Buchempfehlung (oder vielleicht auch nicht): Gerhard Wisnewskis aktueller Jahresrückblick

In wenigen Tagen ist es soweit und Gerhard Wisnewskis neuestes Werk kommt in den Handel: „Verheimlicht – vertuscht – vergessen: Was 2010 nicht in der Zeitung stand“. Da es nicht teuer ist, werde ich es mir routinemäßig wieder kaufen. (Nachtrag, 12.1.: Inhalt siehe hier). Ein Buch über Themen, die nicht in den Zeitungen standen? Da die meisten politisch Interessierten auf diese Quellen ohnehin wenig geben, klingt das nicht gerade nach zusätzlichem Erkenntnisgewinn. Als Internet-Leser kennt man die Themen eines solchen Buches also wahrscheinlich ohnehin schon. Aber man findet in Wisnewskis  Büchern durchaus einige Dinge, die neu sein können oder die man so noch nicht betrachtet hat. Außerdem hat der Mann bei mir ein paar Bonus-Punkte, weil er nach dem 11. September das erste ernstzunehmende kritische Buch zu diesem Thema veröffentlichte, welches für den damaligen Zeitpunkt auch sehr gut recherchiert war.

Allerdings bedeutet das noch lange nicht, dass ich deshalb alles aus W.‘s Tastatur gierig als Offenbarung aufsaugen und für bare Münze nehmen muss. Er hat sich in den letzten Jahren zum Chef-Verschwörungstheoretiker für Verschwörungen aller Bedarfsrichtungen entwickelt. Und da seiner Meinung nach von „denen da oben“© aller drei Wochen eine neue Geheimniskrämerei ausgeheckt wird, kommt er manchmal kaum hinterher mit der Offenlegung schockierender Hintergründe. Diese Hektik! Ich möchte nicht mit ihm tauschen. Auf den Seiten des Kopp-Verlags kann man immer seinen aktuellen Recherchen folgen. Mit Sicherheit wird im kommenden Buch deshalb auch der Tod Kaczyńskis eine Rolle spielen (wurde bei Kopp wochenlang enthüllt). An Kaczyńskis Tod waren auf jeden Fall die Russen schuld. Warum? Völlig egal – Hauptsache, wir haben eine Verschwörung! Die Russen haben jedenfalls erst eine Bombe im Triebwerk des Flugzeug gezündet (wie das helle Pixel in dem verwackelten Amateurvideo beweist), dann haben sie Nebel auf dem Flughafen in Smolensk erzeugt, um dem Piloten die Sicht zu nehmen und dann haben sie den Nebel irgendwie ganz schnell wieder weg geblasen, damit keine Beweise übrig blieben. Und dann haben sie die Überlebenden erschossen. Das wird so alles im Buch stehen. Dass eine Sache auch einmal einfach nur so aus einer Verkettung ungünstiger Umstände heraus passieren könnte, ist bei W. nicht vorgesehen. Es steckt immer eine geheime Macht hinter allem!

Das bedeutet: Es geht manchmal etwas hanebüchen zu bei Wisnewski. Man sollte also mitdenken bei seinen Texten. Wer geistig wach bleiben will (und alle Sudoku-Varianten schon durch hat) ist insofern mit diesem Buch gut beraten. Wenn ich die beiden letzten Bücher durchsehe, sind da – je nach Naivitätsgrad des Lesers – ca. 10 bis 30% Texte, die etwas fragwürdig sind. Bei denen man zu überlegen beginnt: „Es ist ja okay, das Thema noch einmal zu erwähnen, aber inwiefern wurde da etwas verheimlicht, vertuscht oder vergessen? Stand das nicht durchaus oft in der Zeitung? War das Thema für die Medien vielleicht einfach nur zu belanglos?“ Oder: „ Was hat dieses allgemeine Thema überhaupt speziell mit dem letzten Jahr zu tun?“.

Ganz schlimm wird es, wenn der Autor beginnt, sich zu naturwissenschaftlichen Dingen zu äußern. Keinerlei Ahnung von Fachgebieten zu haben, muss kein Hinderungsgrund sein, trotzdem etwas darüber zu schreiben. Viele wussten wahrscheinlich noch nicht, dass CO2 ein „gutes Gas“ ist. Doch! Ist es. Denn CO2 wird ja von Pflanzen eingeatmet, also ist es gut für Pflanzen. Und viel Pflanzenwuchs kann ja nichts Schlechtes sein. Also immer rein mit dem CO2 in die Atmosphäre! Je mehr, desto besser. Das meint W. ernst. Noch besser ist: Der Mond wirkt auf Tachyonen wie eine Sammellinse. Und das wiederum erzeugt Erdbeben bei uns auf der Erde. Physiker haben W.‘s Buch sicher verschlungen. Gut – direkte Beweise dafür hat W. zwar nicht, aber da es von den Regierungen verheimlicht wird, ist das doch Beweis genug. Und am Schweizer CERN, welches ja auch Tachyonen-Forschung betreibt, bezahlt man jemanden extra für Erdbeben-Erforschung … noch deutlichere Beweise wird man kaum finden.

Auch unterhaltsam ist, wenn der Autor zu Lieblingsthemen kommt – da werden schon mal aus Mücken Elefanten. Das Fazit ist zwar jeweils übertrieben bis absurd, aber egal: Die Demokratie ist am Ende, weil in Bochum eine Gewerkschaftsfrau der Band „Bandbreite“ bei einem 9/11-kritischen Text das Mikro heruntergezogen hat. Wir Männer sollen (kein Witz!) durch Gender Mainstreaming abgeschafft werden. Girls Day ist schuld an Arbeitslosigkeit. Amokläufe an Schulen wurden nicht von den Schülern begangen, sondern von den Regierungen. Warum? Na, ganz klar: Um damit die Waffengesetze verschärfen und den privaten Waffenbesitz verbieten zu können. Weil letzterer ja unsere Demokratie schützt, welche unsere Regierungen bekanntlich aushebeln wollen…

… Moment … wie bitte? Privater Waffenbesitz schützt Demokratie? Ja, das steht wirklich da drin. Einfach mal im Buchladen die Ausgabe „2009“ öffnen und Seite 229/230 lesen, wo W. einen Amoklauf an einer finnischen Schule analysiert. Klingt beim Lesen sogar schlüssig, allerdings sollte man 10 Minuten später noch einmal in Ruhe darüber nachdenken: Ausgerechnet die kinderfreundlichen Finnen inszenieren Massaker an Schulen? Ausgerechnet die finnische Regierung will die Demokratie durch eine Diktatur ersetzen?

Sehr lustig war in der Ausgabe 2010 (also dem Buch über 2009), dass er – mit wenigen Zeilen – seine eigene tolle Verschwörungstheorie vom Vorjahr über den Tod Jörg Haiders negierte. Ich erinnere kurz: 2008 stellte W. beim Betrachten der betreffenden Unfallfotos fest, dass von allen beschädigten Teilen am Auto immer zwei existierten:

– Zwei fehlende Nummernschilder
– Zwei fehlende Kotflügel
– Zwei fehlende Scheinwerfer
– Zwei Löcher nebeneinander in Motorhaube
– Zwei senkrecht stehende Scheibenwischer
– Zwei fehlende Türen (an einer Seite des Fahrzeugs)

Unglaublich: Stets zwei! Derartig viele Zufälle – so der Autor – wären doch fast wie ein Sechser im Lotto. Und auch als Leser stockt einem der Atem: Ausgerechnet zwei Nummernschilder waren ab. Warum nicht drei oder acht? Oder links sind nur zwei Türen abgebrochen. Warum nicht alle sieben? Oder vorne, die beiden Scheibenwischer! Ganz klar ist also für Wisnewski: Das sind Zeichen, die die Attentäter in mühevoller Kleinarbeit extra so präpariert haben, um der Welt ein Zeichen zu geben. „Wir waren hier! Wir können so etwas tun, ohne dass Ihr uns kriegt!“ Eine geheime Macht also. Nein, nicht die Illuminaten, denn die hätten ja Kombinationen aus 2 und 3 verwendet. Wer es war? Keine Ahnung. Aber diese Zeichen könnten nicht eindeutiger sein.

Das trieb ihn dazu an, ein komplettes Buch über den Tod Haiders zu schreiben. Ich habe es nicht gelesen, aber als Leser bekam man sicher wieder das Gefühl, in unserer Welt seien wirklich unglaublich mächtige Geheimorganisationen am Werk. In seinem nächsten Jahrbuch fand sich dann aber gleich im ersten Kapitel ein Text über „verschwiegene Gefahren des Airbags“. Manchmal kann ein Airbag nämlich fehlerhaft auslösen und dadurch selbst zur tödlichen Gefahr werden. Ja, aber was hat dieses Thema speziell mit 2009 zu tun? Und wurde es wirklich vertuscht? Ich war mir sicher, so etwas schon vorher im Fernsehen erfahren zu haben. Immerhin retten Airbags auch deutlich mehr Leben als sie vernichten, also war es vielleicht wirklich nur zu uninteressant für die Medien? Was sollte also dieses Thema? Ganz einfach: W. räumt in dem Text – so ganz nebenbei – ein, dass Haiders Unfall auch einfach nur durch einen solchen falsch ausgelösten Airbag entstanden sein könnte. Tja, da haben die Verschwörungsfans das Haider-Buch nun umsonst verschlungen.

Weitere Absurditäten aus den beiden letzten Jahresrückblicken gefällig? W. kritisiert, dass Angela Merkel den Karlspreis erhielt. Kritik aber nicht deshalb, weil Merkel ihn vielleicht nicht verdient hat, sondern weil der Karlspreis an sich Unfug sei. Denn Karl der Große hat nie existiert. Weil ja ca. 300 Jahre des Mittelalters fehlen … ach nee! Die Geschichte vom erfundenen Mittelalter schon wieder, die sich jeder zum logischen Denken Fähige eigentlich selbst korrigieren kann. Aber W. glaubt fest an diese Theorie. Genau wie auch daran, dass die Amerikaner nie auf dem Mond waren, obwohl das ja nun wirklich schon –zigmal ausdiskutiert wurde. Solche Mondverschwörungsdetails mussten in beide Bücher mit hinein. Wird sicher auch diesmal wieder mit vorkommen. 20. Todestag von Josef Strauß – auch Strauß starb unter mysteriösen Umständen, zumindest laut Wisnewski, auch wenn er keinen einzigen Beweis dafür hat, außer der Überlegung: Strauß war kurz vorher noch kerngesund! Und es könne doch nicht sein, dass ein kerngesunder Mann plötzlich … Doch, Herr Wisnewski! So etwas passiert gelegentlich.

Ja, gibt es denn gar nichts Positives über diese Bücher zu sagen? Doch, etwa 2/3 bis 3/4 sind durchaus interessant oder sogar wichtig (siehe letzter Abschnitt). Dass man Gerhard Wisnewski trotzdem nur beschränkt ernst nehmen kann, liegt an ihm selbst.

Beispiele für interessant bis wichtige Themen:

Nicht nur in Diktaturen, auch in Hessen können Wahlbeobachter unerwünscht sein; Zumwinkel-Affaire; Hamburger Parteien ignorieren von Bürgern beschlossenes geändertes Wahlrecht; ein herbeigeredeter Linksruck war eigentlich ein Rechtsruck; „Aufstand“ in Tibet; ein EU-Reformvertrag, den niemand gelesen geschweige denn verstanden haben kann; auch Obama hat kritikwürdige Hintermänner; Stasi-Kampagne gegen Gregor Gysi; Lafontaine darf bei Anne Will versehentlich ausreden; inszenierter Protest bei Olympischen Spielen in Peking; Südossetien – nicht Russland, sondern Georgien griff an; Siemens und die „Korruption“; ein durch starke Kürzung völlig entstelltes Putin-Interview bei der ARD; Umsturzversuch im Iran; Djerba-Prozess; seltsames Beweismaterial beim Amoklauf Winnenden; Thema „Internetzensur – der Autor begibt sich selbst im Internet auf Suche nach der angeblich allgegenwärtigen Kinderpornografie und (findet einfach nichts); der angebliche 9/11-Drahtzieher Scheich Mohammed wurde 183x mit Waterboarding gefoltert (möglicherweise in nur einem Jahr, also etwa aller 2 Tage) – was sind seine Geständnisse wert?; Schweinegrippe und WHO; Schweinegrippe und Journalismus; die CDU hatte bei der Bundestagswahl 2009 keinen Kanzlerkandidaten (man hat zwar immer Merkel präsentiert, aber es gab nie einen offiziellen Kanzlerkandidaten); plötzliches Wirtschaftswachstum kurz vor Wahl … u.a.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Name und E-Mail-Adresse erforderlich (E-Mail-Adr. wird nicht veröffentlicht).
Siehe auch Kommentar-Regeln, Spamschutz und Hinweise zu Textformatierung