Gregor Gysi erklärt den Euro-Rettungsschirm

Als es vor wenigen Tagen hieß, ein Schuldenschnitt für Griechenland sei beschlossen worden, hielt ich das spontan für eine gute Sache. Ja, ich bin schon ein wenig naiv! Ich dachte nämlich, da würden die Gläubiger einfach auf einen Teil der Schulden verzichten müssen. Aber glücklicherweise besteht für diese Anleger keine Gefahr. Das erklärte Gregor Gysi am 26.10.2011 bei der „Aussprache über die Regierungserklärung der Kanzlerin zum EU-Sondergipfel und Euro-Rettungsfonds EFSF“, da er gegenüber der Regierung der Meinung war: „Sie haben ein Chaos geschaffen, das alle überfordert – ich behaupte, das Parlament, ich behaupte auch die Medien und erst recht die Bevölkerung (…) Mein Gott! Auch das Recht der Bundesregierung, die Bevölkerung in Verwirrung zu bringen, hat Grenzen und die müssen jetzt irgendwann mal gesetzt werden“

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Man muss ja kein Fan der LINKEN sein, aber es kann nicht schaden, Gysis Rede wenigstens einmal angehört zu haben, worin er die sich ständig ändernden „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“-Argumente der Regierungsfraktionen aufzählt und fordert, dass man die Bedeutung des „Hebels“ der Bevölkerung vielleicht auch einmal erklären könnte. Denn was bedeutet der eigentlich? Oder was bedeutet „Schuldenschnitt“, welches Geld fließt dadurch in der Praxis wohin? Hat Griechenland irgendetwas davon? Warum wollen z.B. die USA das Eigenkapital ihrer Banken auf 9% erhöhen? Was heißt das überhaupt, wenn eine Bank zu wenig Eigenkapital hat? Oder warum verschenken wir Steuerzahler den Banken unser Geld über den EFSF so billig und nicht zu denselben Zinssätzen, die die Banken uns berechnen, wenn wir mal unser Konto überziehen?

Erstaunlich ist, wie wenige störende Zwischenrufe Gysi erhält. Aber in seiner üblichen schlagfertigen Art hat er auch gleich die Erklärung dafür: „Tja … wissen Sie (mit Blick zur FDP) … erst mal ist es überhaupt gut, wenn Sie mir zuhören, weil Sie dabei dazulernen können …“

Und was hat es denn nun mit dieser Hebel-Wirkung des EFSF auf sich? Das funktioniert so: Der EFSF soll in eine Bank umgewandelt werden: „Dann könnte der Fonds Anleihen der Krisenstaaten kaufen, sie bei der EZB als Sicherheit hinterlegen und dafür von der Zentralbank neues Geld für weitere Ankäufe bekommen. Der Fonds bekäme so eine praktisch unbegrenzten Kreditlinie“ (WELT online). Das klingt nach einer ziemlich coolen, genialen Idee.

Ein wenig klingt das aber auch, als würde man über eine Art finanzielles Perpetuum Mobile reden, wenn hier aus wenig sehr viel gemacht wird (schade, dass das mit meinem Giro-Konto nicht auch funktioniert). Kleiner unangenehmer Nebeneffekt: „Bei einer Staatspleite ständen aber die Mitgliedsländer der Euro-Zone mit entsprechend höheren Beträgen in der Haftung“. Das sind letztlich wir Bürger, die dann haften. Und das erklärt auch Herr Gysi, weil es ja sonst leider niemand in der Regierung macht. Aber notwendig ist der Hebel durchaus, denn so könnte man „den Finanzmärkten (…) signalisieren, dass der Rettungsschirm notfalls auch Spanien oder Italien stützen könnte“. Mit anderen Worten: Er kann es in der Standard-Version nicht sondern taugt gerade mal für das kleine Griechenland (und das auch nur ohne Gewähr).

Hatte Gysis Rede im Bundestag einen Sinn? Wahrscheinlich nicht – für die Anwesenden war es sicher nur eine Art „Politisches Kabarett“-Einlage und wie üblich werden alle Parteien wieder einmal neidisch auf die LINKE gewesen sein, weil Gysi dort Mitglied ist. Aber wir wissen nun wenigstens etwas mehr Bescheid. Übrigens: „EFSF“ bedeutet ausgeschrieben „European Financial Stability Facility“. Klingt toll, oder? Erinnert mich ein wenig an „Facility Manager“. Das klingt auch toll. Es ist aber nur eine klangvollere Umschreibung für „Hausmeister“.

6 Kommentare:

  1. Ich habe meinem Sohn gerade erklärt, wie er mehr aus seinem Taschengeld machen könne, weil die Hebelwirkung des EFSF immerhin genauso funktioniert: Kinogutscheine davon kaufen (durchaus von einem Kino, was kurz vor dem Konkurs steht), anschließend die Gutscheine als Sicherheit bei mir hinterlegen und dafür 8x frisches Taschengeld in der ursprünglichen Höhe von mir verlangen. Ich verstehe nicht, warum er nur ungläubig gelacht hat – ich hätte diese todsichere Sache definitiv mitgemacht!

  2. Der Rettungsfonds lässt sich nur hebeln, wenn es gelingt die Schwellenländer und hier besonders China dazu zu bewegen europäische Anleihen zu kaufen.

    Deshalb wird mit China gerade verhandelt:
    http://www.start-trading.de/blog/2011/11/01/kauft-china-europa/

    Wenn es nicht gelingt, neue Käufer zu finden, dann war die Idee mit dem Hebeltrick nicht mal das Papier wert auf dem sie stand.

  3. @ China & USA & Europa
    Sieht für mich nach einer Wahl nach dem geringeren Übel aus 😉
    Vor ein paar Jahren wäre es für China vielleicht einfacher gewesen, größere Mengen Dollar in Euro umzuschichten. Warum man das nicht gemacht hat? Vermutlich, weil die USA der größere Markt für China ist- sagt der Laie in mir 😉

    @ die Kinokarten etc.
    Ich hätt’s auch nicht kapiert, Frank … vermutlich ist dein Sohn nicht „geldgeil“ (gute Erziehung? ;)) und geht einfach ins Kino, wenn er Geld hat …
    Zudem würde er wohl nicht glauben, dass du ihm das 8fache geben würdest.
    Hmm, einige Regierungen scheinen das allerdings zu glauben …

    Naja, eigentlich glaube ich nicht daran, dass sie das glauben, sondern die meisten sind einfach abgesichert – Steinbrück hat ja schon in Gold investiert (hab ich kürzlich irgendwo gelesen).

    @ Gysi
    Ich lese gerne mal bei den Linken – rein für die Analyse und fürs Verständnis. Gysi macht das meist ganz gut … der Humor geht ihm manchmal etwas ab, doch er ist noch einer der humorvolleren. Doch …

    @ Europa
    … doch andererseits ist es ruhig in Deutschland 🙂
    Ich habe ja einen gewissen Draht nach Portugal … vergleichbar mit Griechenland – ansatzweise. Da gehen auch mal paar Hunderttausend auf die Straße, was – wie im März 2011 – in den deutschen Medien nicht wahrgenommen wird. Vermutlich auch weil keine Autos brennen 😉 … Athen oder Rom haben da mehr Thrill-Faktor 😉 … und in London plündert die (dumme) Unterschicht die (ängstliche) Mittelschicht.
    Und in Deutschland???
    Alles ruhig, erst mal gucken, lass mal die Regierung machen, ja, natürlich zahlen wir, ja, natürlich isses Mist … ach, trink mer erst mal Bier 🙂
    Sehe ich auch ganz selbstkritisch …

    @ Ich freue mich auf die nächste Krise
    Ganz ehrlich … wenn man erkannt hat, dass es so nicht gehen kann, dann ist es doch eher eine Frage, wie man wirklich einen Schnitt, eine Zäsur macht.
    Andererseits verstehe ich die Hoffnungen der Regierungen .. doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt 😉

    @ Hebel
    Ein Hebel macht – rein physikalisch – Schweres leichter. Doch Geldangelegenheiten haben sehr viel mit Psyche zu tun. Geld ist ein übersetzter Ausdruck des Wertesystems einer Gesellschaft. Und hier geht es darum, Schwieriges einfacher zu machen.
    Der Hebel ist kein Hebel, sondern ein Blasebalg 🙂
    Metaphorisch ausgedrückt: man bläst heiße Luft in einen Ballon, weil man Angst hat, auf den Boden der Tatsachen zu landen. Aller Ballast wird verkauft oder verscherbelt (muss ja schnell gehen). Doch umso höher man steigt, umso kälter wird’s und der Treibstoff (Geld) wird auch immer teurer …
    Wohin das letztlich führt, kann sich jede/r selbst ausmalen 🙂

  4. Der Hebel ist kein Hebel, sondern ein Blasebalg

    Der Vergleich gefällt mir!

  5. Übrigens, danke für die Anregung mit dem Hebel nochmals … aus einem Kommentar von mir habe ich mal einen Blogartikel – „Der EFSF-Hebel ist ein Blasebalg“ gemacht.

    (Nachtrag 2013: Artikel nicht mehr online, Anm. Frank)

    Apropos, „Facility Manager“ – kaum zu glauben, dass das wirklich mal jemand so verwendet hat. Ich fand den „Funeral Master“ (Bestattungsunternehmer) auch ganz witzig. Auf solche Sachen kommt kein Kabarettist 😉

  6. Einen Artikel aus einem Kommentar zu machen, ist manchmal gar nicht so verkehrt (habe ich auch schon gemacht). Manchmal schreibt man irgendwo in einem Kommentar eine Menge Dinge, die tatsächlich eigene Artikel wert gewesen wären. Aber Kommentare werden von Suchmaschinen standardmäßig nicht mit erfasst (nicht indiziert). Und das ist insofern schade um den vielen Text, weil er bei Suchanfragen den Interessenten nicht mit angeboten wird.

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