Afghanistan, Nachtrag

Da sich heute zufälligerweise an anderer Stelle auch eine Diskussion zum Thema Afghanistan ergab, hier noch eine Zusammenfassung einiger weiterer Gedanken zu dem Thema:

Uns wird erzählt, der Einsatz in Afghanistan sei notwendig, um den internationalen Terrorismus zu bekämpfen. „Welchen Terrorismus?“, könnte man sich aber durchaus einmal fragen. Welche konkreten Terrorfälle haben sich in den letzen 20 Jahren in Deutschland ereignet? Ja, das war vor Jahren etwas mit einem geplanten Anschlag auf eine US-Kaserne. Das ergab ein großes Spektakel in den Medien. Dann stellte sich heraus, dass es auf einer falschen Anschuldigung basierte und  nie ein Anschlag geplant war. Das wurde dann seltsamerweise leider kaum erwähnt. Später gab es einen gerade noch verhinderten Anschlag mit der Kofferbombe. Der letzte Vorfall waren die berühmten „Sauerlandbomber“, die an Dilettantismus kaum zu überbieten waren. Darüber ist viel geschrieben worden, u.a. mehrere Artikel auf Telepolis, selbst BILD beschäftigte sich ansatzweise damit und sehr ausführlich wird es hier. Bis Seite 10 kann man noch darüber lachen.

Einen echten Terrorfall gab es nicht (okay: Aber in London und Madrid). Doch selbst wenn:  Was hätte das alles eigentlich mit Afghanistan zu tun? Wir wissen: Dort gibt es Terrorcamps. Sicher, aber – gibt es die nicht auch in Nordafrika und dem Nahen Osten? Und sind die nicht alle den einschlägigen Geheimdiensten bekannt? Warum dann nicht gezielt ein paar Raketen dorthin senden und stattdessen Krieg spielen in Afghanistan?

Bei der Afghanistan-Diskussion sollte man immer daran denken, wie alles begann: Es gab den 11. September. Bush wollte daraufhin am liebsten sofort den Irak angreifen, was ihm seine Berater aber ausredeten, denn es wäre der Öffentlichkeit doch zu schlecht vermittelbar gewesen. Deshalb wurde lieber zunächst Afghanistan angegriffen. Als offizieller Angriffsgrund wurde „Bin Laden“ genannt. Das war von der Nachvollziehbarkeit her eine interessante Sache: Man hat also ein Verbrechen (11.Sept) und einen Schuldigen, genauer gesagt nur einen Verdächtigen (denn Beweise, dass Bin Laden dahinter steckt, gab und gibt es bis heute nicht). Und weil der Verdächtige im Land X vermutet wird, beginnt man, dieses gesamte Land zu bombardieren. Das ist eine saubere kriminalistische Herangehensweise. Da haben wir eigentlich Glück gehabt, dass Deutschland nicht bombardiert wurde – immerhin lebte hier nachweislich der ebenfalls Verdächtige Mohammed Atta. Gut – der war anscheinend nach dem Attentat tot, aber man vermutete noch Freunde von ihm bei uns.

Sehr erstaunlich war an diesem Militäreinsatz, dass nach einiger Zeit ohne Erfolge der Kriegsgrund einfach klammheimlich ausgetauscht wurde gegen „wir müssen die Taliban bekämpfen“.

Die Anwesenheit dieser Taliban hatte seltsamerweise vorher nie jemanden gestört. Höchstens ein paar Menschenrechtler, aber auf jeden Fall nicht die USA. Und die Bekämpfung der Taliban hat inzwischen richtig tolle Erfolge gezeigt. Man hört praktisch gar nichts mehr von denen.

Was könnte in Wirklichkeit ein Kriegsgrund gewesen sein? Manche vermuteten einen Zusammenhang mit einer Erdöltrasse, die die Taliban nicht zulassen wollten, andere dachten über die Verflechtungen der CIA mit dem internationalen Heroin-Handel nach (die Taliban hatten den Mohnanbau fast komplett abgeschafft). Nein, das sind alles nur Verschwörungstheorien … offiziell bekämpfen wir dort Terrorismus. Vielleicht fördern wir ihn aber auch erst, angesichts der mittlerweile entstandenen zivilen Toten, Streubombenopfer und Uran-Munition-Verseuchungen?

Man hört gelegentlich: „Was würde denn geschehen, wenn man Afghanistan sich selbst überließe?“ Wir in den „zivilisierten“ westeuropäischen Staaten sollten vielleicht nicht so überheblich sein und denken, man müsse die Afghanen wie kleine Kinder an die Hand nehmen und ihnen alles erklären. Die bekommen sicher auch einiges selbst hin. Ich habe vor einiger Zeit „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini gelesen. Ein sehr tolles und interessantes Buch! Man erfährt u.a. auch, dass die meisten Einheimischen diese religiöse Fanatisierung gar nicht wollten. Vielleicht müssen Völker ihren Weg selbst finden. Das schließt nicht aus, dass man sich gegenseitig trotzdem hilft und Denkansätze gibt. Aber das ist dann eher ein Fall für NGOs, Hilfsorganisationen und kulturelle Austauschprojekte, auf keinen Fall sollten sich Armeen damit befassen.

Update, 17.12.: Soeben bei der Presserundschau entdeckt. Passt ja genau zum Thema.

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