Filmtheater Schauburg Dresden: „Verdammter Frühling!“

Der Fritz-Lang-Saal war voll am 11.9. Einige Besucher mussten in den Gängen sitzen. Offensichtlich haben viele Leute Zweifel an den Medienberichten über Libyen. Der Film bestätigte noch einmal, was mir vorher schon aufgefallen war: Man betrügt man uns bei diesem Thema gegenwärtig wieder einmal in einem erschreckenden Ausmaß.

Aber sind die Aussagen des Regisseurs Fulvio Grimaldi deshalb glaubwürdiger? Skeptisch sein sollte man grundsätzlich auch den Kritikern gegenüber. Man könnte ihm vorwerfen, dass er nur die libysche Seite darstellte und keine aktiven Rebellen zu Wort kommen ließ. Man könnte sagen, dass – genau wie in den Nachrichten – auch bei ihm jubelnde Menschen und Ermordete zu sehen sind. Nur mit entgegengesetzter Kommentierung: In den Nachrichten zeigt man jubelnde Menschen, die sich angeblich über das Ende der Gaddafi-Diktatur freuen, hier solche, die zu Gaddafi halten. In den Nachrichten gehen Ermordete immer auf das Konto Gaddafis, hier auf das der Rebellen. Was stimmt?

Nachprüfen kann ich kaum etwas, aber was der Regisseur uns erzählte, klang schon ziemlich glaubwürdig. Da der Film bisher nur auf italienisch vorliegt, war Grimaldi mit anwesend und übersetzte. Dadurch wirkte alles, was er uns zu seinen Bildern und zu den interviewten Personen berichtete, sogar noch authentischer.

Da ich in der letzten Zeit jeden Tag Internetnachrichten über Libyen verfolgte, waren mir viele Details des Filminhaltes schon halbwegs bekannt. Aber einige Sachen kannte ich noch nicht. Hier noch einmal ein Kurzdurchlauf: Den Luftangriff, den Gaddafi angeblich auf Bengasi ausführen ließ, hat es nie gegeben, was auch ein russischer Satellit bald darauf bestätigte. Trotzdem gründete sich auf ihn die UN-Resolution, die eine Flugverbotszone gewährleisten sollte. Sie ist übrigens ungültig, was aber nichts daran ändert, dass die NATO sie ohnehin sehr frei ausgelegt hat. Die Rebellen verdanken ihr Vordringen ausschließlich dem Bombardement der NATO. Sie hatten vorher praktisch keine militärischen Erfolge. Die Rebellen sind nur zum geringsten Teil Libyer. Sie haben aber später Einheimische gezwungen, für sie zu kämpfen, sie bezahlen teilweise irgendwelche Kämpfer, sie arbeiten mit Al-Kaida zusammen. In ihren Reihen haben Al-Kaida-Leute, die sich eigentlich auf internationalen Fahndungslisten befinden, mittlerweise hohe Posten  erhalten. Die NATO stört sich nicht daran, sondern bombardiert weiter die Städte. Die NATO hatte von Libyen gefordert, dass Schiffe nicht auslaufen dürften, weil sie sonst bombardiert würden. Man hat sie dann trotzdem im Hafen bombardiert. Es gibt jede Menge zivile Opfer, selbst internationale Ärzte, die helfen wollten, gehören dazu. In Libyen tätige internationale Industrielle versuchen, ihre Sicht der Lage in den absolut gleichgeschalteten westlichen Medien zu vermitteln. Es wird nichts davon gesendet oder gedruckt. Selbst Organisationen wie Amnesty International vermitteln hauptsächlich den politisch gewünschten Kurs. Ein italienischer hoher christlicher Geistlicher hat mehrfach versucht, für Libyen zu sprechen. Es interessierte in Italien niemanden. Die übergroße Mehrheit der Libyer steht hinter Gaddafi. Die Rebellen überfielen mehrfach Bewohner der Städte, schlugen dort Familien zusammen, nahmen deren Töchter mit, um sie nach der – in solchen Fällen üblichen – Vergewaltigung brutal zu ermorden. Gefangene libysche Soldaten wurden im gefesselten Zustand erschossen oder geköpft. Tripolis ist übrigens keineswegs von Rebellen eingenommen, sondern nur etwa zu 20%. Auf dem Grünen Platz versammeln sich jeden Abend die Einwohner zu Pro-Gaddafi-Demonstrationen. Schwarze fliehen aus Libyen, werden aber hinter den Grenzen nicht weiter in ihre Heimatländer gelassen, sondern in Lagern festgehalten. Diese zeigt man uns im Fernsehen als Flüchtlinge vor Gaddafi, obwohl sie eigentlich vor den Rebellen fliehen. Befragte unter ihnen schildern, dass es ihnen bisher in Libyen gut ging.

Ich kann hier aber nicht den ganzen Film nacherzählen.

Gibt es an ihm auch etwas zu kritisieren? Ja – mir gingen die hektischen Archiv-Filmschnipsel zu Beginn auf die Nerven, mit denen die Geschichte Libyens unter Gaddafi erklärt werden sollte. Das kann man auch anders darstellen. Die musikalische Untermalung mit irgendwelchen Hits war auch nervig und teilweise völlig unpassend. Grimaldi hat anscheinend oft selbst gefilmt, worunter die Kameraeinstellungen teilweise etwas litten (aber das passt natürlich wiederum zum Doku-Charakter). Doch ich möchte solche stilistischen Dinge einmal durchgehen lassen, da der Inhalt wichtig ist. Ist der Film einseitig? Ja. Da aber die Gegenseite genauso einseitig ist und dabei noch lügt, will ich auch das entschuldigen. Außerdem muss ein Film zwangsläufig einseitig sein, wenn er eine sonst nicht gezeigte Seite darstellt.

Anschließend gab es noch eine Diskussion. Die verlief für mich ohne zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Ein Besucher erklärte zwar, dass man die Angelegenheit mit dem in einem großen Studio nachgebildeten Grünen Platz selbst mit Google Earth überprüfen könne, weil man dort die Unterschiede zu dem im Video gezeigten Platz sehen könne. Das fand ich interessant, weil ich diese Story bisher etwas mit Skepsis betrachtete. Die Google-Bilder von dort sind sogar ziemlich hochauflösend und sie sind auch recht aktuell (Aug. 2010). Ansonsten war die Diskussion ein typisches Beispiel dafür, was passiert, wenn nur Gleichgesinnte unter sich sind: Man steigert sich dann so langsam ins Übertreiben hinein. Libyen wurde bald zu einem Paradies auf Erden, wo Milch und Honig fließen, wo es ein besseres Schulsystem als bei uns gibt (das libysche ist kostenlos), wo das Gesundheitssystem viel besser sein muss als unseres (auch das ist in Libyen kostenlos) und wo auch die bessere Demokratie als bei uns herrscht. Würden die Wortmeldungen aus dem Publikum 1:1 in Textform in Blogs oder Foren veröffentlicht, dann würde man die meisten bald in Grund und Boden kritisieren. Schön sind auch immer Menschen, die vor Publikum mal was sagen wollen und die dann erst während des Redens zu überlegen beginnen, was eigentlich ihre Frage sein könnte? Oder die so etwas völlig „themenbezogenes“ fragen wie: „Wie beurteilen sie die Situation Saddam Husseins und Rammstein in den 80ern?“ Der gute Mann meinte übrigens Rumsfeld. Ein Mann namens Werner rief dann dazu auf, wir müssten Zellen bilden, kleine Zellen um Informationen von Mensch zu Mensch weiterzugeben! Lasst uns Telefonnummern tauschen – das ginge nur so, über das Internet geht das nicht. Viele nickten. Ich finde, genau das geht übers Internet eigentlich super. Lasst uns eine Facebook-Gruppe gründen oder einen Google+ – Kreis … Na, lassen wir das. Man könnte sagen, die Diskussion war allgemein etwas antiimperialistisch.

Ich hätte Herrn Grimaldi gern noch gefragt, wie er auf die Idee kommt, dass die Unterstützung der Rebellen über Saudi-Arabien und Israel erfolgt? Denn so etwas hatte er behauptet. Das mit Saudi-Arabien hatte ich schon irgendwo gelesen, aber Israel? Warum sollte man in Israel ein Interesse daran haben, Leute zu unterstützen, die den Islam fördern (also die Muslim-Brüder und Al-Kaida)? Nebenbei: Auch die Sache mit Saudi-Arabien ist fragwürdig, denn das geht nur auf eine einzelne Aussage von jemandem zurück, der behauptet hatte, die USA hätten die Saudis gebeten, Waffen zu den Rebellen zu liefern. Aber die Diskussionszeit war bald um und es gab noch Wortmeldungen vor mir.

Ich wurde vor dem Besuch übrigens noch gewarnt„Wer zu dieser skurrilen Veranstaltung aufruft, ist der „Bund gegen Anpassung„. Was das für eine Sekte ist, steht bei Telepolis.“ Ich fand, dass es aber keinen rückwirkenden Einfluss auf den Filminhalt haben kann, von wem er vorgestellt wird. Hätte beispielsweise die Landeszentrale für politische Bildung denselben Film vorgestellt, wäre ja alles in Ordnung gewesen. Leider macht die LpB so etwas aber nicht, deshalb stand also vor der Leinwand ein Tisch, an dem einige Leute vom BgA saßen. Das ist letztlich irgend so ein – nur Insidern bekanntes – linkes Splittergrüppchen, welches von anderen – ebenso unbekannten – linken Splittergrüppchen gern schon einmal als Sekte eingestuft wird. Aber ihre linksinternen Selbstzerfleischungen dürfen die Betreffenden gern unter sich ausmachen – mir ist das ziemlich egal. Doch was hatte der BgA nun mit Fulvio Grimaldi zu tun? Das liegt am AHRIMAN-Verlag, den der BgA betreibt. Dieser Verlag, der z.B auch die einigermaßen bekannten „Ketzerbriefe“ veröffentlicht, bietet Grimaldis Film auf DVD an. So einfach sind die Zusammenhänge manchmal.

Nachtrag: Im Anschluss an die Veranstaltung in der Schauburg gründete sich die Solidaritätsgruppe „Frieden für Libyen“ in Dresden. Näheres dazu siehe hier.

12 Kommentare:

  1. Den Luftangriff, den Gaddafi angeblich auf Bengasi ausführen ließ, hat es nie gegeben, was auch ein russischer Satellit bald darauf bestätigte.

    Entscheidend für den UNO-Beschluss war die Drohung, die Gaddafi und sein Sohn ausgesprochen haben, ein Blutbad in Bengasi anzurichten.

    Die Rebellen verdanken ihr Vordringen ausschließlich dem Bombardement der NATO. Sie hatten vorher praktisch keine militärischen Erfolge.

    Kann man denen, die einen Austand gegen ein Regime anfangen, vorwerfen, dass sie nicht die gleiche Menge Waffen haben wie das Regime (Gaddafi), welches widerum diese Waffen auch von deutschen Firmen gekauft hat, wie die Rebellen bei der Erstürmung in Bengasi gesehen haben?

    Die Rebellen sind nur zum geringsten Teil Libyer. Sie haben aber später Einheimische gezwungen, für sie zu kämpfen, sie bezahlen teilweise irgendwelche Kämpfer, sie arbeiten mit Al-Kaida zusammen.

    Na ja, eigentlich soll Gaddafi Söldner angestellt haben. Und die Warnung vor Al-Kaida haben ja eigentlich alle autoritären Herrscher in der arabischen Welt ausgesprochen, die damit ihre Regimes gerechtfertigt haben. Der arabische Frühling, wo ich den Aufstand in Libyen zählen wurde, haben aber den Aufstand auf der Straße und die Demokratisierung zur politischen Option für die Leute in der arabischen Welt gemacht. Damit dürften Al-Kaida und sonstige islamistische Ideologien an Beliebtheit verliehren. Warum sollten sich die Leute auch religiösen Regiemen unterwerfen und diesen ihre Freiheit abgeben, wenn es eine andere Option gibt? Die Frage ist doch, welchen Einfluss unter diesen Voraussetzungen die Islamisten am neuen Libyen haben werden. Am Ende müssen sich diese sehr mäßigen, ähnlich der CDU in Deutschland, die nun auch keinen christlichen Gottesstaat errichtet hat. Wenn es einmal die Option des erfolgreichen Aufstandes gibt, dann könnte das auch weitere autoritäre religiöse oder sekuläre Regimes verhindern. Ich kenne zwar keine Libyer in Dresden, habe aber aus Interesse mit einigen Leuten aus anderen arabischen Ländern gesprochen. Dort wird der NATO-Angriff sicher auch kritisch gesehen, aber es wird auch keine andere Lösung gesehen, wie man Gaddafi sonst wegbekommen hätte. Und dass Gaddafi weg musste, dass schien Konsens, da habe ich bisher keine andere Meinung gehört, auch bei Linken mit arabischen Hintergrund. Und wenn den westlichen Medien Einseitigkeit vorgeworfen wird, ist dann das so beliebte Al Jazeera auch ein westliches Medium?, was ja sehr aus der Sicht der Aufständigen berichtet. Es gab ja nicht nur Aufstände in Libyen und Syrien, sondern unter anderem auch in Tunesien, Ägypten und Bahrein, die teilweise noch viel stärker mit dem Westen verbündet waren als Gaddafi-Libyen.

    Libyen wurde bald zu einem Paradies auf Erden, wo Milch und Honig fließen, wo es ein besseres Schulsystem als bei uns gibt (das libysche ist kostenlos), wo das Gesundheitssystem viel besser sein muss als unseres (auch das ist in Libyen kostenlos) und wo auch die bessere Demokratie als bei uns herrscht.

    Kostenlos ist zwar gut, und in einem öl-reichen Land wie Libyen sicher auch einfach machbar, aber nicht immer besser. Andere sagen, dass gerade das libysche Bildungssystem und ebenso das Gesundheitssystem als schlecht galten, mindestens gemessen am Bruttosozialprodukt. Offiziell sollte in Libyen eine Art Basisdemokratie herrschen mit ihren „Basisvolkskongressen“, wo aber scheinbar niemand eine eigene Meinung äußern durfte.

    Ich hätte Herrn Grimaldi gern noch gefragt, wie er auf die Idee kommt, dass die Unterstützung der Rebellen über Saudi-Arabien und Israel erfolgt?

    Na klar, Israel ist natürlich an allem Bösen Schuld, wer auch sonst?

    Nochmal nebenbei zum „Bund gegen Anpassung“: Dieser wird von anderen eben auch als rechte Splittergruppe bezeichnet, auch wenn er aus einer K-Gruppe hervorgegengen ist. (siehe auch Telepolisartikel: 1989 unterstützte die Gruppe durch verschiedene Publikationen die „Republikaner“, und gab dafür als Grund an, dass man sich mit den Rechtsradikalen in vielen politischen Punkten, von der Ausländerpolitik bis zum Antiimperialismus (in Bezug auf die USA) einig sei. In der Zeitschrift „Ketzerbriefe“ wurde die negative Darstellung der „Republikaner“ in anderen Medien mit dem Begriff „Lügenpresse“ abqualifiziert.

  2. Micha(el) Winkler

    @ Libyen
    Die Wahrheit wird wohl wieder mal irgendwo in der Mitte liegen 😉 … es ist schwierig, wenn immer nur die Pole betrachtet werden.
    Mein Bauchgefühl sagte mir, dass eine Unterstützung der Rebellen gut sei. Anders als im Irak schien der Aufstand in libyen zumindest am Gange. Allerdings wurde er dort durch das westliche Wirtschaftsembargo auch indirekt unterdrückt.
    Es ist jedenfalls schwierig abzuschätzen.
    Jedenfalls bin ich bei Gruppen, die aus einer einseitigen Darstellung eine andere einseitige machen genauso skeptisch … wie z.B. bei den offiziellen Medien.

    Auf ARTE kam mal eine doch recht positive Darstellung von Gadaffi und „seiner“ Revolution, die er ja immer als Revolution des Volkes bezeichnet. Gadaffi ist schon ne andere Type als Saddam …
    Allerdings denke ich, dass nach 40 Jahren auch mal Zeit für ’nen Übergang sein sollte. Fidel und Kim haben das „etwas besser“ gelöst, auch wenn dort noch sehr sehr viel im Argen ist.

    @ BGA
    Die Ziele des BGA – GEBURTENKONTROLLE – ARBEITSZEITVERKÜRZUNG – GLEICHHEIT WELTWEIT – sind ja schon vielsagend 🙂
    Arbeitszeitverkürzung teilweise d’accord, doch dann hört’s bei mir schon auf 😉

  3. Entscheidend für den UNO-Beschluss war die Drohung, die Gaddafi und sein Sohn ausgesprochen haben, ein Blutbad in Bengasi anzurichten.

    Diese Aussage stammt nicht von Grimaldi, sondern die hatte ich beim Schreiben noch im Hinterkopf. Ich wollte soeben schreiben, dass ich diesen Fehler im Text korrigiere, allerdings überlegte ich dann, woher ich diesen Gedanken eigentlich hatte? Von hier . Das wäre noch mal ein Fall für eine genauere Recherche.

    Kann man denen, die einen Aufstand gegen ein Regime anfangen, vorwerfen, dass sie nicht die gleiche Menge Waffen haben wie das Regime (…)?

    Nö, kann man nicht. Wenn die Bevölkerung ihren Herrscher loswerden will, darf sie das. Notfalls auch mit Waffengewalt, wenn dieser selbst welche einsetzt. Und Gaddafi hat offensichtlich Söldner gegen die Aufständischen eingesetzt. Aber da wäre schon noch die Frage, ob die gegen unbewaffnete Demonstranten vorgingen, oder nur gegen bewaffnete Kämpfer, wie er selbst behauptete : „“Libyen gehört uns (…) Wir können keinen einzigen Schuss auf unser eigenes Volk abfeuern, es ist die Organisation Al-Kaida … (die von den Regimetruppen bekämpft wird)“.

    Aber wenn anscheinend große Teile der Bevölkerung (möglicherweise) gar nicht von einer Rebellenminderheit befreit werden wollen, dann muss man sich vielleicht nicht noch einseitig auf die Seite eben dieser Rebellen stellen? Völlig falsch ist es dann auch, wenn eine fremde diese Rebellen militärisch unterstützt.

    Der arabische Frühling, wo ich den Aufstand in Libyen zählen wurde, haben aber den Aufstand auf der Straße und die Demokratisierung zur politischen Option für die Leute in der arabischen Welt gemacht. Damit dürften Al-Kaida und sonstige islamistische Ideologien an Beliebtheit verliehren. Warum sollten sich die Leute auch religiösen Regiemen unterwerfen und diesen ihre Freiheit abgeben (…)

    Und wahrscheinlich will die Bevölkerung Libyens genau aus solchen Gründen nicht von den Rebellen eingenommen werden.

    Und dass Gaddafi weg musste, dass schien Konsens, da habe ich bisher keine andere Meinung gehört, auch bei Linken mit arabischen Hintergrund.

    In unseren Medien hört man so etwas erst seit 5 Monaten. Die libysche Bevölkerung scheint es selbst nicht mehrheitlich so zu sehen, aber genau deren Entscheidung müsste es sein, ob Gaddafi weg muss oder nicht.

    Und wenn den westlichen Medien Einseitigkeit vorgeworfen wird, ist dann das so beliebte Al Jazeera auch ein westliches Medium?, was ja sehr aus der Sicht der Aufständigen berichtet.

    Genau das kritisierte auch Grimaldi in seinem Film an Al Jazeera.

    Kostenlos ist zwar gut, und in einem öl-reichen Land wie Libyen sicher auch einfach machbar, aber nicht immer besser. Andere sagen, dass gerade das libysche Bildungssystem und ebenso das Gesundheitssystem als schlecht galten, mindestens gemessen am Bruttosozialprodukt. Offiziell sollte in Libyen eine Art Basisdemokratie herrschen mit ihren „Basisvolkskongressen“, wo aber scheinbar niemand eine eigene Meinung äußern durfte.

    Naja, und genau das fand ich dann auch unsachlich. Denn solange man viel Erdöl hat, kann man sich solche „kostenlos für alle“-Aktionen ganz einfach leisten. Um sich bei der Bevölkerung beliebt zu machen. Und das tat nicht nur Gaddafi, sondern das scheint es in unterschiedlichen Formen in einigen arabischen Erdölstaaten zu geben. Und diese libysche so viel bessere Demokratie überließ die wirklich wichtigen Entscheidungen anscheinend noch nie dem Volk.

  4. Na ja, irgendwie schwer zu sagen was die Mehrheit will. Auf welche Umfragen will er sich denn berufen? Diese Umfragen müssten ja dann jedenfalls in einem angstfreien Klima entstanden sein. Ein Journalist kommt und fragt Leute auf der Straße? Und die Leute antworten einem fremden Mann ehrlich, der auch ein Spitzel sein könnte? Der Journalist hat Gaddafi-Jubelkundgebungen gesehen? Gut, alles könnte man von den Rebellen auch behaupten. Aber wer hatte denn länger Zeit ein Klima der Angst zu schaffen? Bei Unzufriedenheit muss es nicht immer einen Aufstand geben. Vielen Leuten ist Sicherheit wichtiger. Außerdem überlegen sich die Leute auch, ob es noch schlimmer kommen könnte. Die Zedernrevolution 2005 im Libanon hat das Land auch nicht vor dem nächsten Krieg bewahrt. Fakt scheint zumindestens, dass einigen (den Rebellen) der Sturz von Gaddafi sehr wichtig geworden ist, so dass sie den Aufstand gewagt und einiges riskiert haben, und zwar bevor eine NATO eingegriffen hat, was erst ja überhaupt nicht klar war. Gaddafi war zum Schluss ja ziemlich gut mit dem Westen befreundet und hat z.B. gemeinsam mit der EU Flüchtlinge abgewehrt.

  5. Jetzt habe ich ganz vergessen, nochmal darauf einzugehen:

    @ dada: Das sind alles berechtigte Einwürfe. Die kann (und will) ich auch gar nicht wegdiskutieren. Es ist eben schwierig, sich von hier aus ein Bild zu machen. Im Film gab es z.B. eine Stelle, die man auch sehr auslegen kann: Man sieht, wie Gaddafi im offenen Auto durch die Stadt gefahren wird, Menschen stehen an den Straßen und jubeln ihm zu, er steht hinten und winkt, von keinerlei Panzerglas geschützt. Grimaldis Kommentar dazu: „So ungeschützt durch die Straßen zu fahren – das würde sich kein westlicher Politiker wagen! Da sieht man, wie beliebt er im Volk ist.“

    Ja, kann aber auch daran gelegen haben, dass jede Menge Sicherheitsbeamte im Hintergrund standen und dass jeder wusste: Eine falsche Reaktion von mir, und ich bin im Knast! In meiner Jugend (DDR, 1984) sollte einmal Erich Honnecker in Dresden durch Striesen fahren*, in Begleitung von Kim Il Sung aus Nordkorea. Ich weiß nicht, wie gepanzert das Fahrzeug damals war, aber die hätten ebenfalls problemlos im Cabrio fahren können. Kein DDR-Bürger hätte sich dort gewagt, etwas auch nur ansatzweise Falsches zu tun.

    (*Es hatte für uns den Nutzen, dass dafür endlich mal die von Schlaglöchern übersäte Dornblüthstraße repariert wurde. Die daneben liegenden Straßenzüge blieben freilich, wie sie waren.)

  6. Mich erreichte noch eine Mail zu dem Thema, deren Kerninhalt ich hier (nach Rückfrage) noch mit veröffentliche:

    Wir haben am Abend noch beschlossen eine Solidaritätsgruppe „Frieden für Libyen“ zu gründen.

    Hier sind die Eckpunkte:

    Grundsätzliche Positionen unserer Solidaritätsbewegung für Libyen und gegen den NATO-Krieg.

    12.9.2011.

    Wir fordern einen sofortigen Stop der NATO-Bombenangriffe auf Libyen!

    Das libysche Volk soll seine Gesellschaftsform und sein politisches System selbst bestimmen.

    Keine ausländischen Truppen in Libyen! Abzug aller NATO-Spezialkräfte, ausländischen „Miltärberater“ und „privaten Sicherheitsfirmen“.

    Wir müssen über die wirklichen Kriegshintergründe aufklären, ebenso wie über die Propaganda der NATO und der westlichen Presse

    Wir müssen den Opfern des Krieges – und zwar ungeachtet, auf wessen Seite sie stehen – eine Stimme und ein Gesicht geben!

    Wir fordern die Einhaltung des Artikels 26 des Deutschen Grundgesetzes, welcher einen Angriffskrieg unter Strafe stellt. Somit sind alle Handlungen, die den NATO-Krieg von Seiten der BRD unterstützen, sofort einzustellen!

    Wenn Sie Interesse haben, mitzumachen, kontaktieren Sie mich bitte.
    Mein Name ist Kay Hanisch, ich bin Mitglied der Bürgerbewegung „Neue Richtung“.

    Wer also Interesse hat, kann an diese E-Mail-Adresse schreiben: neue-richtung (at) gmx.de

    Beteilige ich mich daran? Nein. Soso … erst hier große Töne spucken, aber dann nichts tun, wenn es eine Gelegenheit gibt … warum das? Das habe ich dem Absender folgendermaßen erklärt:

    Ich selbst werde mich allerdings nicht daran beteiligen (aber Danke für den Hinweis). Da die Situation in Libyen möglicherweise jeden Tag im Sinne der NATO beendet sein könnte, halte ich es nicht für sinnvoll, jetzt erst noch eine neue lokale Protest-Gruppe zu gründen. Bis diese sich selbst organisiert, Grundsätze diskutiert, eine Internetseite und Verteiler für die Informationen erstellt hat (und was bei solchen Aktionen sonst noch üblicherweise alles erst passiert) – bis dahin ist es in Libyen vorbei. Ich finde es sinnvoller, bereits bestehende Möglichkeiten zu nutzen* und bereits existierende Organisationen zu unterstützen. Und ehrlich gesagt, halte ich da sogar eine Facebookgruppe für effektiver (auch wenn das etwas inflationär angewendet wird).

    (* Meine Blogtexte zu dem Thema hatten inzwischen mehrere hundert Zugriffe – die meisten davon der mit Hinweisen auf weitere Informationsquellen. Also konnte ich immerhin ein wenig zur Informationsweitergabe beitragen.)

  7. Nur eine Anmerkung zu den Straßenverhältnissen damals und heute: Heute ist die Dornblüthstraße nach jedem harten Winter mit Schlaglöchern gestraft …

  8. Im Sozialismus waren eben sogar die Winter milder! Es war nicht alles schlecht … 😉

  9. Korrektur (auch wenn’s eigentlich nebensächlich ist): Kim Il Sung wurde nicht von Honnecker, sondern von Modrow begleitet.

  10. Damit hier die Beiträge der Läster(Miet?)mäuler nicht unwidersprochen stehen bleiben, will ich mal (exemplarisch für die vielen Lügen) das Thema „angedrohtes Blutbad“ aufklären.

    Saif al Islam Gaddafi: „Rivers of blood will flow“.

    Meine Recherche zeigte, dass das aus dem Kontext gerissene Saif-Zitat laut Google auf 160.000 Internetseiten zu finden ist, während keine zehn Seiten den vollständigen Kontext publizieren! Jeder, der diese Auslassungslüge wiederholt, beteiligt sich an der NATO-Kriegslügen-Desinformation und muss (sofern Christ) dafür wahrscheinlich einige Wochen in der Hölle schmoren.

    Hier jedenfalls die Transkription der Rede
    http://britanniaradio.blogspot.com/2011/02/special-dispatch3606february-21-2011.html
    welche offenbar auf den englischen Untertiteln dieser TV-Ausstrahlung basiert
    http://www.memritv.org/clip/en/0/0/0/0/0/0/2818.htm
    Eine ungeschnittene Fassung der Rede konnte ich nicht finden, aber da sie nicht vor Publikum, sondern im Studio gehalten wurde, ist anzunehmen, dass nur diese Version veröffentlicht wurde.

    Entgegen der fast überall verbreiteten manipulativen Interpretation handelt es sich bei dem Zitat nicht um eine DROHUNG, sondern um eine WARNUNG. Das ist ein feiner, aber sehr bedeutender Unterschied. Die ganze Rede hat eindeutig das Ziel, Blutvergießen zu verhindern, aber selbstverständlich(!!) auch die Einheit und Integrität der mühsam etablierten libyschen Patchwork-Nation zu verteidigen. Und er bietet nicht nur erhebliche politische Konzessionen an, sondern – das muss man sich mal vorstellen! – schlägt sogar einen nationalen Dialog über die libysche Verfassung vor. Inzwischen hat es sich ja immer wieder gezeigt, dass es zuerst die Rebellen und zuletzt ausschließlich die NATO war, die einen Dialog, Verhandlungen und einen Waffenstillstand kategorisch verhindert haben. Deswegen kam dieser einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Satz den westlichen Propaganda-Drahtziehern gerade recht, um den Konflikt international anzuheizen.

    Und seht Euch an, wie Saif al-Islam Recht behielt:

    „Prepare yourselves for colonialism, on top of everything else. Colonialism is coming back. It will return. The Europeans and Americans will return and will enter Libya by force.“

    WOHLGEMERKT, dies sagte er vier Wochen vor der UN-Resolution 1973, als noch alle Welt naiv glaubte, große Teile des libyschen Volkes würden sich ähnlich wie in Ägypten in einer breiten, mehr oder wenige friedlichen Demokratiebewegung erheben. Und es war lange bevor irgend jemand (außer den westlichen Drahtziehern) an ein wie auch immer geartetes Eingreifen dachte.

  11. Pingback:Kritik an Filmvorführung in der Schauburg | Alternative Dresden News

  12. Hier ein Interview,

    mit Gaddafi, welches ca. ein Jahr zurückliegt. Interessant seine Ausführungen zu seiner eigenen Rolle.
    Eine Ergänzung des Gaddafi-Bildes kann vielleicht ein Beitrag von Antonia Rados zu dessen weiblicher Leibgarde und über die bulgarischen Krankenschwestern liefern.
    Mo – 01.April 2012 – 22h15 auf RTL.

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