CD-Rückschau, März bis Mai

Da ich mich in den letzten beiden Einträgen schnell vergessbarer Mainstream-Musik widmete, vielleicht noch einige Bemerkungen zu den Neuerscheinungen aus dem Bereich Musik, die diese Bezeichnung auch verdient. Glücklicherweise war da nicht viel los, was immer gut für meine Finanzen ist. Meine zuletzt gekaufte CD ist „Grey Oceans“ von Cocorosie. Ein sehr gelungenes Werk, in dem sich Experimente mit Melodien mischen, die man durchaus einfach nur „schön“ nennen darf, ohne dass damit Kitsch gemeint ist. Über das Cover kann man sich gern streiten, aber es ist ja bekannt, dass die Schwestern einen Hang zu albernen Posen haben. Dieses Album könnte  man auch Fans von Björk empfehlen, da die Gesangstechnik stellenweise ähnlich klingt. Ein Beispiel dafür ist „The moon asked the crow“. Aber ansonsten wäre es falsch zu sagen, Cocorosie klängen wie Björk. Die haben schon einen völlig eigenen Stil.   

Was gab’s noch in letzter Zeit, was mich eventuell interessiert hätte? Glücklicherweise habe ich mich längst von dem Wahn befreit, von einer Band alles besitzen zu müssen, nur weil ich sie einmal gut fand. Man kann durchaus die schlechteren Werke auslassen. „Heligoland“ von Massive Attack ist so ein Fall. Gemessen an der Mainstream-Retortenmusik, wie wir sie gerade erst in Oslo bewundern durften, sind Alben wie „Heligoland“ natürlich großartig. Aber das läuft schon wieder auf das Prinzip hinaus, das Niveau zu steigern, indem man den Anspruch senkt. Denn gemessen an Massive Attack selbst sieht es schon anders aus. Abgesehen von dem Titel „Girl I Love You“ fand ich das Album für ihre Verhältnisse eher durchschnittlich. „Mezzanine“ und „100th Window“ sind viel besser. Ich hatte das Gefühl, dass ich mir selbst die Filmmusik „Danny the dog“ öfters anhören würde als „Heligoland“. Also ein klarer Fall des Nichtkaufs. Ich stelle übrigens fest, dass CDs im Schrank statt mp3-Dateien auf der Festplatte auch folgenden indirekten Vorteil haben: Man bekommt irgendwann Platzprobleme und muss sich dann stets fragen: Ist das neue Album von XY tatsächlich so wichtig? Sollte ich die verbliebenen 3 cm nicht für wirklich herausragende Dinge sparen? Festplatten kann man sich dagegen vollstopfen ohne Ende – egal, ob man sich das alles dann wirklich jemals anhört.

Nächster Fall: Goldfrapp, Album “Head First“. Leider wieder ein Werk aus ihrem Disco-Repertoire. Das Duo schwankt immer zwischen sehr interessantem … ja, wie bezeichnet man so etwas eigentlich? Lyrischer Electronik-Folk? Keine Ahnung. Jedenfalls machen sie dann aber nach jedem guten Album zur Abwechslung auch ziemlich (für mich) uninteressante Popmusik. So bleibt meine Sammlung weiter beschränkt auf „Felt mountain“ und „Seventh tree“. Einer ihrer schönsten Titel war übrigens auf dem ersten ihrer Disco-Alben und passt dort überhaupt nicht mit hinein: „Hairy trees“.

Johnny Cash, “American VI – Ain´t No Grave”: Ich habe bereits die Alben American 3-5. Das aktuelle klang für mich nach der typischen Resteverwertung, die häufig nach dem Tod eines Künstlers einsetzt*. Gemessen am bisherigen Werk Cashs ist das jüngste Album recht belanglos.

(* Mir fällt gerade auf: Yoko Ono hat eigentlich schon lange keine bislang unentdeckten Tapes von John Lennon mehr in der Schublade gefunden! Braucht sie kein Geld mehr?) 

Gorillaz, “Plastic Beach”: Hm … naja … ähnlich wie Massive Attack und  Johnny Cash. Nicht sehr überzeugend – die waren schon mal besser. Joe Bonamassa mit “Black Rock”: Eigentlich nicht schlecht, aber ich habe schon drei CDs von ihm. Man muss nicht alles haben.  Paul Weller mit “Wake Up The Nation”: Auch nicht schlecht. Bin noch am Überlegen. Vielleicht, wenn die CD einmal irgendwo im Angebot ist.

Was gab’s noch? ACDC mit „Iron Man2“: Enthält nur bekannte Titel. Blackfield „Live in NYC“: Eigenartig, warum das Album jetzt erst als CD erscheint, obwohl es seit Jahren als DVD verfügbar ist … Insofern wäre ohnehin eher die DVD empfehlenswert. Ist sie das? Für Porcupine Tree-Fans, die logischerweise auch Wilsons Nebenprojekt Blackfield kennen, ist sie schon interessant. Eigenartig wirkt allerdings Aviv Geffens Aufmachung mit Glitzer-Makeup. Das mag in den 70ern passend gewesen sein, aber heute sieht es etwas befremdlich aus. Finden seine Fans in Israel das etwa immer noch toll? Ist die Zeit dort so stehen geblieben, was Bühnen-Outfits betrifft? Regelrecht oberpeinlich wirkt es im letzten Titel, wenn Geffen sich spontan das Hemd vom Leib reißt, um dem Song anscheinend mehr Dramatik zu verleihen. Bei aller Sympathie: Das sieht albern aus, Aviv! Insofern ist die CD vielleicht doch besser – da ist es ohne Bild. (Ich hoffe, dass mir diese Kritik an einem israelischen Künstler nicht als Antisemitismus ausgelegt wird …)

Chumbawamba „Abcdefg“: Klingt zunächst interessant. Beim genaueren Hinhören merkt man aber, dass der musikalische Inhalt gar nicht so umwerfend ist. Mit ihrem Album “A Singsong and a Scrap” stiegen  Chumbawamba  auf akustische Folk-Musik um. So weltbewegend fand ich das aber schon damals nicht. Der Nachfolger „The Boy Bands Have Won“ enthielt 25, teilweise nur sehr kurze Titel. Die waren schon besser, aber auch da steckte noch viel Redundanz drin. Wirklich gut waren davon gerade einmal 6 Titel: „When An Old Man Dies“, „Hull Or Hell“, „All Fur Coat And No Knickers”, “Fine Line“, „Bury Me Deep” und “Refugee”. An die kommt das aktuelle Album nicht heran. Einheitsgedudel auf hohem Niveau, könnte man dazu sagen.

Was auf den ersten Blick ebenfalls total interessant klang, war die Zusammenarbeit von David Byrne mit Fatboy Slim: „Here Lies Love”. Beim dritten Anhören siegte in mir aber die Meinung, dass es sich doch nur um Kitsch handelt, wobei ich immer noch zur Diskussion bereit wäre.

U.N.K.L.E.,  “Where Did the Night Fall”: Genau wie bei Massive Attack. Das Album ist nicht direkt schlecht, kommt aber nicht an die Vorgänger heran. Selbst “End Titles – Stories For Film” gefällt mir besser.

Wo ich mir noch nicht ganz sicher bin: Woven Hand, „The Threshingfloor“. Momentan bin ich der Meinung, das sei nicht so gut wie „Consider the birds“ und „Woven hand“, aber dieses Urteil ist möglicherweise vorschnell.

Abschließend noch ein Tipp: Wo kann man sich komplette Alben ganz legal anhören? Bei Grooveshark.

2 Kommentare:

  1. War auch sehr enttäuscht von den letzten Trip-Hop nachfolgern, sprich: Unkle, Massive Attack und Goldfrapp. Wobei Unkle meiner Meinung nach noch am besten abschneiden. Aber vielleicht ist das Gefälle bei Goldfrapp und Massive Attack einfach größer. Vorallem wenn man an Mezzanine denkt. Wobei Psyence Fiction auch sehr viel besser als die neue Scheibe.
    Die neue Paul Weller Platte kann ich Dir aber definitiv an’s Herz legen. Zwar ist es auch keine Revolution, aber eine echt solide Platte..

  2. Über Psyence Fiction habe ich erst ziemlich spät DJShadow kennengelernt – das war dann für mich eine der besten Entdeckungen des letzten Jahres.

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