Hatespeech für Waschbären

Falls man für #NoHateSpeech Beispiele von übelstem Hass im Internet sucht, empfehlen sich die Kommentare des hier gezeigten Facebook-Postings. Beleidigungen wie „Was für ne Nutte! Dummi Sau, gestörte Schlampe“ sind noch das harmloseste. Man findet schnell auch mehrere Morddrohungen: „Ich wünschte mir man würde ihr auf den Schädel schlagen und sie dann Häuten“, „Die sollte man auch zum Abschuss freigeben drecks Bitch“, „Dir würde ich auch gerne die haut vom Leibe ziehen“, „dir sollte man die haut abziehen und an tiere verfüttern“. Teilweise geschrieben unter Klarnamen, Anwälte hätten hier leichtes Spiel.

Woran erinnert dieser Tonfall? Ich hatte in den ersten Monaten bei Pegida auf Facebook mitgelesen, wo bekanntlich auch ein unterirdisches Niveau herrschte. Irgendwann wurde mir das zu langweilig, aber ich kann sagen: Der Stil und das Niveau ähneln sich in erschreckender Weise.

Daniela Kuge aus Meißen ist Landtagsabgeordnete der CDU. Sie hatte ein Selfie von sich veröffentlicht mit den Worten „Waschbär erlegt und trägt sich klasse.“ Das wurde auf der anonym betriebenen (*) Facebook-Seite „Kleintierhilfe&Exotenasyl-Vorharz“ veröffentlicht. Das führte dann zu einem shitstorm, weshalb Frau Kuge ihre Facebook-Seite deaktivierte. Die Kommentare bei „Kleintierhilfe …“ lassen erahnen, was Frau Kuge zu lesen bekam:

(* auch auf der dort angegebenen Internetseite findet sich kein Impressum)

Screenshot Facebook

Wenn Frau Kuge hier einen Pelz tragen würde, der aus einer Pelztierfarm stammt, dann würde ich das auch kritisieren. Aber das ist anscheinend nicht der Fall. Der Waschbär ist in Europa eine invasive Art, die einheimische – auch geschützte! – Arten verdrängt. Aus diesem Grund wird der Waschbär bei uns bejagt. Es ist aus Naturschutzgründen völlig in Ordnung, Waschbären zu erlegen. Waschbären haben sich im Kreis Meißen in den letzten Jahren zu einer echten Plage entwickelt. Allein im Jagdjahr 2012/2013 wurden dort 1.051 Exemplare erschossen. Aber soll man ihr Fell anschließend weg werfen? Was ist so schlimm daran, solche Pelze anschließend auch zu tragen? Frau Kuge hätte keine Achtung vor dem Tier, schrieben manche. Aber wäre es achtungsvoller, es komplett zu entsorgen?

Einige Kommentatoren bemängelten nur, dass sich Frau Kuge nicht so hätte zeigen sollen. Aber soll sie den Pelz nur heimlich tragen? Soll sie ihm niemandem zeigen? Mäntel und ähnliche Bekleidungsstücke sind nun einmal dazu da, sich mit ihnen in die Öffentlichkeit zu begeben, sich also damit zu zeigen. Manche Kommentatoren meinten nach Kritik an dem Niveau des shitstorms, Frau Kuge wäre selbst schuld daran. Eine Kommentatorin schrieb zum Beispiel:

Diese Frau hat gewusst, dass sie provoziert und jetzt hat sie bekommen, was sie wollte: Reaktionen! Und dass Hassmails leicht geschrieben werden, weiß sie als Politikerin eigentlich auch. Warum also diese heraufbeschwören?

Ich kenne Frau Kuge nicht. Keine Ahnung, ob sie früher schon Provokationen ausgelöst hat und ob das ihr Stil ist. Aber interessant ist das schon: Wenn eine CDU-Politikerin durch eine – möglicherweise nur versehentliche – Provokation Hass-Kommentare auslöst, dann geht das anscheinend in Ordnung. Dann ist sie selbst daran schuld und man kann Verständnis für die „hate poster“ haben. Wenn linke Politiker wie Julia Schramm oder Christopher Lauer in den letzten Wochen durch (ganz gezielte ?) Provokation ähnliches auslösten – warum muss man das dann aber genau anders herum bewerten?


Update: Anscheinend werden gerade die drastischsten Kommentare bei „Kleintierhilfe&Exotenasyl-Vorharz“ gelöscht. Hier hat jemand rechtzeitig Screenshots gesichert.


Sächsische Zeitung, 23.07.2013: Gefährlicher Einwanderer – Über 1.000 Waschbären wurden letztes Jagdjahr im Kreis Meißen geschossen. Die Tiere entwickeln sich zur Landplage.

Sächsische Zeitung, 08.01.2017: Shitstorm wegen Waschbärenfell – Die CDU-Landtagsabgeordnete Daniela Kuge löst mit ihrem Pelz eine aufgeregte Diskussion aus.

Sächsische Zeitung, 09.01.2017: Viel Ärger nach Waschbären-Post – CDU-Politikerin Daniela Kuge wehrt sich juristisch dagegen, wegen eines Kragens aus Pelz übel beschimpft zu werden.

Aus dem Artikel geht auch hervor, dass der Pelz doch nicht eindeutig von einem Meißner Waschbären stammt: „die Inhaberin des (…) Riesaer Modehauses und Kürschnerbetriebs, erklärt zur Herkunft des Pelzes, dass dieser von einem Großhändler stamme. ‚Wir fertigen aus Waschbärfellen ganz verschiedene Kleidungsstücke wie Mützen, Kragen oder Schals‘, so die Unternehmerin. (…) Wie viele Felle von gezüchteten und wie viele von gejagten Tieren stammen, könne sie nicht sagen.“

12 Kommentare:

  1. So ein Shitstorm geht gar nicht. Die Verrohung ist leider mittlerweile echt grenzwertig. Pelz tragen ist aber auch asozial, egal woher er kommt. Außer indigenen Völkern im Norden sollte es jedem verboten werden.

  2. Warum sollte es indigenen Völkern erlaubt bleiben? Wo bleibt da die Gleichberechtigung? Warum sollte man ein Fell aus einer wie der hier erwähnten Quelle nicht verarbeiten und nutzen dürfen? Soll man die Felle wegwerfen? Immerhin ist es biologisch abbaubares Material – ist das nicht besser als die Verwendung von Kunststoffen? Und was ist mit Schafsfellen? Was ist mit Leder? Konsequenterweise müsste man das ja auch alles verbieten.

  3. Hermann Rochholz

    Tja- Ich zitiere einen Chris: „Pelz tragen ist aber auch asozial, egal woher er kommt. Außer indigenen Völkern im Norden sollte es jedem verboten werden.“

    Wir haben hier _wieder_mal_ das Deutsche Gutmenschentum, in dem obige Frau beleidigt wird („asozial“) – natürlich nicht unter Vollnamen.
    Die Tiere sind tot und damit kann man die Rohstoffe verwenden.

    Ausserdem sind Schuhe aus Leder. Und Leder ist Fell ohne Haare. Als klitzekleiner Hinweis.
    Der Schuh, der neben mir steht, ist übrigens 15 Jahre alt- Neu besohlt und 2x neue Absätze.
    Handgenäht. Logisch.

    In Deutschland und Europa herrscht folgende erschreckende „Strategie“ die ich an Beispielen festmachen werde. Letztendlich handelt es sich nur um Prinzipienreiterei, um den anderen fertig zumachen. Und nebenbei wird konsequentes Denken einfach weggelassen. Das darf man, wenn man sich als Gutmensch positioniert.

    Irgendwo war mal einen Windpark geplant (kann jetzt nicht sagen wo). Die Grünen rannten Sturm wegen Vogelschlägen und Eiswurf etc. PP. Zunächst: wenn ich keine Vögel töten will muss ich in meinem Haus alle Fenster farbig beschichteten. Das habe ich bei keinem Grünen gesehen. Selbstreflexion Null. Immer nur bei den anderen schauen.
    Und dann habe ich das Gutachten dieses Windparks geprüft. Unter anderem wurde die Luftdichtekorrektur vergessen, die in diesem speziellen Fall 20 % betragen hätte und weiterhin vergaß man Stillstandszeiten und Verluste. Außerdem hat man „nebenbei“ eine Anlage für die falschen Windklasse gestellt.
    Die Strategie ist es also, erst einmal emotional zu argumentieren, anstelle sich den Fakten zu stellen und diese zu überprüfen. Dieser Windpark wäre ein finanzielles Desaster geworden. Und ein sinniger Mensch prüft zuerst, ob es funktioniert und erst dann ob es verträglich ist. Denn wenn es nicht funktioniert ist die zweite Überprüfung obsolet.

    Wir können auch viele andere Beispiele bringen. Nehmen wir die Atomkraftwerke, bei denen Deutschland das einzige Volk ist, das diese Dinger abstellt. Interessant ist diesbezüglich, dass Deutschland das einzige Land ist, in dem diese doppelwandig ausgeführt sind – der Sicherheit wegen. Ausserdem stehen da ziemlich viele französische entlang des Rheins und meist ist Westwind.
    Frankreich stellt ein Kohlekraftwerk, das Internet jubelt. Frage: Welches Kraftwerk werden sie anstelle des Kohlekraftwerks bauen? Die Antwort besteht aus dem Schweigen der Lämmer.

    Wenn wir weiterhin die Diskussionen beispielsweise über Glyphos oder Nikotinamide sehen, kann es einem nur schlecht werden. Diese Chemikalien sind sicher nicht komplett unschädlich. Die Frage muss aber lauten: welche Chemikalien werden eingesetzt, wenn ich das Zeugs verbiete? Diese Frage stellt aber niemand. Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind die, die man den meisten Leuten vor das Gehirn genagelt hat.
    Die Nicotinamide wurden verboten. Toll. Wer hat gewonnen? Die Chemische Industrie –
    Die nämlich Ersatzstoffe liefert und dies viel mehr. „Bärendienst erweisen“ heisst das.
    Komisch auch, dass Glyphos genau jetzt unter Beschuss kommt, wo die Patente ausliefen.

    Die ganze Sache zieht sich durch bis in die Politik. Auf irgendeinem Sender regte man sich darüber auf, wie denn Russland 70 Jahre Sieg über Hitlerdeutschland feiert.
    Die Deutschen haben Russland 20 Millionen Menschen umgebracht und nun erklären Sie ihnen, _wie_ sie es feiern „dürfen“, dass sie diesen Tyrannen Hitler zur Strecke gebracht haben.
    Am deutschen Wesen/Wertemaßstab soll die Welt genesen?

    Ein Bekannter war im Senegal als Arzt. Unfall und dunkel und schwere Schädelverletzungen. Er drückte einem Passanten die Taschenlampe in die Hand und meinte, er müsse seinen Arztkoffer holen. Was wird passiert sein, als er zurückkam? Klar: TaLa und Passant waren weg.
    Andere Länder haben andere Maßstäbe.

    Nehmen wir eben beispielsweise Deutschland, so kann man aus jeder Fläche einen Acker machen, sofern sie nicht bebaut ist. Daraus schließen Veganer & Co (Netzfrauen 😉 )
    mit ihrem „messerscharfen“ Verstand, dass das überall so geht.
    Ich empfehle, es einmal einem Isländer oder einem Bewohner der russischen Tunguska vorzuschlagen. Sie werden sich vor Lachen krümmen. Hier gibt es keine andere Möglichkeit als Viehzucht zu betreiben. Und wenn man das nicht tut sind die Leute einfach tot. Das wollen also die Deutschen, oder?

    Auf einem Blog berichtet der Blogbetreiber (Da gings um die 2000 Panzer im Osten der NATO),
    dass er die Mails „Von einigen Putin-Trollen gelöscht hätte“ (Ich war keiner davon).
    Wenn so etwas in China oder Russland gemacht wird, nennt sich das „Zensur“.
    Das sind ganz böse Staaten- Keine Demokratie!
    In D ist es „das Löschen von Putin-Trollen“. Viel besser. Wir sind die Guten- ich darf das!
    Er hat zu viel Pippi Langstrumpf geschaut. „Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt“.

    Heutzutage beruft sich jeder auf Kant (den Namen haben sie irgendwann mal aufgeschnappt) und damit ist die Sache geregelt.
    Wie einfach ist doch die Welt im Land der Dichter und Denker!

    Die Frau hat das nicht gewusst, dass sie provoziert.
    Denn es gibt keinen Politiker, der sich in die Lage des Volkes versetzen kann. Denn sonst wäre sie nicht da.
    Also in Gemeinderäten vielleicht. Diese werden nämlich direkt mit „echten“ Problemen konfrontiert. Das erdet.

    In diesem Sinne 😉

  4. Die fragwürdige Gewichtung von Geschmacklosigkeiten, insbesondere bei Twitter, konnte man auch gut beim „Umvolkung“ Tweed von Kudla oder dem „Nafri“ Tweed der Kölner Polizei (breite Diskussion in allen Medien inkl. Hauptnachrichten) im Gegensatz zu Macks „#MecklenburgVorpommern, das am dümmsten besiedelte Bundesland #AfD.“ bzw Oomens „In Dresden ist eine #FliegerbombeDD in den [Twitter-]Trends? Das lässt ja hoffen. Do! It! Again!“ (medial komplett untergegangen) sehen. Da merkt man deutlich, wer am lautesten schreien kann….

  5. @ Hermann Rochholz: Danke erst einmal für den langen Kommentar. Das meiste sehe ich auch so, was die Grünen betrifft. Dort findet man so einige unlogische und weltfremde Positionen. Allerdings muss ich sie im vorliegenden Fall doch einmal in Schutz nehmen, weil hier ja nicht „DIE GRÜNEN“ im Sinne der Partei dumme Kommentare geschrieben haben, sondern nur radikale Tierschützer. Genaugenommen sind es noch nicht einmal Tierschützer, sondern nur Pelztierniedlichfinder, die keine Ahnung von Zusammenhängen in der Natur haben. Richtige Tier- oder Naturschützer würden die Problematik von Waschbär kontra Naturschutz ja verstehen. Jedenfalls: Es kann zwar sein, dass die Kommentatoren GRÜN wählen, aber nicht alle Grünen sind so doof wie die. Ich hatte ohnehin mehr das Gefühl, dass da viele junge Leute dabei waren, die gar nicht kapierten, in was sie sich da gerade hineinsteigern. Zu entschuldigen ist das natürlich trotzdem nicht. Wenn Hass in andere Richtungen geht, entschuldigt man es ja auch nicht.

  6. Ach, komm uns doch hier nicht mit #Konsequenz 😀

    P.S. Ein Frage von mir nach dem Unterschied zwischen #Gleichstellung und #Gleichberechtigung an Frau Kuge auf Facebook blieb unbeantwortet. Ich gehe davon aus, dass sowohl Frau Kuge, als auch der erste Kommentator es einfach nicht wissen bzw. verstehen. 😉

  7. Jemand mit wissen!

    Deshalb heisst die Seite „Halbwissen“. Keine Fakten bezüglich der Meinung, der Waschbär sei ein Faunenverfälscher, Impressum habe ich in 20 Sekunden gefunden. Lächerlich!

  8. „Keine Fakten bezüglich der Meinung, der Waschbär sei ein Faunenverfälscher

    Die Links hast Du aber schon angeklickt?

  9. @ Jemand mit wissen!: Soso, das Impressum hast Du in 20 sec gefunden. Was für eine Leistung. Die Seite „Impressum“ hatte ich auch entdeckt. Aber steht da auch ein Name drin, eine Adresse? Nein. Absolut nichts. Lediglich eine Telefonnummer für irgendwelche Notfälle. Das ist kein Impressum.

  10. Zitat:
    „Die Kommentare bei „Kleintierhilfe …“ lassen erahnen, was Frau Kuge zu lesen bekam:

    (* auch auf der dort angegebenen Internetseite findet sich kein Impressum)“

    Hallo Frank,
    leider ist Ihre Aussage nicht zutreffend.
    Unter der Adresse: http://kleintierhilfe-tala.de/ ist oben links auf der Site das Impressum zu finden…also nicht anonym

    Gruß

    Bernd

  11. Wer lesen kann ist klar im Vorteil 🙂
    Zitat:
    Impressum

    Angaben gemäß § 5 TMG:

    Jessica Timmermann
    Brüningstrasse 1
    21614 Buxtehude
    jessy@kleintierhilfe-tala.de

    Gruß

    Bernd

  12. @ Bogo: Bei http://kleintierhilfe-tala.de ist ein Impressum angegeben, das stimmt. Dort hatte ich nachgeschaut, ob man sehen kann, wer Denise ist, weil auf der Facebookseite „Kleintierhilfe&Exotenasyl-Vorharz“ eine E-Mail-Adresse „denise@kleintierhilfe-tala.de“ angegeben ist. Und ich hatte den Eindruck, dass nur diese eine Person die FB-Seite betreibt (es wird oft in der Ich-Form gepostet). Aber man findet da nichts Entsprechendes und http://kleintierhilfe-tala.de ist auf der FB-Seite nicht als website angegeben. Dort findet man unter Kontaktinformationen als website „https://arcam-animalia.jimdo.com“. Eine offiziell angegebene Verbindung zu http://kleintierhilfe-tala.de ist auf FB nicht zu sehen.

    Ich bezweifle sehr, dass Jessica Timmermann sich für die Facebookseite verantwortlich fühlt.

    Übrigens kann mir das egal sein, denn es ist ja nur die FB-Seitenbetreiberin Denise, die sich dadurch juristisch angreifbar macht: Anwälte können so höhere Kosten geltend machen (und auf denen bleibt Denise sitzen), weil sie sagen können, dass sie erst einmal Arbeitsaufwand hatten, den Namen des Verantwortlichen zu ermitteln. Und da Stundensätze von Anwälten meist hoch sind und keine happy hour kennen, kann das teuer werden. Aber wie gesagt: Nicht mein Problem.

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