Demonstration in Dresden: ‚Ein Loch größer als die Dresdner Altstadt – wie Sachsen die Energiewende und Klimaschutzziele untergräbt!‘

2013-09-14_tumbnailDiese Details aber auch: Ich hatte die Uhrzeit verwechselt. Gemerkt hatte ich mir, dass die Kundgebung um drei beginnen sollte – sie hatte aber bereits dreizehn Uhr stattgefunden. Na gut, wenigstens hatte ich ernsthaft vorgehabt, dabei zu sein. Immerhin behaupte ich gelegentlich, dass ich Braunkohleabbau wegen der Landschafts- und Naturzerstörung schlecht finde – also wäre heute eine Gelegenheit gewesen, diese Position zu unterstützen.

Doch andererseits hätte ich mich ohnehin nicht vollständig mit den Anwesenden und den Initiatoren identifizieren können. Ihre Forderung, „verstärkte Förderung der Erneuerbaren Energien statt Braunkohleabbau“ klingt zwar engagiert, ist aber Unfug. Denn ich kann es nicht ändern, aber „erneuerbare“ Energie ist leider bisher kein Ersatz für Stromerzeugung aus Kohle. Das sollte doch nun allmählich bekannt sein, es wurde alles schon so oft erklärt … auch von mir selbst: Solange man keine Speichermöglichkeiten hat, um die irgendwann erzeugte Windenergie auf die Zeiten umzuverteilen, wo der Strom gebraucht wird, bringt der Aufbau von Windrädern nichts. Und mit Solarzellen ist es prinzipiell genauso. Egal, wie viele Windräder und Solarzellen man aufbaut – man ersetzt so kein einziges Kohlekraftwerk! Zuerst benötigt man die Speicher und erst dann könnte es losgehen mit dem Aufbau von Windenergie- und Photovoltaikanlagen. Aber nicht umgekehrt! Den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen, ist völlig sinnlos. Energiewende ja, aber bitte eine, die auch technisch funktioniert. Insofern ist auch das Motto der Veranstaltung Unsinn: Nur weil Sachsen die Ausbauziele für Erneuerbare Energien von 33% auf 28% gesenkt hat, untergräbt es nicht gleich die Energiewende. Solange gar nicht klar ist, wie die überhaupt ablaufen soll, kann man hier beliebige Prozentwerte erfinden – die Energiewende ist trotzdem nicht gefährdet, denn sie wird so oder so gar nicht erst durchgeführt.

Aber ein paar undurchdachte Plakataufschriften wären ja noch verschmerzbar gewesen, so etwas wird man bei den meisten politischen Aktionen finden. Meine innerer Hauptstreitpunkt ist etwas anderes: Ich kann ja gar nicht beurteilen, ob wir tatsächlich auf Nochten 2 verzichten können. Kann man ohne neue Tagebaue auskommen? Reichen die bisher erschlossenen Vorkommen? Schön wär’s, aber ich weiß es nicht.

Ich schreibe diesen Text an einem elektrischen Gerät und mir ist klar, dass der Strom dafür irgendwoher kommen muss. Draußen ist es dunkel und windstill. Da bleibt hier in Sachsen nicht viel anderes als Kohle. Kann man absehbar schnell auf Kohle verzichten? Ja, es ginge jetzt schon, aber das ist es eine Frage der Ökonomie: Momentan wird der bei uns benötigte Strom hier in der Umgebung produziert, also hauptsächlich in der Lausitz. Dadurch bleibt das Geld in der Region. Gut, Vattenfall ist eine schwedische Firma, also fließt ein Teil des Geldes nach Schweden, aber wir exportieren auch Energie, also fließt auch wieder Geld von außen hierher. Solange Energiespeicher nicht ausreichend existieren, kommt als Alternative für Kohle aktuell nur Erdgas infrage. Erdgas ist sogar besser als Kohle, denn es ergibt bei gleicher erzeugter Wärmemenge nur halb so viel CO2. Aber das Erdgas müssten wir teuer einkaufen. Bei Erdgasnutzung würde viel Geld aus unserer Region nach Russland abfließen. Das wäre zwar niveauvoll von uns, weil wir dadurch unsere Landschaft erhalten, aber ökonomisch betrachtet wäre es auch ziemlich bescheuert.

Diese Diskussion über das Für und Wider der Kohlenutzung hätte ich wahrscheinlich wieder die ganze Zeit während der Kundgebung mit mir ausgefochten. Das mache ich schon seit Jahren und komme zu keinem richtigen Ergebnis. Nochten 2 soll eine Fläche haben, etwas „größer als die Dresdner Altstadt“ – wer schon einmal in einem Tagebau stand, wird eine solche Fläche vielleicht als relativ belanglos einstufen. Aber es geht auch ums Prinzip, denn ab welcher Fläche wäre es nicht mehr belanglos? Mir ist es auch egal, ob ein abzubaggernder Hektar als Naturschutzgebiet eingestuft ist oder nur als normaler Wald – ich finde es falsch, dass er weg soll.

Ein wirklich blödes Thema … Übrigens ganz gut, dass ich nicht dabei war, denn laut Ankündigung sollte dort auch Uwe Steimle auftreten, was ich mir nicht unbedingt antun muss. In dem Artikel der DNN wird er allerdings nicht erwähnt. Vielleicht hatten die 300 Teilnehmer Glück.

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7 Kommentare:

  1. gähn … können wir endlich wieder gegen privatsphäre demonstrieren?

  2. Aaaaaalso, ich komme aus der Lausitz, genau genommen aus Cottbus, wir haben diese Tagebaue direkt an der Stadtgrenze. Während der Abbaujahre, wenn die Bagger wirklich die Kohle raus holen, sieht das dort aus wie auf dem Mond, das stimmt.

    Wer aber mal in der Region war, wo die Tagebaue wieder weg sind, der wird feststellen, dass Vattenfall dort etwas besseres renaturisiert, als vorher jemals zu finden war. Wir reden hier über die Lausitz. Das ist Brandenburg. In Brandenburg, in der Lausitz, ist überhaupt nichts, außer Flachland und eine Menge Platz.
    Wenn da ein Tagebaubagger für ein paar Jahrzehnte den Energiebedarf deckt, dann soll er es machen. Er muss ja dafür keine Großstadt oder irgendetwas Historisches vernichten. Das ist, bis auf ein paar Ausnahmen für die es im Einzelnen immer tragisch ist, Brachland.

    Einfach mal einen Besuch zum Teichland machen oder auch mal die Senftenberger Seenlandschaft angucken, die jetzt endlich mal etwas für die Region ist. Ich finde das Engagement von Vattenfall, alles wieder „ordentlich“ zu machen, ist zu begrüßen und ich kann nicht sagen, dass die sich nicht um ihre Tagebaurestlöcher kümmern.

    Wenn die Kohle dort geht, dann ist fast überhaupt keine Arbeit mehr für die Region und dann ist es wirklich Brachland.

  3. … und ich dachte, daß ich der größte Uwe Steimle-„Fan“ bin!

  4. „Energiewende ja, aber bitte eine, die auch technisch funktioniert.“

    Ich würde weiter gehen. Erst kommt die Frage nach dem warum sowie nach Kosten und Nutzen. Wenn jemand ein wesentliches Element unserer Wirtschaft und unseres Lebens planwirtschaftlich umbauen will, braucht er dafür einen verdammt guten Grund und eindeutige, erreichbare Ziele. Selbst WENN es funktionierten würde: was sind die Ziele der Energiewende?

    Die Verringerung des CO2-Ausstoßes und der Ausstieg aus der Kernenergie sind zuwiderlaufende Ziele; meiner Ansicht nach auch fragwürdige Ziele, aber egal. So oder so kann Wind- und Sonnenenergie beides nicht gewährleisten. Mit der Reduzierung des Tagebaus hat das auch nichts zu tun. Wir brauchen die Kohle heute mehr als vor drei Jahren. Naturschutz? Eher schlechter. Luftqualität? Kein Einfluß. Weniger Abhängigkeit vom Ausland? Fehlanzeige.

    Warum besteht also urplötzlich Handlungsbedarf? Warum die Eile? Wir haben hier eine politische Lösung auf der Suche nach einem realen Problem.

    Nur die astronomischen Kosten sind sicher. Es handelt es sich um eine Fehlentwicklung, die ein System umgräbt, das uns ja bisher gut gedient hat. Aber natürlich wird keiner von uns in 10 oder 20 Jahren realisieren, um wie viel ärmer er ist, als er es sonst gewesen wäre.

  5. Ja, diese überstürzte und undurchdachte Art unserer Energiewende wirft tatsächlich solche Fragen auf, warum das jetzt so urplötzlich sein muss. Man hat die Gründe Klimaschutz und Atomausstieg hier auch sehr vermischt, obwohl sie nichts miteinander zu tun haben. Ich hätte es sinnvoller gefunden, sich zunächst auf Klimaschutz* zu konzentrieren. Atomausstieg hätte man anschließend immer noch machen können, zumal kein Nutzen entsteht, wenn man funktionierende AKW einfach nur still legt – das spaltbare Material ist ja trotzdem noch im Reaktor. Da könnte man es und das bereits dafür produzierte wenigstens noch aufbrauchen, solange das Kraftwerk technisch unbedenklich ist. Die Erdbeben- und vor allem die Tsunami-Gefahr ist in Deutschland bekanntlich nur sehr gering …

    (* Ja, ich weiß, dass es aber schon seit einigen Jahren keinen Temperaturanstieg mehr gab)

  6. Umweltschutz ja. Aber Klimaschutz ? Wie soll das gehen?

  7. Die Frage führt jetzt auf die allseits beliebte CO2-Diskussion 😉 Ganz unabhängig davon könnte ich mir schon vorstellen, dass man Dinge tun kann, die positive oder negative Auswirkungen auf das Klima haben. Dazu gehören großflächige Veränderungen des Waldbestandes (spielt bei uns weniger eine Rolle, mehr in Südamerika, Zentralafrika, Südostasien und der Taiga), dann gibt es Beobachtungen, dass zu große bebaute Gebiete (Millionenstädte) Auswirkungen haben, auch Wärmeemissionen aus Städten und Industrie dürften wohl nicht ganz folgenlos sein und – egal, wie man CO2 bewertet – dass wir alle möglichen Sachen in die Luft blasen, die vorher nicht darin waren, dürfte auch Auswirkungen haben. Das Problem ist ja, dass es bei so komplexen Dingen wie Wetter und Klima schwer ist, zu sagen, dass ein beobachteter Effekt eindeutig auf Ursache X zurück geht.

    Um mal den Bogen zurück zum Thema zu führen: Auch wenn die (ehemaligen und aktuellen) Tagebaue in der Lausitz und um Leipzig insgesamt für das Weltklima wahrscheinlich eine zu bedeutungslos geringe Fläche haben, dürfte es nicht ganz folgenlos für unsere langfristige Wetterentwicklung bleiben, wenn dort früher Wälder und Ackerflächen waren, heute (bzw. später) da aber Seenlandschaften sind.

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