Antisemitismus

Wer einmal erwachsene Menschen sehen möchte, die sich gegenseitig anschreien, kann sich dank der ARD-Mediathek die letzte „Hart aber fair“-Ausgabe noch einmal ansehen. Der Moderator Frank Plasberg musste zwischendurch seinen Gästen erklären, dass da Mikrofone vorhanden seien. Sie müssten gar nicht so laut schreien … Das brachte nicht viel. Mit in der Runde saß unser Nobbi Blüm („Die Renten sind sicher“), der mit Plattitüden glänzte, bei denen er stets ehrlich entrüstet wirkte. Der soll mal lieber mit Herrn Sodann seine harmlosen Kabarett-Programme weiter aufführen. Auch mit dabei war der moralisch höchst integere Herr Michel Friedman. Er ist uns allen dadurch bekannt, dass er Gesprächspartnern nie ins Wort fällt, sondern an ihrer Meinung interessiert ist und gern darauf verzichtet, immer Recht haben zu müssen. So war es auch in dieser Sendung.

Es ging darum, ob und wieweit wir Deutschen Israel kritisieren dürfen. Falls hier nun jemand erwartet, dass ich mich zugunsten Palästinas oder Israels positioniere – kann ich nicht. Je weniger man sich mit einer Sache beschäftigt hat, desto schneller ist man mit einem Urteil. Bei Leuten, die sich bedingungslos auf eine Seite stellen, habe ich immer den Verdacht, dass sie nur oberflächliches Wissen besitzen. Ich will im Gegenteil natürlich auch nicht behaupten, ich sei der geborene Nah-Ost-Experte. Wer sich aber nur ein wenig mit der Geschichte des Judentums, Israels, Palästinas oder auch nur des Gaza-Streifens beschäftigt, merkt einfach schnell, dass die ganze Angelegenheit zu komplex ist, um dabei eine einfache Meinung vertreten zu können. Wer eine brauchbare Lösung für den Konflikt anbieten könnte, hätte nicht nur den Nobel-Preis, sondern noch ganz andere Ehrungen verdient.

Jedenfalls ging es dann logischerweise irgendwann wieder um das Thema Antisemitismus. Weil Israel kritisiert wird. Und dazu will ich nur ein paar Anmerkungen machen, denn schon das Wort ist eigentlich falsch. Antisemitismus – das bezeichnet also eine Haltung gegen den Semitismus oder gegen Semiten. Was soll aber Semitismus sein? So etwas gibt es nicht. Bleiben also Semiten. Vor einigen Jahren, als das Internet noch nicht so verbreitet war und Wikipedia noch nicht existierte, musste man sich sämtliche Kenntnisse noch mühsam zusammen lesen. Damals, finde ich, hätte man den Begriff noch durchgehen lassen können. Heute ist es aber immer nur noch einige Mausklicks entfernt, um es besser wissen zu können: Semiten sind nicht nur Juden, sondern auch weitere semitische Völker. Unter anderem z.B. Araber und damit auch Palästinenser. Es wäre also reichlich geistlos, einem Palästinenser Antisemitismus vorzuwerfen.

Die mit Antisemitismus bezeichnete Haltung beinhaltet also nur eine Abneigung gegen Juden und nicht gegen alle Semiten. Wird das nun nicht etwas Haarspalterei? Will ich das Wort durch ein anderes ersetzen? „Anti-Judaismus“ oder „Judenhass“ wären zwar richtiger, aber es gibt im täglichen Sprachgebrauch zugegebenermaßen viele Wörter, die eigentlich nicht ganz exakt sind. An die man sich aber gewöhnt hat und die trotzdem allen Beteiligten verständlich machen, worum es geht. Die Ursache für diesen Fehler liegt übrigens bei den Nazis, die die Juden mit Semiten gleichsetzten. Araber wurden dann irgendwann vom Antisemitismus ausgenommen. Man könnte sich also darauf einigen, dass das Wort zwar nicht ganz exakt ist, aber eine abzulehnende Haltung bezeichnet, die aus der Nazi-Zeit stammt, und deshalb so beibehalten wird.

Worauf ich eigentlich hinaus will: Die zu pauschale Verwendung des Wortes. Wenn jemand die aktuelle Politik Israels kritisiert, ist er kein Antisemit. Auch kein Judenhasser*. Er sagt ja nichts gegen alle Juden. Die meisten leben schließlich noch nicht einmal in Israel. Er sagt auch nichts gegen alle Israelis. Einige von denen sind immerhin gegen die aktuelle Politik Israels. Nein, der Kritiker sagt damit lediglich etwas gegen die Regierung Israels. Mehr nicht. Das hat noch lange nichts mit Antisemitismus oder Judenhass zu tun.

(*Abgesehen von den Leuten, die das sowieso schon waren und nun nur unter dem Deckmantel der aktuellen Ereignisse froh sind, endlich einmal mit antijüdischen Plakaten auf die Straße gehen zu können.)

Genauso wäre es, wenn jemand Ariel Scharon als Verbrecher bezeichnen würde, weil der genau gewusst hatte, was er auslösen würde, als er vor einigen Jahren den Tempelberg betrat**. Das wäre nur eine Kritik an der Person Scharon und seinen Hardlinern, aber nicht an einer ganzen Religionsgemeinschaft. Oder wenn jemand – was ich niemals tun würde – Michel Friedmann als arroganten Typen bezeichnen würde. Das wäre Kritik an ihm und nichts weiter. Er ist immerhin nicht nur Jude, sondern auch Deutscher, Rechtsanwalt und Fernsehmoderator. Ein sehr guter Fernsehmoderator selbstverständlich. Jedenfalls würde kein Mensch auf die Idee kommen, nach einer Friedman-Kritik darin Deutschenhass oder Juristenfeindlichkeit zu sehen. Aber wenn eine Zeitung am Tag darauf von Antisemitismus spricht, wird das kritiklos hingenommen. Falsch ist es trotzdem.

(** Da den Moslems dieser Berg heilig war, haben sie in ihrer bekannnten unentspannten Art reagiert. Ein Ungläubiger würde sich wahrscheinlich fragen, was die sich so hätten wegen dieses unfruchtbaren Geröll-Haufens, aber Religion und Logik … Jedenfalls wusste Scharon, was das auslösen würde und das Ergebnis sehen wir heute.)

Übrigens, wenn ich gerade bei dem Thema bin: Auch nicht ganz richtig ist „Holocaust“, da dieses Wort ursprünglich das heilige Brandopfer in der jüdischen Religionsausübung bezeichnete. Einen Volkermord als „heiliges Opfer“ zu bezeichnen, bekommt einen sehr eigenartigen Beigeschmack. Zumal, wenn es von den Opfern selbst so benannt wird. Kann man nicht einfach weiter von Massenmord reden?

Nun hoffe ich abschließend, dass das nicht von den falschen Leuten falsch verstanden wird. Außerdem möchte ich mich bei allen eventuell beleidigten Religionsgemeinschaften vorbeugend entschuldigen.

Ein Kommentar:

  1. Dr. H.R. Götting

    [gelöscht wegen der Punkte 1 und 3 – siehe http://www.frankshalbwissen.de/kommentare/regeln-2/ ]

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