? Hab ich schon mal probiert, hat er mit 3 weiteren Zitaten untermauert, das es eigentlich ziemlich genau passt, was das ZDF da propagiert.
    Und es ist nichts „Neues“ das Leute durch Headliner getriggert werden. Das ist nicht die Erfindung von Facebook, sondern eher die von der Bild im Jahr 1952.

  7. Er hat es nicht erfunden, ja, aber er allein könnte es abschaffen

    Was denn? Die private Altersvorsorge?

    so lange wie er es nicht tut, braucht er von mir, so wie viele andere Politiker, keinen Applaus noch Mitleid für irgend etwas was medial mit ihm passiert erwarten.

    Da sicher praktisch jeder Politiker aus unserer Sicht einmal irgendetwas falsch oder nicht gemacht hat, hat also keiner von denen unser Mitleid verdient, wenn ihm medial etwas passiert? Oder beschränkt sich diese Einstellung nur auf Spahn?

    … voll der nette volksnahe Typ der keinerlei kapitalistischen Antrieb besitzt und nur das Beste für uns alle will

    Habe ich das irgendwo behauptet? Das spielt hier aber keine Rolle. Genausowenig wie seine Sockenauswahl, seine Hobbys oder sein Fahrverhalten in 30er-Zonen.

    … soll ich jetzt Spahn differenzierter betrachten!?

    Nein, das verlangt kein Mensch von Dir. Du deutest völlig falsche Dinge in meinen Artikel hinein. Du kannst Spahn gern doof oder sonstwas finden. Fakt ist aber, dass diesem Menschen eine falsche Aussage angehängt wurde. Das habe ich kritisiert, mehr nicht. Und nur, weil BILD sowas früher schon ausgelöst hat, ist die Sache damit nicht zu entschuldigen. Die heutigen Facebook-und Twitter-Nutzer haben wahrscheinlich zu selten BILD gelesen, um davon beeinflusst worden zu sein. Außerdem könnten wir mit dem Ansatz alles negative wegreden, weil BILD früher schon mal irgendwas Passendes verbrochen hat.

  8. Das ZDF? Heute?
    Schön wärs, wenn es das wäre.

    Früher nannte man das BILD-Niveau, die gebildeten Schichten hatten sich darüber mokiert. Heute ist das Mainstream. Leider.
    Meistens kommen die damit durch.
    Manchmal kümmern sich die Blogger (so wie hier)
    Und manchmal, man glaubt es kaum, blitzen in der Szene Selbstreinigungskräfte auf

    Markus Lanz entlarvt Günter Wallraff – Verfälschtes Seehofer Zitat.

    Schnappschuss aus Kavanaugh-Anhörung – Was denken diese Frauen?

Schreibe einen Kommentar

Name und E-Mail-Adresse erforderlich (E-Mail-Adr. wird nicht veröffentlicht).
Siehe auch Kommentar-Regeln, Spamschutz und Hinweise zu Textformatierung