Claudia Kemfert versucht mit viel Phantasie, Mythen um die Energiewende zu widerlegen

Unter allen Menschen, die im Fernsehen mit „Experte“ untertitelt werden, ist Claudia Kemfert meine Lieblings-Expertendarstellerin. Ich wurde vor etwa fünf Jahren auf sie aufmerksam, als sie in einer Sendung völligen Unsinn erzählte, der auch ohne jegliches Expertenwissen leicht zu widerlegen war. Ihr zufolge sind neue Stromtrassen für die Energiewende völlig überflüssig und nutzen nur den Kohlekraftwerken. Frau Kemfert wurde in dieser Sendung als Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung vorgestellt. Das fand ich erstaunlich, denn in einer solchen Position sollte man doch ein Minimum an Fachwissen haben, statt solche Verschwörungstheorien zu verkünden. In der Zeit danach fiel sie mir immer einmal wieder auf mit weiteren fachlich mehr oder weniger falschen Aussagen. Vielleicht hätte ich das alles für eine Serie „best of Kemfert“ sammeln sollen. Vor zwei Jahren verkündete sie, wir könnten sofort umgehend 20 Kohlekraftwerke abschalten … nun ja. Sehr realistisch.

Gestern durfte sie auf capital.de einen Artikel veröffentlichen, in dem sie „mit den gängigsten Märchen aufräumt“, die von Kritikern der Energiewende stammen. Bei deren Argumenten handelt es sich nämlich ausschließlich „um Mythen“. Schauen wir uns diese Widerlegungen doch einmal an. Hier ihr

#1 Mythos: „300 Mrd. Euro hat die Energiewende gekostet – und nichts gebracht!“

Zunächst bezweifelt Kemfert diese von Kritikern genannte Zahl „300 Milliarden“ und rechnet vor, dass es nur 167 Mrd. Euro wären. Anschließend erklärt sie mit viel Phantasie, dass das ja gar keine Kosten, sondern ganz im Gegenteil sogar Erträge wären. Diese Kosten sind nämlich keineswegs Kosten, sondern Investitionen. Als Erklärung bringt sie einen Vergleich mit einem Fahrrad:

Kaufe ich ein Fahrrad habe ich 200 Euro Kosten. Kaufe ich das Rad, um das Bus-Ticket für 2 Euro zu sparen, habe ich schon nach 100 Fahrten die Kosten reingeholt und mit jeder weiteren Fahrt mit dem Rad 2 Euro mehr in der Tasche.

Nun ist bekanntlich nicht alles, was hinkt, ein Vergleich. Um aber auf so einen abwegigen Vergleich zu kommen, bedarf es schon einiger Phantasie. Meine Hochachtung dafür! Warum ist das abwegig? Weil man mit dem Fahrrad den Bus ja tatsächlich ersetzen könnte. Die mit EEG-Umlage subventionierten Elektroenergiequellen können konventionelle Kraftwerke aber nicht ersetzen. Das ist ja das zentrale Problem an der Energiewende. Wind und Sonne sind nicht immer verfügbar.

Ein Vergleich mit einem Fahrrad müsste also eher so lauten: Man wird, obwohl man sich aus Fahrradfahren vielleicht gar nichts macht, zum Beitritt in einen Verein gezwungen, in dem man Jahresbeiträge zu zahlen hat und sich gelegentlich ein Fahrrad ausleihen kann. Die Leihzeiten sind nicht besonders planbar, deshalb bezahlt man sicherheitshalber, um jederzeit mobil zu sein, zusätzlich noch weiter die bewährten Busfahrkarten. Ach so, und man kann in dem Verein nicht kündigen. Ja, das ist wirklich eine überzeugende Investition.

Frau Kemfert fabuliert dann weiter, man könne das „Rad sogar für bezahlte Kurierfahrten“ nutzen und damit soviel Geld einnehmen, dass man seine Miete bezahlen kann. Eine schöne Geschichte. Wie das auf Ökostrom übertragbar sein könnte, mit dem man dann seine Miete erwirtschaften könnte, ist schwer erklärbar. Höchstens so, dass Solaranlagenbetreiber sich zwar ihre Miete über die EEG-Umlage bezahlen lassen können. Die allerdings alle anderen finanzieren dürfen.

Jedenfalls ist das ihre Erklärung, dass die Kosten Investitionen sind:

Das gleiche gilt auch für die EEG-Förderung. Erneuerbarer Energien wirken kostensenkend an der Strombörse, dadurch konnten die Stromkosten gesenkt werden. Dass die Preise für dich und mich trotzdem gestiegen sind, liegt nicht an den Erneuerbaren Energien, sondern daran dass die Stromversorger die günstigen Börsenpreise nicht an uns Verbraucher weitergegeben haben.

Das ist zwar, wenn man nur kurz darüber nachdenkt, absolut nicht aufs Fahrrad- und Busfahren übertragbar, aber egal. Regenerative Energiequellen wirken kostensenkend wegen dieser Effekte an der Strombörse? Ja, aber auf diesen Netto-Preis kommt die EEG-Umlage trotzdem jederzeit noch mit obendrauf. Und die Umlage steigt sogar, je geringer die Börsenpreise sind, weil Ökostromproduzenten ja garantierte Einspeisevergütungen erhalten. Je größer die Differenz zwischen niedrigem Börsenpreis und garantierter Vergütung ist, desto höher werden unsere Kosten.

Kemfert behauptet also, Ökostrom wäre marktwirtschaftlich gut und kostensenkend für uns, obwohl Ökostrom doch gerade völlig abgekoppelt ist von marktwirtschaftlichen Effekten. (Zumindest war das bis 2017 so, seitdem neue Windparks auch marktwirtschaftlich funktionieren sollen, baut kaum noch jemand Windkraftanlagen). Weiß Kemfert das nicht oder ist das pure Realitätsverweigerung?

Abschließend zu „Mythos 1“ erklärt Kemfert noch, die Energiewende hätte durch die Förderung ja auch jede Menge wirtschaftlichen Impulse und neue Jobs, also damit verbundene Einkommen ergeben, „seit 2005 über 300 Mrd. Euro Gewinn erwirtschaftet“. Das kann sogar stimmen. Mal abgesehen davon, dass andere das zwangsweise bezahlen dürfen.

#2 Mythos: „Es gibt Geisterstrom aus Windanlagen, der 364 Millionen Euro kostet!“

Nach dem Mythos „Zappelstrom“ kommt nun der Mythos „Geisterstrom“. Beides sind Begriffe, die sich zwar auf Tatsachen beziehen, aber abwertend gemeint sind.

Diese Formulierung finde ich interessant: Es beruht auf Tatsachen, ist aber trotzdem ein Mythos. Ja was denn nun? Und diese Worte sind abwertend gemeint? Was wäre so schlimm daran? Wenn man Vorgänge kritisiert, sollte doch entscheidend sein, ob die Kritik berechtigt ist und nicht, ob der Kritiker das abwertend meint. Wie sollte andererseits eigentlich auch eine aufwertende Kritik möglich sein?

Nun ist „Zappelstrom“ vielleicht kein nettes Wort (ich habe es noch nie verwendet), aber Fakt ist nun einmal, dass die Zeitverläufe von Stromproduktion aus Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen nie, bestenfalls einmal zufällig, mit dem Zeitverlauf des Strombedarfs übereinstimmt. Hier als Beispiel die bisherige Woche:

Bildquelle: www.agora-energiewende.de/service/agorameter

Die Stromproduktion aus Windkraftanlagen „zappelt“ vielleicht nicht jeden Tag, aber wer hier eine Übereinstimmung zwischen Bedarf und Produktion entdeckt, zeigt genügend Phantasie, um in Claudia Kemferts Abteilung mit arbeiten zu können.

„Geisterstrom“ ist der Strom, der in Windkraftanlagen bei vorhandenem Wind produziert werden könnte, aber wegen zu hoher Gesamtproduktion nicht ins Netz eingespeist werden kann. Die Windkraftanlagen werden dann abgeregelt und stehen mit zurück gedrehten Rotoren trotz Wind still. Die Betreiber von Windkraftanlagen erhalten dafür eine Entschädigung. Kemfert dazu:

Ein solcher Vorgang ist im Wirtschaftskonzext völlig normal.

Das sollte wohl „Kontext“ heißen. Jedenfalls: Wie bitte? Das sei normal? Mir ist kein einziger Wirtschaftsbereich bekannt, bei dem der Hersteller eines Produktes eine vom Staat verordnete Entschädigung – und dann auch noch von seinen Kunden – erhält, wenn er das Produkt wegen Marktsättigung oder aus anderen Gründen nicht verkaufen, antransportieren oder herstellen konnte. Kemferts geniale Begründung dazu (anscheinend meint sie das tatsächlich ernst):

Wenn jemand eine Pizza bestellt, sie dann aber doch nicht isst, muss er sie trotzdem bezahlen.

Ja, Frau Kemfert. Aber in dem Fall ist sie ja auch beim Besteller angekommen. Wenn wir es auf Ökostrom übertragen, reden wir aber über Pizzen, die gar nicht erst hergestellt wurden. Beziehungsweise über eine Stadt, in der es viel zu viele Pizza-Bäcker gibt, deren Überangebot die Einwohner gar nicht essen können, aber trotzdem bezahlen sollen. Argumentieren alle Abteilungsleiter Deutscher Institute auf diesem Niveau? Kemfert weiter:

Dieselben die von Geisterstrom herumschwadronieren, fordern für Kohlekraftwerke gern „Bereitstellungsprämien“.

Schönes Argument. Zumindest, wenn man nicht weiter darüber nachdenkt. Es hat aber überhaupt nichts miteinander zu tun. Hier wird Obst mit Möbeln oder was auch immer verglichen. Bei Bereitstellungsprämien geht es um Netzreserve, also Reservekraftwerksleistung. Die muss (auch ohne Energiewende) immer vorhanden sein, um z.B. Ausfälle anderer Kraftwerke kompensieren zu können oder in harten Wintern erhöhten Energiebedarf abzusichern. Das ist etwas existentiell wichtiges. Abgeregelte Energie ist aber solche, die über den Bedarf hinaus produziert und nicht benötigt wird. Sie ist etwas Überflüssiges.

Anschließend wettert Kemfert beim „Mythos 2“ noch gegen die Kohlekraftwerke, die angeblich den Stromüberschuss erzeugen, weil sie bei aufkommendem Windstrom nicht schnell genug heruntergefahren werden können:

Wenn der Wind weht, könnten sie eigentlich runtergefahren werden. Aber weil diese „CO2-Schleudern“ verdammt unflexibel sind, müssen stattdessen die klimaschonenden Windanlagen abgeregelt werden.

Das kann man tatsächlich so sehen. Die meisten Kohlekraftwerksbetreiber haben zwar längst auch schnell regelbare Anlagen im Einsatz, allerdings nicht in allen ihrer Kraftwerksblöcke. Diese modernen Blöcke können auch nur in einem bestimmten Leistungsbereich schnell geregelt werden, sie sind aber nicht von 0 auf 100% so schnell hochfahrbar. Was Kemfert hier unterschlägt: Diese Kraftwerke sind nach wie vor notwendig, weil die Windkraftanlagen jederzeit bei nachlassendem Wind wieder ausfallen können. Für diese Zeiten müssen sie ständig bereit stehen. Wind ist zwar mittlerweile gut prognostizierbar, aber eine falsche Voraussage, die den Wind irrtümlich mit doppelter Stärke ansagte, führt dazu, dass nur ein Achtel der erwarteten Strommenge aus Windkraftanlagen kommt. Das muss dann schnell von anderen Kraftwerken ausgeglichen werden. Hätten Windkraftanlagen nicht diese Nachteile, müssten die Kohlekraftwerke im Hintergrund nicht ständig mitlaufen. Es ist unsachlich, die Mängel einer „guten“ Technologie (Wind) der „bösen“ Technologie (Kohle) anzuhängen, obwohl diese „böse“ jeden Tag die Mängel der „guten“ ausgleichen muss. Und das, obwohl die „böse“ dafür nie ausgelegt wurde.

Kemfert schreibt noch, die für „Geisterstrom“ gezahlten 300 Mio. Euro „Ausfallprämie“ wären „nur ein kleiner Betrag der gesamten Stromkosten in Deutschland, nämlich unter drei Prozent“. Ja, aber sie kommen eben ganz konkret mit in die EEG-Umlage und treiben diese als einer von weiteren Faktoren mit hoch.

Dann schreibt sie noch,

Den überschüssigen Windstrom könnte man eigentlich auch an lokale Abnehmer liefern oder in Power-to-Gas-Anlagen sinnvoll in Wasserstoff oder „Power to Gas“umwandeln. Aber das ist derzeit nicht erlaubt.

Nicht erlaubt? Das wäre mir neu. Selbstverständlich ist das erlaubt. Richtig ist, dass es gar keine Anlagen dafür gibt (abgesehen von ein paar Testanlagen), weil es schlicht zu unökonomisch wäre, so etwas zu tun. Kemfert meint abschließend bei ihrer „Widerlegung“ von „Mythos 2“, man solle

gesetzliche Regelungen schaffen, die den Handel und die Speicherung von überschüssiger Windenergie ermöglichen

Gesetzliche Regeln, die Unternehmer dazu bewegen könnten, einen unökonomischen Produktionsvorgang durchzuführen? Das läuft auf weitere Subventionen hinaus. Was die EEG-Umlage weiter erhöhen wird. Ich bin schon gespannt auf Frau Kemferts phantasievolle Erklärungen, warum das gar keine Kosten sind.

#3 Mythos: „Bei Dunkelflauten geht das Licht aus; denn es gibt keine Speicher für erneuerbare Energie!“

„Dunkelflaute“ ist ein negatives Wort, erklärt Kemfert, weil es von Energiewendekritikern verwendet wird. Mag sein, aber dass solche Zeiten auftreten können, zeigt die obige Grafik. In den letzten 24 Stunden gab es kaum Wind- und Solarstrom. Und vorher kam da auch schon nicht viel zusammen.

Kemfert behautet, es gäbe genug Speicher. Ja, aber wo stehen diese Speicher denn? Der Stromverbrauch in Deutschland betrug in den letzten Jahren immer rund 520 TWh pro Jahr. Pro Tag sind das etwa 1,4 TWh, also 1.400 GWh bzw. 1.400.000 MWh. Wir hätten in den letzten Tagen also Speicher mit mehreren TWh Kapazität gebraucht. Solche Speicher haben wir nicht einmal ansatzweise, egal was Frau Kemfert sich da wünscht. Ihre Links verweisen nur auf Quellen, die Technologien beschreiben, welche man vielleicht irgendwann einmal einsetzen können wird. Aktuell sind das alles nur Ideen, die bestenfalls irgendwo in Form einzelner kleiner Pilotanlagen existieren. Die bereits umgesetzten Lösungen haben viel zu wenig Kapazität. Die größten Batteriespeicher Deutschlands haben eine Kapazität von 10 MWh und 16 MWh. Alle Pumpspeicherwerke Deutschlands kommen zusammen auf immerhin 40 GWh, was trotzdem nicht einmal ansatzweise reicht. Andere Speichertechnologien sind nicht einsatzbereit. Frau Kemfert schreibt zwar immer wieder über die power-to-gas-Methode, aber wie bereits erwähnt, existiert dazu auch nichts Nennenswertes.

Doch Speicher werden ohnehin überbewertet, meint Kemfert:

Aber für die Energiewende braucht man gar nicht so viel Speicher, wie gern behauptet wird. Die sogenannte Residuallast, also die Differenz zwischen benötigter Leistung und von nicht regulierbaren Kraftwerken erbrachter Leistung, ist ein Bruchteil dessen (…), was durch die Mythen verbreitet wird.

Ist das nur so ein Bruchteil? Residuallast ist die Differenz aus Strombedarf und der produzierten (fluktuierenden) Menge regenerativer Energie. Wie man an der Grafik oben sehen kann, kann diese Differenz zwischen Strombedarf und produzierter Ökostrommenge trotzdem tagelang sehr hoch sein, auch wenn man das schöner klingende Wort residual („zurückbleibend“) dafür verwendet.

Diese Differenz muss momentan aus schnell regelbaren thermischen Kraftwerken kommen. Das offizielle Ziel der Energiewende ist aber, genau diese Kraftwerke überflüssig zu machen! Was machen wir denn mit der Residuallast, wenn dieses Ziel erreicht ist? Genau dafür brauchen wir definitiv Speicher!

Und wie kann man sich überhaupt bei angesprochenen Kritikpunkten an der Energiewende damit herausreden, es gäbe ja noch die konventionellen Kraftwerke?

 

Abschließend noch

#4 Mythos: „Wasserstoff ist das neue Öl!“

Claudia Kemfert hinterfragt hier die aktuelle Begeisterung für Wasserstoff. Und da bin ich ausnahmsweise einmal ihrer Meinung. Zumindest grundsätzlich. Ein paar Details könnte man zwar ebenfalls noch kritisieren, doch mein Artikel ist nun schon lang genug geworden.

5 Kommentare:

  1. Das, was Du hier beschreibst, müsste JEDEM halbwegs vernünftigen bzw. gebildeten Menschen seit Jahren bewusst sein… Journalisten und Redakteure ausdrücklich mit eingeschlossen 😉

    Trotzdem bekommt Frau Kempfert regelmäßig die Möglichkeit, ihren Unsinn einer offenbar uninformierten/desinteressierten Öffentlichkeit zu verkünden.

    Ich sehe dafür zwei Gründe:

    Sie ist eine (studierte) Frau und sie propagiert die Klimareligion.

    Mehr braucht’s ja nicht (mehr) in unserer post-fossilen Informationsgesellschaft O_o

  2. @ Michael_DD: Oh je, auf der Achse des Guten ist man ähnlicher Meinung wie ich! Da muss ich umgehend eine Gegendarstellung schreiben, nicht dass ich noch als Rechtspopulist eingestuft werde 😉

  3. Ich warte ja noch auf das Interview, in dem sich einer traut, Frau Kemfert zu fragen, ob sie eigentlich (bzw. wieviel) Geld sie privat in „Öko“-Projekte investiert hat. Ergo: Ob sie stets in eigener Sache redet. Cui prodest?

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