Humorkritik

Ich möchte heute zwei Dinge aus dem Bereich der Humorproduktion anpreisen. Die erste ist den Fans sicher längst bekannt: Olaf Schuberts Buch „Wie ich die Welt retten würde wenn ich Zeit dafür hätte“. Darüber eine Rezension zu schreiben, spare ich mir aber, denn es gibt bereits mehrere, alle sind gut (bis auf die eine schlechte bei Amazon, aber selbst die zeigt noch drei Sterne). Ich bin inzwischen auf Seite 100 angelangt, was bedeutet, dass auch dieses Buch wieder viel zu schnell ausgelesen sein wird. Eigentlich dürfte das bei diesem Werk gar nicht passieren, denn in fast allen Sätzen steckt mindestens ein ausgetüftelter Wortwitz, so dass ich soeben gelesene Seiten oft noch ein zweites Mal kurz überfliege, ob ich auch nichts übersehen habe. Das Buch kostet läppische knappe 10 € und Olaf verspricht ausdrücklich, dass beim Lesen keine weiteren Kosten entstehen. Das hat er dem Verlag so abgerungen.

Wer mit dem Schubertschen Humor nichts anfangen kann, der sollte es vielleicht besser nicht kaufen, aber mein Tipp richtet sich auch eher an Leute, die Olaf schon kennen und der Meinung sind: „Ach, jetzt auch noch ein Buch? Ich kenne das doch garantiert alles schon …“ Denen sage ich: Nein! Oder besser: Mitnichten! Denn dasselbe dachte ich auch erst, aber es stimmt nicht, wie ich sozusagen im Eigenversuch herausfand. Eine wichtige Empfehlung noch: Man sollte das Buch nicht in öffentlichen Nahverkehrsmitteln lesen. Die ständigen Kicheranfälle könnten anderen Mitfahrenden auf die Nerven gehen.

Für diese soeben ausgesprochene Werbung könnte Olaf Schubert mich nun endlich auch einmal grüßen, wenn er mir wieder einmal auf dem Blauen Wunder per Fahrad entgegenkommt. Ich bin der Typ mit den “Smart Sam Performance”-Reifen, Olaf!

Die zweite Empfehlung, die ich geben möchte, betrifft einen Blog. Ich habe wordpress.com-Blogbeiträge abonniert, die „Dresden“ taggen. Und da erschien vor einiger Zeit ein Artikel, bei dem ich zuerst dachte, der Autor würde sich über bestimmte Themen lustig machen. Aber er meinte es anscheinend ernst. Das wiederum machte die Sache erst wirklich witzig. Der betreffende Text, bei dem ich so verblüfft war, ist dieser (1). Heute kam wieder ein Artikel (2) von ihm, der ebenfalls unfreiwillig saukomisch war. Oder zumindest äußerst bizarr. Jedenfalls ist es beeindruckend, dass jemand solche Texte beim Verfassen ernst gemeint haben kann.

Es ist nämlich etwas Schreckliches in Dresden vorgefallen: Bei einer Gedenkkundgebung wurde der FDJ (ja, da stutze ich auch, denn ich dachte: Gibt’s die tatsächlich noch?) also der FDJ wurde eine Fahne beschlagnahmt. Schlimm. Darüber schrieb der Blogger einen geharnischten Text, der in dem Aufruf mündete, dass es nun wirklich an der Zeit sei, den Kapitalismus in Grund und Boden … nein, ich kann das gar nicht so gut, wie der Verfasser. Rot Front! Heute kam noch ein aufrüttelnder Text, da das „Ermittlungsverfahren gegen den Träger der Fahne der Freien Deutschen Jugend durch (die) Staatsanwaltschaft Dresden eingestellt“ wurde. Mit was die armen Staatsanwälte sich so beschäftigen müssen! „Arm“ meine ich hier natürlich nicht im finanziellen Sinn. Wie man im Blog liest, war nach der Beschlagnahme ganz schön was los: „Der Protest verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der BRD und wurde auch im europäischen Ausland zur Kenntnis genommen“ – genau! Selbst in meiner Nachbarschaft gab es erhitzte Debatten!

Machen wir’s kurz: Wer Spaß haben will, sollte „Die Rostige Laterne“ lesen. Für die sehr langen Texte hat man ja das Scroll-Rad.

Links (diesmal sogar sehr links):

1 – Erster Text wegen der beschlagnahmten Fahne:
Erneuter Angriff der B”R”D auf die Bevölkerung der aDDR

2 – Zweiter Text wegen der beschlagnahmten Fahne:
Ermittlungsverfahren gegen FDJ-Fahnentrager eingestellt

Und zum Thema, ob das FDJ-Symbol nun verboten ist, oder nicht?

8 Kommentare:

  1. Findest Du solche staatsterroristischen Übergriffe gegen Antifaschisten und Demokraten wirklich witzig?

  2. Es gab also eine Gedenk-Kundgebung (was okay ist) und da war auch jemand mit FDJ-Fahne. Da ich selbst in der DDR FDJ-Mitglied war (und in den 80ern ausgetreten bin), weiß ich, was das für eine Organisation war und habe wenig Verständnis dafür, dass heute noch jemand mit FDJ-Fahnen herumläuft. Es kann sich dabei nur um einen jungen Menschen handeln, der die DDR und die real existierende FDJ nie erlebt hat und sich nun irgendwelche beschönigenden Dinge da hinein deutet.

    Aber gut – das hier ist ja ein freies Land und das beinhaltet auch, dass man sich wirren Ansichten hingeben darf. Man muss nur damit leben können, dass die Mitmenschen dann eventuell leicht verwundert reagieren.

    Jedenfalls hat also bei der Kundgebung ein Polizist die Fahne einkassiert. Mit anderen Worten: In China ist ein Sack Reis umgefallen. Na gut. Da könnte man sagen, das sei leicht übertrieben von dem Beamten, aber bestimmte Rechtsansichten gehen nun einmal davon aus, dass das FDJ-Symbol verboten ist. Über den Sinn dieses Verbotes kann man sich streiten, aber Aufgabe eines Beamten ist nun einmal nicht, sich über so etwas zu streiten, sondern für ihn verbindliche Vorgaben einzuhalten. Er hat sich also – je nach Sichtweise – korrekt oder etwas übereifrig verhalten. Dass diese Vorgehensweise witzig sei, habe ich nirgends behauptet.

    Dieses Fahne-Einkassieren nun aber als „staatsterroristischen Übergriff“ einzustufen, ist noch viel überzogener. Und daraufhin solche weltfremden kämpferischen Aufrufe zu texten – das ist dann schon witzig. Wenn auch nur unfreiwillig. Auch die tollen Geburtstagshuldigungen für Margot Honnecker und unseren großen nordkoreanischen Führer fand ich sehr gelungen. Die könnten 1:1 so in einer Satire-Zeitschrift erscheinen und alle Leser würden sie für eine solche halten.

    Übrigens: Da ich wie gesagt die FDJ live kennengelernt habe, verbitte ich es mir, einen FDJ-Fahnenträger als „Demokraten“ zu bezeichnen. Das eine schließt das andere aus. Es sei denn, der Fahnenträger hat nichts verstanden, was ich ohnehin vermute. Darf ich fragen, wie alt derjenige war?

  3. Wann bist Du denn genau ausgetreten; Ende1989?
    Wenn jemand meint, „verwundert“ reagieren zu müssen, so kann ich damit glaube ich ganz gut umgehen.
    Wenn aber Menschen willkürlich verfolgt werden, wegen politisch unliebsamer Betätigung in einer Organisation, die nicht nur nicht verboten ist, sondern deren Verfolgung sogar gegen völkerrechtliche Verplichtungen verstößt, so zeigt das, was da 1989 für eine „Demokratie“ ausgebrochen ist.
    Wenn Du das als „etwas übereifrig“ oder gar als „korrekt“ bezeichnest, so beweist das, wie gut Du im Westen angekommen bist.
    Woran erkenntst Du eigentlich, dass die FDJ nicht demokratisch ist?
    Was hat Dich damals bewogen, Dich antidemokratisch zu engagieren?
    Da ich bei dem Vorfall nicht dabei war, weiß ich nicht, wie alt das Opfer des staatsterroristischen Angriffs ist.
    Auch würde ich ohne Rücksprache keine Hinweise auf seine Identität geben. Vielleicht legt er aber auch keinen Wert auf Anonymität.
    Wenn Dich sein alter interessiert, mail doch einfach die FDJ oder das KAD an oder frag mal bei der Montagskundgebung in der Prager Straße nach ihm.
    Es ist eigentlich nicht ungewöhnlich, wenn in einer Jugendorganisation vorwiegend Jugendliche sind; doch sind dort auch noch viele, die die Errungenschaften des Sozialismus selbst erlebt haben.
    http://www.youtube.com/watch?v=O-vLeCOlHFY

  4. Also, einen Austritt 89 würde ich nicht erwähnen, meiner war irgendwann 85/86.

    „Wenn aber Menschen willkürlich verfolgt werden, wegen politisch unliebsamer Betätigung in einer Organisation (…)“
    Lassen wir doch mal die Kirche im Dorf. Es wurden keine Menschen verfolgt (usw.), sondern lediglich eine Fahne beschlagnahmt. Ein Stück Stoff.

    „Woran erkennst Du eigentlich, dass die FDJ nicht demokratisch ist?“
    Weil sie die Jugendorganisation einer Diktatur war, wie dieser Staat sogar ausdrücklich selbst betonte: Diktatur der Arbeiter und Bauern. Das mit den Arbeitern und Bauern stimmte nur auf dem Papier, das mit der Diktatur stimmte dagegen auch in der Realität. Und falls jetzt kommt: „Aber es nannte sich doch auch Deutsche Demokratische Republik …“, ich habe selbst erlebt, wie „demokratisch“ es da zuging. Und möglicherweise hat sich die Nachfolge-FDJ nach 89 dann auch irgendwas mit „Demokratie“ ins Impressum geschrieben, weil man das neuerdings so machen musste – das kann aber jeder. Behaupten kann man viel.

    „Was hat Dich damals bewogen, Dich antidemokratisch zu engagieren?“
    Wie bitte? Was habe ich? Mein FDJ-Austritt war antidemokratisches Engagement? Auf diese verwegene Interpretation ist damals nicht einmal der FDJ-Sekretär gekommen, mit dem ich eine geistlose Unterhaltung führen durfte.

    Es gibt eine Montagskundgebung in der Prager Straße? Kommen da mehr als drei Leute? Ich höre hier das erste Mal davon. Aber diese machtvollen Kundgebungen werden sicher von der Systempresse absichtlich verschwiegen.

    „Es ist eigentlich nicht ungewöhnlich, wenn in einer Jugendorganisation vorwiegend Jugendliche sind; doch sind dort auch noch viele, die die Errungenschaften des Sozialismus selbst erlebt haben.“Dann kann ich mir lebhaft vorstellen, wie das abläuft: Ein paar Rentner schwärmen von früher, wobei sie 90% der Vergangenheit ausblenden und die Kids glauben den ganzen Unsinn. So wie früher, als andere Rentner ihren Enkeln erzählten, wie schön es im Krieg war.

    Das Video ist übrigens eine weitere schöne Peinlichkeit. Ich bin bei 0:29 min bereits ausgestiegen. Wenn mich mal jemand fragen sollte, was „Fremdschämen“ ist, werde ich ihm dieses Video zeigen. Der Effekt wird sich schnell einstellen.

  5. Um irgendwo auszutreten, muss Du doch erst einmal eintreten, in eine Organisation die Deiner Meinung nach undemokratisch ist, oder bin ich da zu dogmatisch?

  6. Man kann auch bei den Zeugen Jehovas eintreten, ohne dass diese Organisation deshalb gleich demokratisch ist.

    In der DDR (Achtung: Ein Zeitzeuge erzählt von früher!) war es praktisch so, dass alle Schüler automatisch zuerst Mitglied der Jungpioniere (Rotes Halstuch), später der Thälmannpioniere (Blaues Halstuch) und dann der „Freien Deutschen Jugend“ (Blauhemd, aber wem erzähle ich das …) wurden. Da war nichts mit freiwilligem Eintreten oder gar Demokratie. Das war organisierter Zwang. Man hätte lediglich ausdrücklich auf einem Nicht-Eintreten-Wollen bestehen können, allerdings konnten das nur die Eltern für ihre Kinder erledigen. Und das haben meist nur die Eltern durchgestanden, die die Kirche hinter sich wußten, also ein Bruchteil. Alle anderen Eltern haben es sich gut überlegt, ob sie sich mit der Parteiführung anlegen. Denn darauf wäre es in diesem angeblich so freien und demokratischen Staat hinausgelaufen (in welchem aus heutiger verklärter Sicht Milch und Honig geflossen zu sein scheinen). Man kam zwar nicht gleich in den Knast, wenn man sein Kind nicht Pionier und FDJler werden ließ, aber es konnte schon unangenehme Folgen in der beruflichen Entwicklung nach sich ziehen. Und da hat man sich lieber gesagt: „Na, dann soll das Kind besser zu einigen Gelegenheiten für ein paar Stunden mit diesem albernen Halstuch oder diesem Blauhemd herumlaufen … zu Hause ziehst Du das aber schnell wieder aus! Nicht, dass die Nachbarn noch denken, wir gehören zu denen!“

    Denn für die meisten Menschen der DDR, die also mit den „Errungenschaften des Sozialismus“ täglich zurechtkommen mussten, war die SED (mit ihrem Jugendableger FDJ) der Hauptfeind.

  7. Micha(el) Winkler

    Mann, wohin ein Artikel über Olaf Schuberts Buch „Wie ich die Welt retten würde wenn ich Zeit dafür hätte“ führen kann 😉

    Ich habe das Buch – ungelesen, also ohne „Vor-Check“ – vor fast genau einem Jahr meinem Vater zum Geburtstag geschenkt. Ein Schubert-Buch war für mich so wie in einigen Jahren ein U2-, Cure-, DeMo- oder Nitin-Sawhney-Album – das kann man ohne Reinhören/-lesen kaufen 🙂

  8. Ja, mit Olaf ist man immer gut beraten. Er prägt ja unseren Alltag sowieso ungemein: Es geht schon los, wenn jemand einen Satz mit „So …“ beginnt – da muss ich innerlich jedesmal kichern, weil O.S. seine Auftritte auch oft so beginnt. Manchmal beginne ich einen Satz versehentlich selbst mit „So … „. Das ist blöd, weil es dann schwierig ist, den ursprünglich vorgesehenen ernst gemeinten Satz noch auszusprechen.

    Unter O.S.-Fans braucht man ansonsten auch nur „das muss ja auch gemacht werden“ sagen, bzw. „zechprellen“ oder „Plastebruch“ erwähnen.

    Nitin-Sawhney kannte ich noch nicht und höre mir deshalb soeben einen kleinen Querschnitt von ihm an.

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