Björn Höcke falsch zitiert? Höchstens zu seinem Vorteil

Dass auf Facebook eine Menge Mist verbreitet wird, ist ja bekannt. Manchmal staune ich aber, was für erschreckend dumme Inhalte dort auch von Menschen geteilt werden, die ich bis dahin für halbwegs intelligent hielt. In den letzten Tagen wurde mehrfach ein Artikel von „Philosophia Perennis“ geteilt oder in Kommentaren erwähnt. (Wenn ein Blog einen solch serös klingenden Namen hat, müssen seine Inhalte natürlich ebenfalls absolut seriös sein.) Darin schrieb David Berger, die Lügenpresse hätte wieder einmal schlimme Fake-News verbreitet. Diesmal über Björn Höcke. Die FAZ hatte in einer später überarbeiteten Version eines Artikels Details aus Höckes Dresdner Rede nicht ganz exakt wiedergegeben. Ein Skandal in den deutschen Medien! Und nirgends eine Entschuldigung. Also war Höcke ganz klar völlig zu Unrecht beschuldigt. Der arme Mann!

Was sagt uns das? Es sagt uns, dass ein Problem keineswegs darin besteht, dass jemand den Massenmord an Juden und anderen als nebensächlich und überbewertet einstuft (denn: ja, genau das tat Höcke), sondern das eigentliche, viel schlimmere Problem ist stattdessen, wenn eine Zeitung diesen Vorfall nicht in 100%ig korrekter Wortwahl meldet. Aha. Vielleicht finden wir ja auch eine deutsche Zeitung, die 1943 die Sportpalastrede nicht ganz korrekt zitiert hat – dann wurde Goebbels natürlich auch zu Unrecht kritisiert und die Geschichtsschreibung muss überarbeitet werden.

Interessant ist aber, dass Höcke zu Beginn tatsächlich nicht ganz korrekt, sondern gekürzt zitiert wurde. Nicht nur in der FAZ, sondern allgemein konnte man zunächst lesen, er hätte gesagt: „Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ Dieser Satz, in dem einige wichtige Wörter fehlten, brachte ihm den Vorteil, in einer Gegendarstellung behaupten zu können:

„Das heißt, ich habe den Holocaust, also den von Deutschen verübten Völkermord an den Juden, als Schande für unser Volk bezeichnet. Und ich habe gesagt, dass wir Deutsche diesem auch heute noch unfassbaren Verbrechen, also dieser Schuld und der damit verbundenen Schande mitten in Berlin, ein Denkmal gesetzt haben.“

Ein netter Versuch, aber ich vermute: Der Führer wäre enttäuscht von Höcke und diesem leicht durchschaubaren Rückzieher. Denn Höcke hatte das keineswegs in diesem – für Deutschland anerkennenden – Sinn gemeint. Ganz im Gegenteil. Im Zusammenhang mit dem kompletten Redeabschnitt wird deutlich, dass er nicht den Holocaust, sondern unsere Gedenkkultur dazu als Schande für Deutschland sieht. Bei den Volksgenossen im Publikum kam die Botschaft auch genauso an. Im Video kann man es hören, nach 39:20 min. Man kann es inzwischen auch lesen, denn der Journalist Konstantin Nowotny hat ein vollständiges Transkript der Rede erstellt (hier ab Zeile 270 zitiert)

Der (…) Wiederaufbau der Frauenkirche war für uns Patrioten ein Hoffnungsschimmer dafür, dass es ihn doch noch gibt, diesen kleine Funken deutschen Selbstbehauptungswillen. Aber, liebe Freunde, bis jetzt sind es nur Fassaden, die wieder entstanden sind. Bis jetzt ist unsere Geistesverfassung, unser Gemütszustand immer noch der eines total besiegten Volkes.

Wir Deutschen – und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier heute versammelt haben –  wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.

Und anstatt die nachwachsende Generation mit den großen Wohltätern, den bekannten weltbewegenden Philosophen, den Musikern, den genialen Entdeckern und Erfindern in Berührung zu bringen, von denen wir ja so viele haben (…), vielleicht mehr als jedes andere Volk auf dieser Welt, liebe Freunde! Und anstatt unsere Schüler in den Schulen mit dieser Geschichte in Berührung zu bringen, wird die Geschichte, die deutsche Geschichte, mies und lächerlich gemacht. So kann es und darf es nicht weitergehen!

Also kurz zusammengefasst: Gute Deutsche mit Selbstbehauptungswillen, Patrioten, wie die bei seiner Rede anwesenden, würden so etwas wie mit diesem Denkmal und diesem Gedenkkult nie machen. Aber die anderen, die Vertreter des „total besiegten Volkes“ haben eine falsche Geistesverfassung. Wegen denen haben wir nun das für Deutschland unwürdige Holocaust-Mahnmal mitten im Herz unserer Hauptstadt. Und man möge in den Schulen der deutschen Jugend doch lieber von den großen deutschen Künstlern und Philosophen erzählen, statt immer nur auf diesem Abschnitt der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 45 herum zu reiten und dadurch Deutschland mies und lächerlich zu machen.

Die paar kurzen Jahre mit Hitler? Laut Höcke nicht so wichtig. Der Massenmord an Juden und anderen nebensächlichen Bevölkerungsgruppen? Überbewertet. Gedenken daran? Eine Schande für jeden aufrichtigen Patrioten.

Das sind doch ziemlich klare Aussagen. Sie kamen nur in den ersten Zitaten noch nicht so gut rüber.


Nebenbei: Wäre das nicht schon längst passiert, dann hätten spätestens am vergangenen Montag auch Pegida-Besucher ihre Unschuld für mich verloren. Lutz Bachmanns Rede zog sich am 23. Januar etwas in die Länge, weil er mehrfach anhaltende „Höcke! Höcke! Höcke!“-Sprechchöre seiner Zuhörer abwarten musste. Da war nicht nur ein wenig Jubel, sondern große Begeisterung zu hören. Bachmann sagte über Höckes Rede im Ballhaus Watzke (im Video ab 6:15 min), das sei eine „eine Rede, die es in sich hatte und die jeder wahre Patriot genauso unterzeichnen kann. Die Medien, Bild, FAZ und alle, haben ihm des Wort im Munde herum gedreht … „. Letzteres, so Bachmann sei eine Art letztes Aufbäumen unserer Regierung gegen die AfD. So viel zum Thema „Pegida hat den Durchblick“.


Noch ein letzter Gedanke dazu: In den letzten Monaten kam es immer wieder zu Vorfällen, bei denen eingeladene Redner auf Veranstaltungen nicht zu Wort kamen, weil sie von zahlreich anwesenden Gegnern niedergepfiffen, -gebrüllt oder sonst wie übertönt wurden. Ich halte das für falsch. Auch wenn manche Leute besser auf ihre Reden verzichten sollten: Man sollte auch ungeliebte Redner erst einmal zu Wort kommen lassen, damit man erfährt, was sie überhaupt sagen wollen. Danach kann man sie immer noch kritisieren, zumal man dann ja auch viel konkretere Gründe hat und detaillierter darauf eingehen kann. Nun stellen wir uns einmal vor, auch Björn Höcke wäre in Dresden durch Störer nicht zu Wort gekommen – dann hätte niemand von seinen oben erwähnten Ansichten erfahren. Dann wäre er in eine Opferrolle geraten, was ihm und der AfD sicher noch genutzt hätte. Auch wenn seine Rede das Letzte war: Meiner Meinung nach war es trotzdem gut, dass er reden durfte. Besser hätte der AfD niemand schaden können. Und dass er aus dieser Partei nicht umgehend ausgeschlossen wird, ist in der Hinsicht vielleicht auch ganz praktisch.


Weitere Artikel:

Ich bin sonst kein großer Fan von Sascha Lobo, aber er hat in „Björn Höcke in Dresden – Schauen Sie diese Rede“ sehr detailliert und treffend noch die anderen für die Kritik wichtigen Stellen in Höckes Rede analysiert.

Die WELT beschreibt, warum man Höcke trotz des angerichteten Schadens nicht einfach aus der AfD hinaus wirft: „Warum Rechtsaußen Höcke in der AfD leichtes Spiel hat“.

 

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