Ein letzter Zeitzeuge berichtet

„Ich muss Euch demnächst mal über die Zeit der Wende befragen, also wie Ihr 1989 erlebt habt“, erklärte der Sprößling uns vor kurzem. „Das ist für die Schule, für so ein Projekt“. Aber jetzt gleich ginge es nicht, denn der Zettel mit den Fragen war erst einmal irgendwie weg, was ja durchaus einmal vorkommen kann. Doch gestern Abend war der Zettel wieder da und konnte nun abgearbeitet werden. Am besten gleich von mir selbst. Und logischerweise sofort, denn morgen wäre Abgabe.

Also verbrachte ich den Abend wieder mal am Notebook und erledigte Hausaufgaben. Dieser Lehrer wollte aber auch Sachen wissen! Zum Beispiel: „Waren Sie Mitglied einer Partei oder Organisation? Welche politische Einstellung hatten Sie? Wie empfanden Sie den Umgang mit der DDR-Führung durch die Justiz der BRD?“

Ähm … sollte das wirklich für ein Schulprojekt sein oder war das eine Art verspäteter Stasi-Test? Oder verdient sich der Lehrer etwas nebenbei und arbeitet der amerikanischen Einwanderungsbehörde zu? Aber Fingerabdrücke sollte ich immerhin nicht mit abgeben, also schied das wohl aus. Müssen Eltern so etwas wirklich beantworten? Selbstverständlich hätte ich mich weigern können, aber andererseits bin ich auch bei Facebook – also bei dieser Aktion „Freiwilliger Gläserner Bürger“ – insofern: Was soll’s?

Man kennt das ja, wenn die letzten Zeitzeugen einer Epoche noch alle fix befragt werden, bevor der letzte wegstirbt. Insofern gehen einem dann eigenartige Überlegungen durch den Kopf, wenn man unvermittelt selbst als Zeitzeuge berichten soll: Ist es mit mir auch schon so weit? Bin ich der letzte meiner Art? Ich hatte noch so viel vor …

Manche Fragen ließen sich gar nicht so schnell abarbeiten, weil dabei zu viele Überlegungen aufkamen: „Welche berufliche Tätigkeit haben Sie damals ausgeübt und wie war Ihre finanzielle Situation?“. Wenn man sich dann überlegt, dass man damals als Student tatsächlich von nur 200 Mark (und dann auch noch Ost!) gelebt hat … und dass man davon sogar noch notwendige Kneipenbesuche finanzieren konnte! Und die jährlichen Fahrten nach Budapest, um dort teure West-Schallplatten zu kaufen!

Schwierig fand ich: „Welche politische Einstellung hatten Sie?“. Man wäre fein raus, wenn man das für den heutigen Zustand beschreiben müsste. Das ist längst übersichtlich einsortiert und man braucht nur zu schreiben „links“ oder „ich bin rechtsextrem und Mitglied der Wehrsportgruppe Dresden/Pappritz“. Aber wie beschreibt man unsere damalige politische Orientierung? Gegen die SED – ja, klar. Das waren wir alle. Spätestens im Nachhinein. Aber irgendwie fanden wir auch die Idee einer sozialen Gesellschaftsordnung nicht verkehrt, was sich ja bis heute bei mir gehalten hat. Schon schlimm, wie man uns mit diesem Sozialismus indoktriniert hat!

„Waren Sie Mitglied einer Partei oder Organisation?“ Na klar! Logisch! Waren wir doch fast alle – in der DDR hat man alles mitgenommen, was es gab. Nur eben nicht freiwillig: Pioniere, FDJ, DSF, FDGB … aber nicht die Partei. Ist der Lehrer aus dem Westen, dass der sowas fragt? Angeblich nicht. Zu jung? Auch nicht. Ich tippe auf Teil-Amnesie! Immerhin kann ich in der Antwort stolz erwähnen, dass ich ca. 1986 aus der FDJ ausgetreten bin – ganz offiziell. Erstaunlicherweise hatte das keine negativen Folgen – ich erhielt später sogar problemlos meinen Studienplatz. Allerdings vermute ich, dass es daran lag, dass mein zuständiger FDJ-Sekretär es einfach nicht weiter gemeldet hatte, um selbst keinen Ärger zu bekommen.

So, Teil 1 des Fragebogens ist abgearbeitet, ich nehme mal besser ein zweites Glas Rotwein, damit mein Stil etwas flüssiger wird. Der Trend geht heute mal wieder zum Zweitglas – haha! Der Lehrer soll jedenfalls nicht so langatmiges Zeug zu lesen bekommen.

„Wo waren Sie am 9. November 1989?“ Das weiß ich genau. In Görlitz, im Studentenwohnheim „Vogtshof“ saß ich mit anderen in der „Maus“, unserer eigenen Kneipe, vorm Fernseher. Wir sahen dort live die Rede von Günter Schabowski. „Was waren Ihre ersten Gedanken als Sie hörten, dass die Mauer fällt?“, ist dann schon wieder schwieriger. ‚Jetzt muss man nicht mehr bis nach Budapest fahren, um die interessanten Schallplatten kaufen zu können!‘, vielleicht. Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall gab es an dem Abend noch lange hitzige Diskussionen und wurde mir schlagartig klar, dass damit bisherige Diskussionen über einen – immer noch undefinierten – „Dritten Weg“ Ostdeutschlands eigentlich abgeschlossen werden konnten. Eine offene Grenze bedeutete absehbar die Wiedervereinigung. Und im Nachhinein weiß ich ohnehin immer weniger, wie ein „Dritter Weg“ hätte aussehen können.

Eine Frage fand ich gut: „An welchen anderen Aktionen gegen die DDR waren Sie aktiv beteiligt?“. Sollte ich mir hier eine schöne Story ausdenken? Etwa so: „Ich war damals Praktikant bei Günter Schabowski und tauschte vor der Pressekonferenz am 9.11.89 seinen Stichwortzettel aus. Ursprünglich sollte er nur Preissenkungen importierter rumänischer Autos verkünden. So habe ich dann aber die Mauer zu Fall gebracht!“. Meine Antwort fiel allerdings so aus: „Ich würde jedem misstrauen, der heute behauptet, an Aktionen gegen die DDR beteiligt gewesen zu sein. Insofern bei mir: Keine“. Was ja auch stimmt.

So, nun müssen wir mal zum Ende kommen: Wie ich die massive    Fluchtbewegung vorher wahrgenommen habe … ob ich vor dem 9. November Fluchtgedanken hatte … ob ich an den Demonstrationen im Herbst teilgenommen habe … ob ich die Wende damals als positiv oder negativ wahr nahm … Wie soll man das alles beantworten, ohne dabei mehrere A4-Seiten zu füllen? Das hätte schon diese eine Frage erfordert: „Was hat die Wende in Ihrem Leben verändert?“. Ziemlich viel!

Aber es lässt sich eigentlich doch kurz zusammenfassen: Es ging alles den Bach runter … die ham‘ doch hier alles platt gemacht … es war nicht alles schlecht. Und für gebrauchte Schallplatten kriegt man hier im Westen auch nichts mehr, was mir vorher auch keiner gesagt hat. Die ham‘ uns doch belogen und betrogen! Ach nee, das waren ja die von der SED!

4 Kommentare:

  1. Michael Winkler

    Echt witzsch 🙂

    Tja,, mir kam beim Lesen auch die Frage, ob der Lehrer „aus dem Westen“ sei. Doch vielleicht ist es so eine Art 68er-Bewegung, die jetzt fragt: „Papa, warum hast du damals nichts getan?“ 😉

    Tja, was macht man da?
    Ich hab’s ja gut, ich bin politisch total unvorbelastet. Okay, ich war stellvertretender Gruppenratsvorsitzender; ich wusste schon immer, dass nur die obersten Köpfe rollen, die zweiten rutschen nach 😉 … und ich war sozusagen ein Musterschüler, sicher perfekt für die spätere Partei- und Kaderarbeit. Man bin ich froh, dass du Schabowskis Notizzettel ausgetauscht hast, Frank 😉

    Hmm, ansonsten würde ich wohl versuchen, ’nen Elternabend einzuberufen, um die Ambivalenz solcher Hausaufgaben zu hinterfragen. Gegen eine Inspiration des Lehrers, seinen Schülern mitzuteilen, dass sie ihre Eltern ja mal über ihr Leben in der DDR befragen könnten, ist ja nichts einzuwenden. Als Hausaufgabe, grenzt es für mich an „Nötigung“ … und überhaupt hat es derartige Befragungen denn auch zu DDR-Zeiten gegeben??
    So in der Art: „Frage deinen Eltern, …
    1. wen Sie bei der letzten Wahl gewählt haben?
    2. wann das letzte Mal ein Kontakt zu eventuell vorhandenen (verwandtschaftlichen) Beziehungen im NSW bestanden hat?
    3. wo sie am 1. Mai des Vorjahres waren?
    4. welche Radio- und Fernsehsender sie bevorzugt hören bzw. sehen?“

    Mal abgesehen davon, kannst du wohl froh sein, dass dein Sohn offen mit dir ist. Stell dir mal vor, es gibt da Schüler, die ein eher gespanntes Verhältnis zu ihren Eltern haben oder deren Eltern das nicht beantworten wollen. Die Schüler trauen sich dann vielleicht nicht, das dem Lehrer zu sagen. Dann füllen die das Ding am Ende vielleicht selbst aus 🙂 … da kann man schnell mal ’nen völlig neuen Lebenslauf bekommen 😉

    Der Versuch des Lehrers, eine gesellschaftliche Debatte anzuregen, in allen Ehren, doch das sollte man aus pädagogischer Sicht wohl nochmals überdenken. Die Idee ist nicht schlecht, doch die Intention ist nicht klar, ganz einfach weil die Art und Weise „echt ä bissl schrääch“ ist.

  2. Darf ich fragen, in welche Klasse Dein Kind geht? Ich will vorbereitet sein, wenn mein jüngerer Sohn mit solchen Fragen nach Hause kommt  …

  3. @ Micha:

    … ‘nen Elternabend einzuberufen, um die Ambivalenz solcher Hausaufgaben zu hinterfragen.

    Ach nee – das ist nun nicht so mein Ding. Ich halte nicht viel davon, wenn besorgte Eltern sich wegen jedem Pups immer gleich in schulische Dinge einmischen wollen. Das klingt immer so nach nichtarbeitenden Müttern (deren Männer einen gutbezahlten Job haben) und die nun den ganzen Tag zu Hause sitzen und deshalb nichts Besseres zu tun haben, als sich bei jeder Kleinigkeit in der Schule einzumischen bringen. Das hatten wir in der Grundschule. Ich will eigentlich nichts Negatives über „Wessi“-Frauen sagen, aber die betreffenden Damen waren durchweg solche und ihr Auftreten ging uns anderen in dieser Hinsicht etwas auf den Keks. Das prägt einen für die spätere Zeit.

    Irgendwo muss man die Lehrer ja auch mal machen lassen. Und wenn die Schüler am Ende auf diesem Weg etwas über unsere Jugend erfahren, ist es auch gut. Uns selbst hören die ja nicht zu, wenn meine Generation begeistert davon erzählt, wie schön es früher war. 😉

    Mal sehen, was daraus entsteht. Wenn es nichts Sinnvolles ist, kann ich im nächsten regulären Elternabend immer noch fragen.

    @ Stefan: Die 10. Klasse ist es. Willst Du die Fragen schon mal haben, um im richtigen Moment bereits vorbereitet zu sein? Also, um dann bereits 10 A4-Seiten abgabebereit vorliegen zu haben? (Hier natürlich auch ein 😉 )

  4. Michael Winkler

    Frank, mach natürlich wie du denkst. Elternsabend war vielleicht etwas „hoch angesetzt“ 😉 … doch mir geht es um den Unterschied zwischen Hausaufgabe und Schüler zu etwas inspirieren. Gegen einen Generationendialog ist überhaupt nichts zu sagen, der ist wichtig. Nur sollte es nicht aufgedrückt werden, denn dann kann es nach hinten losgehen.

    Die Sache ist auch insofern schräg, weil ein Nichtausüllen tendenziell nach „Hat der etwas zu verschweigen???“ aussieht. Insofern können auch nur Fragebogen-Ausfüller etwas sagen, da versteht man die Kritik – vorausgesetzt man hat welche 🙂

    Ich zieh mal ne Analogie … wenn der Biologie-Lehrer den Schülern einen Fragebogen mitgeben würde, der das Sexualverhalten der Eltern betrifft, würde man vermutlich ganz anders reagieren, obwohl die natürlichste Sache der Welt ist 🙂

    Mir ging’s prinzipiell um den Unterschied zwischen Freiwilligkeit u d Zwang… und Hausaufgabe ist „tendenzieller Zwang“.
    Naja, wer weiß, was bei raus kommt 😉 … wie du schon sagtest.

    Vermutlich ist es ja auch eine Idee des Lehrers selbst und keine die im Lehrplan steht, oder?

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