Ich arbeite nicht mehr als bezahlter Putin-Troll

Die Medien haben es kürzlich erst aufgedeckt: Fast alle Menschen, die im Internet halbwegs russlandfreundliche Kommentare schreiben, sind bezahlte Putin-Trolle. Natürlich haben wir Trolle sofort zurück geschrieben, diese Behauptung hätte aber den deutlichen Charakter einer Verschwörungstheorie und es sei doch erstaunlich, dass ausgerechnet diese Verschwörungstheorie vor allem von den Leuten in Deutschland sehr bereitwillig aufgenommen wird, die ansonsten jede Verschwörungstheorie lächerlich finden. Ich schrieb in einem Kommentar (das gab 23.850 Rubel extra): Wie bei jeder Verschwörungstheorie müsse man sich fragen, wie eine solche Aktion in der Praxis unbemerkt funktionieren könne? Wenn durch so viele notwendige Beteiligte so viele Mitwisser entstehen – wie will man verhindern, dass sich einer von denen verplappert, dass sich später jemand mit seinem Insider-Wissen wichtig machen will? Wie viele Leute bräuchte man also zusätzlich zur Überwachung der Insider, die ja dann selbst auch überwacht werden müssten, da sie zusätzliche Insider wären. Wie will man das vor den vielen weltweit agierenden Geheimdiensten verbergen … was man in solchen Fällen als Troll eben so schreibt.

Aber wie schon erwähnt, haben es deutschsprachige Medien nun ohnehin aufgedeckt. Auch wenn da immer nur von einzelnen angeblich entdeckten Trollen die Rede ist oder von anonymen Quellen, die auf obskure einzelne Agenturen verweisen: Ja, stimmt alles, ich selbst war auch Putin-Troll. So, nun ist es raus.

Da ich aber auch gelegentlich Monsanto-verharmlosende Kommentare schreibe, zum Beispiel, dass die uns mit ihrer Gentechnik gar nicht alle umbringen wollen (nur jeden dritten), da ich also gleichzeitig auch Monsanto-Troll bin, hat Putin mich vor einigen Tagen angerufen und gesagt, dass es so nicht weiter geht. Wenn ich prorussische Kommentare schreibe, kann ich nicht gleichzeitig auch für das amerikanische Großkapital schreiben. Entweder ich bin für Russland oder für die Amerikaner – beides geht nicht. Historische Gründe und so. Ich bin schon ein wenig sauer auf Wladimir, unsere langjährige gute Zusammenarbeit so in Frage zu stellen und deshalb auch mein Outing hier. Da die Amerikaner mehr Geld zahlen, habe ich mich natürlich für sie entschieden.

Ein Glück nur, dass die Atom-Lobby sich nicht so eng hat (ich schreibe ja gelegentlich auch Energiewende-kritisches Zeug), denn sonst müsste ich am Ende noch einer normalen Arbeit nachgehen mit früh aufstehen und so. Mal sehen, ob die Chinesen noch jemanden brauchen …


Quellen:

Was die Medien aufgedeckt haben: Beispiel 1, 2, 3, 4

19 Kommentare:

  1. Viele Mitwisser – kann gar nicht sein, da ist nichts dran

    So in etwa Franks Meinung.

    Frank :
    Wie bei jeder Verschwörungstheorie müsse man sich fragen, wie eine solche Aktion in der Praxis unbemerkt funktionieren könne? Wenn durch so viele notwendige Beteiligte so viele Mitwisser entstehen …

    Nun, unbemerkt funktioniert hat es ja nicht.
    Bereits am 02.Mai 2014 berichtete dieNZZ

    NZZ :
    Ein Artikel der regierungskritischen russischen Zeitung “Nowaja Gazeta” berichtete vor einem halben Jahr darüber, dass eine “Agentur für Internet-Studien” in St. Petersburg 650 Franken pro Monat und gratis Essen für Personen anbietet, welche im Internet regelmässig Kommentare im Sinne des Kremls schreiben. Die Betreiber der Agentur kämen aus dem Umfeld kremltreuer Jugendorganisationen wie “Die Unsrigen” oder “Junge Garde”. Solche verdeckten Operationen machen den Online-Diskurs noch unberechenbarer.

    Den beteiligten Zeitungen/Journalisten eine Verschwörungstheorie anzuhängen ist angesichts der geschilderten Fakten und den berichteten nachweisbaren Anschwellen der prorussischen Kommentare unverständlich.
    Was die vielen Mitwisser betrifft : Dieses System dichtet sich quasi selber ab. Wer erzählt schon gern davon daß er sein Geld damit verdient, eine vorgegebene Meinung unter mehreren falschen Namen zu kolportieren. Und die zwei, welche berichteten (wenn ich die Quellen richtig gelesen habe), sind die Ausnahme von dieser Regel.
    Weitere Anzeichen russischer Einflussnahme auf die öffentliche Meinung sieht man m.E. bei den Montags-Wahnmachen und der Pegida.

  2. Ja klar, die NZZ habe ich ja auch mit erwähnt. Witzige Sache: Man stellte dort Mitte des letzten Jahres fest, es gäbe erstaunlich viele kritische Kommentare zu ihren Berichten über die Ukraine. Da das aber selbstverständlich auf keinen Fall an eventuellen eigenen Fehlern liegen konnte, erklärten sie, das müssten alles bezahlte Auftragsschreiber sein. Dazu wurden dann über absolut „seriöse“ Quellen angebliche Beweise entdeckt. Daraus wurden „hunderte bezahlte Blogger“ und sogar eine „geheime Internet-Armee“, obwohl die NZZ dann so ganz nebenbei einräumen musste: „Einen Troll eindeutig zu entlarven, gelang bisher aber nicht“.

    Stellen wir uns das doch mal auf der Gegenseite vor: Jemand behauptet, es gäbe eine geheime Internet-Armee der NATO, der USA oder von Angela Merkel, die im Netz russlandkritische Kommentare schreibt. Wirklich überführt hätte man davon zwar noch keinen einzigen, aber es gäbe eine Gruppe von Hackern, die sich «Anonymous International» nennt und die hätten Dokumente, aus denen so etwas hervorgeht. Würden wir da nicht berechtigt fragen, ob man diese Dokumente einmal sehen könnte und wer diese seltsame Gruppe ist? Könnten ja von Russland bezahlte Hacker sein. Würden wir da nicht auch Beweise fordern und diese Behauptung ansonsten als Verschwörungstheorie einstufen?

    Ja, es ist vorstellbar, dass es bezahlte Auftragsschreiber gibt, allerdings auf allen Seiten. Aber (Thema Mitwisser) so ein System dichtet sich quasi selber ab?

    Wer erzählt schon gern davon daß er sein Geld damit verdient, eine vorgegebene Meinung unter mehreren falschen Namen zu kolportieren.

    Ja, wer könnte so etwas machen? Jemand, der gerade besoffen ist; jemand, der als cool gelten will; jemand der sich mit seinen Auftraggebern zerstritten hat und ihnen eins auswischen will; jemand, der in ein anderes Land umzieht und sein Geld durch den Verkauf brisanter Informationen verdienen will; jemand, der vom Gegner abgeworben wird; jemand, der nichts zu befürchten hat (oder dies glaubt) und einmal seinen Namen in den Medien sehen will … da sind durchaus sehr viele Szenarien denkbar.

  3. Gut angelegtes Geld

    Frank :
    … obwohl die NZZ dann so ganz nebenbei einräumen musste: “Einen Troll eindeutig zu entlarven, gelang bisher aber nicht”.

    Frank :
    Ja, wer könnte so etwas machen? Jemand, der gerade besoffen ist; …
    jemand, der in ein anderes Land umzieht und sein Geld durch den Verkauf brisanter Informationen verdienen will … da sind durchaus sehr viele Szenarien denkbar.

    Die WELT berichtete über eine Aussteigerin und die ARD präsentierte einen. Beide sagen unabhängig voneinander in etwa das Gleiche. Der Letztere kündigte weil ihm die Arbeit absurd vorkam.

    Frank :
    Ja klar, die NZZ habe ich ja auch mit erwähnt. Witzige Sache: Man stellte dort Mitte des letzten Jahres fest, es gäbe erstaunlich viele kritische Kommentare zu ihren Berichten über die Ukraine …

    NZZ :
    So viele Putin-Verteidiger im Westen: Wer hätte das gedacht!

    Es ist ja nicht bloß die NZZ welche diese Kommentarflut beobachtet, die so gar nicht zu Umfrageergebnissen passt:

    SZ :
    Infratest dimap ermittelte, dass zwei Drittel der Bundesbürger Wirtschaftshilfen für Kiew befürworten und fast ebenso viele den politischen Druck der USA und der EU auf Moskau für sinnvoll halten. Die Kommentarflut, egal ob auf Spiegel oder Zeit Online, Süddeutsche.de oder bei der ARD, aber erweckt den Eindruck, man stehe mit seiner Meinung alleine da, wenn man die Annexion der Krim als solche verurteilt – ein auffälliges Missverhältnis.

    Recherchierende Journalisten finden starke Indizien für eine Trollfabrik in St. Petersburg. Nun kann man das alles als Verschwörungstheorie abtun weil man fragen kan

    Frank :
    … ob man diese Dokumente einmal sehen könnte …

    Fakt ist die o.e. überproportionale Flut der Kreml-freundlichen Kommentare.
    Ihr einleitender Beitrag war ja ironisch gefärbt. Putins 1Mio USD pro Monat für diese Kommentare und Ihr Glaube an eine Verschwörungstheorie – das Geld ist doch gut angelegt !

  4. Habe mich mißverständlich ausgedrückt : Statt „Ihr Glaube an eine“ besser : „Ihre Unterstellung einer Verschwörungstheorie“

  5. Man kann ja glauben, was man will. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass so eine Aktion in der Praxis funktionieren könnte. Die erwähnte überproportionale Flut der Kommentare war ja eigentlich gar nicht primär Kreml-freundlich, sondern kritisch gegenüber der Berichterstattung bestimmter deutschsprachiger Medien. Das ist schon ein kleiner Unterschied. Nur weil ich z.B. dem ZDF Unsachlichkeit nachweise, muss ich noch lange kein Putin-Fan sein. Dass die kritisierten Medien diese Kritik damit herunterzuspielen versuchten, indem sie – trotz sehr dünner Faktenlage – bezahlte Trolle Putins erfanden, war keine Glanzleistung. Der von Ihnen erwähnte SZ-Artikel ist auch eine ganz seltsame Nummer. Da wird allen Ernstes behauptet, die Meldung „Harry Potter macht schwul“ sei „sorgfältig geplant, kalkuliert und strategisch platziert“. Ich finde es immer sinnvoll, sich Verschwörungstheorien einmal aus Sicht der angeblichen Verschwörer vorzustellen: Ich stelle mir vor, ich sei tatsächlich ein bezahlter Forentroll Putins. Als solcher erstelle ich ausgerechnet ein Video, mit dem ich mich zunächst gleich einmal als Vollidioten darstelle und meine künftige Glaubwürdigkeit vernichte? Das klingt wirklich sehr „sorgfältig geplant, kalkuliert und strategisch platziert“ 😉

  6. Ein kleiner Unterschied und Putins Lug + Trug

    Frank :
    Die erwähnte überproportionale Flut der Kommentare war ja eigentlich gar nicht primär Kreml-freundlich, sondern kritisch gegenüber der Berichterstattung bestimmter deutschsprachiger Medien. Das ist schon ein kleiner Unterschied.

    Sicher wäre das so wenn’s so war. Aber woher wissen Sie von dieser Abfolge?
    Leider findet man kaum noch Kommentare aus dieser Zeit um sich selber ein Bild zu machen.
    Christian Weisflog schreibt am 18.6.2014 in der NZZ

    NZZ b>
    Seit dem Ausbruch der Ukrainekrise wurden die Meinungsforen westlicher Nachrichtenportale in wellenartigen Bewegungen von prorussischen Kommentaren überschwemmt.

    und verweist auf einen früheren, sehr ausgewogenen Artikel über den Einfluß von Foren auf die Information vom 02.Mai 2014 von Rainer Stadler

    NZZ:
    Seit gut zwei Monaten bestürmen Leserinnen und Leser die Online-Plattformen der Informationsmedien und kritisieren die Berichterstattungen im Zusammenhang mit der Ukraine. Tausende Kommentare gehen ein, auch die NZZ erhält auffällig zahlreiche elektronische Leserbriefe.

    Hier kann man auch ein paar Kommentare nachlesen.
    Aber auch Kritik, ob berechtigt oder wie auch immer, kann aus einer Trollhöhle kommen.
    Derselbe Rainer Stadler schrieb bereits am 4.3.2014

    NZZ :
    Noch kaum publizistische Beachtung gefunden hat der auffällige Trend in den Online-Kommentaren zu den Aktualitäten in der Ukraine. Zum einen überrascht die Vielzahl an Meinungsbeiträgen; das digitale Volk interessiert sich offensichtlich nicht nur für Sex und Kriminalität. Zum andern erstaunt der Tenor: Die Politik des russischen Präsidenten Putin findet hier viel Verständnis. Ob auf großen Informations-Websites in der Schweiz, in Deutschland oder in Grossbritannien: Die Stimmungslage ist ähnlich. Die Kommentatoren ziehen ätzende Vergleiche mit der Aussenpolitik der USA, etwa im Nahen Osten. Besonders viele Like-Klicks versammeln jene Schreiber, welche den führenden Zeitungen – den «Mainstream-Medien» – vorwerfen, ein einseitiges Putin-Bashing zu praktizieren. So viele Putin-Verteidiger im Westen: Wer hätte das gedacht!

    Soviel dazu was ich in der NZZ über Kritik und Trollerei gefunden habe.
    Frank :
    Der von Ihnen erwähnte SZ-Artikel ist auch eine ganz seltsame Nummer. Da wird allen Ernstes behauptet, die Meldung “Harry Potter macht schwul” sei “sorgfältig geplant, kalkuliert und strategisch platziert”. Ich finde es immer sinnvoll, sich Verschwörungstheorien einmal aus Sicht der angeblichen Verschwörer vorzustellen: Ich stelle mir vor, ich sei tatsächlich ein bezahlter Forentroll Putins. Als solcher erstelle ich ausgerechnet ein Video, mit dem ich mich zunächst gleich einmal als Vollidioten darstelle und meine künftige Glaubwürdigkeit vernichte? Das klingt wirklich sehr “sorgfältig geplant, kalkuliert und strategisch platziert”

    Das Video habe ich nicht gefunden, nach der Beschreibung in der SZ und dem Link ist der Macher ein homophober Amerikahasser. Aber ist deswegen die hochgestochene Rhetorik der SZ über diesen Schund ein Argument gegen die Trollerei?!
    Ob dieser Anonymus sich als Vollidiot dargestellt hat kann ich nicht beurteilen.
    Wer weiß schon was in den Köpfen der russischen Propagandisten abgeht.
    Oder in dem vonPutin mit seinem Lug + Trug.

  7. @Michael-DD: (Hinweis: Die Zitat-Formatierung funktioniert in Kommentaren seit dem letzten Theme-Update nicht mehr. Ich bin noch beim Fehler-Suchen)

    Thema „Aber woher wissen Sie von dieser Abfolge?“: Welche andere Abfolge wäre denn denkbar? Als Alternative wäre nur das vorstellbar: Deutsche Medien berichten zunächst ausgewogen und sachlich über den Konflikt in der Ukraine* und daraufhin setzt eine einseitig russlandbefürwortende Kommentarflut ein. Das wäre in der Tat seltsam gewesen. In dem Fall hätte ich mich auch skeptisch geäußert, ob das mit normalen Dingen zugehen könnte. Aber so war es ja nicht. Zunächst fielen mir selbst und offensichtlich eben auch vielen anderen sehr einseitige oder sogar fehlerhafte Medienberichte auf. Das war der Auslöser der Kritik und auch das Objekt der Kritik. Eine Putinverherrlichung war dort bestenfalls als Randerscheinung bei einigen Kommentatoren zu sehen, die etwas übers Ziel hinaus schossen.

    (* Also etwa folgendermaßen: Sie stellen die Positionen aller Seiten halbwegs korrekt dar, unterstellen niemandem etwas ohne ausreichende Beweise bzw. Indizien und unterlassen es, unbewiesene Verdachte und Behauptungen überzubewerten bzw. überhaupt zu erwähnen)

  8. Jetzt funktioniert die Kommentar-Formatierung plötzlich doch wieder. Obwohl ich gar nichts geändert habe … #neuland

  9. Der Beginn der Trollerei

    Frank :
    Thema “Aber woher wissen Sie von dieser Abfolge?”: Welche andere Abfolge wäre denn denkbar? Als Alternative wäre nur das vorstellbar: Deutsche Medien berichten zunächst ausgewogen und sachlich über den Konflikt in der Ukraine* und daraufhin setzt eine einseitig russlandbefürwortende Kommentarflut ein. Das wäre in der Tat seltsam gewesen. … Aber so war es ja nicht. Zunächst fielen mir selbst und offensichtlich eben auch vielen anderen sehr einseitige oder sogar fehlerhafte Medienberichte auf. Das war der Auslöser der Kritik und auch das Objekt der Kritik. …
    (* Also etwa folgendermaßen: Sie stellen die Positionen aller Seiten halbwegs korrekt dar, unterstellen niemandem etwas ohne ausreichende Beweise bzw. Indizien und unterlassen es, unbewiesene Verdachte und Behauptungen überzubewerten bzw. überhaupt zu erwähnen)

    Auslöser der Ukraine-Krise war der Maidan und die Flucht des Janukowitsch.
    Hier einige Fakten mit Zeitangabe:

    Wikipedia
    Am 27. Februar 2014 besetzten Bewaffnete, die sich als „Selbstverteidiger der russischsprachigen Bevölkerung der Krim“ bezeichneten das Parlamentsgebäude. [4] In der dann folgenden Sondersitzung hatten nach einer Verlautbarung der Pressesprecherin des Parlaments von 64 anwesenden Abgeordneten 61 für ein Referendum über die Unabhängigkeit der Krim gestimmt, das am 25. Mai 2014, zeitgleich mit den Präsidentschaftswahlen in der Ukraine, abgehalten werden sollte.[5] Die Abstimmungen waren nicht öffentlich,[6] Journalisten wurden ausgeschlossen,[7] und Zutritt erhielten nur Abgeordnete, die von Aksjonow eingeladen wurden.[8][9] Während der Sitzung waren Bewaffnete mit Panzerbüchsen im Saal.[8]

    n-tv
    Am 4. März meldet sich Putin erstmals ausführlich zu Wort. Die Uniformierten auf der Krim seien keine russischen Soldaten, sondern „örtliche Selbstverteidigungskräfte“, sagt er. Und: „Russland erwägt keinen Anschluss der Krim.“

    Rußland war also nach Putins Worten gar nicht involviert. „Einseitige oder sogar fehlerhafte Medienberichte“, welche Putin hinter der Sache sahen wären demzufolge schlicht falsch und demzufolge war die „andere Seite“, um Ihre Wortwahl zu benutzen, diese Selbstverteidigungskräfte. Deren Position „halbwegs korrekt darzustellen“ dürfte nach den bei Wikipedia nachzulesenden Umständen schwierig gewesen sein. Außerdem gab es bis dato auf der Krim keinen Konflikt welcher den Einsatz von bewaffneten „Selbstverteidiger der russischsprachigen Bevölkerung der Krim“ rechtfertigen würde. 5 Tage nach der Parlamentsbesetzung, zeitgleich mit Putins Lüge, registriert Rainer Stadler am 4.3.2014

    NZZ :
    … Die Politik des russischen Präsidenten Putin findet hier viel Verständnis. Ob auf großen Informations-Websites in der Schweiz, in Deutschland oder in Grossbritannien: Die Stimmungslage ist ähnlich. Die Kommentatoren ziehen ätzende Vergleiche mit der Aussenpolitik der USA, etwa im Nahen Osten. Besonders viele Like-Klicks versammeln jene Schreiber, welche den führenden Zeitungen – den «Mainstream-Medien» – vorwerfen, ein einseitiges Putin-Bashing zu praktizieren. So viele Putin-Verteidiger im Westen: Wer hätte das gedacht!

    Ich weiß nicht ob es hilfreich wäre ihre Abfolge anhand eines der I.M.n. fehlerhaften Medienberichte und den Kommentaren dazu zu diskutieren.
    Fakt ist: Die „Putinverherrlichung“, die Trollerei, begann mit der Annexion der Krim, obwohl Putin angeblich gar nicht involviert war.

  10. Dass die Ukraine-Krise mit dem Maidan begann, ist schon klar (wobei man auch vorher ansetzen könnte), aber mir ging es doch speziell um kritisierte Medienberichte, also spätere Dinge. Dass die Bewohner der Krim nicht ohne Anregung aus Moskau auf die Idee zur Abspaltung kamen, ist doch auch logisch, das müssen wir hier nicht noch einmal aufrollen. Aber ich sehe es nicht als Putinverherrlichung, wenn man fragt, ob das tatsächlich eine Annexion gewesen sei. Das fällt für mich unter „logisches Denken“.

    Übrigens kam, um noch mal auf das Thema zurück zu kommen, vorgestern Abend im ZDF Auslandsjournal ein Beitrag über „Russlands Propaganda-Krieg im Netz„. „Hunderte bezahlte Blogger verbreiten von St. Petersburg aus russische Propaganda in sozialen Netzwerken“ wird da gleich im ersten Satz gesagt, obwohl nur zwei Leute vorgestellt werden, die laut eigener Aussage so etwas getan haben. Wie schon erwähnt: Ich kann es nicht 100%ig ausschließen, dass tatsächlich etwas dran ist, aber es fällt auf, dass so etwas immer im ZDF kommt, während man bei der ARD insofern etwas zurückhaltender ist. Zum Ende des Beitrags wird eine große Menge Menschen gezeigt, die am Tagesende aus diesem Bürohaus kommen. Vom ZDF werden sie pauschal alle zu Trollen erklärt. Aber stimmt das? Sind es möglicherweise nur ganz normale Büroangestellte, die dort im Haus z.B. in einer Versicherung gearbeitet haben? Und selbst wenn es stimmen sollte: Wer sagt uns, dass das tatsächlich vom Kreml ausgeht? Es könnte ja auch die private Initiative irgendwelcher anderer Leute sein. Russland besteht ja politisch nicht nur aus Putin.

    Wie auch schon erwähnt, kann ich mir aus der Sicht die Troll-Auftraggeber absolut nicht vorstellen, dass das so funktionieren kann. Eine solche Aktion soll mit irgendwelchen beliebigen Tagelöhnern funktionieren, die man von der Straße weg engagiert? Und keiner bemerkt deren immer gleiche Schreibmuster? Ich habe letztes Jahr einmal für ein paar Wochen ein Zweitprofil auf Facebook verwendet (nein, das hatte nichts mit Russland zu tun). Es ist gar nicht so einfach, sich dabei nicht zu verraten, wenn man als ein Anderer schreiben will. Ich habe bemerkt, dass ich immer wiederkehrende Muster verwende, zum Beispiel verwende ich zu viele überflüssige „ja“ in Sätzen (bei jedem Blogtext lösche ich vor dem Veröffentlichen viele davon), ich verwende oft „nun ja“ oder „Hm …“ und das meiste fällt mir sicher gar nicht auf. Eine Software müsste so etwas leicht durch Vergleiche finden können. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, dass man das vor gegnerischen Geheimdiensten lange verbergen könnte. So eine organisierte Trollerei würde vielleicht mit entsprechend ausgebildeten Spezialisten funktionieren, oder überhaupt nur mit Software (das kann ich mir wiederum sogar sehr gut vorstellen), aber doch auf keinen Fall mit Hinz und Kunz von der Straße.

  11. Das Schreibmuster der Trolle

    Es gibt es ja eindeutige Fakten welche den Begriff Annexion rechtfertigen. Das ist für mich logisches Denken.
    Und hinterfragen kann man alles und ad infinitum. So auch ob das gezeigte Haus etwa nur der Sitz einer Versicherung ist oder ob das Geld für die im Film genannte „Föderale Nachrichtenagentur“ evtl. aus privaten Quellen kommt.

    Frank :
    Und keiner bemerkt deren immer gleiche Schreibmuster?

    Was das angeht, wird im Film ab 05:00min berichtet :

    „Diese Informationen werden durch Trolle Wort für Wort verbreitet. Man kann einfach eine Zusammenstellung von Suchbegriffen in Twitter und anderen Netzwerken machen und sehen, daß Leute , die nicht miteinander verbunden sind ein und dasselbe schreiben. Dann gehen wir auf die Profile der Leute und sehen, daß diese Leute nicht echt sind.“

    Und mit „ein und dasselbe“ könnte ein vorgegebener Inhalt, Textbausteine, gemeint sein, nicht der Stil. Ich kann das mangels Kenntnis und Fernhalten von Netzwerken nicht überprüfen.
    Wenn ich im Abstand von einer halben Stunde zu einem Sachverhalt aus dem Gedächtnis 2mal schreibe formuliere ich unterschiedlich.
    Ob sich Geheimdienste für die russische Trollerei und deren Lokalität interessieren ?? Vielleicht wird Umfang + Wirksamkeit analysiert.
    Es reicht offensichtlich wenn Journalisten, betroffen oder nicht, das aufdecken.

  12. derkommentator

    für mich wirkt das eigentlich recht plausibel. die vom kreml bezahlten kommentarschreiber sind ja nicht für alle kommentare verantwortlich, im gegenteil , auch mit hunderten von putinbots kann nur ein bruchteil aus deren feder stammen. auffällig sind aber die reaktionszeiten von teils nur wenigen minuten nach erscheinen des artikels bis die ersten pro putin kommentare auftauchen. das lässt zumindest eine gute organisation erahnen. im englischen netz wie z.b. auf reddit ist das deutlich intensiver als hier zu sehen. die taktik ist vergleichbar mit astroturfing, es gibt ja auch genügend firmen die ähnliche kampagnen in social media gefahren haben, virales marketing würde auch dazu passen. auf jeden fall lässt sich die meinung der leute mit wenigen taktisch gut platzierten kommentaren doch schon erheblich beeinflussen.

  13. @Michael-DD:

    Ob sich Geheimdienste für die russische Trollerei und deren Lokalität interessieren ?

    Unser BND ist sicher nicht kompetent genug für so etwas 😉 . Aber ich denke schon, dass Geheimdienste sich dafür interessieren, ob und wie Regierungen aus anderen Ländern öffentliche Meinungen zu beeinflussen versuchen. Wie gesagt: Aus Sicht Putins bzw. seiner Mittelsmänner wäre mir eine solche Aktion zu heiß. Ich würde mich nicht darauf verlassen, dass beim Gegner jeder nur schläft.

  14. @derkommentator: Okay, ist ein Argument. Allerdings könnte genau diese Schnelligkeit beim organisierten Kommentieren auch wieder verräterisch sein.

  15. @ Demonstrant: Na, wenn es jetzt sogar schon die Presse, besser gesagt „Die Presse“ schreibt, dann muss es ja stimmen. Dass ausgerechnet ein so ausgebuffter Ex-KGB-Mann wie Putin einen solchen Anfängerfehler beim Aufbau seiner streng geheimen Troll-Armee macht, sie schlecht zu bezahlen, klingt ja auch total nachvollziehbar 😉

  16. Wieso

    Frank :
    … Anfängerfehler beim Aufbau seiner streng geheimen Troll-Armee …

    ?
    Das sind Lohnschreiber von der Straße und streng geheim läuft das Ganze ja nun nicht ab. KGB-Leute kämen für diese „Arbeit“, deren Resultat sich in den Netzwerken niederschlägt, teuerer.
    Und ob Putin zahlt, die Kremlkasse oder ein Putin-Vasall, der von seinen Millionen eben mal als Gegenleistung etwas für Propaganda ausgibt, ist nebensächlich.
    Cui bono? ist hier zielführend.
    @Frank : Was machen I.M.n. diese Leute in dem bewussten Haus?

  17. Was machen I.M.n. diese Leute in dem bewussten Haus?

    Keine Ahnung. Wie soll ich halbwegs seriös beantworten können, was Leute in einem ziemlich weit entfernten Haus in einem anderen Land machen, wenn ich dieselbe Frage noch nicht einmal zu einem beliebigen Dresdner Bürohaus beantworten könnte? Dort kann ich ja auch nicht einfach reingehen und bei der Arbeit zuschauen.

  18. Das verstehe ich.
    Ich habe da auch so ein Beispiel : In meinem Schulatlas ist Australien verzeichnet. Immer wenn von Australien die Rede ist habe ich so meine Zweifel – ich habe es nicht gesehen.

Schreibe einen Kommentar

Name und E-Mail-Adresse erforderlich (E-Mail-Adr. wird nicht veröffentlicht).
Siehe auch Kommentar-Regeln, Spamschutz und Hinweise zu Textformatierung