Bio-Bier: Etikettenschwindel?

Ein Artikel in meinen Feedreader erinnerte mich heute an einen vor Monaten verworfenen Blog-Artikel: Letztes Jahr fand ich in einem Restaurant auch Bio-Bier auf der Getränkekarte. Der Skeptiker in mir fragte sich natürlich sofort: Wie kann Bier „Bio“ sein? Bier ist – genau wie Wein – ohnehin bereits ein sehr natürliches Lebensmittel. Außer Wasser, Malz, Hopfen und etwas Hefe ist typischerweise nichts weiter drin. Chemikalien kommen nicht mit hinein, wenn man mal von der gefährlichen Chemikalie C2H6O absieht, die beim Brauen mit entsteht. Also was soll hier noch zusätzlich „Bio“ sein?

Der Hersteller gab damals an auf seiner Internetseite hauptsächlich an, dass er keinen gentechnisch veränderten Hopfen verwendet. Das fand ich interessant. Und zwar deshalb, weil – wie ich bei der weiteren Recherche bald las – auch alle anderen Hersteller von Bier keinen solchen „Gen-Hopfen“ verwenden. Darauf legen alle deutschen Brauer Wert. Weiterhin gibt es in Deutschland ohnehin kaum gentechnisch veränderten Hopfen, bestenfalls für medizinische Forschungszwecke.

Betreibt diese Brauerei Etikettenschwindel?, fragte ich mich damals und stellte fest: Eigentlich nicht. Die Bezeichnung ist immerhin nicht falsch, denn jedes Bier ist „Bio“. „Bio-Bier“ könnten alle anderen Hersteller bedenkenlos auch auf ihre Etiketten schreiben – es wäre nirgends gelogen. Allerdings wäre diese allgegenwärtige Bezeichnung dann ganz einfach überflüssig. Insofern finde ich es besser, solche redundanten Aussagen überall wegzulassen.

Den Artikel schob ich damals zugunsten anderer Themen lange vor mir her und eines Tages stellte ich beim erneuten Besuch der Brauerei-Internetseite fest: Die Aussage mit dem gentechnikfreien Hopfen hatte man dort inzwischen entfernt und durch die üblichen Bio-Allgemeinplätze ersetzt („kontrolliert ökologischer Anbau in der Region, keine Pestizide“ und so weiter). Hatte sich inzwischen jemand beschwert? Jedenfalls betrachtete ich das Thema vorerst als erledigt. Den Namen der Brauerei lasse ich hier weg – nicht dass nachher noch eine Beschwerde kommt, ich hätte den Produzenten etwas unterstellt, was ich gar nicht belegen kann. Schon klar: Insofern kann man mir nun auch vorwerfen, mit der Methode könne ich ja sonst was behaupten.  Aber da die Oettinger Brauerei GmbH nun auf dieselbe Masche aufgesprungen ist, sieht man, dass das Argument „ohne Gentechnik“ durchaus verwendet werden kann, um aus einem völlig normal hergestellten Produkt etwas ganz klar höherwertiges zu machen.


Übrigens hat das Bio-Bier damals gut geschmeckt. Der Hersteller hat auch Bio-Mineralwasser im Angebot, worüber ich aber nichts schreibe. Denn das ist mir endgültig zu albern.

5 Kommentare:

  1. Aber ich darf die Brauerei doch mal benennen, oder? 😉

    „Lammsbräu“ habe ich zufälligerweise auch schon probiert und mir hat es auch geschmeckt.

    Nun bin ich durchaus als Hobbykoch ein Fan von lokalen und wohlschmeckenden Lebensmitteln ohne die ganzen „E312“ & Co. Diese, meine Lebensmittel sind dann eben oft auch Bio.

    Bei mir ist das aber keine Glaubensrichtung, sondern hat neben den entscheidenden Geschmackspräferenzen durchaus auch etwas mit industrieller Massenproduktion vs. handwerklicher Vielfalt zu tun. Trotzdem gehört ein Bio-Bier nicht zu meinen „Hausbrauereien“. 😉

    Noch ein Schwenk: Ich möchte ich eine Lanze für „Lammsbräu“ brechen. Ich habe nämlich einen Freund, der unter Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) leidet. Der bringt sich auch in den Urlaub ein kleines Kistchen der Marke mit. Weil es das wohl von anderen Brauereien nicht so oft gibt. Dafür, dass ein Mann trotz Krankheit nicht auf ein Bier verzichten muss 😉 – dafür allein mag ich schon diese Brauerei.

    Als Unternehmer muss ich sagen: Kann die Brauerei gut verstehen. Man muss sich von den Giganten differenzieren und positionieren. Halt die Nische finden. Ums Überlebens willen. Und wenn die Ökoschiene ist. Da entrinnt mir spontan: ein betriebswirtschaftliches Bravo!

    Und zum Bio-Wasser kann man ja durchaus (wie auch immer) etwas bloggen. Stoff gibt es ja genug.

    http://www.lammsbraeu.de/aktuelles/meldungen/meldungen-detailansicht/article/bgh-begruendet-bio-mineralwasser-urteil.html

    Abschließend: Nicht alles im Leben ist wissenschaftlich beweisbar, rational und erklärbar. Sonst würden ja alle FDP wählen. 😉

    Das, was mitunter unter dem schwülstigen Begriff „Liebe“ zusammengefasst wird, ist das beste Gegenbeispiel. Selbst in homöopathischen Dosen.

    😀

    Beste Grüße,

    Hendrik

  2. Ich möchte zu Bedenken geben, daß es im deutschen Lebensmittelrecht auch eine Nichtzutatenliste gibt. Dort stehen alle Stoffe drauf, die zwar zur Herstellung des Lebensmittels verwendet wurden, aber als Nichtzutat nicht deklariert werden müssen.
    Z.B. bei Bier wird Kobalt als Schaumbremse verwendet. Nur durch eine Schaumbremse ist es modernen Abfüllautomaten möglich, ihre volle Leistung zu erbringen.
    Von daher halte ich es nicht für völlig unsinnig, ein Bier als extra Bio zu ettiketieren.

  3. Ganz unberechtigt ist die Etikettierung aber nicht: Immerhin kann man ja den Hopfen und die Gerste (für das Braumalz) sowohl BIO-konform als auch konventionell anbauen. Aber in sehr vielen Fällen beruht BIO ohnehin auf der Deklaration der Hersteller und kann gar nicht wirksam kontrolliert werden.

    Das Argument »ohne XYZ« ist ohnehin sehr beliebt: Früher war es mal eine Zeitlang Mode, die Aufschrift »Ohne Konservierungsstoffe« auf die Packungen zu drucken. Ganz klein stand dann noch auf der Packung, dass laut Gesetz sowieso keine Konservierungsstoffe zugelassen gewesen wären.

  4. @Hendrik (ich habe Deinen Kommentar jetzt erst im Spam-Ordner entdeckt)

    entscheidenden Geschmackspräferenzen, … industrieller Massenproduktion vs. handwerklicher Vielfalt

    Das wären nachvollziehbare Argumente, und aus genau solchen Argumenten probiere ich ja auch gern mal eine neue Biersorte. Und Lammsbräu ist – so rein vom Geschmack her – durchaus empfehlenswert.

    Als Unternehmer muss ich sagen: Kann die Brauerei gut verstehen. Man muss sich von den Giganten differenzieren und positionieren. Halt die Nische finden. Ums Überlebens willen. Und wenn die Ökoschiene ist. Da entrinnt mir spontan: ein betriebswirtschaftliches Bravo!

    Das ist alles nachvollziehbar. Ich sehe das sogar genauso: Wenn sich plötzlich ein neuer Markt, namens „Ökoschiene“ auftut, auf dem es finanzkräftige Käuferschichten gibt und für den man sein Produkt noch nicht einmal großartig ändern muss, dann wäre man als Unternehmer schön blöd, das nicht zu nutzen. Man sollte aber damit rechnen, dass irgendwann jemand kommt und sagt: Das ist praktisch noch genau dasselbe wie vorher! Letztlich richtet sich die Kritik auch weniger gegen die Brauerei, die ihre Möglichkeiten ausschöpft, sondern dagegen, dass in der „Ökoschiene“ so etwas möglich ist.

  5. zufälligerweise soeben noch gefunden: Ein Beitrag vom BR „Bier ohne Gentechnik
    Pioniertat oder Werbegag?“

    http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/abendschau-der-sueden/bier-oettinger-siegel-gentechnik-100.html

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