Ein kleiner Nachruf auf Horst Köhler

Der Kabarettist Georg Schramm hat hocherfreut auf den Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler reagiert. Er sagte: „Ich war entzückt.“ Er habe sich einfach wahnsinnig gefreut, dass Köhler endlich zurückgetreten sei, der Anlass sei ihm schon fast egal gewesen. Das Amt des Bundespräsidenten sei ein symbolisches Amt und lebe nur von der Macht des gesprochenen Wortes. „Und ausgerechnet Horst Köhler, ein Mann, der für jeden erkennbar genau darüber nicht verfügt, über die Kraft des gesprochenen Wortes, den macht man zum Bundespräsidenten.“ (1)

Mein erster Gedanke nach der Rücktrittserklärung war: Was soll nun werden? Wo schlingert Deutschland nun hin, so ganz ohne Bundespräsident? Na, Scherz beiseite … man wird wohl kaum einen Unterschied bemerken. Lediglich die Kabarettisten werden weniger Munition bekommen, aber selbst die haben immer noch Westerwelle.

Köhler bei seiner Rücktrittserklärung: „Meine Äußerungen zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr (…) sind auf heftige Kritik gestoßen. Ich bedaure, dass meine Äußerungen in einer für unsere Nation wichtigen und schwierigen Frage zu Missverständnissen führen konnten.  Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung*. Sie lässt den notwendigen Respekt für mein Amt vermissen.“ (2)

Wenn man sich diese Erklärung in der ZDF-Mediathek ein zweites Mal ansieht, bekommen zunächst die endlosen Pausen zwischen jedem Satz mit dem stets sehr bewegten Blick etwas unfreiwillig Komisches. Aber gehen wir noch einmal Schritt für Schritt alles durch:

Köhler sagt am 22. Mai in einem Radiointerview (Auszug): „Ich finde es in Ordnung, wenn in Deutschland darüber immer wieder auch skeptisch mit Fragezeichen diskutiert wird. Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen. Alles das soll diskutiert werden und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.“ (3)

Die Presse macht daraus: Köhler sagt, wir führen den Krieg aus wirtschaftlichen Gründen.

Stimmt das? Hat er das damit gesagt? Na, irgendwie schon. Immerhin hat er so etwas angedeutet. Selbst wenn er es angeblich nicht so gemeint haben will, sollte er schon zugeben, dass er sich dann zumindest etwas unglücklich ausgedrückt hat. Oder war er nur im Nachhinein selbst erschrocken darüber, dass ihm da versehentlich ein korrekter Gedankenansatz entschlüpft war?

Köhler bedauert also, „dass (seine) Äußerungen (…) zu Missverständnissen führen konnten“. Dass man als Bundespräsident gelegentlich mit der Presse zu tun hat und dass Journalisten dann gern Aussagen verkürzen, falsch zitieren oder gar aus dem Zusammenhang reißen – das hätten ihm seine Berater damals beim Amtsantritt vielleicht mit erklären sollen. Denn: Deshalb tritt der Mann nun gleich zurück? Einmal falsch verstanden worden sein und deshalb gleich Rücktritt vom wichtigsten Amt des Landes? Ein ziemliches Sensibelchen, unser Herr Köhler! Aber weiter im Text: „Die Kritik geht aber soweit, mir zu unterstellen, ich befürwortete Einsätze der Bundeswehr, die vom Grundgesetz nicht gedeckt wären.“ Na gut, wenn man das so umdeutet … aber um solche scheinbaren Missverständnisse aus der Welt zu schaffen, hätte man doch darüber reden können! Und hat er das nicht auch getan? War das nicht auch fast schon wieder medialer kalter Kaffee? Schnee von gestern? Doch für Herrn Köhler lässt das „den notwendigen Respekt für (sein) Amt vermissen“. Nein, gar nicht, Herr Köhler! Es ist kein fehlender Respekt für das Amt des Bundespräsidenten, wenn selbiger etwas Auslegbares sagt und man das Gesagte dann auch auslegt. Da hat Schramm nämlich Recht: Wer dieses symbolisches Amt innehat, welches von der Macht des gesprochenen Wortes lebt, der sollte dann schon wissen, was die eigenen Worte bewirken. Respekt für dieses Amt bedeutet nicht, dass alle ehrfürchtig auf die Knie fallen, weil der Bundespräsident wieder irgendetwas gesagt hat. Es bedeutet nicht, dass alles so Dahingesagte widerspruchslos vom Volke hingenommen wird. Respekt vor diesem Amt bedeutet eben gerade, dass man hinhört, wenn der Bundespräsident etwas sagt und dass man sich dann auch darüber Gedanken macht. Und genau das haben viele getan.

Herr Köhler stand heute in seiner Presseerklärung mit einem Gesichtsausdruck, der zeigte, wie zutiefst ihn das alles getroffen hatte und der auch sagte: So. Jetzt habe ich es aber einmal allen gezeigt! Das habt Ihr nun davon! Nun seht mal zu, wie Ihr mit dieser Situation fertig werdet!

Das hat auch alle Politiker unheimlich beeindruckt. Das Geschacher um seinen Nachfolger läuft bekanntlich bereits auf vollen Touren.

(*“Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung“ – irgendwie auch ein sehr seltsamer Satz! Dazu könnte man fast einen zusätzlichen Text schreiben.)

Quellen:

(1)  31.Mai 2010, Deutschlandradio Kultur: Kabarettist Georg Schramm freut sich über den Rücktritt des Bundespräsidenten 

(2) ZDF-Mediathek, Köhler im Wortlaut

(3) 22.Mai 2010, Deutschlandradio Kultur: Horst Köhler im Gespräch mit Christopher Ricke 

Ein Kommentar:

  1. Da beeindruckt mich gar nichts. Nicht mal der berechtigten Kritik an seinen Worten stellt er sich. Gerade das wäre aber seiner Funktion als Integrationsfigur geschuldet. Weiterhin schadet er dem Land, da er der Politik mitten in der Wirtschaftskrise nicht die Zeit gibt sich um die dringenden Probleme des Landes zu kümmern, sondern um seine Nachfolge.
    Stattdessen geniesst er seine umfassende Versorgung, die Politiker sich gönnen.

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