Mauereidechsen in Dresden

Eigentlich dürften Mauereidechsen (Podarcis muralis) in Sachsen überhaupt nicht vorkommen. Man findet diese wärmeliebenden Echsen hauptsächlich am Mittelmeer. In nördlicher Richtung breiteten sie sich etwa bis nach Ungarn und in die Slowakei aus, westlich der Alpen gelangten sie bis nach Südwestdeutschland.

(Quelle: DGHT (1) )

Ob irgendwann einem Dresdner Terrarianer einige Tiere entwischten oder ob bei einem Warentransport aus Italien ein paar Eidechsen mit in einer Kiste saßen, wird sich wohl kaum noch klären lassen, aber Mauereidechsen leben in Dresden schon lange im Bereich der Grundstraße. Untersuchungen ergaben, dass die Tiere ursprünglich aus Italien stammten und der Unterart Podarcis muralis nigriventris angehören. Erstmalig von Fachleuten erwähnt wurde dieses Vorkommen, als bei Rainer König einige herpetologisch interessierte Besucher im Garten mit anwesend waren und dort plötzlich eine Mauereidechse auftauchte. Nachforschungen ergaben dann, dass Anwohnern das Vorhandensein dieser Tiere schon lange bekannt war. Da ihnen Eidechsen wohl als etwas zu Selbstverständliches erschienen, hatte sich niemand weiter damit beschäftigt. An der Grundstraße fand man die Echsen zu Beginn nur auf der nördlichen Straßenseite. Auf der südlichen Straßenseite oder überhaupt südlich der Grundstraße wurden die Tiere lange Zeit nie gefunden, was sicher daran liegt, dass es dort zu schattig ist. Im Mai 2013 konnten Mauereidechsen aber auch am südlicheren Elbhang nachgewiesen werden (siehe Nachtrag).

Kürzlich wurde ich durch einen Blog-Artikel auf ein neues Vorkommen aufmerksam gemacht. Der Autor gab den genauen Fundort nicht mit an, um – wie er schrieb – Eidechsenfängern keine Chance zu geben. Allerdings teilte er ihn freundlicherweise mir mit. Heute Vormittag untersuchte ich das Areal in einem größeren Radius. Und ich stellte dabei fest, dass es gar keinen Sinn hat, diesen Fund geheim halten zu wollen, weil es nur eine Frage der Zeit ist, bis es jemandem auffällt. Ich habe dort so viele Mauereidechsen gefunden, dass ich zum Schluss mit dem Fotografieren und dem Zählen aufhörte. Um es kurz zu machen: Wer an der Elbe zwischen Blauem Wunder und Waldschlösschenbrücke den Körnerweg entlang geht und dort Eidechsen sieht, hat höchstwahrscheinlich Mauereidechsen vor sich. Die Tiere haben sich dort sehr weit ausgebreitet, der Biotop ist mit seiner Südlage auch optimal für sie geeignet. Am häufigsten waren sie unterhalb der Schlösser Albrechtsberg und Eckberg (eine fand ich auch im Gelände von Schloss Albrechtsberg). Ich nehme an, dass sie bald auch noch weiter vordringen. Mich würde es nicht wundern, wenn sie bald in der Neustadt am Carusufer zu sehen sind. Es erscheint auch absehbar, dass sie sich südlich am Elbhang entlang bis nach Pillnitz ausbreiten könnten. Entlang dieses Gebietes sind durch Weinberge an mehreren Stellen günstige Biotope für Mauereidechsen vorhanden.

Darf man diese Tiere eigentlich fangen und mit nach Hause nehmen, wenn sie doch gar nicht einheimisch sind? Nein, darf man nicht. Wie alle anderen europäischen Reptilien steht auch die Mauereidechse unter Schutz – egal ob sie als gebietsfremde („allochthone“) Art vorkommt oder nicht. Abgesehen davon sollte man die Tiere bei solchen Haltungswünschen einfach nur einmal vor Ort beobachten und sich fragen, ob man ein ausreichend großes Terrarium anbieten kann, in dem diese Tiere ihren Bewegungsdrang ausleben können? Als Dresdner Mauereidechsen-Fan kann man statt dessen jederzeit wieder zum Körnerweg kommen und die Tiere vor Ort beobachten. Das ist viel interessanter. Und wer unbedingt trotzdem welche halten will, kann sich in der Dresdner DGHT-Gruppe bei Fachleuten erkundigen, wie das doch legal möglich ist und was bei der Haltung beachtet werden sollte.

In einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2008 wurde beschrieben, dass bisher 72 solcher allochthonen Vorkommen der Mauereidechse in Deutschland bekannt geworden sind. Davon konnten sich bisher 19 Vorkommen stabil halten, wovon das älteste seit 134 Jahren besteht (bezogen auf 2008). In solchen Gebieten wird die Mauereidechse als Paraneozoon definiert. Im Unterschied zu Neozoen (gebietsfremde, eingeschleppte Art) sind Paraneozoen neu eingebürgerte gebietsfremde oder heimische Unterarten einheimischer Arten, die in Gebieten außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes ebenfalls seit 25 Jahren leben. („Allochthone Vorkommen der Mauereidechse (Podarcis muralis) in Deutschland„; Zeitschrift für Feldherpetologie 15; Schulte, Thiesmeier, Mayer, Schweiger; Oktober 2008)

(1) DGHT: Reptil des Jahres 2011: Die Mauereidechse

(2) Ein Bericht über die Mauereidechsen der Grundstraße mit einigen weiteren Infos und Fotos 


Nachtrag April 2013: Weitere Fotos von diesem Fundort habe ich hier veröffentlicht


Nachtrag Mai 2013: Inzwischen haben die Tiere doch die Grundstraße überschritten und sich auch in südöstlicher Richtung ausgebreitet. Ein erster, von öffentlichen Stellen aus einsehbarer Fundort ist im Umfeld der Bergstation der Schwebebahn in Loschwitz. Hier konnte ich allerdings nur drei Tiere finden, von denen nur eins gut zu fotografieren war:

2013-05-09_eidechse1-kl

Klick zeigt Ausschnittsvergrößerung

Klick zeigt Ausschnittsvergrößerung

 


Nachtrag April 2014: Die Ausbreitung südöstlich der Grundstraße erstreckt sich in Loschwitz nun mindestens bis zum Veilchenweg. An diesem kann man die Tiere an den Mauern der Nordseite zwischen Schwebebahn und zweitem Steinweg sehen. Weiter südlich an der Pillnitzer Landstraße konnte ich noch nichts finden. An der Bergstation der Schwebebahn sind deutlich mehr Tiere als im letzten Jahr.


Nachtrag März 2015: Es gibt inzwischen noch ein zweites Vorkommen am Rande des Stadtgebietes, in einer entfernten anderen Gegend. In Plauen gibt es an der Tharandter Straße gegenüber vom Eiswurmlager an einem Felsen lebt eine andere Unterart (noch nicht bestimmt). Wer der Verursacher ist, konnte noch nicht geklärt werden.

 

11 Kommentare:

  1. Oh, die Tiere haben so eine grandiose Färbung und eine ausgesprochen hübsche Kopfform, fast Drachenartig. Da wird es wohl nicht lange dauern, bis ich denen mal einen zurückhaltenden Besuch abstatte und mich von ihrer Art verzaubern lasse….

    Ich mag Reptilien einfach! Und die heimischen/heimisch gewordenen faszinieren mich immer wieder. Das liegt vermutlich daran, dass ich selbst welche halte, die in unseren Breitengraden keinen Meter überlebene würden und daher weiß, welche Anforderungen solche Tiere haben und welche Umstände sie brauchen.

    Schön, es kommt mir fast so vor, als würde die Natur sich immer wieder ein kleines Stückchen Erde zurück erobern und es gäbe weniger Zerstörungswut von Menschenhand. Hoffentlich geht es so positiv weiter.

    Danke Frank, dass du dein Wissen hier immer kund tust 🙂

  2. Naja, das mit der „Zerstörungswut durch Menschenhand“ ist schon richtig. Allerdings ist es, ehrlich gesagt, auch nur die halbe Wahrheit: Viele Biotope für Amphibien und Reptilien entstanden überhaupt erst durch menschliche Aktivitäten: Die Weinbergmauern und ehemalige Mühlenteiche der Dresdner Elbhänge sind solche Beispiele, in der Lausitz würde es wahrscheinlich weniger Unken, Laubfrösche, Ringelnattern usw. geben wenn die bewirtschafteten Fischteiche nicht vorhanden wären, durch Bahndämme und Waldschneisen entstanden Lebensräume für Reptilien, in Kies- und Lehmgruben laichen oft Amphibien, Gartenteiche sind Laichgewässer … der drastischste Fall sind die Braunkohletagebaue. Durch diese finden Kreuz- und Wechselkröten ideale Lebensräume (während andere Tiere ihren logischerweise verlieren). Manchmal fragt man sich dann, wo die Viecher eigentlich früher gelebt haben, als Mitteleuropa noch von großen Waldgebieten bedeckt war. Als Antwort kommt dann meist: In den größeren Flussauen! Das sind insgesamt aber keine allzugroßen Flächen. Insofern haben wir Menschen unbeabsichtigt auch einige positive Dinge angestellt und ich bin allmählich etwas vorsichtiger geworden, immer gleich mit Kritik zu kommen, wenn wieder einmal irgendwo etwas gebaut werden soll. Aber gegen diesen allgemeinen „Beton drauf!“-Wahn bin ich schon noch.

    Bei den Dresdner Mauereidechsen könnte man ganz konkret sagen, dass es gut für sie wäre, wenn nicht zuviele Pflanzen an den Mauern entfernt würden und wenn offene Mauerfugen nicht repariert werden. Andererseits stimmt das auch wieder nicht, denn gelegentlich zu starken Pflanzenwuchs zu entfernen, schafft wiederum für die Tiere neue Sonnplätze und die Mauern müssen durchaus gelegentlich repariert werden. Immerhin wurden sie nicht für die Echsen geschaffen, sondern für Menschen. Die Echsen sind ja nur Kulturfolger. Und die finden in diesem konkreten Bereich schon immer wieder was neues, falls einmal irgendwo Reparaturen stattfinden.

  3. Was sind das für Deppen, die Eidechsen fangen? Auf die Idee wäre ich nicht gekommen, dass man da aufpassen muss. Eine Welt voller Idioten…

  4. Wieso Deppen? Das versuchen beispielsweise Kinder ganz automatisch. In der Herpetologie muss man das gelegentlich tun, wenn man Arten oder Geschlechter eindeutig bestimmen will oder die Stärke des Milben- und Zeckenbefalls kontrollieren will. Es gibt auch Leute, die Echsen im Terrarium halten – die ursprünglichen Elterntiere mussten ja auch erst einmal gefangen werden. Diese Haltung kann eine sehr interessante Sache sein, zumal man bestimmte Verhaltensweisen bei manchen Tieren draußen praktisch nie beobachten kann. Mauereidechsen hatte ich in den 80ern selbst schon in Pflege – das war allerdings etwas platzintensiv (es war eins meiner größten Terrarien, die ich jemals hatte).

    Man muss dort nicht aufpassen, dass jemand etwas fängt. Verhindern könnte man es eh nicht. Außerdem wäre es das geringere Übel – was ist schlimmer: Wenn jemand sich unerlaubt ein solches Tier eine Weile ins Terrarium steckt oder wenn Dutzende dieser Tiere z.B. überfahren werden? Das ist bei mir zu Hause so. Dort sind ständig überfahrene Erdkröten und Feuersalemander sowie von Katzen erlegte Blindschleichen. Falls ich da erfahren würde, dass sich irgendein Kind aus der Nachbarschaft eine solches Tier zu Hause ins Terrarium gesetzt hätte, würde ich nicht mit dem Anwalt drohen. Es wäre für mich das geringere Übel, zumal das Kind so sogar echte Erfahrungen mit Tieren seiner Heimat macht.

  5. Sabrina Lange

    Da ich mittlerweile in Franks nähe wohne und seit jeher das Interesse für die hiesige Fauna teile, kann ich leider nur bestätigen, dass sich unglaublich viele tote Tiere auf den Straßen und Wegen im Grund befinden (vermutlich auch unvorsichtige Fahrradfahrer). Ich habe in keinem Jahr so viele leblose Blindschleichen gefunden wie dieses. Allerdings sind mir gestern auch so viele Echsen wie noch nie in der Dresdner Heide über den Weg gelaufen. Ich glaube allerdings, dass es dort Zauneidechsen waren.

    Als Laie hoffe ich einfach, dass es keine ernsthafte Gefährdung der Population gibt und mehr Menschen aufmerksam mit Natur und Umwelt umgehen.

    Liebe Grüße vom Berg, Sabrina

  6. Als Radfahrer ist man daran durchaus nicht ganz unschuldig. Das Problem ist, dass Blindschleichen aus Radfahrerperspektive oft so aussehen, als läge da nur ein kleiner Ast. Die Tiere fliehen nicht schnell genug, sondern bleiben zunächst bewegungslos liegen – das verstärkt diesen Effekt noch. Übrigens sind auch nicht nur (wir) Radfahrer ein Problem, sondern sogar Fußgänger. Vor einigen Wochen war ich auf Salamander-Suche und fand auf dem Rückweg einen toten an einer Stelle auf dem Weg, wo hinzu definitiv noch keiner lag. Autos konnten dort nicht lang, Mountainbiker waren nicht unterwegs (hätte ich gesehen) – außer mir kam da nur eine Nordic-Walkerin entlang …

    In der Heide dürften das Zaun- oder Waldeidechsen gewesen sein – je nach konkretem Fundort.

  7. inunserem Garten habe ich vor 6 Wochen 2 mal 2 Eidechsen gesehen, die sich auf dem Holzzaun,Akazienholz sonnten. sie ließen sich nicht stören, solange ich ihnen ruhig bei
    anschließendem kleinen Gerangel zusah. danach tauchten sie nur 1mal wieder auf und seitdem nicht mehr. Schade.

  8. Betrifft: Eidechsen und Radverkehr

    Nach meiner Erfahrung als Radfahrer erstehen grosse Gefahren für Eidechsen, wenn sie mit Radverkehr zusammentreffen. Im Unterschied zum Fussgänger nehmen Eidechsen das sich nähernde Rad nicht durch Erschütterungen oder Geräusche wahr. Auf einem Radweg in Neustadt Weinstrasse zur Arbeit passierte es mir zweimal, dass Alt- bzw. Jungtiere (letztere sind kaum zu sehen) mir vom Feldrain direkt vor die Reifen gelaufen sind (zumindest das 2te Mal konnte ich rechtzeitg bremsen). Bevor dies passierte, war mir überhaupt nicht klar, dass es dort überhaupt Eidechsen gab, es war ein Weg durch grasige Feldraine an Weinfeldern (ohne Steine zum Sonnen). Selbst beim Fahren mit Schrittgeschwinidgkeit ist es sehr schwer, mögliche „Kollisionen“ zu vermeiden. Daher hilft in Naturschutzgebieten nur ein Fahrverbot oder – langfristig – die Entwicklung von Reifen, deren Fahrgeräusch von den Tieren wahrgenommen wird und die Fluchtverhalten auslösen. Da die Tiere vor dem Fussgänger fliehen, nicht aber vor dem Rad, kann es sehr wohl sein, dass viele Radfahrer bei bestimmten Strecken vielleicht gar nicht gewahr sind, dass es dort Eidechsen gibt.

  9. Pingback:Sie ist wegen irgendwas sauer | doppelhorn.de

  10. Steve Hahnemann

    Hallo Frank
    sehr interessanter Artikel.
    Ich werde dieses Jahr der Population einen Besuch abstatten. Bei uns in Sachsen – Anhalt ist die Mauereidechse auch in 2 Städten auf dem Vormarsch und das ziemlich schnell. Allerdings nicht nigriventris , sondern Podarcis muralis muralis
    Sonnigen Gruß
    Steve

  11. Wilfried Schneider

    Wie sind heute, 07.03.2015, bei strahlendem Sonnenschein über die Popuation „gestolpert“. Im Weinberg unter dem Lingnerschloss sind die Zauneidechsen zu Hause. Dass unten am Weg von der Saloppe bis zum Mordgrundbach die Mauereidechsen heimisch geworden sind, hat mich sehr überrascht. Wir haben bestimmt in der Größenordnung 100 Tiere gesehen. Wunderschön und wenig scheu, manche deutlich über 20 cm lang.

Schreibe einen Kommentar

Name und E-Mail-Adresse erforderlich (E-Mail-Adr. wird nicht veröffentlicht).
Siehe auch Kommentar-Regeln, Spamschutz und Hinweise zu Textformatierung