SAEK – ein Nachruf

Seit Juli 2021 gibt es den SAEK nicht mehr. Einige werden bereits an dieser Stelle abwinken, denn seit dem Beginn der Corona-Pandemie haben im Einzelhandel, in der Gastronomie und in anderen Bereichen viele andere Schließungen und Jobverluste stattgefunden. Warum sollte man da einer Einrichtung nachtrauern, von der man höchstwahrscheinlich noch nie etwas gehört hat? Zumal, wenn man erfährt, dass diese Einrichtung auch noch aus dem gern kritisierten Rundfunkbeitrag finanziert wurde?

Ich finde, dass der SAEK durchaus erwähnenswert ist. Nicht nur, weil ich ihn in Dresden mit aufgebaut und mehr als 20 Jahre darin gearbeitet habe. Im SAEK konnten viele Video- und Radio-Interessierte ihre ersten Produktionen umsetzen. Schulklassen lernten hier, wie Medienproduktion funktioniert. Allen Beteiligten dürfte das auch beim Thema Medienkompetenz weitergeholfen haben. Ende 2020 wurde unerwartet sein Ende verkündet.

Inhalt


Aber ich muss sicher erst einmal erklären, was „SAEK“ überhaupt bedeutet. Ich habe den SAEK oft mit seiner Vorgeschichte erklärt: Mitte der 90er Jahre wollten wir in Dresden einen Offenen Kanal haben. Offene Kanäle gab es zu der Zeit in mehreren Städten. Vereinfacht beschrieben, kann man sie als normaler Bürger aufsuchen, um dort mit kostenlos zur Verfügung gestellter Technik eigene Radio- oder Fernsehproduktionen herzustellen, die man von da aus auch senden kann. Voraussetzung ist, dass es keine kommerziellen Produktionen sind und dass man nur Inhalte sendet, die nicht rassistisch, pornografisch oder irgendwie illegal sind.

Falls es jemand größenwahnsinnig findet, dass jemand die damals noch sehr teure Fernsehproduktions- und Sendetechnik kostenlos nutzen wollte: Die Idee dahinter war durchaus sinnvoll. Wenn man mit seinem Rundfunkbeitrag öffentlich-rechtliche Sender finanziert, sollte dem Bürger ein kleiner Teil davon wieder zur Verfügung gestellt werden, um auch eigene Produktionen senden zu können. Wer damals eigene Meinungen verbreiten wollte, hatte kaum andere Möglichkeiten. Für das Recht auf freie Meinungsäußerung und damit auch für die Demokratie war das eine vernünftige Sache. Der dafür verwendete Teil des Rundfunkbeitrags lag immer in der Größenordnung einstelliger Pfennig- und Cent-Beträge.

Eine Art Offener Kanal für Dresden

So etwas wollten wir auch für Dresden. Wir – das waren Vertreter mehrerer Vereine, die etwas mit Medien zu tun hatten. Für die Zulassung und Finanzierung von Offenen Kanälen sind die jeweiligen Landesmedienanstalten zuständig, also beantragten wir das bei der Sächsischen Landesmedienanstalt (SLM, eigentlich „Sächsische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien“). Der Antrag wurde abgelehnt. Georg K. vom damals noch existierenden Brennhaus e.V. schrieb unverdrossen immer neue Anträge. Die stets postwendend abgelehnt wurden. Als Grund vermuteten wir, dass in der SLM alles von der CDU dominiert sei, die logischerweise kein Interesse an Bürgerbeteiligung hatte. Im Nachhinein vielleicht etwas naiv, aber wir hatten damals noch klare Feind- und einfachere Weltbilder. Woran es wirklich lag, erfuhren wir nie. Vielleicht stimmte es aber auch.

Doch 1997 geschah etwas Unerwartetes: Die SLM beschloss, einen sogenannten „Sächsischen Ausbildungs- und Erprobungskanal“, kurz SAEK zu gründen. (Aussprache übrigens: „es-ah-eh-kah“ und nicht „säk“, „siek“ oder „sahek“, was wir uns immer wieder anhören durften).

Der Landesrechnungshof hatte die SLM vorher wiederholt dafür kritisiert, ihr Geld nicht richtig ausgegeben und zu hohe Rücklagen gebildet zu haben – möglicherweise gab das den Ausschlag. Wir erhielten also keinen Offenen Kanal, es war aber etwas aus dem Bereich „Bürgermedien“ und orientierte sich am Vorbild der Aus- und Fortbildungskanäle in Bayern. Ich war pragmatisch veranlagt und fand, die wichtigsten Eigenschaften eines Offenen Kanals seien vorhanden: Offen für alle, ausgestattet mit kostenlos nutzbarer Technik und mit einer Möglichkeit, die Produktionen auch zu senden. Der Unterschied war aus meiner Sicht sogar ein Vorteil: Im SAEK durfte man mit der Technik erst loslegen, wenn man in einem Einführungskurs die notwendigen Grundkenntnisse erlangt hatte.

Es gab allerdings noch einen Unterschied, der mir damals gar nicht auffiel und auf den mich erst nach meinem Ausscheiden jemand hin wies: Es gab kein garantiertes Anrecht, Produktionen senden zu können. Ich gehe im Anhang darauf ein. In Kurzform: Unsere Priorität lag durchaus darauf, dass Produktionen sendefähig gerieten und auch ausgestrahlt wurden.

Der SAEK sollte in mehreren sächsischen Städten gegründet werden, unter anderem auch in Dresden. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen, waren in jedem geplanten Studio zwei Angestellte vorgesehen: Ein Leiter und ein Techniker. Das Wort „Medienpädagoge“ war noch nicht erfunden. Da ich mich mit Videotechnik gut auskannte, eine passende Ausbildung vorweisen konnte und auch schon Filmprojekte mit Anfängern geleitet hatte, bewarb ich mich als Techniker.

Und wurde sogar genommen.

Der Start

Die ersten Studios entstanden im September 1997 in den Städten Görlitz, Chemnitz, Zwickau und Leipzig. In Dresden wurden 1998 zwei Standorte des SAEK eingerichtet. Einer davon im (vom Welthandel bisher unentdeckten) Dresdner World Trade Center. Dieses Studio sollte nur der Schulung von Profis dienen. Die fanden aber kaum statt. Wenn ich einmal dort war, liefen die Videoschnittplätze stets mit Rendering-Aufgaben für einen im gleichen Haus ansässigen Lokalsender. Kritiker warfen der SLM vor, sie wolle so inoffiziell diesen Sender unterstützen und das sei eine falsche Verwendung der Mittel. Dieses Studio wurde irgendwann im Jahr 2000 oder Anfang 2001 wieder geschlossen.

Der zweite Dresdner Standort wurde meine Arbeitsstelle: Im Stadtteil Striesen auf der Schandauer Straße befindet sich das ehemalige Kulturhaus der Kamerawerke Pentacon. Inzwischen heißt es Medienkulturhaus. Dort richteten wir im Keller das Fernsehstudio ein.

Das Dresdner Fernsehstudio entsteht

Bei uns sollte nur Fernsehen produziert werden. Für Radiosendungen gab es bereits ein Studio der SLM auf der Carolinenstraße am Albertplatz. Die SLM war damals noch dort ansässig, plante allerdings ihren Umzug nach Leipzig, weshalb das Radiostudio umziehen sollte. Im „Pentacon“ befand sich in der Etage über uns das Studio von Coloradio. Als Coloradio dann in die Neustadt umzog, passte es perfekt, dass das SLM-Studio mit zu uns nach Striesen in die ehemaligen Coloradio-Räume verlegt werden konnte. Ende März 2001 wurde es eröffnet und galt nun als Teil des SAEK.

Nebenbei: Das unsinnig zerstrittene Verhältnis zwischen der SLM und Coloradio ist eine Geschichte für sich (obwohl im Studio der SLM komplette Coloradio-Sendungen produziert wurden). Da wir eine Einrichtung der SLM waren, standen wir bei Coloradio umgehend gleich mit auf der Feindesliste. Das war nicht besonders logisch. Doch das soll hier nicht das Thema sein.

1999 wurde im St. Benno-Gymnasium noch ein viertes Studio eröffnet, welches ausschließlich für Schulprojekte gedacht war. 2002 gab es 10 Studios in den Städten Chemnitz, Bautzen, Dresden, Görlitz, Hoyerswerda, Leipzig, Plauen und Zwickau. In Dresden wurden 2002 nur noch zwei angegeben – das im St. Benno-Gymnasium und unseres in Striesen. Radio und Fernsehen liefen hier organisatorisch zwar noch getrennt, nach außen hin galten wir aber gemeinsam als „SAEK Dresden Pentacon“.

2002 wurde auch die „SAEK Förderwerk für Rundfunk und neue Medien gGmbH“ gegründet, die vereinfacht gesagt als organisatorisches Bindeglied zwischen dem SAEK und der SLM diente. Ihre Zusammensetzung wurde später als Begründung für das Ende des SAEK verwendet.

Technische Erstausstattung

Die SLM gab damals noch erstaunlich viel Geld aus. Im Fernsehen erhielten wir mit der Erstausstattung echte Profikameras, außerdem eine Studioeinrichtung mit Lichtanlage und Regie. Im Hörfunkstudio wurden zwei Studios mit guter Schalldämmung und getrennten Räumen eingebaut. Es gab vernünftige Abhörboxen und hochwertige Mikrofone. Für professionelle Studios wäre unsere Ausrüstung zwar nur das unterste Level gewesen, aber für unsere Zwecke war es genau richtig. Es war keine Geldverschwendung, sondern hielt sich im sinnvollen Rahmen.

Das änderte sich in den weiteren Jahren. Zum Schluss arbeiteten wir teilweise mit billigsten Geräten, die gerade so bestimmte Anforderungen erfüllten. Einen richtigen Studioraum bekamen später neu eingerichtete Standorte gar nicht mehr.

Nach dem Start wurde die Nutzung des SAEK gut angenommen. Im Pentacon hatten wir nach kurzer Zeit zwei Redaktionen im Fernsehen und mehr als 10 im Hörfunk. Was damals so passierte, kann man noch in meinem Archiv im „SAEK-Tagebuch“ nachlesen. Ich unterhielt damals auf unserer Website eine Art Blog, auch wenn es das Wort damals noch nicht gab. Da der Inhalt selten ernst gemeint war, könnte man das in dieser Form heute nicht mehr machen. Der Inhalt würde heute an der Corporate Identity oder anderen wichtigen Dingen scheitern.

Im „Pentacon“ hatten wir das Glück, dass wir durch ein paar Zufälligkeiten einen weiteren Mitarbeiter erhielten: Jørgen aus Dänemark. Die Tastenkombination für das ø kann ich heute noch auswendig. Seine Stelle wurde aber nicht durch die SLM finanziert, sondern durch die Stadt.

Die erste Ausschreibung des SAEK

2004 ereignete sich etwas Seltsames. Wir erhielten unerwartet die Unterlagen für unsere Ausschreibung. Anscheinend wollte die SLM nachträglich die Kritik aus der Welt schaffen, sie hätte die Studios nicht ausgeschrieben. Denn genauso war es abgelaufen. Ob es eine Pflicht zur Ausschreibung gegeben hätte, war uns nicht bekannt, es hatte aber tatsächlich keine stattgefunden. Für unseren Standort in Dresden war eine Kooperation zwischen der Stadt und der SLM vereinbart worden, so dass der Betreiber der gemeinnützige Verein Medienkulturzentrum Dresden e.V. wurde. Dass es an einen Verein geht, fanden die meisten sinnvoll – Kritik daran hatte ich kaum wahrgenommen. Kritisiert wurde viel mehr, dass alle anderen Standorte (abgesehen von Hoyerswerda) an eine Firma gingen: W+M2000.

Nun gab es jedenfalls eine Ausschreibung. Etwas spät. Ich weiß nicht, ob außerhalb der SLM und des SAEK überhaupt jemand etwas davon bemerkte. Wir nahmen das relativ locker, denn irgendwoher hatten wir gehört, das sei „nur so intern“. Ob es wirklich stimmte, weiß ich nicht. Anscheinend hat sich tatsächlich niemand anderes mit beworben, doch auch das erfuhren wir nur durch Gerüchte.

Erste Entlassungen

Für uns Dresdner sollte es sogar Verbesserungen ergeben: Im Zuge dieser Ausschreibung würden die mittlerweile im gleichen Haus befindlichen Studios (Fernsehen und Hörfunk) zu einer organisatorischen Einheit verschmelzen. Das fanden wir Angestellten gut. Abgesehen von den beiden Studioleitern waren wir damals drei Techniker – zwei im Hörfunk und ich im Fernsehen. Was wir erst später erfuhren und nicht mehr gut fanden: Jedes Studio sollte nur noch einen Leiter und einen Techniker haben. Und da wir ab sofort nur noch als ein Studio galten, würden also zwei Techniker gehen müssen.

Wie sollte das funktionieren, als Einzelner das zu schaffen, was vorher drei taten? Ich war kurz davor, mir eine andere Arbeitsstelle zu suchen, wurde dann aber derjenige, der blieb. Es ließ sich nur mit straffer Organisation und Verminderung der Fehlerquellen in der Technik erreichen. Was nicht mehr ging: Nutzer längere Zeit bei ihren Projekten unterstützen. Vorher konnte ich es mir noch leisten, der Jugendredaktion im Fernsehen ausführlich bei einer Animation zu helfen oder Redakteure bei einem Außendreh oder sonstigen Sachen zu unterstützen. Das ging nun nicht mehr. Ich fand das schade. Vorher war die Arbeit im SAEK interessant, kreativ und erfüllend, nun bekam sie ihre ersten Risse.

Der eigentliche Hammer kam später. Die SLM, so erfuhren wir, wollte uns ab sofort aller vier Jahre immer wieder neu ausschreiben. Warum? Das ergab keinen Sinn. Finanzielle Gründe konnten es nicht sein, denn die SLM hat – anders als viele andere Einrichtungen – eine nahezu stabile Finanzierung. Der Rundfunkbeitrag wird mit gelegentlichen Anpassungen fortlaufend gezahlt, der Anteil der SLM daran ist mit ca. 2 % (exakt: 1,8989 %) konstant. In allen Anpassungen (Novellen) des Rundfunkstaatsvertrags waren unter „Finanzierung besonderer Aufgaben“ stets auch Ausgaben für „Projekte zur Förderung der Medienkompetenz“ vorgesehen, also Einrichtungen wie der SAEK.

Das Absurde an den kommenden Ausschreibungen war: Die SLM erzeugte jedes Mal die Gefahr, dass wir Angestellten entlassen würden. In den Ausschreibungstexten (die ab sofort öffentlich waren) stand stets, dass ein Bewerber eigenes Personal vorweisen müsse. Man könnte hier einwenden, dieser Bewerber hätte ja die bisherigen Angestellten übernehmen können. Dazu hätte er aber persönliche Daten dieser Angestellten mit einreichen, und deshalb bei ihnen danach anfragen müssen. So würde der neue Mitbewerber aber auch dem bisherigen Betreiber zeigen, wer sich noch alles bewirbt. Und schon deshalb würde das in der Praxis keiner machen (das hat auch nie einer getan).

Akzeptabel wäre es noch gewesen, wenn der Bewerber im Ausschreibungstext dazu verpflichtet wäre, bisherige SAEK-Mitarbeiter zu übernehmen. Aber solche Bemerkungen tauchten bis zum Schluss nie darin auf, obwohl wir mehrfach darum gebeten hatten.

Nachvollziehbar wäre, wenn ein einzelner Standort ausgeschrieben wird, in dem nicht gut gearbeitet wurde. Aber warum immer gleich alle? Als Mitarbeiter im SAEK mussten wir uns auf mehreren Fachgebieten gut auskennen: Journalismus, dessen rechtliche Aspekte, man musste pädagogische Fähigkeiten mitbringen, sich mit der Technik im Radio- und Fernsehbereich auskennen, dazu kam auch immer mehr IT-Technik, man musste die Audio- und Videoschnittsoftware und auch weitere Software beherrschen. Und solche Fachleute entlässt man aller 4 Jahre, um sie möglicherweise durch andere zu ersetzen?

Kann man machen, aber Sinn ergibt das nicht.

Damit schränkt man auch die Qualität ein. Wenn ein anderer Bewerber gewinnt, müssen sich dessen Mitarbeiter zunächst einarbeiten. Bestehende Netzwerke müssen neu aufgebaut werden. Warum?

Wie sich in der nächsten Ausschreibung auch zeigte, sollte ab sofort gespart werden. Gegen Ökonomie spricht grundsätzlich nichts. Die reale Folge war aber, dass jeder Bewerber eventuelle Konkurrenten unterbieten musste. Das ging hauptsächlich über die wichtigsten Kostenanteile – die Gehälter und die Technikkosten. Der Landesrechnungshof hatte die SLM früher schon für nicht ausgegebenes Geld kritisiert. Warum sollte die SLM also vorhandenes und auszugebendes Geld nicht vollständig ausgeben? Warum gab sie nicht einen festen Geldbetrag vor, um in der Ausschreibung dessen sinnvollste Verwendung zu favorisieren? Solche Vorschläge blieben unbeachtet. Bei der Auswahl der Technik führte das bald dazu, dass man bei jedem geforderten Gerät immer nur noch das billigste kaufte, was den Forderungen gerade so entsprach. Man musste schließlich potentielle Mitbewerber unterbieten. Gut arbeiten konnte man damit immer weniger. Dazu kam noch, dass die geforderte Ausstattung teilweise unsinnige Details enthielt. Vor der Ausschreibung 2008 wurden wir Mitarbeiter noch gefragt, welche Technik künftig sinnvoll sei. Damals gaben wir sinnvolle und auch ökonomische Empfehlungen. Das passierte später nicht mehr.

Geldverschwendung

Als positiv daran könnte man sehen, dass die SAEK-Studios so aller vier Jahre aktuelle neue Technik erhielten. Unsinnigerweise schloss jede Ausschreibung aber aus, dass man bereits vorhandene, noch funktionsfähige Geräte mit verwenden konnte. Das war nur bei der ersten Ausschreibung möglich – später sollte immer alles komplett neu gekauft werden. Ein Beispiel: Gefordert wurde bei der Ausschreibung 2008 ein Server. Wir besaßen einen echten Server, der noch nicht alt war und absehbar mehrere weitere Jahre verwendbar sein würde. Ein Server kostet mehrere tausend Euro. Ich fragte an, ob er als Ausstattung akzeptiert würde. Nein, es musste ein neuer her. Glücklicherweise waren in der Forderung bei vielen Geräten keine exakten Eigenschaften angegeben. Im Text stand nur völlig unkonkret „Sämtliche Computer mit Server“.  Was macht man da? Man kauft einen billigen PC, installiert LINUX darauf und behauptet später bei der Abnahme, das sei der Server. In anderen Studios kaufte man nur ein NAS.

Wir beschrieben den Mitarbeitern der SLM, dass sie sich selbst und uns damit schaden, weil so Geld für überflüssige Dinge ausgegeben wird, die keiner braucht. Viele Geräte halten länger als vier Jahre. Vor allem, wenn sie stationär im Studio stehen. Monitorboxen, Stative, Greenscreen-Stoff, Beleuchtung, Lichtmischer, Sprechermikrofone, Tonmischpulte sind solche Beispiele. Aber egal: Aller vier Jahre mussten auch Dinge neu gekauft werden, die noch voll funktionsfähig vorhanden waren. Schade um das Geld der SLM. Wir hätten dafür lieber etwas bessere Videotechnik genommen.

Das ging so weit, dass wir sogar neue Tische, Stühle, Regale und Schränke kaufen sollten, obwohl die alten, abgesehen von einigen Stühlen, noch völlig in Ordnung waren. Unsere Tische aus der Ersteinrichtung waren sogar extra für die Studios angefertigte Speziallösungen.

Tonstudio mit speziell angefertigtem Mobiliar

In der Praxis führte das dazu, dass man irgendwelche billigen Produkte kaufte. Man musste sie ja vorweisen. Bei uns standen noch jahrelang Abhörboxen eingepackt herum, weil es keinen Grund gab, die besseren im Studio abzubauen. Die neu gekauften Möbel nachher irgendwo sinnvoll platzieren, war auch nicht immer einfach. Leider wussten wir alle, dass diese Praxis irgendwann in der Zukunft zum Boomerang werden würde: Wenn alte teure Geräte eines Tages doch ausfallen – woraus würden wir dann den Ersatz finanzieren, nachdem wir der SLM jahrelang geringe Technikkosten angedeutet hatten?

Monitorboxen: Links die immer noch verwendbaren hochwertigen aus der Erstausstattung, rechts überflüssige billige, deren Kauf zwingend vorgeschrieben war.

Geldverschwendung, Teil 2 

Doch die Technikkosten waren nicht bei jedem Gerät mit dieser Methode minimierbar. Durch Videokameras und andere notwendige Ausstattungen kamen trotzdem hohe Summen zustande. Hier zeigte sich das nächste Problem: Wo sollte man als Betreiber das Geld hernehmen? Zu Beginn war es so, dass die SLM die Ausstattung finanzierte und dann quartalsweise jedem Standort einen Betrag überwies, aus dem neben Miete, Gehältern usw. auch Reparaturen bzw. Neuanschaffungen bezahlt wurden. Dieser Betrag sah aber nie vor, dass der Betreiber sich davon Rücklagen abzweigen konnte. Wozu auch?

Nun sollte aber bei jeder Ausschreibung die geforderte Technik vom Betreiber komplett selbst gekauft werden. Wovon? Für Vereine mit dem Status der Gemeinnützigkeit wäre es grundsätzlich nicht gegangen, aber auch für Firmen als Betreiber war das schwierig. Die vorher gezahlten Beträge der SLM sahen solche Ansparungen nicht vor und ließen es auch nicht zu.

Ansparmöglichkeiten für komplette Neuausstattungen wären auch falsch gewesen. Sie hätten sonst die Konsequenz gehabt, dass ein schlechter Betreiber sich daraus ein privates Studio finanzieren könnte. Wenn er bei der nächsten Ausschreibung nicht wieder genommen wird – wen interessierts: Man hat ja dank der SLM bisher genug Geld gespart, um sich ein komplettes Studio neu einrichten zu können. Mit dem und der alten Technik könnte man danach kommerziell arbeiten.

Zur Geldbeschaffung hätte man als Betreiber theoretisch die Technik in den vorherigen Jahren kommerziell vermieten können, doch auch das schloss die Vereinbarung völlig berechtigt aus, denn die Technik sollte den Nutzern zur Verfügung stehen und eben gerade nicht kommerziellen Projekten dienen.

Was war für alle Bewerber die Lösung? Leasing. Man kaufte die geforderte Technik, das Geld kam von einem Leasingpartner, an den man danach Leasinggebühren zahlte. Da der Gesamtbetrag letztlich von der SLM kam, gab diese durch das Leasing mehr Geld aus, als wenn man alles direkt gekauft hätte. Schade um das Geld.

Es ist aber nun einmal so festgelegt …

Wenn man SLM-Vertreter darauf ansprach und diese Probleme erläuterte, war die typische Antwort: „Nun ja … das ist möglicherweise tatsächlich nicht optimal … aber … nun ja … da lässt sich im Moment nichts daran ändern … es ist nun mal so festgelegt“.

Den Satz konnte ich bald nicht mehr hören. Wir erklärten dann immer, dass es doch eindeutig falsch festgelegt sei und dass man das ändern müsse. Das, so die übliche Reaktion, sei aber leider auch gar nicht so einfach … da führe momentan aus ganz vielen Gründen leider gar kein Weg ran. „Aber wer hat es denn so falsch festgelegt?“, bohrten wir weiter. „Irgendwer muss es doch gewesen sein. Kann man mit demjenigen nicht darüber reden?“ „Oh, … auch alles ganz kompliziert, das jetzt herauszufinden … ganz schwierig“. Aber sollte man das nicht wenigstens bei der nächsten Ausschreibung korrigieren? Sinngemäße Antwort: „Das sind wirklich wertvolle Anregungen … wir nehmen das einmal so mit“.

Was das übersetzt bedeutet, weiß man ja. Natürlich blieb alles so, wie es war. Ich kam mir bald vor, wie in einem Roman von Kafka. Eine übermächtige Behörde, die ihre Regeln hat, welche auf Außenstehende befremdlich wirken und an denen aber keiner etwas ändern kann. Dabei ist die SLM keine Organisation mit tausenden Angestellten. Sie ist eher sehr überschaubar. Wenn man dort gewollt hätte, hätte man auf jeden Fall etwas ändern können.

Jahre später, im September 2017, traf ich auf einer Veranstaltung den damaligen Präsidenten des Medienrates, Michael Sagurna. Ich dachte mir: Wenn schon niemand in seiner SLM weiß, wer die unerklärliche Festlegungen uns gegenüber festgelegt hat – er als ranghöchster Vertreter sollte es doch wissen. Wer, wenn nicht er?

Ich sprach ihn also an. Ich beschrieb die bisher erwähnten Probleme und noch ein weiteres. Ja, meinte er zu Schluss, das wären wirklich wertvolle Anregungen … er nähme das einmal so mit. Auswirkungen hatte es natürlich keine. Die nächste Ausschreibung kam wieder mit den bisherigen Bedingungen und weiteren Verschlechterungen.

Aber die Zahlen …

Das soeben erwähnte weitere Problem bestand in dem unsinnigen Streben der SLM nach immer höheren Nutzerzahlen und Nutzungsstunden. Es ist grundsätzlich richtig, die Auslastung einer Einrichtung zu überprüfen und zu optimieren. Nichts spricht dagegen, nach vorhandenen Auslastungsreserven zu suchen und diese für zusätzliche Nutzer zu erschließen. Das hatten wir auch seit Beginn selbst getan und waren deshalb bald gut ausgelastet.

Bei den jährlichen Evaluationen durch die SLM wurden die Zahlen ausgewertet. Wie viele Nutzer gibt es und wie viele Stunden waren die Nutzer hier? Das ist eine berechtigte Auswertung. Aber die SLM achtete nur auf Zahlen und kaum auf die Ergebnisse. Wenn jemand einen Film produziert, bei dem nur ein paar Leute vor der Kamera stehen, sind daran nur wenige beteiligt. Dann entsteht zwar ein möglicherweise guter Film, aber nur geringe Nutzerzahlen. Wenn nur 3 Kamerasets vorhanden sind (was für uns ausreichend war), können selten 30 Leute mit Videoproduktion beschäftigt werden. Am Schnittplatz (wir hatten zu Beginn 3) kann nur einer die Maus bedienen. Ein Zweiter kann vielleicht noch daneben sitzen und Anregungen geben. Aber mehr als 3 Personen an einem Videoschnittplatz ergeben keinen Sinn, sondern stören sich dann. Vor allem bei der Arbeit mit Schulklassen ist das so. Man kann nicht 24 Schüler an einer Kamera beschäftigen oder an einen Schnittplatz setzen. Kleinere Gruppen mit maximal 8 Personen sind sinnvoller. Je weniger, desto besser ist es für das Ergebnis und für eine effektive Arbeitsweise. Wichtig ist auch, dass je ein Betreuer dabei ist. Wenn man nur 2 Angestellte hat, ergibt sich daraus die nächste Begrenzung. Wenn ein Lehrer gut eingewiesen ist, weil er vielleicht selbst schon einen Kurs mitgemacht hat, kann man noch eine Gruppe betreuen. Aber das funktionierte nur selten.

In einem Tonstudio ist es ähnlich. Da können nur maximal 3 Personen vor den Mikrofonen sitzen, einer am Mischpult. Wenn es um den Schnitt und die Abmischung geht, kann daran nur einer arbeiten. Die anderen könnten zwar im Hintergrund mit zuhören, aber das funktioniert mit Schülern nicht, denn die im Hintergrund Sitzenden fangen schnell an, sich zu unterhalten. Das stört beim Abhören, so kann man nicht arbeiten. Das kann man den Schülern im Hintergrund noch so oft erklären, nach 10 Minuten wird wieder laut gequasselt. Das ist mit Kindern und Jugendlichen nun einmal so.

Solche Dinge haben wir der SLM immer wieder bei den Evaluationen zu erklären versucht. Man möge doch bitte bei der Bewertung der Standorte nicht nur auf die Zahlen, also auf die Quantität achten, sondern auch auf die Qualität, auf die entstandenen Inhalte. Und warum überhaupt ständige Steigerungen? Wichtig wären doch gute Auslastungen. Wenn unsere Finanzierung davon abhinge, weil wir uns am Markt behaupten müssten – okay. Aber das sei doch nicht der Fall.

Ja, das seien wertvolle Anregungen, erfuhren wir, „aber nun kommen wir einmal zu den Zahlen …“

Alles, was wir vorher erklärt hatten, erwies sich in diesen Momenten als völlig überflüssig. So ging das Jahr für Jahr. Das hebt die Stimmung.

Wo liegen wir im Ranking?

Ein beliebte Methode der SLM bei Evaluationen ging so: „Der Standort XY liegt zahlenmäßig vor Euch. Warum habt Ihr weniger? In XY geht es doch auch.“

Was soll man darauf antworten? Die ehrliche Antwort wäre: Logischerweise wird immer jemand vorn liegen. Es ist nahezu unmöglich, dass alle Standorte dieselben Zahlen erreichen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst der Erste ist, beträgt bei 10 vorhandenen Standorten nur 10 Prozent. Außerdem: Woher sollen wir in Dresden wissen, warum z.B. Chemnitz 20 Nutzer mehr hatte?

Wir Dresdner sahen das zu Beginn noch relativ entspannt. Wie Chemnitz und Leipzig hatten wir ein großes Einzugsgebiet und viele interessierte Schulen. Wir konnten oft gar nicht alle Anfragen annehmen. Aber was sollten Studios in den kleineren Städten da tun? Die SLM verglich auch diese Standorte direkt mit uns drei großstädtischen.

Um solche Diskussionen zu verringern, versuchten wir jedes Jahr, die Zahlen doch ein wenig zu steigern. Natürlich wussten wir, dass das in allen Standorten genauso ablaufen würde, weshalb alles beim Alten bleiben würde. Wie konnte man Zahlen steigern? Es lief darauf hinaus, zu überlegen: Was können wir noch alles mit als Projekt abrechnen? Wenn man schon komplett ausgelastet war, ging es ja nicht anders. Dass mit solchen Methoden irgendwann Zahlen erreicht wurden, die weit jenseits des Realistischen lagen, störte niemanden in der SLM.

Ich komme später darauf zurück.

Ausschreibung 2008

Erstaunlicherweise hatten viele Standorte trotz der ständigen Ausschreibungen lange Glück und gewannen die Ausschreibungen. Immer funktionierte es aber nicht. Der erste Verlust war das Studio in Hoyerswerda. Allerdings lag es nicht daran, dass die Ausschreibung nicht gewonnen wurde. Im Oktober 2007 wurde von der SLM auf der 10-Jahres-Feier des gesamten SAEK verkündet, dass demnächst ein neues, zusätzliches Studio eröffnet werde – in Riesa. Das fanden alle Anwesenden gut. Auch die Kollegen aus Hoyerswerda. Im Dezember freuten sie sich nicht mehr, denn da stellte sich ohne jede Vorwarnung heraus, dass Riesa nur der Ersatz für ihren Standort sein würde. Der SAEK in Hoyerswerda sollte geschlossen werden.

Doch auch die Gründung von Riesa war nicht für alle eine Verbesserung. Dieses Studio ging an den Betreiber F.A.M. (Fernseh Akademie Mitteldeutschland gGmbH). Doch die F.A.M. verlor dafür das Studio in Leipzig. Die Kollegen von dort durften ab sofort nach Riesa fahren. Zusätzlich wurde der Leipzig SAEK Professionell nach Chemnitz verlegt, was nicht besonders logisch erschien, da in Leipzig mehr Medienprofis tätig sind als in Chemnitz.

Ausschreibung 2012

Vier Jahre später kam von der SLM kein Angebot für eine zweijährige Verlängerung der Projektlaufzeit. Deshalb erwarteten wir 2011 zum Jahresende, dass die Information zur nächsten Ausschreibung täglich veröffentlicht werden sollte. Auf der Website der SLM war aber weder auf der Startseite noch unter der Kategorie Ausschreibung etwas zu finden.

Wir entdeckten sie dann über das Benachrichtigungssystem Google Alerts an einer ganz anderen Stelle, nämlich auf unserer eigenen Website. Allerdings nicht auf der Startseite oder unter News, sondern in einem Bereich, in den wir selten hineinschauten, weil da nur selten etwas geändert wurde. Wir fanden das merkwürdig. Wollte uns die SLM schützen, indem sie keine große Aufmerksamkeit auf die Ausschreibung lenkte? Aber warum informierte sie uns dann nicht über den Text? Und wieso schrieb sie uns dann überhaupt noch aus? Dazu passte auch nicht die im Ausschreibungstext enthaltene unerwartete Wendung

Jeder Bewerber kann maximal drei Lose erhalten – davon maximal eines der drei großstädtischen SAEK-Projektlose.

Mit Losen waren die Standorte gemeint. Dieser Satz richtete sich gegen den Betreiber W+M2000. Diese Firma betrieb damals 8 von 10 Standorten. Das konnte man natürlich kritisieren und eine andere Verteilung durchdenken. Nur wäre es dann sinnvoll gewesen, das Personal bei neuen Betreibern weiter zu beschäftigen. Doch die SLM sah wieder vor, dass neue Bewerber auch eigenes Personal mitbringen sollten. Eine Übernahme des vorhandenen Personals war in der Ausschreibung nicht vorgesehen und wurde auch nicht andeutungsweise erwähnt.

Warum? Die Arbeit bei W+M2000 lief gut. Die Mitarbeiter hatten ein gutes Verhältnis zur Geschäftsführung, vereinzelte Probleme aus der Zeit des Beginns waren längst ausgeräumt. Es ergab absolut keinen Sinn, gut eingearbeitete Fachleute aus 5 Standorten zu entlassen.   Wenn ich mir heute – fast 10 Jahre später – die Begründung im Ausschreibungstext noch einmal durchlese, erscheint sie mir immer noch genauso absurd wie damals:

Um der Möglichkeit entgegenzuwirken, dass sich der Kreis der künftigen SAEK-Betreiber auf jene verfestigt und einengt, die infolge eines in der Vergangenheit bereits betriebenen SAEK-Projekts über einen speziellen Wissens- und Erfahrungsschatz verfügen, der im Rahmen der Wirtschaftlichkeitsprüfung zu einem faktisch nicht aufholbaren Vorteil erwächst; und um mithin zu erreichen, dass auch anderweitige und kompetente Mitbewerber die Möglichkeit erhalten (…)

Nochmal im Klartext: Um zu verhindern, dass ein SAEK-Standort von Leuten betrieben wird, die das bereits erfolgreich getan haben und die über das nötige Spezialwissen und den Erfahrungsschatz verfügen, wird beschlossen, dass genau diese Fachleute es künftig nur noch sehr eingeschränkt tun dürfen.

Darin auch nur einen Ansatz von Logik zu finden, ist schwer. Wer denkt sich so etwas aus? Wir haben es nie erfahren. Doch es beschreibt wieder die kafkaeske Situation, die wir mit den unerklärlichen Beschlüssen der SLM erlebten. Man weiß zwar nicht, warum und von wem aber: Es ist nun mal so festgelegt. Ja, was will man da machen?

Die Rettung für die Kollegen bestand darin, dass einer der Studioleiter der W+M2000-SAEK eine Firma gründete und sich für 3 Standorte selbst bewarb. Glücklicherweise funktionierte das sogar. So konnten die Mitarbeiter aus 3 der 5 nicht mehr gewollten Standorte übernommen werden. Bei der nächsten gemeinsamen Jahresabschlussfeier aller Standorte wurde uns seitens der SLM erklärt, wie glücklich man sei, dass (fast) alle ehemaligen Mitarbeiter noch dabei waren. Mit anderen Worten: Man sei glücklich darüber, dass der eigene Beschluss nicht ganz so viel Schaden angerichtet hatte. Die Rede war nur mit Sarkasmus zu ertragen.

Zwei Standorte gab es danach nicht mehr: SAEK Chemnitz Professionell wurde geschlossen. Das Studio im Dresdner St. Benno ebenfalls. Einer der beiden Mitarbeiter wurde im verbleibenden – nunmehr einzigen – Dresdner Studio übernommen. Für den andern endete die Zeit beim SAEK.

Als Grund für die Schließung des SAEK Chemnitz Professionell gaben sächsische Privatradio-Betreiber als Mitgesellschafter der SAEK-Förderwerk gGmbH an, dass es am Standort Chemnitz keinen Bedarf für die Journalistenausbildung gäbe. Das hätte auch jeder Laie schon vorher erklären können.

Neu gegründet wurde 2012 der SAEK in Torgau, der von der SPI (Soziale Stadt und Land Entwicklungsgesellschaft mbH) betrieben wurde. Er sollte nicht lange Bestand haben. Bei der nächsten Ausschreibung war die SLM bereits wieder der Meinung, dass Torgau nicht mehr gebraucht würde.

Redaktionen sind nicht so wichtig

Die Ausschreibung von 2012 sah auch eine inhaltliche Änderung vor: „Medienkompetenzvermittlung bei Kindern, Jugendlichen und Multiplikatoren hat im Vordergrund zu stehen“. Sonstige Erwachsene, die in ihrer Freizeit Medienproduktionen erstellen wollten, waren damit zweitrangig. Redaktionen oder redaktionelle Tätigkeit wurde mit keinem Wort mehr erwähnt.

Bei der nächsten Evaluationen der SLM wurde uns genau das vorgeworfen, worauf wir stolz waren: Dass wir trotz aller Schulprojekte immer noch Zeit fanden, unsere wenigen verbliebenen Redaktionen zu betreuen und zu erhalten. Das war falsch, erfuhren wir. Wir hatten einen viel zu hohen Anteil an nichtschulischen Projekten bzw. Nutzern. Redaktionen, so erklärte uns eine Mitarbeiterin der SLM, seien doch auch gar nicht so wichtig.

Wir waren nach diesem Besuch am Boden zerstört. Wir hatten vorher immer Organisationsaufwand betrieben, um Arbeitszeiten wöchentlich so zu verschieben, dass trotz tagsüber durchgeführter Schulprojekte auch abends noch jemand bei der Jugendredaktion anwesend sein könnte. Diese war gerade wieder einmal in der Phase des Mitgliederschwundes und des Ideenmangels. Das war gelegentlich schon vorgekommen. Vor allem in solchen Zeiten war es immer gut, wenn ein Erwachsener mit dabei war und motivierend einwirken konnte. Als der Besuch der SLM-Vertreter vorbei war, beschlossen wir resigniert: Dann lassen wir es halt. Keine Betreuung der Jugendredaktion mehr. Und wir versuchen auch nicht mehr, neue anzuregen. Man wird am Ende nur dafür kritisiert. Eine Redaktion blieb noch, das war unsere – ziemlich gut selbst laufende – Seniorenredaktion im Radio. Aber auch die musste sich in der Zeitplanung fortan häufig Schulprojekten unterordnen.

Ausschreibung 2018

2016 erreichten Schulprojekte einen Anteil von rund 85 % der Nutzungsstunden im SAEK. Für Privatbesucher blieb da kaum noch Zeit. Doch bei der nächsten Ausschreibung war man in der SLM unerwartet wieder der Meinung, Schulprojekte sollten zurückgefahren werden – wichtig wäre auch die Arbeit mit nichtschulischen Nutzern. Also mit Leuten, die aus reinem Interesse in ihrer Freizeit kommen.

Doch diese Nutzer waren nun weg. So einfach baut man das nicht wieder auf, was man gerade erst abgeschafft hat.

Die Schulprojekte wieder zu reduzieren, wurde mit der unbefriedigenden Zusammenarbeit mit dem Sächsischen Staatsministerium für Kultus begründet. Die SLM hatte von diesem gewünscht, dass es sich daran finanziell beteiligt, was aber nicht erfolgte. Man kann sich darüber streiten, ob das ein überzeugendes Argument ist, denn Medienpädagogik war nie Auftrag der SLM. Im Rundfunkstaatsvertrag ist nur die Rede von „Projekten zur Förderung der Medienkompetenz“. Von „Medienpädagogik“ steht da nichts. Andererseits kann Medienpädagogik natürlich als wichtige Grundlage für die Medienkompetenz betrachtet werden.

2016 erhielten wir die Nachricht, dass der Betrieb aller Standorte um 2 Jahre verlängert würde. Die nächste Ausschreibung kam deshalb erst 2018. Sie brachte wieder Änderungen mit sich. Das Studio in Torgau wurde geschlossen, nachdem man es gerade erst gegründet hatte. Die Laufzeit betrug künftig nur noch 3 Jahre. In Dresden und Chemnitz entfiel je eine Stelle.

Positiv wirkte auf den ersten Blick, dass diesmal seitens der SLM ein Minimum für die Bezahlung der SAEK-Mitarbeiter angegeben war, welches in der Bewerbung nicht unterschritten werden durfte. Allerdings lag sie für die Stelle des medienpädagogisch-technischen Mitarbeiters (was früher schlicht Techniker hieß) unter dem sächsischen Durchschnittseinkommen. Absehbar war, dass jeder Bewerber – um mögliche Konkurrenz zu unterbieten – wahrscheinlich genau diesen Betrag ansetzen würde. Dass musste jeder Betreiber auch deshalb in Erwägung ziehen, da die Finanzierung für jeden Standort gegenüber dem vorherigen Zeitraum auf durchschnittlich 85 % gekürzt wurde.

Es waren noch weitere Änderungen enthalten, die in der Summe bedeuteten: So macht das endgültig keinen Spaß mehr. Ich beschloss, meine Zeit hier zu beenden. Mit dem SAEK, den ich mit aufgebaut hatte, hatte das kaum noch etwas zu tun. In den ersten Jahren konnten wir noch junge Leute bei der Produktion eigener Filme oder Radiosendungen unterstützen. Wir führten damals z.B. mehrfach Filmabende durch, bei denen vor eingeladenem Publikum die neuesten Produktionen vorgestellt wurden. Für die Betreuung solcher Produktionen hatten wir schon lange keine Zeit mehr. Für mich hatte der SAEK seinen Sinn verloren.

Auch die Firma W+M2000 beteiligte sich nicht noch einmal an der Ausschreibung. Sie unterstützte die Bewerbung des bisherigen Studioleiters in Zwickau, der sich selbständig machte und so die Mitarbeiter der drei Standorte behalten konnte.

Nutzungszahlen

Ich hatte erwähnt, dass durch das Streben nach Steigerungen irgendwann Nutzungszahlen erreicht wurden, die weit jenseits des Realistischen lagen.

Bei der SLM hätte schon einfaches Kopfrechnen gezeigt, dass bestimmte Werte längst sehr fragwürdig waren. Das Jahr hat rund 50 Wochen. Ein Schulprojekt wird meist als Projektwoche durchgeführt, was üblicherweise 3 Tage dauert. Also kann man kein zweites Schulprojekt in dieser Woche durchführen. Wenn man ignoriert, dass es Ferien gibt und dass Mitarbeiter Urlaub haben und krank werden können, kann man maximal 50 Schulprojekte im Jahr durchführen (in den Ferien könnte man Ferienprojekte für Schüler anbieten). Die restlichen Tage braucht man für andere Nutzer, für Einführungskurse, die zu halten sind oder für Vor- und Nachbereitung oder für Technikwartung.

Wenn ich mich richtig erinnere, lagen wir Dresdner zum Schluss deutlich bei über 100 Projekten im Jahr. Dass daran etwas nicht stimmen kann, hätte jedem bei der SLM auffallen müssen. Hat aber niemanden interessiert. Hauptsache, die Zahlen steigen. Eine unserer Methoden, auf so hohe Nutzerzahlen zu kommen, war zum Schluss, komplette Schulklassen an nur einem Tag „durchzureißen“. So konnte man mehrere Klassen in der Woche abrechnen. Das war allerdings medienpädagogisch völlig sinnlos. Seitens der SLM sprach man gern davon, dass man mit den SAEK Medienkompetenz fördere und Medienpädagogik betrieb. Doch so etwas erreicht man nicht, indem man an nur einem Tag eine maximale Personenmenge sehr kurz beschäftigt. Ich konnte bei solchen Projekten nichts mehr erklären. Nur noch: Hier ist das Mikrofon, hier rein sprechen, am Mischpult hier drücken, in der Software diesen Button klicken. Nun bitte den mitgebrachten Text einsprechen … danke, der Nächste bitte. Bei Videoprojekten lief es ähnlich. Mal kurz vor den Greenscreen stellen, das war’s.

Völlig sinnlos. Das wussten wir alle. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es den Schülern etwas gebracht hat. Medienkompetenz entsteht so jedenfalls nicht. Die entsteht nur durch längerfristige Beschäftigungen mit dem Thema. Aber was sollten wir machen? Die SLM wollte Zahlen sehen.

Das Ende 2021

Natürlich habe ich nach meinem Ausstieg die Entwicklung weiter verfolgt. Es überraschte mich nicht, als ich im Dezember 2020 in einer Pressemitteilung der SLM las, sie würde den SAEK ganz schließen. Ich fand es schon verdächtig, dass die letzte Phase auf nur 3 Jahre begrenzt war. Begründet wurde es hauptsächlich damit, dass das SAEK-Förderwerk aus rechtlichen Gründen seine Tätigkeit nicht fortsetzen könne, weil es keinen Ersatz für ausgetretene Mitgesellschafter gab. Gesellschafter der „SAEK-Förderwerk für Rundfunk und neue Medien gGmbH“ waren private sächsische Rundfunkveranstalter, Hauptgesellschafterin war immer die SLM.

Ist das eine akzeptable Begründung? Ist eine solche gGmbH überhaupt notwendig? Vor 2002 finanzierte die SLM den SAEK direkt. Das hätte so man wieder tun können. In anderen Bundesländern werden ähnliche Einrichtungen auch direkt von den Medienanstalten finanziert. Beispielsweise wird der Offene Kanal Berlin ALEX als Einrichtung der Medienanstalt Berlin-Brandenburg durch diese direkt finanziert.

Bereits im Frühjahr 2020 war im Führungsgremium der SLM klar, dass man das Projekt SAEK beenden will. Die Mehrheit im Medienrat war damals dafür. Die Versammlung der SLM wurde erst am 30.6. darüber informiert (Quellen: Flurfunk-Podcast 52 und 53). Die Betreiber des SAEK und die Mitarbeiter blieben bis Dezember ahnungslos.

Als Alternative wurden nun „Medienkompetenzprojekte“ in Form von 15 regionalen Wirkungskreisen gestartet. Diese sind auf sogar nur 2,5 Jahre begrenzt. Seltsamerweise benötigt die SLM für deren Finanzierung kein zwischengeschaltetes Förderwerk mehr. Die Finanzierung sieht für jeden Wirkungskreis nur noch ca. 57 % des Betrages vor, der vorher im Durchschnitt jedem SAEK-Standort zur Verfügung stand. Das klingt nach drastischen Einschränkungen, sowohl bei Technik, Räumen und vor allem beim Personal.

Von Schulprojekten will die SLM nun wieder ganz weg:

Die Medienkompetenzprojekte werden sich künftig noch stärker an diejenigen richten, die nicht über die Schulen erreicht werden.

Quelle: Pressemitteilung SLM

Die Gestaltung der Angebote ist maßgeblich an den medialen Bedürfnissen und Interessen eines erwachsenen Personenkreises zu orientieren.

Quelle: Ausschreibungstext der SLM „Förderrichtlinie Medienkompetenz“

Von der Nutzerausrichtung her ist es also wieder das, was der SAEK einmal ganz zu Beginn als Zielgruppe hatte. Da hätte man ihn auch beibehalten können.

Im diesmal sehr formlos und kurz gehaltenen Ausschreibungstext zeigte sich, dass der Betrieb von Radio- oder Fernseh-Studios ab sofort nicht mehr vorgesehen war, denn als nicht förderfähig erwähnt wurden u.a. „raumbezogene Aufwendungen zur Durchführung einzelner Aktivitäten, wie Mietkosten“. Auch Technikkosten will die SLM nur noch anteilig übernehmen:

Wird zu Beginn der Fördermaßnahme ein technisches Gerät, beispielhaft im Wert von 600 Euro, beschafft, welches fortan regelmäßig benötigt wird, so können dessen Anschaffungskosten im ersten und im zweiten Förderjahr i.H.v. jeweils 200 Euro und für den restlichen Förderzeitraum i.H.v. 100 Euro gefördert werden.

Technik wird also nur zu 5/6 erstattet. Warum sollte sich da jemand teure professionelle Technik anschaffen, wenn er auf einem Teilbetrag sitzen bleibt? Man darf zwar Teilnehmergebühren von max. 25 € erheben und diese zur Kostendeckung verwenden. Mit billiger Ausrüstung kommt man trotzdem besser, denn man muss die Kosten zu Beginn schließlich selbst auslegen. Oder noch besser: Gar keine Technik. Am besten, man macht nur noch reine Vorträge oder Projekte, bei denen die Teilnehmer ihre eigenen Smartphones als Technik mitbringen. Das ist machbar, denn Vorgaben für eine als Minimum einzuhaltende Technikausstattung gibt es nicht mehr. Früher mussten wir das immer einhalten.

Immerhin durften sich auch ehemalige SAEK-Betreiber um die Wirkungskreise bewerben. Allerdings nur um jeweils einen. Dass der Großteil der SAEK-Mitarbeiter dadurch entlassen wurde, wird schon einen durchdachten Sinn haben.


Das war in Kürze die Geschichte des SAEK. „Kurz ist gut“, werden die wenigen sagen, die bis hierher durchgehalten haben, denn es ist nun ein sehr langer Text geworden (es dürfte der längste sein, den ich hier jemals verfasst habe). Es gäbe noch viel mehr zu erzählen. Allein bei uns in Dresden ist unglaublich viel passiert – an manchen Tagen hatten wir das Gefühl, wir sollten aus den bei uns angefallenen Vorfällen eine Sitcom produzieren. Es klingt hier vielleicht insgesamt sehr negativ, aber der Beginn und noch etwa die ersten zehn Jahre waren trotz sich abzeichnender Probleme eine tolle Zeit. Mit ein paar Abstrichen auch noch die ersten beiden Drittel der 20 Jahre. Wirklich frustrierend war aber das Ende.

Ein letztes Detail wollte ich noch erwähnen:

Sendungen

Erwähnt hatte ich das nicht vorhandene Senderecht. Mir fiel in der gesamten Zeit tatsächlich nie auf, dass in unserer Nutzungsordnung so etwas wie „senden“ oder „Sendung“ gar nicht vorkam. Praktisch gab es das aber trotzdem, da wir Mitarbeiter es nicht nur als selbstverständlich, sondern sogar als ausdrückliches Ziel empfanden, unsere Nutzer zum Veröffentlichen ihrer Produktionen anzuregen. Aus unserer Sicht war das gerade der Sinn unserer Einrichtung. Wieso hätten wir sonst die entsprechende Technik kaufen und installieren sollen? Auch seitens der SLM war das klar. Wozu hätten sie sonst die Sendemöglichkeiten organisieren und finanzieren sollen?

Im Hörfunkstudio gab es zu Beginn die Möglichkeit, auf UKW zu senden. Zwar nicht terrestrisch, aber im Dresdner Kabelnetz. Später kam das Livestreaming dazu. Im Fernsehen hatten wir ein Sendefenster bei Dresden Fernsehen. Es hätte hier auch die Möglichkeit gegeben, uns um eine terrestrische Frequenz zu bemühen, allerdings kannte ich mich in der Dresdner Videoamateur-Szene gut genug aus, um zu wissen, dass wir unmöglich komplette Tage mit deren Produktionen füllen konnten. Außerdem wäre das viel teurer geworden. Es war deshalb mein Vorschlag, besser ein (vorerst nur halbstündiges) Sendefenster bei Dresden Fernsehen zu nehmen und für das Geld besser weitere Kamerasets zu kaufen.

Da wir die Einführungskurse selbst durchführten, wiesen wir alle Neuinteressenten darauf hin, dass unsere Priorität auf sendefähigen Produktionen lag, die sich allerdings auch an eine Öffentlichkeit richten sollten. In der Praxis bedeutete das: Ein Film über „Omas Geburtstag“ wurde bei uns nicht gesendet. Dafür gab es von uns auch keine Kameras und keine Schnittplätze. Stundenlange Videos über den eigenen Urlaub wurden genauso behandelt (mit einer Ausnahme, Dieter S., was wieder eine eigene Geschichte wäre). Ein Urlaubsvideo wäre aber okay gewesen, wenn es sich als Reisebericht an die Öffentlichkeit gewandt hätte. Das hat aber nie jemand so umgesetzt. Was sich zum Beispiel nicht an die Öffentlichkeit gerichtet hätte, war der Wunsch einer Hochschwangeren, drei Kameras auszuleihen. Was sollte denn gefilmt werden, fragte ich. Die eigene Hausgeburt aus drei Perspektiven.

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2 Kommentare:

  1. Pingback:Ende der SAEK: Nachruf auf die Sächsischen Ausbildungs- und Erprobungskanäle

  2. Vielen Dank für die vielen schönen Stunden im SAEK in Dresden und Bautzen. Ich war immer froh, wenn meine Zeit und das Portemane es zuließen nach Bautzen und Dresden zu fahren, wobei ich die letzten Jahre immer in Bautzen beim Micha war und die bestmögliche Unterstützung erhielt. Mit Tränen in den Augen habe ich zur Kenntnis genommen, das wars einmal und kommt nicht mehr. Sehr schade, dass alles den Bach bzw. Spree und Elbe runtergegangen ist. Ich wünsche Euch viel Glück im weiteren Leben und „Gott sei Dank“ habe ich sehr viel fotografiert und gefilmt, so dass mir die Erinnerungen erhalten bleiben und ich die Fotos ins Bischofswerdaer Archiv gegeben habe , damit sie der Nachwelt erhalten bleiben und später ausgewertet werden können, was zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewollt und möglich wäre. Mit freundlichen Grüßen Volkmar Teich

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