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Argumentationsweisen im Tesla-Zeitalter

Schon interessant, wie sich die Argumentation geändert hat. Wenn man früher – also bis 2019 – auf der Seite der Guten stehen wollte, dann war man stets dagegen, wenn für Industrieansiedlungen irgendwo Natur verschwinden sollte. Doch dann kam Tesla. Seitdem ist alles anders.

Von mir aus kann Tesla das geplante Werk in Brandenburg übrigens gern bauen. Sollte Elon Musk es sich noch einmal anders überlegen, wäre das für mich auch kein Problem. Ich finde das Projekt interessant, aber es ist mir nicht besonders wichtig.

Doch es soll hier ja um die veränderte Argumentation gehen. Vor zwei Monaten war ich etwas erstaunt, bei Volker Quaschning zu lesen:

Der Kaufvertrag für das Grundstück für die Tesla-Fabrik ist unterschriftsreif. Jetzt müssen wir hoffen, dass die Dieselretter dort keinen Rotmilan entdecken.

https://twitter.com/vquaschning/status/1208088654490619904

Früher waren es stets die Gegner der Grünen, also genau die Leute, welche hier als „Dieselretter“ bezeichnet werden, die bei Industrie- oder Bauprojekten sagten: Na hoffentlich findet da nicht noch jemand einen Rotmilan! Beziehungsweise Feldhamster, Juchtenkäfer, Kleine Hufeisennasen oder was der Naturschutz sonst noch so hergibt.

Und nun kam dasselbe Argument von jemandem, der eher den Grünen nahesteht. Verkehrte Welt! Immerhin ist Volker Quaschning nicht irgendwer, sondern – ähnlich wie Luisa Neubauer bei Fridays For Future – Mitinitiator und die bekannteste Person von Scientists for Future. Kürzlich kam von ihm ein ähnlicher Text, in dem er sich ausgerechnet über Naturschützer beschwerte:

Absurd: Grüne Liga erwirkt Rodungsstopp auf Tesla-Gelände. Jede Bauverzögerung sorgt für mehr Benzin- und Dieselautos, mehr CO2 und verschärft die Klimakrise. Wenn jetzt noch ein Rotmilan gefunden wird, wars das vermutlich mit Tesla in Deutschland.

https://twitter.com/VQuaschning/status/1228794701010100224

Erstaunlicherweise ist das nicht nur seine persönliche Ansicht. In den Kommentaren kann man sehen, dass er überwiegend Zustimmung erhält. Und das ist nicht der einzige Ausdruck einer veränderten Argumentationsweise. Für das Tesla-Werk muss bekanntlich Wald gerodet werden. Da hätte es früher immer einen Aufschrei gegeben. Diesmal nicht. Fast alle argumentieren zurzeit ganz im Gegenteil, das sei doch sowieso gar kein richtiger Wald, sondern nur eine Kiefernplantage, also wertlose Monokultur. Sowas kann weg! Die Fläche sei ohnehin schon lange als Gewerbefläche ausgewiesen. Tesla will zum Ausgleich auch woanders aufforsten, sogar auf der dreifachen Fläche! Insgesamt also eine Super Sache!

Zum Aufforsten muss aber zunächst einmal eine Fläche da sein, die man bewalden kann, auf der bisher noch nichts Wichtiges wächst. Doch was ist in der Natur wichtig und was ist unwichtig? Und braucht man zum Aufforsten Tesla? Wenn es irgendwo eine geeignete Fläche gibt, braucht man da erfahrungsgemäß gar nichts zu tun, Wald wächst auf solchen Flächen bald von ganz allein.

Brandenburgs grüner Umweltminister Axel Vogel sagte sogar, es handele sich sowieso nicht um Wald, sondern um ein „Industriegebiet, das mit Bäumen bewachsen ist“.

Wie gesagt: Das Tesla-Werk kann meinetwegen gern gebaut werden. Aber diese 180°-Wendung in der allgemeinen Argumentation finde ich höchst bemerkenswert.

5 Comments

  1. Zu deiner Erkenntnis, dass Schwarz-Weiß-Denken der falsche Weg ist, möchte ich dir herzlich gratulieren!

  2. Dass Schwarz-Weiß-Denken falsch ist, ist keine neue Erkenntnis für mich. Darum ging es mir hier aber auch gar nicht. Mir ging es um diese 180°-Wende beim Schwarz-Weiß-Denken im Zusammenhang mit Tesla.

  3. Yup. Auch mir war diese ungeheuerliche Äußerung von Quaschning aufgefallen – und sauer aufgestoßen. Vor allem wegen des Zynismus, der daraus spricht. So hätte vor 30 Jahren wohl ein Chemie-Tycoon geredet, der eine ihm auferlegte Gewässerreinhaltung torpedieren will. Das ist alles in allem schon sehr verstörend.
    Ich denke, grün ist an den Grünen nur noch der Name. Mit Umwelt-, Landschafts- oder Naturschutz haben die nichts mehr am Hut.
    Dieselbe hämische Denke scheint auch an allen Ecken und Enden durch, wenn die Windmafia Gegenwind bekommt.
    Ich kann dieser „Argumentation“ auch sachlich nicht folgen. Ist eine Gelbbauchkröte nur wertvoll und schützenswert, wenn sie in einem alten Baumbestand lebt? Oder ist sie das auch, wenn sie in einem „ökologisch wertlosen“ Kiefernwald lebt? Ist der Seeadler nicht per se schützenswert, oder nur dann, wenn er den Bau von Industriewindanlagen nicht stört?
    Ich komme da nicht mehr mit. Habe ich ja vor einiger Zeit schon mal kundgetan: https://muss-ja.de/en-passant/boese-rodung-gute-rodung/
    M.

  4. @ Micha: Ja, den Eindruck habe ich auch, dass die Grünen speziell mit Naturschutz schon lange gar nichts mehr am Hut haben. Das war einer der Gründe, weshalb ich irgendwann Ende der 90er aufgehört habe, sie zu wählen. Übrigens danke für die nette Erwähnung meiner Texte bei Dir im Blog 🙂 !

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