Es wird nicht langweilig in Dresden

„Gibt’s was Neues?“, fragte Nicole, als Mario gerade Zeitung las. „Hm. Dynamo ist insolvent …“, „Interessiert mich kaum“, „ … die Brücke wieder …“, „Ach naja, die Brücke! Da ist ja immer was.“ Sie als Zugezogene hat anscheinend noch nicht so den Bezug dazu gefunden. Es kann aber nicht sein, dass ihr das egal ist. Man muss doch Stellung beziehen! Wir werden das in der nächsten Dienstberatung auf Punkt 2 setzen.

Was ist passiert? Es sind vier Dresdner zum UNESCO-Welterbezentrum nach Paris gefahren um mit dessen Direktor, Herrn Bandarin, über unseren gefährdeten Weltkulturerbe-Titel zu sprechen. Rein zufällig waren das vier Brückengegner. Es war auch keine offizielle Delegation, sondern eher so eine private Reise. Warum auch nicht? Es ist niemandem verboten, nach Paris zu fahren. Die Delegation bestand aus zwei SPD-Leuten, einem von den Linken und Herrn Prof. Weber. Letzterer hält in Dresden seit Wochen Vorträge über Tunnelbau. Er erklärt, wie problemlos das alles sei, dass das kaum zusätzlichen Aufwand bedeute und dass es kaum teurer wäre. Das kann er beurteilen, denn er ist immerhin Leiter des Lehrstuhles für Raumgestaltung an der Uni. Und Raumgestaltung ist ja auch in einem Tunnel möglich – das bisschen Drumherum kann meiner Meinung nach nicht so viel zusätzliches Fachwissen erfordern. Na gut – das war jetzt nicht 100%ig sachlich. Er hat auch schon als Architekt gearbeitet. Aber zumindest dürfte er kein Spezialist für Straßenbau und Untertunnelungen von Flüssen sein.

Und jedenfalls hat Herr Bandarin erklärt, Dresden würde den Titel auf jeden Fall mit jeder Art Brücke verlieren. Hat zumindest Herr Weber gesagt. Aber anscheinend stimmt es. Diese Auskunft ist zwar wenigstens endlich einmal eine klare Aussage seitens der UNESCO, aber andererseits schon etwas eigenartig. Denn man wusste dort von der geplanten Brücke und hatte zu Beginn keine Einwände.

Es ist gar nicht so einfach, sich durch alle im Internet zugänglichen Unterlagen zu kämpfen: Wer hat wann was übermittelt, falsch verstanden, korrigiert, besprochen, wer war wann wo eingeladen, hat was gesehen, wer hat wiederum gegen wen intrigiert? Wer viel Zeit hat, könnte ein interessantes Buch schreiben. (Naja, vielleicht wäre die Käuferschicht doch zu klein). Dresden hat anscheinend im Antrag auf den WKE-Titel durchaus erwähnt, dass man sich die Möglichkeit des Baues weiterer Brücken offenhält, von denen aber nur eine beschlossen sei. Die Brücke selbst wurde nicht im Antrag, sondern in einer extra Anlage beschrieben. Dann musste jemand vom Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) ein Gutachten für die UNESCO darüber verfassen, in welchem er den Brückenstandort falsch angab (5km flussabwärts statt flussaufwärts), die Brücke selbst aber – kurz gesagt – als akzeptabel beschrieb. Das mit dem falschen Standort wurde später korrigiert. Es muss sogar Begehungen vor Ort gegeben haben, bei denen die UNESCO-Leute zwar nicht direkt in Begeisterungsrufe ausbrachen, aber letztlich auch nichts gegen den Bau einwandten.

Insofern ist es schon seltsam, wenn jetzt von der UNESCO oder zumindest ihrem Direktor so eine 180°-Wendung kommt? Darf der das überhaupt so festlegen? In einem Forum dazu hat jemand kürzlich einen netten Vergleich erwähnt: Die von den Taliban in Afghanistan gesprengten großen Buddha-Statuen waren auch WKE. Waren? Nein, die Stelle ist immer noch WKE. Obwohl das eigentliche Objekt des Weltkulturerbes doch weg ist. Nun ja, offensichtlich ist das nur eine kleine marginale Änderung, die man auch nur dann erkennt, wenn man sehr genau hinsieht. Hier aber wird der Titel schon aberkannt, bevor die Änderung überhaupt stattfindet. Was soll man davon halten?

Ich weiß es nicht. Wenn dieser WKE-Titel so für Einflussnahmen ausgenutzt werden kann, sollte man eben konsequent sein und einfach den Nutzen und den Schaden gegeneinander abwägen. Und wenn man feststellt, dass der Nutzen geringer ist, tja… dann eben nicht. Dann hätte es fast schon Stil, selber zu sagen: Wir geben den Titel zurück. Klingt irgendwie sehr unkultiviert, ja – ist mir schon klar. Momentan gibt es in Deutschland – soweit ich das richtig zusammengezählt habe – etwa 43 WKE-Stätten. Hat das da schon einen inflationären Charakter oder noch nicht? Ich bin mir nicht sicher.

Paradoxerweise sind es nun ausgerechnet bestimmte Leute aus dem „Welterbe-erhalten!“-Lager, die dann daran schuld sein werden, wenn wir diesen Titel verlieren. Das ging 2005 los, als Herr Blobel von den Brücken-Gegnern Dresden bei der UNESCO anschwärzte, man wolle hier ein Bauwerk hinsetzen, was im WKE-Antrag unterschlagen worden sei. Was ja so nicht stimmte.

Ebenfalls irgendwie paradox (oder eher ärgerlich) ist für mich, dass man die halbwegs sachlichen Informationen dazu ausgerechnet auf CDU-nahen Internetseiten findet, während man auf Seiten von linkeren Parteien (die ja heutzutage alle in die Mitte wollen) oder auf Seiten, die z.B. von der Grünen Liga stammen beim Lesen oft merkt, dass hier die Emotionen ziemlich durchgehen. Da werden leider an einigen Stellen Fakten ausgelassen oder beschönigt.

Na, jedenfalls bleibt Dresden so wenigstens im Gespräch. Nicht, dass die Welt noch denkt, wir wären ein ruhiges Provinz-Nest, in dem rein gar nichts passiert.

Nachtrag vom 8.3.: Der Vollständigkeit halber (ich habe es gerade erst gelesen) muss man dazu sagen, dass vor den vier Tunnelfreunden der Brückenfreund Jan Mücke bei Herrn Bandarin zu Besuch war und ihm dort einen (aus meiner Sicht) höchst dubiosen
Vorschlag unterbreitete. Dass Bandarin das ganze ablehnte, war keine „fadenscheinige“ Begründung, sondern durchaus richtig.

2 Kommentare:

  1. Dresden versucht´s noch mal

    diesmal mit dem Titel Kulturhauptstadt 2025.
    Bekanntlich wurde Dresden wegen der Aberkennung des Titels Weltkulturerbe stark kritisiert. Einen Tag der neuen Bewerbung stand in der WeLT unter der Überschrift „Dresdner Kampgeist“ ein ziemlich gehässiger Artikel, welcher mich zu nachstehenden Leserbrief veranlasste.

    >> Betreff : Kommentar „Dresdner Kampfgeist“ vom 8.März 2015
    Die Autorin findet es nicht gut, daß sich Dresden um den Titel Kulturhauptstadt 2025 bewerben will. Das geschehe mit dem alten Dresdner Kampfgeist den es schon in der Debatte um die Waldschlösschenbrücke gegeben hatte. Man erinnert sich: Der Bau der Waldschlösschenbrücke wurde eindeutig mit einem Bürgerentscheid befürwortet. Der Brückenbau war im Antrag zum Titel Weltkulturerbe vermerkt und die Aberkennung des Titels war eine Willkürentscheidung der Unesco. Weiterhin war die Stadt schuldenfrei beim Abgang der als „Waldschlößchenfrau“ geschmähten Oberbürgermeisterin Orosz.
    Weiter begründet die Autorin ihre Haltung mit dem hässlichen Problem Pegida. Nun ist klar wer und was dieses Problem hervorgebracht hat. Bürgermeister Hilbert widmet nach eigenen Angaben 70% seiner Zeit den Flüchtlingen.
    Übrigens: Würde man ähnlich hart mit der Regierung Berlins und einem Teil seiner Bewohner ins Gericht gehen könnte man dieser Stadt glatt attestieren nicht hauptstadtwürdig zu sein.
    Und ein bißchen Kampfgeist, allerdings nicht der in den Problemvierteln ausgeübten,stände der Stadt ganz gut wenn ich nur an den BER denke. <<

    Dieser erschien heute, gekürzt um die kursiven Passagen.

  2. So etwas geistloses hätte ich in der WELT nicht erwartet. Doch was soll’s – es ist ein persönlicher Kommentar und in diesem journalistischen Genre darf man auch Sachen äußern, die dumm sind. Man muss dann nur die Reaktionen ertragen können. Dass die kursiven Passagen in Ihrem Brief entfernt wurden, hätte ich in der WELT auch nicht erwartet, vor allem das mit Hilbert und den Flüchtlingen. Bissel unverschämt finde ich ja

    Deshalb Hilberts „gerade“ – gerade in dieser Situation sei man entschlossen, sich um den Titel zu bewerben. Das ist so, als würde sich Wladimir Putin um den Friedensnobelpreis bewerben. Oder Uli Hoeness um einen Job als Steuerfahnder.

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