Forderung nach Doppelblindstudien: Der Zynismus von Impfgegnern

Wenn es um die Themen „Impfen“ und „Impfpflicht“ geht, kann man von Impfgegnern immer wieder das Argument lesen, es gäbe bis heute keine Doppelblindstudien, welche die Wirksamkeit von Impfstoffen belegen. Im Beispiel der aktuell wieder aufgetretenen Masern und einiger anderer Impfstoffe gegen lebensgefährliche Krankheiten ist das sogar der Fall. Bedeutet das, dass tatsächlich keine Wirksamkeit vorhanden ist oder dass hier irgendwelche Dinge verheimlicht werden?

Oder gibt es vielleicht nachvollziehbare Gründe für das Fehlen solcher Studien?

Zunächst einmal ist die pauschale Aussage falsch, es gäbe überhaupt keine Doppelblindstudien für Impfstoffe. Bei Mitteln gegen einige Krankheiten wurden solche Studien durchgeführt, beispielsweise werden in diesem Text Doppelblindstudien im Falle von Impfstoffen gegen Windpocken erwähnt. Weiterhin stellt sich auch die Frage: Was ist eigentlich eine Doppelblindstudie? Warum legen Impfgegner so einen Wert auf solche Studien? (Und würden sie von ihrer Meinung abweichen, wenn es welche gäbe?)

Bei einer Blindstudie („einfachblind“) wird den teilnehmenden Patienten nicht mitgeteilt, ob sie den Wirkstoff oder ein wirkungsloses Placebo erhalten. Bei einer „doppelblinden“ Studie wissen auch die behandelnden Mediziner nicht, wer was bekommt. So sollen Beeinflussungen der Ergebnisse vermieden werden. Warum legen Impfgegner nun aber so einen Wert auf Doppelblindstudien? Genaugenommen wäre bereits eine Einfachblindstudie bei Krankheiten wie Masern ethisch kaum vertretbar. Impfgegner, die so etwas trotzdem verlangen, haben entweder nicht nachgedacht, sind dumm oder menschenverachtende Zyniker.

Denn wie sollte eine solche Studie in der Praxis ablaufen? Im Falle der Masern müsste man einem Teil der Kinder wirkungslose Stoffe impfen. Aber welche verantwortungslosen Eltern würden ihre Kinder für solche Experimente hergeben? Es ginge also nur, wenn man den Betreffenden nicht sagt, was geimpft wird. Solche Menschenversuche mit Uneingeweihten sind bei uns glücklicherweise verboten, aber rein theoretisch wäre es immerhin vorstellbar. Doch wie könnte die Untersuchung in beiden Varianten weitergehen? Soll man die Kinder anschließend absichtlich Masernviren aussetzen um anschließend zu zählen, wie viele der Placebo-Geimpften es ohne größere Gesundheitsschäden überlebt haben?

Oder soll man warten, bis einmal wieder ein Masernausbruch stattfindet? Dann wird irgendwann der Fall eintreten, dass eines dieser ungeimpften Kinder an Masern erkrankt und schwere gesundheitliche Folgen erhält oder gar stirbt. Wenn die uneingeweihten Eltern dann sagen, wir dachten doch, unser Kind sei geimpft – dann müsste man denen sinngemäß erklären: Ja, Pech gehabt. April, April! Sie waren damals in der falschen Testgruppe. Vielleicht sollten Impfgegner einmal versuchen, sich in die Lage dieser Eltern zu versetzen oder in die Lage des Arztes, der diese Nachricht überbringen darf.

Das kann man auf alle anderen Impfstoffe anwenden, die lebensgefährliche Krankheiten verhindern. Pocken oder Gebärmutterhalskrebs sind nur zwei Beispiele. Kaum ein Mensch würde sich freiwillig für eine Blind- oder Doppelblindstudie hergeben, um mit der anschließenden Ungewissheit leben zu müssen, geschützt oder ungeschützt zu sein. Und vor allem würde kein ethisch denkender Mediziner so unvertretbare Test durchführen.

Bei Masern und anderen Krankheiten ist es ausreichend, wenn die Wirkung der Impfstoffe erklärbar ist und wenn ihre Wirkung sich in der Praxis bestätigt hat. Studien sind dort nur für die Nebenwirkungen erforderlich. Die Forderung von Impfgegnern nach Doppelblindstudien hat überhaupt nichts mit der Suche nach Fakten zu tun sondern nur damit, etwas unmögliches zu fordern, um bei seiner vorgefassten Meinung bleiben zu können.

6 Kommentare:

  1. Pingback:Homöopathie und Impfen bei „Hart, aber fair“ am Montag @ gwup | die skeptiker

  2. Sehr gut wurde hier erklärt, daß man aus ethischen Gründen keine Doppelblindstudien durchführen darf als Wirksamkeitsnachweis eines Impfstoffes gegen gefährliche Krankheiten . Die Wirksamkeit lässt sich mit Fallzahlen aus den Personengruppen Geimpfte – nicht Geimpfte belegen. Dafür muß man dann auch keine weiteren Statistik-Methoden bemühen.

  3. Pingback:Hart aber fair: „Von Impfgegnern bis Geistheilern“ jetzt online @ gwup | die skeptiker

  4. Hallo,
    es gab wohl so etwas ähnliches wie eine Doppelblindstudie. Die ist ja mal richtig mieß ausgefallen.
    In den 1970er Jahren wurde eine Tuberkulose-Impfstoff-Studie in Indien mit 260.000 Menschen durchgeführt. Diese ergab, dass mehr Fälle von Tuberkulose bei den Geimpften, als bei den Ungeimpften aufgetreten sind. (The Lancet 12/1/80 p. 73)

  5. Dass eine Studie auch einmal ein unerwartetes Ergebnis zeigen kann, ist eine Frage der Statistik. Um darüber inhaltlich mitreden zu können, müsste ich wissen, was da konkret drin stand. Gibt es dafür eine online lesbare Quelle?

  6. Nachtrag: Man kann bei The Lancet im Archiv suchen. Wenn man tuberculosis als Suchbegriff eingibt und die Zeit auf Januar bis Dezember 1980 setzt, kommt kein relevanter Treffer. In der Literatur wird der Fall übrigens ganz anders geschildert: Man hat lediglich festgestellt, dass man damals noch keinen wirksamen Impfstoff gegen TBC hatte. Deshalb hat man das damals getestete Mittel später auch nicht mehr verwendet

    1.4 Indische Vergleichsstudie der WHO

    Eine große Vergleichsstudie zur Wirksamkeit der Tuberkulose-Impfung (BCG-Impfung) wurde Anfang der 70er Jahre in Indien durchgeführt. In einem Großversuch, einer Feldstudie mit mehreren Hunderttausend Menschen, wollte die WHO den Streit innerhalb der Medizin beenden und die Wirksamkeit der Tuberkulose-Impfung nachweisen. In einem Area , in der Nähe von Madras wurde ein ländliches Versuchsgebiet festgelegt, welches aus 209 Dörfern und einer Stadt bestand, in dem etwa 364.000 Menschen lebten. Von diesen wurden später 260.000 untersucht und geimpft.

    Die Ergebnisse fasst Wikipedia in zwei Sätzen zusammen:

    In den 1970er Jahren wurde eine Tuberkulose-Impfstoff-Stud1e in Indien mit 260.000 Menschen durchge/iihrt. Diese ergab, dass mehr Fälle von Tuberkulose bei den Geimpften, als hei den Ungejmpften aufgetreten sind. (BCG: Bad News from India, The Lancet, Volume 315, Issue 8159, 12.01.1980)

    Oder das entsprechende Bulletin der WHO

    Die Verteilung der neu auftretenden Tuberkulose Fälle auf die, am Beginn des Feldversuchs, noch nicht infizierten Menschen, gibt keinen Hinweis auf eine Wirkung der Tuberkulose-Impfung.

    1.5 Ergebnisse

    Über die ganzen hier aufgeführten Statistiken, Ergebnisse, weitere andere Studien und letztlich den großen indischen Feldversuch mussten die Verantwortlichen in Deutschland 27 Jahre nachdenken und kamen dann umgehend, also 1998, zu dem Schluss:
    Dass es derzeit keinen wirksamen Impfschutz gegen Tuberkulose gibt.
    (Wikipedia, TBC)

    Dasselbe sagte wörtlich ein Vertreter des Robert-Koch-lnstituts, dessen Interview ich am Weltgesundheitstag 2007 in meiner Tankstelle, in der zufällig das Radio lief, mithörte:
    Wlr haben keinen w’rksamen Impfstoff gegen TBC “

    In Deutschland wird nicht mehr gegen TBC geimpft und die Impfung ist auch nicht mehr verfügbar.

    Ich gebe zu, dass ich Recherchehilfe auf Facebook hatte.

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