Für einen Wissenschaftler zu inakzeptable Mängel in der Logik: Harald Leschs Buch „Die Menschheit schafft sich ab – Die Erde im Griff des Anthropozän“

(Diese Kritik zu „Die Menschheit schafft sich ab – Die Erde im Griff des Anthropozän“ von Harald Lesch entstand als Amazon-Kundenrezension)

Zwei Sterne gebe ich für die erste Hälfte des Buches. Darin bietet Harald Lesch einen unterhaltsamen Schnelldurchgang durch die Geschichte der Entstehung unseres Planeten, des Lebens auf der Erde und der menschlichen Geschichte. Leider bleibt dieser in vielen Punkten sehr oberflächlich. Leser, die bereits über naturwissenschaftliches und historisches Grundwissen verfügen, erfahren nichts wirklich Neues.

Danach verfällt Lesch aber in einen Stil, den man nur „Grüner Populismus“ nennen kann. Er begeht dabei leicht erkennbare logische Fehler in seiner Argumentation, die einem Wissenschaftler einfach nicht passieren dürften. Deutlich wird das in Kapitel 24 „Eine Erde reicht nicht“.

Beispiel 1: Lesch schreibt, dass wir über unsere Verhältnisse leben und zu viel Fläche pro Erdenbewohner von der Erde benötigen – „wir verbrauchen fast eineinhalb Erden“. Da gehe ich ja noch mit (auch wenn man sich fragen darf, warum dann nicht schon seit Jahren alles verbraucht sein müsste). Lesch erwähnt, dass

Berechnungen der UN ergaben, dass die Erde knapp 2 Milliarden Menschen mit gehobenem Lebensstandard verkraftet, so wie wir ihn hier in Europa gewöhnt sind. Sechs Milliarden Menschen könnte die Erde ertragen, wenn wir bereit wären unsere Ansprüche auf ein gesundes Mittelmaß zu beschränken.

Statt diesen (einzig logisch erscheinenden) Ansatz weiter zu verfolgen, etwas gegen die Überbevölkerung zu unternehmen, beschreibt Lesch ohne plausible Erklärung als vermeintliche Lösung, wir müssten alle auf „Bio“-Landwirtschaft umsteigen. Einige Seiten weiter erwähnt er ganz kurz, dass diese aber nur geringere Erträge pro Fläche bringt, als normale Landwirtschaft.

Finde den Fehler!

Beispiel 2: Gentechnik. Lesch behauptet in wenigen Zeilen lapidar, Gentechnik sei der falsche Weg und müsse abgelehnt werden, weil (Zitat):

Im Gegensatz zu den Hoffnungen und Versprechungen der Industrie kommt es auf Feldern mit gentechnisch veränderten Pflanzen vermehrt zum Einsatz von Pestiziden, insbesondere Breitbandpestiziden. (…) Zu den größten Enttäuschungen zählt wohl die viel gepriesene Ertragssteigerung: verschiedene Studien weisen darauf hin, dass die Erträge bei gentechnisch veränderten Soja, Raps und Zuckerrüben teils bis zu zehn Prozent unter den konventionellen Anbaumethoden lagen. Am schlimmsten war der Einbruch bei der transgenen Bt-Baumwolle in Indien: die Erträge brachen um bis zu 75 Prozent ein, die Qualität der Fasern war minderwertig. Eine Folge: Die Selbstmordrate unter den indischen Bauern stieg dramatisch an.

Traurig ist, dass Lesch nicht einmal zu Recherche in der Lage war. Die Geschichte mit den Selbstmorden indischer Bauern wegen Gentechnik ist ein seit Jahren widerlegtes Märchen (1). Es gab nie höhere Selbstmordraten in Indien wegen Bt-Baumwolle oder anderer Gentechnik. Aber abgesehen davon hätte ihm als Wissenschaftler, der sich mit Physik und Astronomie beschäftigte, der also rechnen und logisch denken können muss, hier ein Fehler in der Logik auffallen müssen: Bauern geben also mehr Geld aus für gentechnisch verändertes Saatgut. Dieses zwingt sie, zusätzlich noch mehr Geld auszugeben durch erhöhten Bedarf an Pflanzenschutzmittel. Und letztlich fallen dann sogar noch die Erträge niedriger aus. Man hat also höhere Ausgaben und weniger Einnahmen. Wie blöd müsste ein Bauer sein, so nachteiliges Saatgut jemals wieder zu kaufen? Solche Produkte wären längst vom Markt verschwunden, wenn das alles zutreffen würde. Immerhin verschont uns Lesch vor dem weiteren Märchen, es gäbe Knebelverträge, wegen denen die Bauern das kaufen müssten. Vielleicht hat Gentechnik ja doch Vorteile für die Landwirte?

Fakt ist, dass der Bedarf an Insektenbekämpfungsmitteln dank Gentechnik deutlich gesunken ist (2, 3). Der Bedarf an Unkrautbekämpfungsmitteln sank mit der Einführung von gv-Pflanzensorten zunächst ebenfalls, stieg dann aber teilweise wieder durch die Entstehung und Ausbreitung resistent gewordener Unkräuter (3). Resistenzbildung ist aber nicht die Folge speziell von Gentechnik sondern ein allgemein aus der Landwirtschaft seit langem bekannter evolutionärer Effekt, der auch mit herkömmlichen Pflanzenschutzmethoden auftritt (4). Durch den verbleibenden geringeren Arbeitsaufwand und die keineswegs gesunkenen Erträge haben Landwirte aber trotzdem auch mit diesen gv-Pflanzensorten immer noch einen Vorteil, weshalb sie diese Sorten freiwillig weiter einsetzen. Eine Peer Review Metastudie der Universität Göttingen von 2014 zu Folgen des Einsatzes von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) in der Landwirtschaft, insbesondere in Entwicklungsländern, ergab, dass dadurch der  Pflanzenschutzmitteleinsatz um 37% verringert wurde, während die Erträge um 22% stiegen und die Einkommen der Landwirte um 68% anstiegen (5).

Ich habe Leschs Buch nach diesen Abschnitten nicht weiter gelesen. Aufgefallen ist mir nur noch, dass er im Ende seines Buches den verschwörungstheorischen, zumindest aber sehr unwissenschaftlichen Film „Die Akte Aluminium“ als empfehlenswerte weitere Quelle angibt.


Quellen:

1 Psiram: Vandana Shiva: Bauern-Selbstmorde in Indien

2 Wikipedia: Sinkender Verbrauch des Pflanzenschutzmittels Chlorpyrifos nach Einführung von Bt-Mais in den USA

3 Transparenz Gentechnik: Achtzehn Jahre Gentechnik-Pflanzen in den USA: Gemischte Bilanz

4 Transparenz Gentechnik: Resistente „Superunkräuter“ auf dem Vormarsch: Ist die Gentechnik schuld?

A Meta-Analysis of the Impacts of Genetically Modified Crops


Dass Harald Lesch Dinge erzählt, die nicht ganz korrekt sind, zeigt sich auch in anderen Fällen:

Rainer Klute, 15.02.2017: Atomwissen ohne Risiko? Nicht bei HaraldLesch!

Skeptiker (3/2017): Bärendienst für die Wissenschaft

11 Kommentare:

  1. Das klingt ja schwindelerregend. Ich habe Lesch bisher tendenziell als seriösen Wissenschaftler wahrgenommen und daher auch seinen Terra X YouTubekanal abonniert. Dort fing er jedoch ebenfalls schon an, gelegentlich in eine etwas merkwürdige Richtung abzudriften (z.B. bei einer Folge über vegetarische Ernährung, in welcher er Wurst gegenüber veganen Ersatzprodukten verteidigte, da angeblich nur letztere mit unzähligen unnatürlichen Zusatzmitteln belastet seien…).

  2. Ja, er scheint in letzter Zeit etwas komisch zu werden. Er hätte besser bei den Themen Physik und Astronomie bleiben sollen, das war wirklich immer interessant und vor allem fachlich korrekt. Zumindest das, was ich gesehen habe.

  3. Das Buch ist wohl ein Beispiel für das Sprichwort „Schuster bleib bei Deinen Leisten!“ 1972 propagierte ein Club of Rome, eine ideal bewirtschaftete Erde vertrage nur ein paar hundert Millionen Menschen. U.a. ging es auch um die schwindenden Ölvorräte und man empfahl eine Geburtenkontrolle für die Industrieländer. Wobei die ungeregelte Zunahme der Bevölkerung z.B. in Afrika durchaus ein Problem ist. Das zu erkennen bedarf es keinen Lesch.
    Danke für die Buchbesprechung – mehr als 20€ gespart.

  4. Ich empfehle für verschiedene Horrorszenarien immer mal wieder Hans Roslings Videos z.B. bei Gapminder oder die TED-Vorträge.

    Ich höre auch immer wieder, ja die Muslime haben viel mehr Kinder als wir und übervölkern uns und ein Höcke, der von Ausbreitung-Typen spricht wenn man Menschen in „Entwicklungsländern“ beschreiben will. Die sind dann Schuld an der Überbevölkerung und die vielen Menschen wollen dann alle sofort den gleichen Standard wie wir haben.

    Dazu kommen dann noch die unsäglichen Äußerungen darüber, wir müssten nur alle fleischspezifischen Anbauflächen in Flächen für pflanzlichen Anbau umwandeln. Ja ist klar nee!

    Leider muss man Lesch seit einiger Zeit einen starken Abfall seiner Qualitäten attestieren. Ich empfehle deshalb schaut euch seinen YT-Kanal lieber nicht an produziert von eine Gruppe junger Studenten und Absolventen, der Film-, Kultur- und Geistes“Wissenschaften“. Kein einziger Naturwissenschaftler ist im Team So bringt Terra X Lesch & Co richtig viel Wissenspower ein.

    Traurig traurig

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  6. Hier geht es nicht um kleine Fehler in der Logik, hier geht es einfach darum Aufmerksamkeit zu erregen, die man bekanntlich in unserer Gesellschaft ungenügend findet. Von dieser Warte aus betrachtet, ist dieses Buch ein Garant der Aufklärung. Und – Entschuldigung – diese dämliche Auffassung im Beispiel 1 zeigt mir, dass hier nichts verstanden wurde. 1,5 Erden Pro Jahr bedeutet schlichtweg das wir AKTUELL um die Haelfte mehr verbrauchen als das durch Reproduktion der logischerweise reproduzierbaren Rohstoffe möglich ist. Aus diesem Grund sinken die Festbestände von Jahr zu Jahr und neigen sich bereits in diesem Jahrhundert dem Ende zu. Ihr Schlafmützen

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  8. Aha, wenn es Aufmerksamkeit bringt, darf man für die gute Sache der Aufklärung also auch mal unlogische oder sogar falsche Sachen behaupten? Das ist aber eine seltsame Form der Aufklärung. Und wenn wir einen höheren Verbrauch haben als sich reproduzieren lässt, dann gleichen wir das mit einer Methode aus, bei der pro genutzter Fläche weniger reproduziert wird? Klingt logisch.

  9. …das wir AKTUELL um die Haelfte mehr verbrauchen als das durch Reproduktion der logischerweise reproduzierbaren Rohstoffe möglich ist.

    Woher kommen denn diese Angaben? Ein jeder Rohstoff ist reproduzierbar, welche genau meinen Sie. Ich denke sie sprechen von Öl und Kohle. Rohstoffe, die sehr lange brauchen für die Wiederherstellung. Die anderen Rohstoffe wie Silber und Co verschwinden ja nicht. Nahrung wird jedes Jahr neu hergestellt.

    Um auf Ihre Kritik einzugehen brauchen wir also klare Daten. Welche Rohstoffe und welche Zahlen!

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