Argumente gegen die Waldschlösschenbrücke im Wandel der Zeit

Die Gründe, aus denen man sich in Dresden gegen die Waldschlösschenbrücke (WSB) engagierte, haben seit Beginn des Streites eine erstaunliche Evolution durchgemacht. Wenn Brückengegner heute für den Erhalt der „Angelika-Buche“ kämpfen, stellt sich die Frage, warum man in den 90er Jahren gegen die Brücke war (als diese Buche noch gar keine Rolle spielte). Warum kann man nicht auch heute noch aus den alten Gründen gegen die Brücke protestieren? Was ist eigentlich aus diesen früheren Argumenten geworden? Taugen sie heute nichts mehr? Oder haben die alten Gründe sich irgendwie erledigt? Wenn das so wäre – warum sind  Brückengegner dann trotzdem auch heute noch gegen den Bau? Der Grund ist einfach: Menschen pflegen spontan eine Position zu besetzen und sich erst anschließend die passenden Argumente zu suchen. Diese einmal besetzte Position gibt man später ungern auf und passt die Argumentation unbewusst den tagesaktuellen Geschehnissen an. Und manchmal vergisst man darüber anscheinend die alten Gründe.

Eine kurze Chronologie der Gegen-Argumente aus meiner persönlichen Erfahrung:

Keine Brücke, denn die Idee stammt von den falschen Leuten

Der Vorschlag für die WSB kam von der CDU, also waren CDU-Gegner wie ich logischerweise erst einmal dagegen. Aus demselben Grund waren ungefähr dieselben Leute später gegen die Ansiedlung von Siemens* in Klotzsche. Sehr logisch ist diese Verhaltensweise zwar nicht, aber ich hatte den Eindruck, dass viele Brückengegner zu Beginn so „tickten“.

(* Später „Infineon“, später „Qimonda“)

Eine mögliche Erklärung für diese unüberlegte Verhaltensweise könnte sein: Die Demokratie war Anfang der 90er noch relativ neu für uns Dresdner. Anscheinend dachten damals viele: Wenn der politische Gegner eine Idee hat, muss ich grundsätzlich dagegen sein. Wenn die von mir gewählte Partei etwas sagt, ist das umgekehrt stets von mir zu unterstützen. Dass aber die gewählte Partei (in meinem Fall damals B90/Grüne) gelegentlich auch einmal Unsinn erzählen oder die Gegner-Partei gelegentlich auch einmal Recht haben könnten, lernten wir erst später. Besser gesagt: Manche von uns lernten das.

Keine Brücke, denn sie ist teuer und erzeugt zusätzlichen Verkehr

Der viel nachvollziehbarere Grund gegen die Brücke war aber: „Was das kostet!“ Dieser Anti-Brückengrund war auch für mich noch lange das Hauptargument gegen den Bau. Wir hatten in Dresden nach der „Wende“ sicher erst einmal dringendere Probleme, als für die Autofahrer neue Brücken zu bauen.

In diesem Zusammenhang gab es ein weiteres Gegen-Argument: Eine Brücke ist letztlich eine weitere Straße und jede weitere Straße erzeugt noch mehr Verkehr.

Damit war ich mir später nicht mehr sicher, ob das hier wirklich zutrifft. Denn es ist ein Unterschied, ob man a) eine neue Straße zwischen zwei Orten baut oder b) innerhalb eines bestehenden Verkehrsnetzes nur eine größere Masche schließt. Im Falle a) wird sich definitiv mehr Verkehr einstellen. Ein Beispiel ist die Autobahn A17 von Dresden nach Prag, bei der die Junge Union mit ihrem Slogan „Frühstück in Prag – kommst Du mit?“ das Problem unfreiwillig auf den Punkt brachte. Kein Mensch würde ohne die A17 auf die Idee kommen, mal schnell nach Prag zu fahren, aber wenn eine solche Verbindung erst vorhanden ist, werden sich solche zusätzlichen Fahrten einstellen. Im Falle der Waldschlösschenbrücke trifft aber eher b) zu. Sicher werden einige Johannstädter nun auch einmal ein Ziel im Waldschlösschen-Areal per Auto ansteuern, aber größtenteils werden nach dem Bau der WSB lediglich Teile des ohnehin täglich stattfindenden innerstädtischen Verkehrs diesen neuen Weg benutzen, was andere Straßen entlastet. Die Gesamtmenge innerstädtischen Verkehrs könnte sich insofern nicht großartig ändern.

Zu dem Thema Verkehrsentwicklung mit und ohne WSB existieren mehrere Pro- und Kontra-Studien, logischerweise mit unterschiedlichen Prognosen. Da die Ergebnisse solcher Abschätzungen aber immer von vielen Unwägbarkeiten abhängen, die eine seriöse Aussage über langfristige Entwicklungen schwierig bis unmöglich machen,  beschränke mich hier auf die o.g. Grundsatzbetrachtung.

Festzuhalten bleibt: Man war aus den bisher genannten Gründen damals grundsätzlich gegen eine Elbquerung. Das ist wichtig, weil Brückengegner später anfingen zu behaupten, das Gegenteil sei der Fall. Der Verkehrszug an sich sei durchaus gewollt, nur die Ausführung wäre falsch. Mein Gedächtnis ist aber noch gut genug um zu wissen, warum ich selbst ursprünglich gegen diese Brücke war.

Brücke ja, aber besser gleich zwei

Doch plötzlich hieß es: Nur der Standort ist falsch. Lieber zwei kleinere Brücken bauen, aber woanders. Also war man auf einmal gar nicht mehr prinzipiell gegen Brücken (die ja auch Geld kosten und laut offizieller Argumentation weiteren Verkehr verursachen würden)? Dabei war der Standort der WSB sogar optimal. Darauf wies mich jemand hin, der sich auch als Brückengegner und „Grüner“ outete und mir folgendes Experiment vorschlug: „Nimm dir einen Stadtplan von Dresden und stelle dir vor, du wärest der Stadtplaner. Und du hast die Aufgabe, noch eine Brücke zu bauen. Wo würdest du sie hinsetzen? Du wirst sehen, dass es nur einen sinnvollen Platz gibt und die Brücke genau an diese Stelle gehört“. Ich war etwas verblüfft, als dieses Experiment genau das vorausgesagte Ergebnis brachte. Ich musste mir selbst eingestehen, dass ich mich bisher nie wirklich mit Details befasst hatte.

Diese Zweibrücken-Idee entstand im politischen Lager der CDU-Gegner. Anscheinend hatten die PDS und möglicherweise sogar die Grünen bemerkt, dass auch ihre Wähler inzwischen alle Auto fuhren – oder besser gesagt: Dass sie damit im Stau standen. Also musste ein eigenes Verkehrskonzept her. Und da die CDU etwas mit einer Brücke plante, am besten eins, was auch Brücken enthielt. Nur irgendwie anders musste es sein, egal ob es einen Sinn ergab. In der Stadt sah man bald überall Stände der PDS, an denen für dieses Konzept geworben wurde. An einem sprach ich die Leute darauf an, dass zwei Brücken unmöglich billiger sein könnten als eine. Selbst wenn die zwei jeweils kleiner (also 2- statt 4-spurig) ausgeführt würden, müsste das teurer werden. Denn gewisse Arbeiten wie Planung, geologische Untersuchungen, Fundamentbau, Straßenanbindung, Verlegung von Versorgungsleitungen usw. müssten nun doppelt ausgeführt werden. Und wir waren doch kurz vorher noch wegen der Kosten gegen die Brücke an sich? „Ja“, erklärte man mir, „stimmt schon. Aber man muss der CDU doch irgendetwas entgegensetzen…“ Das war für mich der Punkt, an dem ich zwar immer noch gegen die Brücke war, aber mich mit den „offiziellen“ Brückengegnern nicht mehr identifizieren konnte.

Der angeblich falsche Standort spielte übrigens später bei der drohenden Aberkennung des Weltkulturerbetitels noch einmal eine Rolle, allerdings aus anderen Gründen. Doch dazu später.

Brücke am Waldschlösschen … naja. Aber das Aussehen ist falsch

Als die Zweibrücken-Idee begraben war, kam die Meinung auf: „Aber wie die aussehen würde! Dieses Stahlmonstrum…“. Hm – jetzt war der Standort wohl doch ok, nur das Design stimmte nicht? Das war für mich endgültig nicht mehr nachvollziehbar. Seitdem stand ich der Sache neutral gegenüber. Die Carolabrücke in der Stadt direkt vor der Brühlschen Terrasse sieht noch viel unpassender aus. Regt sich darüber jemand auf? Das Blaue Wunder erfüllt die Bedingung für „Stahlmonstrum“ übrigens viel eher. Wir Dresdner sind aufgewachsen mit der Kenntnis: Das Blaue Wunder ist etwas ganz Tolles. Jetzt reden wir uns ein, die WSB sähe schrecklich aus. Objektivität ist das nicht. Und warum überhaupt die Bezeichnung „Monstrum“? Weil sie die längste Brücke der Stadt werden würde. Allerdings betraf das hauptsächlich die Zufahrtswege, nicht die eigentliche Brückenkonstruktion.

Interessant war, dass die Bezeichnung „Stahlmonstrum“ bereits aufkam, noch bevor der konkrete Entwurf bekannt wurde. Damals konnte man an der Elbe eine wirklich sehr abstoßend wirkende riesige Zeichnung bewundern, die bei der Meinungsbildung gegen die Brücke gute Arbeit leistete. „So sieht das Ding aus?“, dachte ich. „Echt grauenhaft.“ Erst nachher stellte sich heraus, dass das ein reines Phantasieprodukt war. Der tatsächliche Siegerentwurf sah deutlich harmloser aus. Monströs war daran nichts, allerdings wirkte diese Brücke ziemlich durchschnittlich. Für Dresden hätte ich mir schon etwas Interessanteres gewünscht. Dass sie schön ist, wird man von mir nicht hören. Monströs ist sie allerdings auch nicht.

Doch die Bezeichnung „Stahlmonstrum“ war nun einmal in die Welt gesetzt. Und noch aus einem zweiten Grund unsachlich. Einige Gegner bemängelten, dass eine Sandsteinbrücke für Dresden angemessener gewesen wäre. Aber so  baut man heute nicht mehr. Brücken baut man momentan nun einmal aus Stahl und Beton. Sandstein hat man im alten Dresden auch nur genommen, weil Stahl und Beton noch nicht erfunden waren. Heute mit Sandstein zu bauen, wäre sicher auch viel teurer geworden (und wir hatten es ursprünglich ja so mit den Kosten). Aber „Stahl“ blieb nun auch die Verkörperung des Bösen.

Keine Brücke, denn der Canaletto-Blick und andere künstlerische Werte sind bedroht

Die Geschichte, der berühmte Canaletto-Blick würde durch die WSB zerstört, entstand durch den Artikel „Canaletto kaputt“ von Evelyn Finger in „Die Zeit“. Frau Finger führte in dieser Zeitung mit noch weiteren sehr unsachlichen Artikeln (z.B. „Dumm baut gut“) eine Art persönlichen heiligen Krieg gegen Dresden. Das ist dank der Meinungsfreiheit zwar gestattet, hat aber wenig mit guter journalistischer Arbeit zu tun und ihre Aussage wird dadurch auch nicht richtiger.

Denn der berühmte Canaletto-Blick ist ganz woanders. Man hat auch keine Chance, vom richtigen Canaletto-Blick aus nur ein Detail der WSB zu sehen. Doch Brückengegner hatten dieses Argument nun bereits verinnerlicht und behaupteten trotz dieses – schnell geklärten – Irrtums, Canaletto hätte auch von der Waldschlösschenanhöhe aus etwas gemalt. Nachdem sich bald herausgestellt hatte, dass auch das falsch war, kursierte als Ersatz-Argument, dass aber immerhin viele andere Künstler dort gemalt oder Inspirationen bezogen hätten. Es ist nur leider sehr schwierig, diese berühmten Bilder zu finden, welche angeblich dort entstanden sind und welche diesen Blick über die Elbe zeigen. Aber eins existiert tatsächlich: Von G. Täubert/H. Willard, „Blick auf Dresden vom Waldschlösschen“. Kannte bislang kein Mensch. Es wurde entdeckt, weil man für das „Aachener Gutachten“ (1) dringend ein solches Werk  brauchte, um die Theorie der bedrohten Blickbeziehungen im Elbtal zu stützen.

„Blick auf Dresden vom Waldschlösschen“ Quelle: „Aachener Gutachten“

Aber dieses Bild zeigt eine alte Ansicht, die es so ohnehin schon lange nicht mehr gibt. An der Stelle ergibt sich auch die Frage, ob man nie wieder etwas verändern darf, nur weil irgendwann ein Künstler an dieser Stelle etwas gemalt oder gedichtet hat? Und was sieht man eigentlich, wenn man sich vor Ort ganz unvoreingenommen an die Bautzner Straße stellt und über die Elbe schaut? Die „wunderschöne“ Johannstadt. Egal, womit man den Blick auf die Johannstadt verbaut – es wird ein optischer Gewinn sein. (Ja, das war sehr unsachlich, aber darauf kommt es in dieser durchweg unsachlichen Geschichte auch nicht mehr an). Stellt man sich sehr weit links hin (am besten in den Pavillon), kommt auch der Blick auf die Altstadt hinzu. Durch die WSB wird dieser allerdings auch nicht wirklich bedroht, weil man von hier aus über sie hinweg schauen wird. Der Brückenbogen dürfte von hier aus auch nicht sichtbar sein, da er hinter Bäumen liegt. Als tatsächlich bedrohte Ansicht wird von Brückengegnern deshalb auch lieber diese gezeigt.

Quelle: www.welterbe-erhalten.de

Das ist schon wieder nicht ganz ehrlich, denn diese Ansicht existierte lange Zeit gar nicht, sondern wurde ausgerechnet durch den Brückenbau erst wieder kurzzeitig frei. Auf den Waldschlösschenwiesen befanden sich hier Kleingartenanlagen, die extra für die Brücke geräumt wurden. Um ein Foto wie das obige zu erhalten, hätte man in einen der Gärten eingelassen werden müssen und dort Hecken und Lauben vor sich gehabt. Jeder Fotograf weiß, dass für ein gutes Foto der Standort sehr wichtig ist. Bei dem obigen Motiv zerstörten bereits wenige Meter Abweichung vom optimalen Standort (von dem fast alle diese Bilder entstanden)  die Wirkung und das Bild hätte uninteressant gewirkt. Ich habe das selbst ausprobiert. 10 Meter weiter oben an der Straße sieht es bereits deutlich uninteressanter aus.

Ein anderes Bild habe ich leider nicht gefunden. Dieses zeigt, wie die WSB heute längst aussehen würde, wenn die DDR noch einige Jahre länger existiert hätte. Im Vordergrund kann man aber noch die Gartenanlage unterhalb der Bautzner Str. sehen.

Die Brücke bedroht Fledermäuse und andere Tierarten

Da sich nicht nur die GRÜNEN, sondern auch Umweltschutzverbände am Kampf gegen die Brücke beteiligten, wurde auch bald der Naturschutz als Druckmittel gefunden. Eines Tages war die Fledermausart „Kleine Hufeisennase“ durch die Brücke bedroht. Schnell stellte sich heraus: Die gibt es dort nicht. Genau, wie alle anderen für solchen Pseudo-Naturschutz „entdeckten“ Tierarten. (Siehe dazu meinen entsprechenden Text). Durch diese beiden Anti-Brückengründe (Canaletto und Fledermaus) hatten es die Brückengegner geschafft, mich allmählich auf die Gegenseite zu treiben. Ich war und bin bis heute zwar noch kein Brückenbefürworter, sondern eher Brückengegner-Kritiker (was nicht dasselbe ist!), jedenfalls konnte ich solche Krampf-Argumentationen längst nicht mehr unterstützen. Den endgültigen Kick in diese Richtung versetzte mir später die Geschichte mit Herrn Blobel.

Der bedrohte Weltkulturerbetitel

Als die UNESCO für das Dresdner Elbtal den Titel „Weltkulturerbe“ vergeben hatte, waren Brückengegner prompt aus dem völlig neuen Grund gegen die Brücke: Um das Weltkulturerbe zu erhalten. Dieses Argument war aus mehreren Gründen endgültig nicht mehr logisch:

1. Das Weltkulturerbe war zu Beginn dieser Phase überhaupt nicht bedroht. Vor der Vergabe des Titels ließ sich die UNESCO – wie in solchen Fällen allgemein üblich – von der ICOMOS ein Gutachten erstellen. Den Gutachtern waren der Standort, das Aussehen der Brücke und die Streitgeschichte bekannt … der Hauptgutachter Prof. Dr. Jukka Jokilehto schrieb trotzdem ein insgesamt positives Gutachten. Der Titel wurde nachweislich mit Wissen um die Brücke vergeben. Die UNESCO sah kein Problem in dem Bauvorhaben.

2. Um mit dem frisch vergebenen Weltkulturerbetitel doch noch die Brücke verhindern zu können, brachten einige Brückengegner Prof. Blobel in die Spur, der mit dem Chef der UNESCO, Herrn Bandarin bekannt war. Es wurde ein Brief an Bandarin geschrieben, in welchem man behauptete, der geplante Brückenbau sei von der Stadt verheimlicht worden, daraufhin gab es ein Treffen bei Bandarin und daraufhin war der Titel bedroht. Wieso Bandarin nicht in seinen eigenen Unterlagen nachsah, um zu erkennen, dass da nichts verheimlicht worden war … was da besprochen wurde … wieso niemand in der UNESCO Einspruch erhob … das würde viele Dresdner sehr interessieren. Aber wir werden es wohl nicht so schnell erfahren.

Um diese völlig neue Position der UNESCO begründen zu können, entdeckten Brückengegner bald, dass das oben erwähnte ICOMOS-Gutachten „glücklicherweise“ einen Fehler enthielt: Jokilehto hatte die Position der der Brücke im Gutachten falsch angegeben: „The  construction  of  a  new  bridge  is  foreseen  5 km  down the  river  from  the  centre.“ (3, Seite 87), also vom Zentrum aus 5 km flussabwärts. Man kann sich hier herum streiten, ob mit centre eigentlich das Stadtzentrum, oder nicht vielmehr das Zentrum des unter Schutz zu stellenden Elbtalabschnittes gemeint war (Jokilehto hatte sich dazu nie geäußert), aber auch damit bliebe es falsch. Richtig wären etwa 3 km flussaufwärts vom Stadtzentrum aus oder 3 km flussabwärts vom Zentrum des gesamten Gebietes (letzteres liegt etwa beim Blauen Wunder, wenn man den Verlauf des Flusses als Bemessungsgrundlage verwendet).

Allerdings war diese falsche Standortangabe (an der Dresden übrigens keine Schuld hatte) ein ziemlich an den Haaren herbeigezogenes Argument: Er kann unmöglich bei der Titelvergabe eine Rolle gespielt haben. Man darf mit Recht bezweifeln, dass die abstimmenden UNESCO-Mitglieder das Dresdner Elbtal so gut kannten, dass sie sich auf der Tagung etwas Konkretes unter „5 oder 3 km stromauf- oder –abwärts vom Zentrum“ vorstellen konnten. Es ist auch im Umkehrschluss schwer vorstellbar, dass bei korrekter Positionsangabe auch nur 10% der Teilnehmer entsetzt gerufen hätten: „Wie bitte? Dorthin? Am Waldschlösschen? Aber das ist doch die sensibelste Stelle des Elbtales … abgelehnt!“

Selbst wenn die Teilnehmer das Elbtal so genau gekannt und mit einer Karte von Dresden dort gesessen hätten – dann müsste ihnen aufgefallen sein, dass 5 km flussabwärts vom Stadtzentrum das unter Schutz zu stellende Gebiet bereits endet. Es hätte also zu der Frage führen müssen, weshalb im Gutachten eine Brücke deutlich erwähnt wird, obwohl diese doch nur an der Grenze des Gebietes liegt? Außerdem hätte man bemerken müssen, dass genau dort bereits die Flügelwegbrücke existiert. Selbst wenn man den Ausgangspunkt der Messung verändert, sollte auffallen, dass auch im Umfeld dieser Stelle eine neue Brücke keinerlei verkehrstechnischen Sinn ergibt, zumal etwas weiter bereits die Autobahnbrücke liegt.

Nebenbei: Bei der Tagung des World Heritage Committee  (28 June – 7 July 2004) in Suzhou (China) wurden 33 Welterbestätten behandelt. Zu jeder gab es ein Gutachten. Da Gutachter auch nur Menschen sind und jeder Mensch Fehler macht, ist es nicht ausgeschlossen, dass auch noch in anderen Gutachten vergleichbare Fehler stecken. Penibel danach gesucht wurde offensichtlich nur im Falle Dresdens.

Fakt ist eins: Schuld an dem später verlorenen Weltkulturerbetitel sind ausschließlich die Brückengegner mit ihrem Erpressungsversuch, das Ergebnis eines rechtsgültigen Bürgerentscheides so noch aushebeln zu wollen.

Die bedrohten Blickbeziehungen

Irgendwann musste man auch gegen die Brücke sein, weil durch sie wertvolle historische Blickbeziehungen zerstört werden. Dazu wurde das bereits erwähnte „Aachener Gutachten“ erstellt, worin im Fazit erklärt wurde, dass diese Überlegung zutrifft. Wenn man sich dieses Gutachten einmal durchliest, kann man diese Zerstörung von Sichtbeziehungen durchaus hineindeuten. Genauso gut kann man aber hineindeuten, dass die Blickbeziehungen erstens teilweise recht frei festgelegt wurden, dass zweitens nur wenige davon wirklich die Brücke tangieren, dass drittens beispielsweise von der Albertbrücke keine dramatische Wirkung sichtbar sein dürfte und letztlich: Dass von den betreffenden Sichtachsen viele in einem Punkt (links unterhalb der WSB) enden, wo sich zwar früher einmal die Badeanstalt „Anton’s an der Elbe“ befand, welche aber heute gar nicht mehr existiert.

Sichtachsen im Elbtal, laut „Aachener Gutachten“

Ein Tunnel wäre die bessere Alternative

Diese Behauptung muss zuerst aufgekommen sein, als 2002 von der „Bürgerinitiative Verkehrsfluss“ eine Machbarkeitsstudie für einen Elbtunnel herausgegeben wurde. Hinter dieser Bürgerinitiative steckten hauptsächlich der Dresdner Zahnarzt Dr. Voigt und sein Freund, unser Nobelpreisträger Prof. Dr. Günter Blobel. Allerdings hatte sich bis dahin niemand wirklich für einen Tunnel an dieser Stelle interessiert. Paradoxerweise wurde 1996 sogar ausgerechnet von der FDP der Vorschlag eingereicht, statt einer Brücke besser einen Tunnel zu bauen, was aber u. a. auch von den Brückengegnern abgelehnt wurde. Und selbst 2005, als es um den Bürgerentscheid „Sind  Sie  für  den  Bau  der  Waldschlößchenbrücke? (…)“ ging, interessierte sich niemand wirklich für eine Tunnelalternative. Das kann man gut in der damals herausgegebenen Abstimmungsbroschüre (2) nachlesen, in der Brückenbefürworter und –Gegner ihre Meinung veröffentlichen konnten. Nirgends wird darin von Gegnern erwähnt, dass ein Tunnel besser wäre. Ein möglicher Elbtunnel wird sogar überhaupt nirgends erwähnt. Im Gegenteil wurden von Brückengegnern darin sogar einmal wieder die ursprünglichen Gründe angeführt (zu teuer, führt zu mehr Verkehr…).

„Der Tunnel ist besser“, wurde erst erklärt, als der Bau der WSB eindeutig nicht mehr aufzuhalten war. Ab dieser Zeit warfen die Brückengegner auch sämtliche alten Argumente endgültig über Bord. Dass der Tunnel alles weiter verteuern würde – egal: Man könne doch nicht nur immer auf’s Geld sehen, wurde auf solche Einwände allen Ernstes entgegnet. Dass man mit dieser unausgegorenen Tunnelidee in Wahrheit eine Komplettverhinderung wolle, räumten – zwar nicht alle, aber doch einige – Brückengegner nun mit dem verblüffenden Argument aus dem Weg: Alle seien sich einig, dass dieser Verkehrszug dringend gebraucht würde!

Dass der Bau eines Tunnels wahrscheinlich zu einer großflächigen Zerstörung der Elbwiesen geführt hätte, was den von Brückengegnern selbst immer wieder vorgebrachten Landschafts- und Naturschutzaspekten völlig entgegengestanden hätte, wurde auch zunächst nur ungern zugegeben und anschließend klein geredet. Das konnten Tunnelfreunde leicht tun – Phantasieprojekte kann man sich nun einmal nach Belieben umdefinieren. Da man einen Tunnel hier wahrscheinlich in offener Bauweise umgesetzt hätte, müsste man während der Zeit die komplette Elbe an der Baustelle vorbei umleiten. Über mehrere 100 Meter oder sogar fast einen Kilometer (genaue Planungen existieren ja nicht). Der Kanal hätte schiffahrtstauglich sein müssen, denn die Elbe ist ein internationaler Wasserweg, den man nicht mal einfach so über Monate hinweg sperren kann. Das Ganze hätte logischerweise über die schützenswerten Elbwiesen mit ihren angeblich so vielen Tierarten geführt. Mal abgesehen von den vielen notwendigen LKW-Fahrten, die für den Erdtransport beim Tunnel-und Kanalbau notwendig geworden wären (man darf in Hochwasserschutzgebieten diesen Erdaushub nicht einfach vor Ort liegen lassen). Auch da spielten jedenfalls Dinge wie Natur- und Klimaschutz plötzlich keine Rolle mehr im Lager der Brückengegner. Unfreiwillige Komik kam 2010 auf, als der Brückenbogen über die Elbe geschoben werden sollte. Dafür wurde zusätzliche Fläche neben der Brücke benötigt, auf denen sich Schlammbänke (LRT 3270) befanden. Brückengegner warnten drastisch vor den Folgen dieser Abbaggerung: „Wenn die Elbe ausgebaggert wird und der Bereich zu späterem Zeitpunkt wieder in den Fluss eingebracht werden soll, muss das Baggergut irgendwo zwischengelagert werden. (…) Es handelt sich dabei sicher auch um stinkigen Faulschlamm, der sich an den Uferbereichen der Elbe abgelagert hat. Wenn die Zwischenlagerung im Bereich der jetzt angegebenen Baufeldgrenzen erfolgt, müssen entweder die Bewohner der südlich der Elbe gelegenen Wohngebiete den Gestank ertragen oder es trifft die Anwohner von Dresden-Neustadt. Falls sich die Wiedereinbringung des Materials verzögert – womit vor dem Hintergrund der bisherigen Erfahrungen zu rechnen ist –, trocknet der wahrscheinlich in einer Miete gelagerte Boden zumindest oberflächlich ab. Bei entsprechendem Wind wird Staub aufgeweht und in die Dresdner Wohngebiete getragen. Das ist ebenso wenig zumutbar, wie (…) die Probleme der Geruchsbelästigung und der Staubentwicklung nicht einmal ansprechen, obwohl sie auf der Hand liegen.“ (4)

Dass der angeblich bessere Tunnel aber tatsächlich nur ein letztes Ablenkmanöver darstellte, wurde 2009 endgültig klar. Damals zeigte sich, dass die Tunnelfreunde bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal Kontakt mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt Dresden aufgenommen hatten. Das wäre aber normalerweise einer der ersten notwendigen Schritte bei ernsthaft geplanten Tunnelbauten unter Flüssen.

Zur Geschichte des angeblich besseren und problemlos baubaren Tunnels passt auch diese kleine Anekdote (*), in der Herr Thomas Löser eine wichtige Rolle spielt.

(* siehe Nachtrag, Link nicht mehr verfügbar) 

Die bedrohte „Angelika-Buche“

Der aktuelle Protest gegen die Fällung der Buche an der Angelika-Straße ist genaugenommen kein richtiger Anti-Brückengrund mehr, sondern nur noch eine der letzten Auswirkungen der schönen alten Gewohnheit, irgendwie dagegen zu sein. Diese 300jährige Rotbuche wurde in Zeitungsberichten dann sogar zum „ältesten Baum Dresdens“. Da Rotbuchen eigentlich nur maximal 300 Jahre alt werden, wäre dieser Protest schon einmal komplett unlogisch, denn der Baum wäre bei diesem Alter ohnehin demnächst gefällt worden. Bäume, die so nahe an Straßen stehen, werden nun einmal so behandelt. Nach der Fällung stellte sich allerdings heraus, dass der „älteste Baum Dresdens“ nur um die 200 Jahre alt war. Bis dahin wurde der Baum besetzt von den Umweltaktivisten „Robin Wood“, von denen man in Dresden früher noch nie etwas gehört hatte. Laut SZ größtenteils eingereiste Berufs-Protestierer. Bei den Mahnwachen wurde möglicherweise mehr Holz verbrannt, als woraus der Baum bestand. An einigen Tagen war von 12-16 Uhr „Schnupper-Klettern“ für interessierte Besucher. Das schonte den Baum sicher am intensivsten.

Quellen

(1) „Aachener Gutachten“: Gutachten zu den visuellen Auswirkungen des „Verkehrszuges Waldschlösschenbrücke“ auf das UNESCO-Weltkulturerbe „Elbtal Dresden“, Dritte überarbeitete Fassung, Lehrstuhl und Institut für Städtebau und Landesplanung RWTH Aachen


(4) welterbe-erhalten.de, 16.7.2010: Einwendungen zur Waldschlösschenbrücke

Links auf die einzelnen Textabschnitte

  1. Keine Brücke, denn die Idee  stammt von den falschen Leuten
  2. Keine Brücke, denn sie ist teuer und erzeugt zusätzlichen Verkehr
  3. Brücke ja, aber besser gleich zwei
  4. Brücke am Waldschlösschen … naja. Aber das Aussehen ist falsch
  5. Keine Brücke, denn der Canaletto-Blick und andere künstlerische Werte sind bedroht
  6. Die Brücke bedroht Fledermäuse und andere Tierarten
  7. Der bedrohte Weltkulturerbetitel
  8. Die bedrohten Blickbeziehungen
  9. Ein Tunnel wäre die bessere Alternative
  10. Die bedrohte „Angelika-Buche“

Nachtrag

 

Das alte Diskussionsforum der DNN ist inzwischen (2016) nicht mehr vorhanden. In diesem gab es einen sehr lange geführten thread „Keine UNESCO-Diktatur im Elbtal!“, worin am 21.02.2008 der Nutzer „Realist“ schrieb:

Hallo,

ich war gestern auf dieser Veranstaltung und war von den Fachvorträgen von Prof. Schnabel, Prof. Stritzke und den Vertretern der Ingenieurkammer echt begeistert. Es wurden konkrete wissenschaftliche Aussage getätigt, nicht so ein populistisches Gequatsche a la welterbe-erhalten.de. Besonders der Beitrag des Kollegen der Ing.-Kammer (leider Namen vergessen) war echt gut, er lieferte mal konkrete mathematische Grundlagen, warum ein Tunnel so nie machbar sein wird (sollte ein Vorbild für Ingenieurin Silvia sein). Allerdings tauchte natürlich auch wieder ein „schöngeistiger“ Mensch (welche so ihre Probleme mit Zahlen haben) von BUND auf und laberte störend dazwischen. Allerdings hatte Dr. Brauns als Moderator die Sache gut im Griff.

Die Krönung des Abends war jedoch das Auftauchen des gewissen Herrn Löser. Er kam erst zur Veranstaltung, als die Fachvorträge schon beendet waren und versuchte sofort eine propagandistische Rede zu halten (abgelesen!, vermutlich kam er gerade von der Veranstaltung der Tunnelnerds) anstatt Fragen loszuwerden. Das war mehr als peinlich.

Daraufhin wurde er vom einem Teilnehmer mit folgenden Zitat aus der Broschüre zum BE 2005 (Brückengegnerteil) konfrontiert: „Ist die Brücke gebaut, geht es mit dem Geldausgeben weiter. Jedes Jahr fallen Kosten für die Wartung und Unterhaltung der Brücke an. Mehr als eine Million EUR muss die Stadt hierfür berappen, fast so viel, wie für alle anderen Dresdner Brücken zusammen. Warum sind diese Kosten so hoch? Die Brücke auf der Neustädter Seite mündet in einen Tunnel, der ständig belüftet werden muss und besondere Brandschutzanforderungen hat.“
und gefragt: Und Sie wollen uns jetzt einen Volltunnel verkaufen? Tunnelexperte Lehrer Löser fand darauf nur die eine Anwort: „Ich habe keine Ahnung davon, ich mache das erst 1 Jahr“ und fiel in tiefes Schweigen.

Ich will das mal unkommentiert lassen…

6 Kommentare:

  1. Gut geschrieben! Die psychologische Beobachtung, dass Menschen zuerst eine Entscheidung treffen (z. B. eine politische Position zu beziehen) und nachträglich Argumente suchen, ist frappierend, aber meines Erachtens gut belegbar. Bei anderen ist es wohl leichter anzuerkennen als bei sich selbst.
    Es gibt das Phänomen, dass Menschen unter Hypnose ein (eher unsinniger) Auftrag gegeben wird, z. B. zu einer ganz bestimmten Uhrzeit an die Wohnzimmertür zu klopfen, aber nicht einzutreten. Das wird dann auch gemacht. Auf Nachfrage ist der Betreffende oft nicht um eine vernünftig klingende Erklärung verlegen … Ich glaube man nennt das Rationalisierung.

  2. Die psychologische Beobachtung, dass Menschen zuerst eine Entscheidung treffen (z. B. eine politische Position zu beziehen) und nachträglich Argumente suchen, ist

    … allerdings nicht von mir. Habe ich irgendwoher geklaut 🙂 . Allerdings fand ich die Behauptung sehr nachvollziehbar.

  3. Eine sehr schöne, nüchterne Betrachtung der Sachlage. Besonders gut herausgestellt ist, wer am Verlust des Welterbe-Titels Schuld hat. Dazu können sich diese Leute noch heute beglückwünschen! Demokratische Entscheidungen sind eben nicht immer so, wie es sich die selbsternannten Guten denken. Akzeptieren derartiger Entscheidungen gehört auf beiden Seiten dazu, welches mir persönlich im Fall Stuttgart aber besonders schwer fällt.
    Auf den Schäden an den Baumaschinen, die wahrscheinlich durch militante Brückengegner verursacht wurden, bleiben die beteiligten Baufirmen wahrscheinlich sitzen. Dabei handelt es sich nicht nur um millionenschwere Branchengrößen. Wo bleibt denn da die Moral der „Moralisten“?

  4. Zur Moral: Wer sich in politische Auseinandersetzungen begibt, kommt sehr schnell in widersprüchliches Gebiet bzw. kann kaum vermeiden, unerwünschte Nebeneffekte zu verursachen …

  5. … womit ich die Zerstörung von Baumaschinen nicht gutheißen will.

  6. Einer geht noch

    Beobachter:

    Michael:
    Als Beispiel für Letzteres nenne ich den Bürgerentscheid zur Waldschlösschenbrücke.

    Ist zwar nicht Strangthema, aber wenn es schon mal angesprochen wird …
    Diese Art Volksentscheide sind mir zutiefst zuwider, wenn die einen über die Verwendung des Geldes der anderen entscheiden, streng demokratisch. Hätte die Stadt die Brücke allein aus dem dresdner Haushalt finanziert, wäre ein Volksentscheid in Ordnung. War aber nicht so, die Brücke wurde zum größten Teil aus Fremdmitteln finanziert.

    Zur Erinnerung : Es ging um die PEGIDA und deren Befürwortung von Volksentscheiden.
    Die WSB wurde am 24.August 2013 eingeweiht und gehört inzwischen zum Alltag in Dresden. Man sollte meinen die Schlachten um die Brücke sind geschlagen und selbst der letzte Anwurf, verzweifelt bis dämlich, ist gelutscht wie der Lolly auf dem Heimweg vom Rummel. Aber einer geht immer noch !
    Welche Fremdmittel?! Die Brückenkosten von ca. 175 Mio € wurden mit deutschen Steuergeldern bezahlt. Einnahmen aus Steuern und Ausgaben daraus über verschiedene Ressorts funktionieren nun mal so.
    Nur als Beispiel : Die Einnahmen Dresdens aus der
    Gewerbesteuer
    betrug in 2010 ca.193Mio €; da wurde an der WSB noch gebaut.

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