Nachruf: Aussterbende Software

Heute hat es „Liquid“ getroffen. Diese Software kennt wahrscheinlich kaum jemand, was aber nicht verwunderlich ist und an der stiefmütterlichen Behandlung durch die letzten Hersteller lag. Liquid ist eine Videoschnittsoftware. Sie wurde zwischen Softwareproduzenten so oft hin und her weiterverkauft und umbenannt, dass sie bereits seit Jahren praktisch unbekannt war.

Angefangen hatte alles bei der deutschen Firma FAST. Diese hatte Anfang der 90er das System „Videomachine“ herausgebracht, welches im Prinzip zunächst nur aus einem Steuergerät für professionelle Videorecorder bestand. Dessen Elektronik allerdings wurde auf einer (später mehreren) Platinen untergebracht, die man in einem PC verbaute. Interessant daran war, dass FAST das für Windows 3.1 produzierte, was ja alles andere als „professionellen Ansprüchen genügend“ war. Später wurden auch Techniken integriert, mit denen man Videosignale digitalisieren, auf der Festplatte speichern, mit einem anderen Video überblenden und so wieder ausgeben konnte. Für die damalige Zeit war das ziemlich viel.

Kleine Anekdote nebenbei: Es muss etwa 1995 gewesen sein, als mir ein Videomachine-Anwender von Prohlis-TV verschwörerisch erzählte, er hätte sich jetzt etwas Großartiges gekauft: Die „Giga-Platte“. Ich war schwer beeindruckt – eine Festplatte mit 1 GB Kapazität! Unvorstellbar. Ich überschlug damals im Kopf, dass man damit ja unglaubliche 2 Minuten Video speichern könnte! Was das für Möglichkeiten eröffnete …

Jedenfalls integrierten die Entwickler von FAST immer mehr Funktionen in Videomachine, so dass – laut ihren Aussagen – viele Baugruppen inzwischen doppelt benutzt wurden, was so anfangs nie geplant war. Die Anwender fanden das System zwar gut, hatten aber auch immer mal technische Probleme, so dass sich zum Schluss die meisten Anwender und Techniker schon namentlich kannten und sich teilweise bereits duzten. Deshalb plante man bei FAST ein komplett neues Videoschnittsystem, welches in drei Ausführungen auf den Markt kommen sollte:

  •  „Blue“: Dieses sollte unter dem Slogan „Every in – any out“ jedes (professionelle) Videoformat verarbeiten können, also unkomprimiert/ komprimiert, MPEG2, DV, DigiBeta …
  • „Silver“: Soweit ich mich erinnern kann, sollte es intern nur MPEG2 verarbeiten können
  • „Purple“: Eine reine Software-Lösung für Standard-PCs und reine DV-Verarbeitung

Das muss 1997 herum passiert sein. In einer Zeit, als die schnellsten PCs gerade einmal mit 300 MHz-Prozessoren liefen. Bei Blue hätte man ein permanentes Background-Rendering für Effekte eingesetzt, um Wartezeiten zu vermindern. Leider habe ich keine technischen Beschreibungen mehr vorliegen – man findet auch bei Wikipedia nichts dazu, aber es waren mehrere für die damalige Zeit fast schon  revolutionäre Neuerungen vorgesehen.

Leider verzögerte sich die Entwicklung. Man bekam Probleme mit Investoren und hatte kein Geld mehr für weitere Entwicklungsarbeiten. Das Ende von der Geschichte war nicht nur das Ende von „Blue“, sondern auch das der Firma. Aus FAST wurde FAST Multimedia (mit einem für Profis eher uninteressanten Produktspektrum), diese wurde von Pinnacle übernommen, Pinnacle wurde später von AVID übernommen. Immer hatte man den Eindruck, dass damit nur die Produkte des Konkurrenten vom Markt verschwinden sollten. Nach den ehemaligen verbliebenen FAST-Produkten musste man bei den Herstellern immer länger suchen, und vor allem wissen, dass es sie überhaupt gab. Denn sie wurden immer weniger beworben. Von „Silver“ und „Purple“ blieb dann nur noch die Software übrig, die in „Liquid“ umbenannt wurde. Ich habe die Software zwar selbst nie verwendet, aber gelegentlich konnte man sie noch im Einsatz sehen. Wo sie keinen schlechten Eindruck hinterließ.

Aus der Sicht des letzten Anbieters AVID ist die heute verkündete Einstellung aber auch logisch: Warum sollte man eine zugekaufte Software bewerben und weiter entwickeln, wenn man selbst schon eine vergleichbare hat? Außerdem erschwert es die Kaufentscheidung beim Kunden, wenn 2 fast gleichwertige Produkte angeboten werden. Und auch um AVID selbst kreisen immer wieder Übernahmegerüchte. Zuletzt war Apple im Gespräch. Da die bei Softwareeinkäufen sowieso immer als erstes die Windows-Versionen einstellen, wäre spätestens damit auch das Ende von „Liquid“ besiegelt gewesen.

Übrigens erinnert mich so etwas immer an das Schicksal der Bildbearbeitungssoftware „Picture Publisher“. Diese war dem Konkurrenten „Photoshop“ von Anfang an weit überlegen: Während Photoshop noch lange nichts mit Ebenen anfangen konnte, gab es das in Picture Publisher bereits. Während man in Photoshop nur einen Befehl rückgängig machen konnte, ging das in PP mit allen Befehlen. Aktionen gab es bereits und vieles andere, was die Konkurrenz erst viel später brachte. Schicksal der Software: Schlechte Bewerbung, dadurch steigende Unbekanntheit, Firmenprobleme, Übernahme durch Corel, noch weniger Werbung wegen eigener Software, Einstellung der Produktion. Man müsste glatt einmal eine Liste ehemals guter Software erstellen, die durch Management-Fehler bzw. durch Fremd-Aufkäufe vernichtet wurden.

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