Mit Nazis reden?

Soll man mit Rechtsradikalen reden? Wiglaf Droste-Kenner würden das ablehnen. Aber gestern Abend geriet ich in arge Zweifel, was unsere Strategie betrifft, uns einfach nur von ihnen zu distanzieren. Auslöser war ein Interview mit dem Vorstandssprecher eines großen, muslimischen Verbandes zum Thema Anschlag auf „Charlie Hebdo“, zu dem ich in einem Kommentar u.a. bemerkte: Warum gehen die muslimischen Verbände nicht stärker gegen die Fanatiker aus ihrer eigenen Religion vor?

Darauf ergab sich ein Dialog mit jemandem, der in Kurzform so verlief:

Anderer: Wie sollen die Verbände denn konkret gegen Fanatiker vorgehen?

Ich: Keine Ahnung, aber sie haben doch noch am ehesten Zugang zu ihren Glaubensbrüdern und sie sollten doch selbst bemerken, welche Strömungen und Tendenzen sich in ihren Moscheen und sonstigen Treffpunkten abzeichnen.

A.: Würdest Du zu einem NPD-Funktionär gehen und versuchen, mäßigend auf ihn einzuwirken? Ich nicht, ich möchte mit solchen Leuten nichts zu tun haben.

I.: Der Vergleich mit dem NPD-Funktionär taugt hier nicht ganz – zwischen uns gibt es keine gemeinsame geistige Basis.

A.: Wenn Du als Deutscher findest, Du hast keine gemeinsame geistige Basis mit jemandem, der im Namen Deutschlands mordet, muss man die gleiche Ansicht auch einem friedlichen moderaten Muslim zugestehen.

I.: Ist deutsch sein eine Glaubensrichtung? Das wäre höchstens für Patrioten relevant. Bin ich aber nicht.

A.: Ich verstehe, Du glaubst keiner Gruppe anzugehören, deshalb kannst Du von anderen fröhlich fordern. So einfach kann die Welt sein.

Ich schrieb dann noch sinngemäß, dass ich aber immerhin keiner Menschengruppe angehöre, von deren Vertretern in einzelnen Fällen Gefahr ausginge, dann dachte ich noch darüber nach, ob das stimmt … ich bin z.B. Radfahrer und über einzelne Vertreter von uns könnte man anderer Meinung sein … aber ich wollte das Thema auch nicht ins Lächerliche ziehen.

Zufälligerweise las ich anschließend noch einmal einen abgespeicherten Artikel der Süddeutschen Zeitung, in dem ein junger Muslim über sich erzählt, der sich in Deutschland radikalisierte. Er schloss sich dadurch dem IS an, lebt aber inzwischen wieder hier. Er erwähnt darin kurz, wie die anderen deutschen Muslime auf ihn reagierten: „Aus allein drei Moscheegemeinden in Kempten haben sie mich und meine Freunde rausgeschmissen. Die wollten uns nicht dort haben.“

Ich hätte bisher spontan gesagt: Das reicht aber nicht! Ihr müsst auch weiterhin versuchen, auf diese Leute zuzugehen! Wenn ich Anhänger einer Glaubensrichtung wäre, dann würde mich es schon ankotzen, wenn Fanatiker Morde mit meiner Religion begründen und mich und die gesamte Glaubensgemeinschaft dadurch in den Dreck ziehen. Ich würde schon versuchen, dagegen etwas zu tun.

Das Dumme ist nur, dass mein Diskussionspartner an der Stelle mit seinem NPD-Vergleich gar nicht so schlecht da steht. Wir machen es ja mit unseren Neonazis nicht anders: Wir distanzieren uns von ihnen, werfen sie aus Vereinen raus, machen vielleicht gelegentlich eine Gegendemo und wollen sie nicht in unserer Nähe haben. Und wir sind der Meinung, das würde ausreichen. Aber müssten wir nicht auch mit denen weiterhin reden? Ich gebe ehrlich zu, dass ich wenig Lust habe, zu Neonazis zu gehen, um mit ihnen das Gespräch zu suchen. Ich habe auch wenig Lust, die NPD zu besuchen. Ist das insofern nicht nachvollziehbar, wenn Muslime dasselbe tun? Mir fällt zumindest kein gutes Gegenargument ein.

Und wer bleibt dann eigentlich als Verantwortlicher übrig? Der Staat? Wenn wir Demokratie ernst nehmen, sind wir das alle. Ich bin momentan etwas ratlos.

5 Kommentare:

  1. Guter Beitrag. Mir ergeht es ähnlich.

  2. Es fällt schwer, aber reden ist das einzige, was hilft. Wie bei jedem Konflikt. Was ist die Alternative? Weiterhin Gegendemos organisieren und alles nur noch weiter hochschaukeln? Das ist doch nur Wettrüsten, mit dem schlimmstensfalls noch mehr Leute für Pegida laufen, weil es natürlich auch immer Medienpräsenz und damit Werbung ist.

  3. Den Artikel mit dem IS-Anhänger hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Wahrscheinlich hätte ich als Muslim auch nicht wirklich Lust, mich mit gefährlichen Fanatikern anzulegen. Das klingt alles ein wenig hoffnungslos, denn dann stellt sich tatsächlich die Frage, inwiefern der Islam bzw. islamische Communities mit ihren unkontrollierbaren Radikalen mit westlichen Gesellschaften vereinbar sind.

    Eins ist nämlich auf klar, wenn das so weiter geht, wird die sogenannte Mehrheitsgesellschaft sich immer mehr an den Islam anpassen, um ja nicht mit den Islamisten anzuecken. Andere Religionsgemeinschaften wie die Juden oder auch andere Minderheiten im Islam (Schiiten, Aleviten) werden dann in Europa keinen sicheren Hafen mehr vorfinden. Ob ein Anstand der Aufständigen, was daran ändert, wie im folgenden Artikel gefordert, weiß ich nicht.

    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/wer_ist_wir_ueber_gruppenidentitaeten

    Die einzige Alternative wäre noch, dass der Staat sich darum kümmert, dann müsste dieser aber auch die entsprechenden Befugnisse erhalten, was mit einem Einschnitt in die Freiheit aller verbunden wäre und angesichts der Stimmungslage nach Snowden in Deutschland, wohl nicht allzuwahrscheinlich ist.

    @Clemens
    Thema leicht verfehlt. Pegida ist weder mit Islamisten noch mit NPD-Nazis vergleichbar. Mit den meisten dort kann man durchaus reden, wenn man nicht gerade in Antifamanier anmarschiert kommt.

  4. Hier übrigens ein Interview mit einem Muslim, der der Meinung ist, man hätte als Muslim doch eine gewisse Mitverantwortung, was muslimische Terrororganisationen betrifft. Ein intelligenter Mensch, wie ich finde.

  5. Das Nazi-Islamisten-Gleichnis gefällt mir außerordentlich gut, auch wenn es die Tragik der Realität ins Licht stellt.
    Aber in meinen Augen ist es was für den Ethikubterricht. Auch ich bin übrigens ratlos.

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