Udo-Kritik

Gerade mache ich etwas völlig anachronistisches: Ich höre mir eine echte Schallplatte an! Nein, nicht weil der Klang angeblich besser ist (das gehört ins Reich der HiFi-Esotherik), sondern einfach mal so. Daniel Lanois (Acadie) – wen es interessiert. Jedenfalls erinnert mich das an mein Problem von heute morgen: Ich fuhr zur Arbeit und sah ein Plakat. Irgendetwas mit Udo Lindenberg. Und beim genaueren Hinsehen musste ich lesen, dass Udo Werbung für BILD macht! Ich dachte, ich spinne! Braucht er das Geld? Ständig im Hotel zu wohnen, ist sicher nicht billig. Aber gibt es nicht für alles eine untere Geschmacksgrenze? „Hinter dieser Zeitung steckt ein kluger Kopf“ oder so ähnlich stand auf dem Plakat, was ja gleich die nächste Beleidigung für denkende Menschen ist. Tut mir leid, Herr Lindenberg, aber damit ist meine Zeit als Sympathisant vorbei. Kollegin Nina Hagen hat es schon eher geschafft, aber das ist eine andere Geschichte.

Habe ich etwas gegen BILD? Wurde mir in meiner sozialistischen Jugend zuviel von Günter Wallraff vorgelesen? Kann sein. Nun ja, irgendein Feindbild sollte man sich schon bewahren. Aber ich will mich jetzt auch nicht über BILD auslassen, das würde zu weit führen und über die ist auch schon genug geschrieben worden. Ich war einfach echt erstaunt oder sogar leicht erschüttert, dass Lindenberg so etwas macht. Wie ich feststellen musste, hängen noch andere Plakate mit Prominenten herum, die Geld brauchen, Veronica Ferres und Til Schweiger zum Beispiel. Von denen erwarte ich keine intellektuellen Glanzleistungen, bei denen (Moment… Schallplatte umdrehen!) ist es egal. Aber Udo…

Jedenfalls beschloß ich spontan, aus Protest meine Lindenberg-Musiksammlung aufzulösen. Aber – und nun komme ich endlich zum Thema – ehrlich gesagt, besitze ich gar keine richtigen Tonträger von Udo. Ich hatte auch noch nie einen. Früher hatte ich mir lediglich einige seiner Platten auf Spulentonband (was das ist, erkläre ich andermal) überspielt und heute befinden sich auch nur einige mp3-Dateien auf der Festplatte. Was soll ich machen? Wenn ich die lösche, wird sich Udo Lindenberg sicher sehr ärgern, aber richtiger Protest ist das nicht. Und muss ich wirklich gleich alles löschen? Um „Die Klavierlehrerin“ wäre es schon schade. Vielleicht übertreibe ich in meiner Radikalität? Haben die BILD-Leute ihn vielleicht nur überrumpelt? In einem besonders alkoholgetränkten Moment, also zu einem x-beliebigen Zeitpunkt? Was mach‘ ich nur, was mach‘ ich nur…?

Ich denke, ich lösche die Dateien. Und höre sie mir dann vom Papierkorb aus an.

Mann – die Schallplatte ist schon wieder zu Ende! Da kann man mal sehen, wie langsam ich tippe!

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