Gastartikel: Die zerrissene Stadt

Der folgende Text erschien hier im Blog zunächst als Serie drei längerer Kommentare. Ich habe dazu entschlossen, einen Artikel daraus zu machen, da Kommentare durchaus etwas untergehen können. Der Autor Sven Borner betreibt selbst den Blog FreiHafen. Dieser Text entstand im Februar 2016.


Die zerrissene Stadt – Teil 1

Kaum eine deutsche Großstadt ist über einen derartig langen Zeitraum und so kontrovers in den politischen und medialen Blickpunkt geraten wie Dresden. Was die Beobachter von außen, vor allem aber die Bevölkerung der sächsischen Landeshauptstadt eint, ist die Wahrnehmung eines tiefen, scheinbar unüberbrückbaren Risses zwischen sich unversöhnlich gegenüberstehenden Teilen der Gesellschaft. Bemühungen, zu mindestens Plattformen eines dringend notwendigen Dialogs zu schaffen, drohen regelmäßig an Boykotten, gegenseitigen Schuldzuweisungen und Vorurteilen zu scheitern. Ich möchte im nachfolgenden, in mehrere Teile gegliederten Text versuchen, Ursachen für die Spaltung in einem historisch-politischen Kontext zu identifizieren. Ich lebe einerseits nahe genug im Einzugsgebiet, um die lokalen Eigenheiten zu kennen, habe aber andererseits genug räumlichen Abstand, um nicht in das direkte Geschehen involviert zu sein. Vielleicht nicht die schlechtesten Bedingungen für eine möglichst sachliche Analyse, deren Einstieg am besten nicht in medias res, sondern ab ovo erfolgt.

Man möchte meinen, dass die politische Kontroverse in Dresden ein direktes Resultat des Aufkommens von Pegida oder den gesellschaftlichen Debatten im Zuge der Asylkrise darstellt. Dieses Erklärungsmuster greift m.E. deutlich zu kurz. Vielmehr sind die Grundlagen der Entwicklungen bereits vor Jahrzehnten gelegt worden, wobei bei einigen Teilaspekten die Grenzen zwischen Kausalität und Korrelation sicherlich fließend sind.

Für die ausgeprägte Neigung zu einer – durchaus nicht selten höchst selbstgerechten – Protestkultur in Sachsen mache ich die ausgeprägte Zentralstaatsstruktur der DDR mit ihrer Fokussierung auf Berlin verantwortlich. Die bevorzugte Versorgung der Hauptstadt mit Gütern aller Art, die Konzentration der politischen, intellektuellen und künstlerischen Eliten in Berlin sowie die dirigistische Politik der Anweisungen und Direktiven schufen somit ein permanentes Klima der Benachteiligung und Ausgrenzung im Rest der DDR. Die Vorteilsnahme zugunsten des „Schaufensters der Republik“ erstreckte sich bis in Nebenbereiche der Gesellschaft, z.B. des Fußballs. Der für alle offensichtliche sportliche Betrug mit dem von Stasi-Chef Mielke protegierten Abonnements-Meisters BFC Dynamo als Profiteur führte dann zu solch Auswüchsen wie dem sogenannten „Schand-Elfmeter von Leipzig“, der es sogar zu einem eigenen Eintrag in der Wikipedia gebracht hat.

Kam es durch diese und viele andere empfundenen Ungerechtigkeiten nicht zu bewusstem Dissidententum, behalf man sich oftmals mit den Mitteln der Satire, wovon beispielsweise das populäre Lied „Sing, mei Sachse, sing“ oder die 1987 plötzlich auftauchenden und wahrscheinlich konspirativ hergestellten Autoaufkleber „982 Jahre Leipzig“ zeugen. Damit protestierte man auf subtile Art und Weise auf das mit großem Pomp gefeierte 750jährige Stadtjubiläum Berlins, für das die knappen Ressourcen der klammen DDR erheblich strapaziert wurden. Dass die Ereignisse des Revolutionsherbstes 1989 somit ihren Ausgang im ökonomisch zwar leistungsfähigeren, aber kontinuierlich benachteiligten Süden der DDR hatten, erscheint somit fast folgerichtig.

Das alles zeigt aber allenfalls eine lokale Neigung der Sachsen zur Opposition gegen „die da oben“ auf, liefert aber keine schlüssige Erklärung für die nicht nur quantitativen Unterschiede der Pegida/NoPegida-Dyade in Dresden im Vergleich zu Leipzig, Chemnitz oder anderswo. Dies führt mich zu meiner zentralen These: Der Schlüssel für die tiefgreifende Spaltung der Dresdener Bevölkerung liegt in der historischen Entwicklung der Gedenkkultur zum bis heute fortbestehenden Trauma der Bombenangriffe vom Februar 1945. Für die argumentative Unterfütterung dieser Behauptung ist es dazu notwendig, einen ausführlichen Blick in die Geschichte zu werfen.

Teil 2

Die Luftangriffe der Royal Air Force (RAF) und United States Army Air Forces (USAAF) am 13., 14. und 15. Februar 1945 haben in Dresden bis heute tiefgreifende Spuren hinterlassen. Aufgrund der tiefgreifenden Zerstörungen natürlich städtebauliche, vor allem aber politische, menschliche und gesellschaftliche. Obwohl über 70 Jahre vergangen sind und die Anzahl der Zeitzeugen stark schwindet, scheint aller historischen und wissenschaftlichen Forschungsarbeit zum Trotz die Ereignisse nicht allumfassend erschlossen, geschweige denn, vollständig verarbeitet zu sein. Dies steht im krassen Gegensatz zu den vielen anderen Städten, die im Zweiten Weltkrieg ähnlich stark getroffen wurden. Weder in Hamburg, Köln, Würzburg oder anderswo spielen die im Luftkrieg zugefügten Todesopfer und Zerstörungen eine derartig prägende Rolle wie in der sächsischen Landeshauptstadt. Warum ist das so?

Die Gründe sind meiner Meinung nach in der enormen emotionalen und politisch-ideologischen Instrumentalisierung des Ereignisses zu suchen, die sich in drei bzw. vier Phasen gliedert und deren erste bereits unmittelbar nach dem Geschehen mit der nationalsozialistischen Propaganda beginnt. Der Angriff auf Dresden wurde hierbei zur Erhaltung des angesichts der hoffnungslosen militärischen Lage schwindenden Durchhaltewillens in Wehrmacht und Zivilbevölkerung eingesetzt.

Die zweite Phase bildet das Andenken in der DDR, wobei sich eine interessante Feststellung machen lässt. Waren deutsche Opfer des Zweiten Weltkriegs in der Gedenkkultur außerhalb von Widerstandskreisen gegen das NS-Regime im öffentlichen Bewusstsein praktisch nicht existent, wurde im Falle Dresdens völlig anders verfahren. Das Vokabular von den „anglo-amerikanischen Terrorangriffen“ ähnelte dabei fatal dem Jargon des Dritten Reiches. Damit wurde eine zeitlich-folgerichtige Kontinuität zwischen bereits damals aggressiv-zerstörungswilligen Westalliierten und zur Befreiung heranströmenden Sowjettruppen hin zu NATO und Warschauer Pakt in der realsozialistischen Gegenwart hergeleitet. Wie wirkmächtig dieser jahrzehntelange Propagandafeldzug tatsächlich war, kann man aus der kritiklosen Russlandzuwendung und Amerikaverachtung, die interessanterweise das heutige rechte und linke Lager eint, ablesen.

Der nächste Abschnitt ist derjenige, von dem ich mir nicht ganz sicher bin, ob er eine eigenständige Phase darstellt oder nur als Übergangszeit einzustufen ist. Hierbei handelt es sich um die unmittelbare Folgezeit der Wiedervereinigung und die Jahre des spendenfinanzierten Wiederaufbaus der Frauenkirche. Letzterer zwang die Dresdener Bevölkerung zu einer grundlegenden Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und auch mit eigener Schuld. In der heutigen Zeit mit der das Stadtbild prägenden Silhouette des Hauses als Touristenmagnet ist fast vergessen, wie kontrovers in den 90er Jahren die Diskussion um die Rekonstruktion der Kirche tobte, schließlich hatte der Trümmerhaufen in der DDR als Kriegsmahnmal gedient. Der Kabarettist Uwe Steimle donnerte im Booklet einer seiner CDs: „Keine Mark der Frauenkirche!“ Dennoch: Im Wiederaufbau, verbunden mit einer selbstkritischen Reflexion eigener Verbrechen, schien die Stadt endlich ihren inneren Frieden gefunden zu haben. Gesten der internationalen Versöhnung, von denen das vom Sohn eines der Dresden bombardierenden britischen Piloten geschaffene Kuppelkreuz wohl das emotional Eindrucksvollste war, schienen den Zweiten Weltkrieg für Dresden endlich endgültig zu Ende gehen zu lassen.

Diese trügerische Gewissheit fiel der derzeit noch anhaltenden dritten/vierten Phase zum Opfer, in der die Stadt, beginnend mit dem Ausgang der 90er Jahre, in den Zangengriff politischer Extremisten von rechts und links geriet. Es würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen, all die politischen Entgleisungen, Verhöhnungen, Relativierungen und Geschmacklosigkeiten aufzuzählen, mit denen sich Holocaust-Leugner David Irving, führende Mitglieder der NPD wie Holger Apfel und Udo Voigt oder die ehemaligen Piraten- und heutigen Linken-Politikerinnen Anne Helm und Julia Schramm hervorgetan haben. Ich möchte vielmehr meinen Blick auf die verbleibende städtische Gesellschaft samt ihrer noch lebenden Zeitzeugen richten, die sich in zunehmendem Maße einer Situation ausgesetzt sahen, ihr scheinbar endlich von instrumentalisiertem Ballast befreites Gedenken wieder in den Händen von Ideologen zu sehen, die entweder versuchten, damit Verbrechen der eigenen politischen Ausrichtung zu relativieren oder nicht davor zurückschreckten, tausendfachen Tod öffentlich zu bejubeln – im Übrigen ohne folgenbewehrten größeren politischen oder medialen Aufschrei.

Eher hilflose Aktionen des zivilgesellschaftlichen Gegensteuerns, wie Menschenketten durch die Innenstadt wurden von links als „Händchenhalten“ verlacht, die Rechte wiederum mobilisierte europaweit, um gegen die USA, den politischen Gegner oder die bundesdeutsche Demokratie zu hetzen. Dazwischen eine getriebene und oftmals überforderte kommunale und Landespolitik. Die Folge: eine jährlich blockierte Innenstadt, Straßenschlachten und eine fortschreitende, die Einwohnerschaft tief spaltende Polarisierung. Dresden war zum Hauptschauplatz sich zweier erbittert bekämpfender politischer Richtungen geworden – Jahre vor Pegida. Dies konnte nicht folgenlos bleiben. Mochten sich die Dresdener auch den Rechtsextremen damals nicht angeschlossen haben – die Verhöhnung der eigenen Trauer, die bewussten Störungen der offiziellen Veranstaltungen auf dem Heidefriedhof und das Spucken auf ihre umgekommenen Eltern, Großeltern, Geschwister und Kinder haben sie dem linken Lager niemals vergessen. Auf dieser Grundlage ist Pegida zu dem geworden, was es heute ist.

Unabhängig davon, ob man meinen Gedankengängen nun folgen mag oder nicht, ergibt sich schlussendlich eine alles entscheidende Frage: Wie nun weiter? Welche Möglichkeiten es noch gibt, die verfahrene Situation wieder aufzubrechen?

Teil 3

Es wäre selbstverständlich hochgradig vermessen, hier den allumfassenden Lösungsansatz darstellen zu wollen. Was aber durchaus möglich ist, ist die Festlegung einiger grundlegender Standards, auf deren Einhaltung sich alle Beteiligten einigen und deren Bedingungen und Sanktionen sie sich unterordnen müssen. Wie müssten diese Punkte aussehen?

1. Absolute Verpflichtung zur Gewaltlosigkeit

Die Spirale der Gewalt scheint sich derzeit immer schneller zu drehen. Angriffe gegen Personen, Büros oder Autos des politischen Gegners scheinen immer mehr als legitimes Mittel angesehen zu werden. Dem muss man konsequent und ausnahmslos entgegentreten. Wer sich derartiger Methoden bedient, hat sich selbst aus dem politischen Diskurs ausgeschlossen.

2. Keine Vorverurteilungen um Ausgleich und Dialog bemühter Vermittler

Hier spiele ich vor allem auf die Anwürfe an, denen sich beispielsweise eine solch honorige Persönlichkeit wie der Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Frank Richter, bzw. mehrere, sich wissenschaftlicher Forschung zum Thema Pegida widmenden Sozialwissenschaftler ausgesetzt sahen. Wenn eine unvoreingenommene und ergebnisoffene Herangehensweise an ein Forschungsthema – einer der grundlegenden Standards wissenschaftlichen Arbeitens – bereits derart zum Vorwurf gemacht wird, als „Pegidaversteher“ denunziert und auf diese Weise als Vermittlungsperson diskreditiert zu werden, sagt dies im Regelfall mehr über den Absender, statt über den Adressaten eines solchen Anwurfs aus.

3. Mediation ohne Boykotte

Es gilt, geeignete Personen bzw. Institutionen zur Vermittlung zu finden. Die Erfahrungen der Dresdener Kreuzkirchen-Veranstaltungen zeigen dabei, dass in die Organisation eingebundene missliebige Personen schnell zum Boykott der gesamten Veranstaltung durch eine Seite führen kann. Dies darf aber nicht zur potentiellen Erpressbarkeit führen. Wer sich mittels Verweigerung selbst disqualifiziert, schadet sich und dem gesamten Prozess.

4. Selbstinformation

Von den Teilnehmern ist ein Mindestmaß an Informiertheit und Grundwissen über die Arbeits- und Entscheidungsstrukturen von Verwaltungen und der Politik erwartbar. Es bringt einen Diskurs einfach nicht weiter, wenn oftmals der Rechtsordnung völlig zuwider laufende Forderungen eingebracht werden oder an den Realitäten komplett vorbei laufen. Andererseits sind diese Ansprüche auch an die offiziellen Stellen zu richten, indem Anliegen und Sorgen der Bürger ernst genommen und für das eigene Handeln Berücksichtigung finden. Eine Politik der Verlautbarungen und vorgeblicher Alternativlosigkeit vertieft und verstetigt die bestehende Spaltung

5. Lernt endlich wieder zuhören!

Die Erfahrungen zahlreicher Bürgerversammlungen der letzten Monate zeigen vor allem Eines: Kaum noch jemand ist in der Lage, anderslautende Meinungen erst einmal zur Kenntnis zu nehmen und ihnen bei Widerspruch sachlich und argumentativ zu entgegnen. Ruhig beginnende Veranstaltungen eskalieren innerhalb kürzester Zeit zu Tumulten, es wird geschrien, gehöhnt und beleidigt. Hier muss sich jeder selbst hinterfragen und sich der Folgen für unser aller Gemeinwesen bewusst sein.

Insgesamt sicher wenig Grund zu Optimismus, Dresden ist überall. Es ist an uns, etwas dagegen zu tun.

27 Kommentare:

  1. Nur eine kurze Anmerkung von mir: Ich fand die Überlegungen Sven Borners schon wegen dieses Gedankens interessant:

    Waren deutsche Opfer des Zweiten Weltkriegs in der Gedenkkultur außerhalb von Widerstandskreisen gegen das NS-Regime im öffentlichen Bewusstsein praktisch nicht existent, wurde im Falle Dresdens völlig anders verfahren …

    Das ist tatsächlich so. Mir war es bisher noch nie aufgefallen.

  2. Ein Bürgermeister und eine Knalltüte,
    beide
    zum 13.Februar

    Sven Borner : Der Angriff auf Dresden wurde hierbei zur Erhaltung des angesichts der hoffnungslosen militärischen Lage schwindenden Durchhaltewillens in Wehrmacht und Zivilbevölkerung eingesetzt.
    Die zweite Phase bildet das Andenken in der DDR, wobei sich eine interessante Feststellung machen lässt. Waren deutsche Opfer des Zweiten Weltkriegs in der Gedenkkultur außerhalb von Widerstandskreisen gegen das NS-Regime im öffentlichen Bewusstsein praktisch nicht existent, wurde im Falle Dresdens völlig anders verfahren. Das Vokabular von den „anglo-amerikanischen Terrorangriffen“ ähnelte dabei fatal dem Jargon des Dritten Reiches.

    Der 13.Februar und Dresden wurde hier im Blog schon des Öfteren behandelt. Dazu habe ich diese Quelle gefunden :

    So publizierte die lokale Sächsische Volkszeitung am 13. Februar 1946 einen Beitrag des Dresdner Bürgermeisters Walter Weidauer, in dem es hieß: „Besonders schlimm sind Katastrophen, die vermeidbar gewesen wären. Aber nichts in der Geschichte unserer Stadt ist vergleichbar mit der Nacht vom 13. bis 14. Februar 1945. Zum Vermeidbaren kommt noch die Tatsache der bewusst von den faschistischen Verbrechern provozierten Zerstörung Dresdens.“ Und Weidauer schloss seinen Artikel mit einem Schuldvorwurf an das deutsche Volk: „Mit Schmerz und Trauer gedenken wir heute der Opfer. Mit doppeltem Schmerz, weil ihr Opfer sinnlos war, und – sprechen wir es offen aus – weil die politische Schwäche des deutschen Volks mit Schuld trägt an diesem Krieg, den wir hätten verhindern können, wenn wir dem Beispiel der Hundertausenden gefolgt wären, die Not und Tod auf sich nahmen, die in die Zuchthäuser und Konzentrationslager wanderten, weil sie gegen Hitler und den Krieg aktiv kämpften.“

    Interessanter Weise kommt in der DDR-„Gedenk-Kultur“ zum 13.Februar dieser Schuldvorwurf nicht mehr vor.

    Sven Borner : … eine jährlich blockierte Innenstadt (am 13.Februar; der Verfasser), Straßenschlachten und eine fortschreitende, die Einwohnerschaft tief spaltende Polarisierung. Dresden war zum Hauptschauplatz sich zweier erbittert bekämpfender politischer Richtungen geworden – Jahre vor Pegida. Dies konnte nicht folgenlos bleiben. Mochten sich die Dresdener auch den Rechtsextremen damals nicht angeschlossen haben – die Verhöhnung der eigenen Trauer, die bewussten Störungen der offiziellen Veranstaltungen auf dem Heidefriedhof und das Spucken auf ihre umgekommenen Eltern, Großeltern, Geschwister und Kinder haben sie dem linken Lager niemals vergessen. Auf dieser Grundlage ist Pegida zu dem geworden, was es heute ist.

    Das sehe ich anders.
    Seit 2014 hat sich die Lage beruhigt, der Glatzenaufmarsch ist überschaubar.
    Pegida gibt es seit Oktober 2014. Rein optisch hat das Pegida-Publikum mit den Glatzen nichts zu tun und ist nicht gewalt-affin. Der 13.Ferbruar spielt m.W. bei Pegida keine Rolle, diese Bewegung speist sich aus anderen Quellen.

    Der Kabarettist Uwe Steimle donnerte im Booklet einer seiner CDs: „Keine Mark der Frauenkirche!“

    Wenn das stimmt paßt es zu meinem Bild von dieser Knalltüte.

  3. Schön für Dich, Frank, dass Du gerade in Bayern bist.
    Noch schöner wäre es, wenn Du Deinen geistigen Horizon über die Grenzen von Heimatzeitung und Aktuelle Kamera erweitern könntest.

  4. @ Leser: Ähm … ja. Vielen Dank für diese wichtige und konstruktive Anmerkung. Um mal aus dem Artikel zu zitieren:

    Kaum noch jemand ist in der Lage, anderslautende Meinungen erst einmal zur Kenntnis zu nehmen und ihnen bei Widerspruch sachlich und argumentativ zu entgegnen.

  5. @Michael_DD

    Nicht falsch verstehen – dass das „Straßenpublikum“ von Pegida und 13. Februar identisch ist, habe ich nirgendwo behauptet. Ich schrieb lediglich, dass dieser alljährliche Ausnahmezustand, bei dem der Dresdener „Normalbürger“ eher fassungslos zusehen musste, wie aus dem ganzen Bundesgebiet angekarrte Protestierer beider Lager die Straßen in Beschlag nahmen und es scheinbar „erwartet“ wurde, sich auf eine der beiden Seiten zu schlagen. Dabei schien es mir so, dass denen, die sich nicht an den Blockaden beteiligten, eine stillschweigende Sympathie mit Rechtsextremen unterstellt wurde und all die „Bomber-Harris do it again“- Plakate etc. die Stimmung massiv vergiftet haben. Sprich, diejenigen, die einfach nur trauern wollten, wurden in die Naziecke gestellt. Und das schuf eben die Grundlagen für diese permanenten Grabenkämpfe, wo keiner dem anderen nur noch ein Stück weit über den Weg traut. Wir oder die, anders scheint man das gar nicht mehr zu können.

  6. @ Leser: Ähm … ja. Vielen Dank für diese wichtige und konstruktive Anmerkung.

    Gerne doch.

    “ Kaum noch jemand ist in der Lage, anderslautende Meinungen erst einmal zur Kenntnis zu nehmen und ihnen bei Widerspruch sachlich und argumentativ zu entgegnen.“

    Da fangen wir mal an.

    Ich war ungefähr bei der Hälfte aller Pegida-Veranstaltungen dabei (bei der nicht).
    Eine Strichliste habe ich nicht geführt, deshalb kann ich nicht genau sagen, wie oft uns die staatlichen Gewalthaufen auf die Pelle gerückt sind.
    Vielleicht habe ich das fünf mal erlebt.

    Ich kann Dir sagen, in allen Fällen war das einen Tick aggressiver als das, was am 3. Oktober die friedlichen Pegida-Demonstranten aufgeführt haben.
    Am 3. Oktober stand die Polizei rum, mental die Hände in den Hosentasche, Schirmmütze auf dem Kopf.

    Wenn die Gewalthaufen anrücken, ist das nicht so gemütlich. Da hat die Polizei den Helm auf, Visier runter und Schild davor. Die müssen sich gegen die Gewalt des Mobs wehren. Meistens klappt das, leider nicht immer. Es muss immer wieder mal ein Pegida-Teilnehmer ins Krankenhaus (am 5. Juli in Leipzig Ronny mit gebrochenen Knochen), weil die Polizei leider nicht jeden vor dem Gesindel beschützen kann.
    Was dabei so an Verbalinjurien von dem Gesindel kommt, habe ich mir nicht gemerkt, das ist es nicht wert. Aber harmloser als die ganz schlimm furchtbar menschenfeindlichen menschenverachtenden Pegida-Pöbeleien vom 3. Oktober war es in keinem Fall.

    Ich kann mich nicht erinnern, dass Du, Frank, mit adäquatem Furor die Horden kritisiert hättest.
    Und ich kann mich auch nicht erinnern, dass Politik und Medien das gewalttätige Vorgehen der Gewalthaufen und ihre Pöbeleien missbilligt haben.

    Aus meiner Sicht Doppelstandards.
    Wie siehst Du das?

    .
    .
    .

    Gerade haben wir erfahren, dass das BAMF 2000 „Flüchtlinge“ durchgewunken hat, obwohl im Amt erkannt wurde, dass die gefälschte Pässe vorgelegt haben.

    Wer ist schlimmer für Deutschland
    – die friedlichen (dabei pöbelnden) Pegida-Demonstranten
    oder
    – eine Behörde, die illegale Einwanderer mit gefälschten Pässen durchwinkt?

  7. Bundeskanzler Helmut Kohl musste sich das 16 Jahre lang bieten lassen. Meistens nur Pöbeleien, manchmal sind auch Eier geflogen.
    Die Medien haben berichtet, ruhig und sachlich.
    „Tausend Demonstranten haben protestiert“ – das war es dann auch.

    Das wirft die Frage auf, warum heute ganz andere Maßstäbe angelegt werden.
    Und noch mehr die Frage, warum nur bei Pegida jeder Furz auf der PC-Goldwaage landet.
    Denn, wie oben erwähnt, geht es gegen Pegida viel härter zur Sache; ohne Missbilligung von Politik, Medien oder Frank.

    Die Pöbeleien am Feiertag ware nicht schön. Keine Frage.
    Die Frage ist, wie soll man sich gegenüber einer Nomenklatura artikulieren, die im Zustand der totalen Dialogverweigerung verharrt.

    Vorschläge?

  8. In meiner Jugend gab es noch genug Überlebende des 13.Februars, mit denen ich reden konnte. Nicht nur in meiner Familie. Und ich erinnere mich noch an sehr explizite Rituale, wie Verdunkelung exakt zur selben Tageszeit wie damals. Fenster auf. Und erst wenn die Glocken läuteten, wurde das Fenster wieder geschlossen und Licht gemacht. Oder die brennenden Kerzen, die noch Ende der 60er für die Toten in die Fenster gestellt wurden. Die staatlichen Instrumentalisierungen sind auch damals zurückgewiesen worden. Das kam von den Leuten selber. Die Leute wollte einfach gedenken. Die Überlebenden sagten zu uns immer, wir sollen uns davon nicht so beeindrucken lassen, da wir das alte Dresden ohnehin nicht gekannt hätten. Außerdem sollten wir nach vorn schauen. Und so kam es auch. In den 70ern hatte sich das wunderbar eingepegelt. Alle waren zufrieden mit der Regel, dass der Bürgermeister auf dem Heidefriedhof einen Kranz ablegt, der Kreuzchor in der Kreuzkirche singt und abends die Glocken bimmeln. Zur Mahnung vor Krieg und zur Erinnerung an die Toten.

    Den Dresdner wurde offiziell gestattet, offiziell um ihre Toten zu trauern, weil die Besatzungsmacht nicht die Engländer und nicht die Amerikaner waren. Das war sicherlich auch dem kalten Krieg geschuldet, aber nicht nur. Und die Russen haben schon aufgepasst, dass da nicht anderes draus wurde. Diskussionen über die Massenvergewaltigungen auf den Elbwiesen waren tabu. Dieser Konsens des stillen Trauerns wurde dann ab 1982von Johanna und Co. aus der JG Kreuzkirche gebrochen. Diese Jugendlichen waren nach langen Jahren die ersten, die die Bombardierungen mit ihren Kerzen an der Frauenkirchruine instrumentalisierten. Das muss man mal festhalten.

    Die Zeit nach der DDR war tatsächlich eine eigene Phase. Auf einmal kamen sämtliche Irren aus ihren Löchern gekrochen und präsentierten ihre in 40 Jahren DDR gezüchteten Geistes-Früchte zur Bombardierung. Die hatten aber kein Erfolg. Schön, dass du Irving erwähnst. Der war in jener Zeit in Dresden zu einem Vortrag mit seinen Thesen. Sein Buch zu Dresden war natürlich schon immer bekannt. (Ich selber habe es 1978 gelesen, zusammen mit dem Buch vom Weidauer.) Der Mann wurde argumentativ sowas von auseinander genommen, dass er nie wieder das Wort Dresden in den Mund nahm, sondern sich zum Broterwerb auf Holocaust-Leugnung verlegte, was ihn dann gerechterweise erst recht ruinierte.

    Die Auseinandersetzung um den Frauenkirchenaufbau hatte einen wichtigen, wenig beachteten Aspekt. Dieses Projekt war ein Projekt des alten Dresdner Bildungsbürgertums, welches der nun machtlosen SED-Nomenklatura, die die Frauenkirche für immer als Ruine erhalten wollten, eine Demonstration ihrer Macht gab. Nicht umsonst hat der berühmte Trompeter Güttler den Frontmann der Kampagne gegeben. Er repräsentierte all das, was die SED-Apparatschiks nicht waren. (Die Kreuzkirchgemeinde war überhaupt nicht glücklich über den Aufruf zum Wiederaufbau). Da war es erstmal zweitrangig, dass mit diesem Wiederaufbau das innerstädtische Pendant zum Mahnmal auf dem Heidefriedhof wegfiel. Diesen Makel müssen wir noch mal irgendwann bereinigen, allerdings sind die bisherigen Vorschläge für einen innerstädtischen Gedenkort nicht toll.
    Ob der Wiederaufbau zu einer Auseinandersetzung mit eigener Geschichte und eigener Schuld führte, bezweifle ich. Was Geschichte betrifft,reden wir hier von Dresden. Außerdem war es in meinen normalen Arbeiterkreisen immer Konsens, dass die Vernichtung der Stadt eine direkte Folge des selbstbegonnenen Krieges war. Dass sich „Dresden“ nie seiner Schuld gestellt hätte, ist eine fette Propagandalüge der Linken. Welche Schuld haben 14jährige?

    Meiner Meinung nach ging es mit dem Schlechtreden von Dresden erst so richtig los, als sich die Dresdner Zivilgesellschaft aus ihrer DDR-Erfahrung heraus dazu entschied, die Meinungsfreiheit und damit die Versammlungsfreiheit höher zu hängen als das von der Antifa erfundene „Recht auf Gegenprotest in Sicht- und Hörweite“. Ich sage nur AG 13.Februar!
    Nicht mal als Rainer Sonntag durch die Stadt patrouillierte und Jorge Gomondai starb, gab es solch schlechte Presse, wie, als die Linken merkten, dass sie Dresden nicht ihren Willen mittels Straßenmob aufzwingen können.

    Einen weitverbreiteten Irrtum möchte ich hier auch noch aufklären. Die Lichterkette ist eine Anti-Nazi-Lichterkette. Es geht darum, „die Nazis“ symbolisch aus der Stadt zu halten. Das wurde von Frau Orosz erfunden, um die Linken zu befrieden und den Wessis etwas zu geben, womit sie umgehen konnten, weil sie es verstanden.

    Hatte die Linke ab 2012 sich schon im Gefühl des Sieges gesonnt, weil man in der Innenstadt im Februar allein den Tätermahngang demonstrierte, war das Entsetzten groß, als Pegida um die Ecke kam. Also wurde draufgeknüppelt. Aber das nützte nichts. Den Pegidasten macht es im Gegenteil Spaß, durch pure Anwesenheit das Establishment zur Weißglut zu bringen. Kostenlos montags eine Runde an der frischen Luft reicht und alle drehen durch.
    Und hinter Pegida scharrt die sächsische AfD mit den Hufen, eigene Demos in Dresden zu machen.

    Langer Rede kurzer Sinn: Es mag griffig sein, von einer zerrissenen Stadt zu reden, aber es ist eigentlich der Riss zwischen zwischen der linken und allen anderen Lebensart. In anderen Städten hat die westdeutsche Linke bereits gewonnen und die Lufthoheit über die Stammtische und die Straße. Jetzt soll Dresden fallen und hier Connewitzer Verhältnisse eingeführt werden. Die Stadt an sich ist nicht zerissen. Es tobt der Widerstreit der Weltanschauungen. Mal sehen, wer gewinnt.

    PS: Dazu gesellt sich die politischen Konkurrenten der sächsischen CDU, die gerne auch mal regieren wollen. Aber das wird wohl nichts werden.

  9. Danke, Kurt Ernst
    Zu einer Facette möchte ich was anmerken.

    “Die Auseinandersetzung um den Frauenkirchenaufbau hatte einen wichtigen, wenig beachteten Aspekt. Dieses Projekt war ein Projekt des alten Dresdner Bildungsbürgertums, welches der nun machtlosen SED-Nomenklatura, die die Frauenkirche für immer als Ruine erhalten wollten, eine Demonstration ihrer Macht gab.

    Das „für immer als Ruine erhalten wollten“ würde ich nicht bestätigen. Das wurde ab (aus meiner Erinnerung, ganz genau kriege ich das auf der Zeitleiste nicht mehr hin) Anfang der 70er so verkündet.
    Mir ist mal eine Publikation aus den 60ern in die Hände gefallen, wo der Wiederaufbau der Frauenkirche als beschlossene Sache dargestellt wurde. Nicht allgemein als Vorsatz, sondern schon mit Einzelheiten unterlegt. Die Fachleute hätten die Machbarkeit schon untersucht und bestätigt.

    Eine offizielle Erklärung, warum dann auf Mahnmal umgeschwenkt wurde, kenne ich nicht. Vermutlich lag es einfach am Geldmangel.

  10. @ Leser: Mit „die staatlichen Gewalthaufen“ sind hier anscheinend linke Gegendemonstranten gemeint? Schon klar, die sind vom Staat geschickt und wurden von Markus Ulbig persönlich ausgebildet.

    Ja, ich habe auch gelesen, „dass das BAMF 2000 ‚Flüchtlinge‘ durchgewunken hat“. Und? Wird eine Angelegenheit A besser, nur weil irgendwo anders eine Angelegenheit B existiert, welche je nach Sichtweise noch schlechter ist? Solche Argumente sind indiskutable Ausweichmanöver. Ich kann mich, wenn ich einen Menschen überfahren habe, vor Gericht auch nicht damit herausreden, in Döbeln hätte aber jemand zwei überfahren, also wäre ich praktisch unschuldig.

  11. @ Demonstrant: Das Argument mit Kohl hatten wir hier schon.

  12. Auch von mir herzlichen Dank für diese interessanten Anmerkungen, den im Februar entstandenen Text wollte ich ohnehin nur als diskussionsanregende These, denn als unumstößliche Wahrheit verstanden wissen. Wie ganz am Anfang erwähnt, bin ich als Riesaer zwar relativ nah dran, aber eben auch nicht mittendrin, so dass mir das unmittelbare Erleben der Gedächtniskultur vor und nach 1989 fehlt. Ich erinnere mich aber noch recht gut daran, wie uns in der Schule berichtet wurde, dass der nächtliche Feuerschein am Horizont bis hierhin sichtbar war, mein ehemaliger Schuldirektor erlebte die Angriffe auf Verwandtenbesuch irgendwo überhalb des Talkessels. Ich interessiere mich ganz allgemein sehr für historische Luftfahrt und in meinen Bücherbeständen finden sich daher auch u.a. die Arbeiten von Olaf Groehler und Götz Bergander, dessen Buch über Dresden im Luftkrieg ich für sehr gut recherchiert empfunden habe.

    Wenn ich mich recht erinnere, gab es ja schon einige Zeit vor dem viel diskutierten Abschlussbericht der Historikerkommission eine Veranstaltung, bei der es zu Tumulten kam, weil teilweise in Tränen ausbrechenden Zeitzeugen vom Podium her mitgeteilt wurde, dass es nach Studium der alliierten Einsatzberichte keinerlei Tieffliegereinsätze gegeben hat und gegeben haben kann. Da steht dann emotionslose und nüchterne Wissenschaft gegen jahrzehntealte traumatische Erinnerungen. Ich hatte zudem bei der Veröffentlichung des Reports das Gefühl, dass durch die Korrektur der in der DDR-Zeit geltenden Todesopferzahl von 35.000 auf 25.000 viele das Gefühl hatten, ihrer eigenen Geschichte mehr und mehr beraubt zu werden. Und weil ich diese Emotionalisierung einer ganzen Stadtbevölkerung aufgrund eines einzelnen geschichtlichen Ereignisses nirgendwo sonst wahrnehme, habe ich da einen Zusammenhang hergestellt.

  13. @ Kurt Ernst: Danke für den ausführlichen Kommentar. Kurz gefasst: Vieles sehe ich ähnlich. Meine Erfahrungen, wie ich den 13. Februar vor und nach 89 erlebte, hatte ich hier einmal beschrieben. Und hier, was ich von dem jährlichen linken Demonstrationstourismus halte.

    Das erklärt vielleicht auch einiges an Pegida:

    Aber das nützte nichts. Den Pegidasten macht es im Gegenteil Spaß, durch pure Anwesenheit das Establishment zur Weißglut zu bringen. Kostenlos montags eine Runde an der frischen Luft reicht und alle drehen durch.

  14. Schon klar, die sind vom Staat geschickt und wurden von Markus Ulbig persönlich ausgebildet.

    Natürlich nicht.
    Die wurden mit dem Fallschirm abgeworfen.
    Nach Beendigung ihrer Mission steigen die wieder hoch und entschwinden in die Weiten des Alls, in ihrer Flugscheibe.
    Das ist der Grund, warum die Verbrecher nicht bestraft werden – die sächsische Polizei hat keine Raumschiffe.

    Falls Du eine andere Meinung hast, dann lass doch mal raus, was hier Politik und Medien gegen die Schläger, Brandstifter und Pöbler unternommen haben.
    Ich meine jetzt nicht irgendein in der Schublade liegende lauwarmes Balbla („… gegen jede Form von Gewalt …“), sondern welche tatsächliche Aktion.
    Haben die dem Gesindel die Fördermittel gestrichen?
    Oder wenigstens gekürzt?

  15. „Schon klar, die sind vom Staat geschickt und wurden von Markus Ulbig persönlich ausgebildet.“

    Wie immer in Deutschland.
    War auch so am 09.11.1938. Das war der spontane Ausbruch des Volkszorns.
    Mit Hitler, Göring und der ganzen NS-Clique hatte das nichts zu tun.

    Manch einer sieht hier Parallelen.
    Zum Beispiel, dass der „sponaten Volkszorn“ genau jene getroffen hat, gegen die das Regime mit nicht mehr zu überbietender Niedertracht hetzt.
    Oder dass damals die Strafverfolgung gegen die Verbrecher so durchgeführt wurde wie heute (nämlich gar nicht).
    Doch viel Realismus schadet der Diskussion. Deshalb wollen wir das nicht weiter vertiefen.

  16. Früher habe ich die Artikel von Thomas Schmid gern gelesen. Seit der „Flüchtlingskrise“ nicht mehr. Was er seitdem bringt, ist Propaganda, hat mit Journalistik nichts mehr zu tun.
    Der verlinkte Text hat mit der Realität nichts zu tun. Nicht das Geringste.

  17. Das kann man ja durchaus so sehen, aber an welchen Aussagen machen Sie das genau fest?

  18. „Das kann man ja durchaus so sehen, aber an welchen Aussagen machen Sie das genau fest?“

    My very personal point of view …

    Wenn soll man halten von diesem Käse:

    die Dichte von neonazistischen Bünden und Banden so groß wie hier.

    Wer „neonazistische Bünden und Banden“ halluziniert, sollte zum Arzt gehen. Zum Psychiater, um es genau zu sagen.

    Oder so was:

    Der beleidigte Ton, den man heute oft in Sachsen zu hören bekommt, hat auch damit zu tun, dass das Land diese stolze Pionierposition verloren hat.“

    Die meisten Sachsen wissen gar nicht, dass dieses Land vor 130 Jahren die stärkste Industrieregion in Deutschland war. Wie soll bei dieser Wissensbasis Ärger über Verlorenes entstehen?

    Oder das:

    “Die qualifizierten Facharbeiter waren es, die den Laden immerhin einigermaßen am Laufen hielten. Vier Jahrzehnte hielten sie durch bis zum Untergang der DDR. Danach aber wurden sie nicht belohnt. Sie hatten sich mit dem Reparieren und Flicken einer maroden Industriestruktur verschlissen – und den Anschluss an die neuen Technologien ohne eigenes Verschulden verpasst. Es kam die neue Zeit, und man brauchte sie und ihre Fertigkeiten nicht mehr. Sie landeten vorzeitig auf dem Altenteil. Das hat sie verbittert, und diese Verbitterung imprägniert das Land bis heute.

    Hat mit der Realität nicht das Geringste zu tun. Nonsens.

    Und so geht das die ganze Zeit weiter. Der Finale Durs Grünbein ist das intellektuelle Sahnehäubchen

    Grünbein redete viel, aber auch er stand kaum weniger ratlos vor dem Phänomen als die ganze Phalanx der Journalisten, Politikwissenschaftler und Historiker.

    Ja, da stehen Dichter, Journalisten, Politikwissenschaftler und Historiker ratlos vor dem Phänomen.
    Obwohl sie intensiv mit den Leuten kein Wort sprechen, wissen sie nicht, was die Leute antreibt.

    Dabei wäre das gar nicht so schwer. Wenn sie zu feige sind, die Menschen anzusprechen (verständlich die Angst, für ihre Dummheit ausgelacht zu werden), lesen Sie einfach, was Prof. Patzelt dazu schreibt. Da hätten Grünbein und die ganze „Phalanx der Journalisten, Politikwissenschaftler und Historiker“ schon mal die Hälfte ihrer Unklarheiten beseitigt. Wenn sie es denn wollten.
    Das Problem: Sie wollen nicht.

    Schließen wir mit der Überschrift „Warum es in Sachsen so rabiat zugeht“
    Gute Frage. Warum werden die Andersdenkenden von den (ich borge mir den Terminus von oben) staatlichen Gewalthaufen terrorisiert?
    Aber das meinte Schmid gar nicht. Der linke Terror ist für ihn kein Thema.
    Nur, was meint er mit „rabiat“? Remember Khalid?

    PS und OT:
    Haben die GenossInnen der Schutz- und Sicherheitsorgane wenigstens den Täter des Mosche-Anlags Dresden ermittelt?

  19. Nun, über die Bezeichnung „neonazistische Bünde und Banden“ kann man natürlich ebenso diskutieren wie über den Umstand, ob sich die behauptete Spitzendichte empirisch nachweisen lässt. Spontan würden mir mir jetzt die „Skinheads Sächsische Schweiz“ einfallen, weitere Vertreter der Freien Kameradschaften existier(t)en in Sachsen definitiv, da müsste man einmal diesbezügliches Zahlenmaterial wälzen.

    Die meisten Sachsen wissen gar nicht, dass dieses Land vor 130 Jahren die stärkste Industrieregion in Deutschland war. Wie soll bei dieser Wissensbasis Ärger über Verlorenes entstehen?

    Das kommt wohl ganz auf den Standort an. In einer Kunststadt wie Dresden wohl nicht, in einer Industriestadt wie der meinen oder von mir aus auch in Chemnitz und anderswo war das durchaus bekannt, schon alleine, weil es uns schon frühzeitig via „Geschichte der Arbeiterbewegung“ eingetrichtert wurde. Gelegentlich auch unter Zuhilfenahme von Brauchtum und Folklore wie in den ganzen Bergbaustädten.

    “Die qualifizierten Facharbeiter waren es, die den Laden immerhin einigermaßen am Laufen hielten. Vier Jahrzehnte hielten sie durch bis zum Untergang der DDR. Danach aber wurden sie nicht belohnt. Sie hatten sich mit dem Reparieren und Flicken einer maroden Industriestruktur verschlissen – und den Anschluss an die neuen Technologien ohne eigenes Verschulden verpasst. Es kam die neue Zeit, und man brauchte sie und ihre Fertigkeiten nicht mehr. Sie landeten vorzeitig auf dem Altenteil. Das hat sie verbittert, und diese Verbitterung imprägniert das Land bis heute.“

    Hat mit der Realität nicht das Geringste zu tun. Nonsens.

    Das sehe ich anders. Aus eigener und fremder Anschauung. Ich habe von 1988 bis 1991 den Beruf eines Elektronikfacharbeiters mit Abitur erlernt. Als ich mit der Lehre fertig war, existierte meine Firma praktisch nicht mehr. Ich habe dann noch einmal umgesattelt und bin erst wieder im Jahr 2000 in die Elektronikbranche zurückgekehrt. Natürlich war da eine Diode immer noch eine Diode und ein Widerstand ein Widerstand. Aber ich tauchte dort mit dem Ausbildungsstand Ost auf, der auf überwiegende Handbestückung und Durchsteck-Bauelementen beruhte. Im Westen war aber schon seit den 70er/80er-Jahren sogenannte Surface-mounted devices (SMD) Standard, also Bauelemente, die nicht mehr durch die Platine durchgesteckt sondern oberflächig gelötet wurden. Dazu kam eine Größenreduzierung um ein Vielfaches und flächendeckende Maschinenbestückung. Das heißt, dass selbst ein ausgebildeter Facharbeiter in technologischer Hinsicht oftmals deutlichen Wissens- und Könnensrückstand hatte.

    Einen ähnlichen Eindruck hatte ich, als ich erst kürzlich einmal wieder meine DVD-Box der „Chronik der Wende“ anschaute. In zwei Beiträgen ging es um 1989 in den Westen gegangene Ostdeutsche. Die einen waren als Maurer in einer Westbaufirma untergekommen, die anderen in einem Klempnerbetrieb. Erstere gaben offen zu, dass sie mit dem West-Arbeitstempo überfordert waren, weil sie aufgrund des permanenten Materialmangels in der DDR fast nie ohne große Unterbrechungen und Wartezeiten gearbeitet hatten. Und bei den Installateuren scheiterte es u.a. an den Fähigkeiten zum Schweißen von Kupferrohren, die es in der DDR wohl nur in den seltensten Fällen gab. Alles in allem eine stark abgeschwächte Form der Probleme, die es für den Großteil der Asylbewerber auf dem deutschen Arbeitsmarkt geben dürfte.

    Bei der Wertschätzung der Arbeiten Professor Patzelts haben wir gar keinen Dissens, ich lese seine Beiträge stets mit großem Erkenntnisgewinn. Ebenso lehne ich jede politisch motivierte Gewalt ab und sei es „nur“ Sachbeschädigung.

  20. Danke für die Antwort. Erstmal nur zu einem Aspekt:

    „Skinheads Sächsische Schweiz“

    Die SSS ist eine seit 2001 verbotene rechte Gruppe.
    Wenn dieser seit 15 Jahren nicht mehr existierende Verein der Beleg für
    „die Dichte von neonazistischen Bünden und Banden“
    sein soll, also ich weiß nicht.

    Das sieht doch sehr danach aus, als wenn hier mit Biegen und Brechen sachliche Belege für die staatliche Propaganda gesucht werden.
    Mission impossible, es gibt nicht nur keine Dichte, sondern überhaupt keine „neonazistischen Bünden und Banden“.
    Wenn es eines Beweises bedurfte, liefern in die „Skinheads Sächsische Schweiz“.

    Zum anderen werde ich später was sagen.

  21. Ganz langsam und mit dem kleinen Löffel.
    Sven, dass einzige was Dir zu „neonazistischen Bünden und Banden“ einfällt ist eine Gruppe, die seit 15 Jahren verboten und seit 10 Jahren klinisch tot ist.

    Um weitere zu benennen musst Du erst „einmal diesbezügliches Zahlenmaterial wälzen“. Das zeigt doch, dass es keine „neonazistischen Bünde und Banden“ gibt.
    Mal drüber nachdenken.
    Wie kann eine Bedrohung ausgehen von „Bünden und Banden“, für deren Existenz keine handgreiflichen Belege existieren, die man mühevoll suchen muss, weil sie noch kein Mensch gesehen hat?

    Die „Skinheads Sächsische Schweiz“ waren ein Grund, weshalb ich damals vom Glauben abgefallen bin. Vom Rechtegewaltlauben, um konkret zu sein.
    Diese Aktion ist als schwer bewaffnete Nazi-Armee gesprungen und als Wachmannschaft eines Eisenschrott-Lagers gelandet.

    Das passt nicht.
    Die Differenz zwischen Anfang und Ende war so groß, dass man schon ins Grübeln kommt.
    Für eine gewalttätige, bewaffnete Verbrecherbande sind im StGB Strafen ab fünf Jahre aufwärts ausgelobt. Trotzdem sind alle mit Bewährung davongekommen.
    Warum?

    Vermutung:
    Dort war die V-Mann-Dichte so hoch, dass die Justiz keine Chance hatte, die Geschützten mit den sonst üblichen strafprozessualen Tricks aus dem Hauptverfahren rauszulösen. Deshalb mussten die am Ende alle mit Bewährung laufen lassen.

    Wikipedia
    wikipedia.org/wiki/Skinheads_S%C3%A4chsische_Schweiz

  22. Mit „erst einmal Zahlenmaterial wälzen“ meinte ich vor allem den Umstand, dass ich morgens 7.30 Uhr nach einer Nachtschicht nicht mehr willens und in der Lage bin, irgendwelche Kriminalstatistiken oder Verfassungsschutzberichte zu suchen und auszuwerten. 😉 Deswegen nur die spontane Assoziation zu den SSS. Und freilich wird auch keine Gruppierung als eine Art e.V. mit eigenem Internetauftritt hausieren gehen. Dass die Szene in Sachsen aber völlig unorganisiert existiert, möchte ich allerdings auch nicht glauben.

  23. “Mit „erst einmal Zahlenmaterial wälzen“ meinte ich vor allem den Umstand, dass ich morgens 7.30 Uhr nach einer Nachtschicht nicht mehr willens und in der Lage bin, irgendwelche Kriminalstatistiken oder Verfassungsschutzberichte zu suchen und auszuwerten

    Das habe ich schon so verstanden. Und genau darauf bezog sich meine Replik.
    Wenn was nicht zu sehen ist, hat das keine praktische Bedeutung.
    Wenn es wirklich die von Schmid halluzinierten „neonazistischen Bünde und Banden“ gäbe, würde man sie sehen. Nicht unbedingt mit eigenen Augen, aber in den Zeitungen und Nachrichten. Pausenlos.
    Da kommt aber nichts, außer dem üblich faktenfreien Gesülze.

    „Dass die Szene in Sachsen aber völlig unorganisiert existiert, möchte ich allerdings auch nicht glauben.“

    Welche Szene?

  24. Welche Szene?

    Die rechtsextreme. Ein paar Gehminuten von meiner Adresse entfernt befindet sich das Gelände des NPD-Verlags. Dort werden ab und an Veranstaltungen (Konzerte etc.) abgehalten und da reisen schon nicht wenige Leute an. Natürlich nicht nur aus Sachsen, aber selbstredend auch.

  25. Das kommt wohl ganz auf den Standort an. In einer Kunststadt wie Dresden wohl nicht, in einer Industriestadt wie der meinen oder von mir aus auch in Chemnitz und anderswo war das durchaus bekannt,

    Wenn ich die Medienberichte richtig verstanden habe, ist Dresden die rechtsradikalste Stadt in Deutschland. Hier wurden 3 Asylbewerber ermordet, das sagt schon alles (die Mörder waren zwar Asylbewerber, trotzdem sind die Dresdner Nazis).
    Insoweit scheitert Schmids Feststellung an der Proportionalität.

    “Ich habe von 1988 bis 1991 den Beruf eines Elektronikfacharbeiters mit Abitur erlernt. Als ich mit der Lehre fertig war, existierte meine Firma praktisch nicht mehr.

    Natürlich war da eine Diode immer noch eine Diode und ein Widerstand ein Widerstand. Aber ich tauchte dort mit dem Ausbildungsstand Ost auf, der auf überwiegende Handbestückung und Durchsteck-Bauelementen beruhte. Im Westen war aber schon seit den 70er/80er-Jahren sogenannte Surface-mounted devices (SMD) Standard“

    Mal abgesehen davon, dass es Ende der 80er auch in der DDR SMDs gab und in der industriellen Fertigung die Leiterkarten automatisch bestückt und gelötet wurden (anders geht das gar nicht), muss ich sagen, tut mir leid, da ist ein Fehler in der Grundeinstellung.

    Bis vor 200 Jahren war es üblich, dass der Sohn das Handwerk des Vaters gelernt und dann den Kleinbetrieb übernommen hat.
    Seit dem sollte sich keiner darauf verlassen, dass man das ganze Leben mit den einmal erlernten Handgriffen durchkommt.
    All die Hufschmiede, Fingerhutmacher, Posamentierer, Dampflokheizer …

    Das galt auch für die DDR. In den 60ern wurde den Elektronik-Lehrlingen der Umgang mit Selen-Gleichrichtern, Chassis und Röhren beigebracht. Diese Technik war auch hier in den 80ern out.

    Wer die Fähigkeit zum Schweißen von Kupferrohen nicht in der Lehre erworben hat, der muss das eben später nachholen.
    Isso.

  26. Die rechtsextreme. Ein paar Gehminuten von meiner Adresse entfernt befindet sich das Gelände des NPD-Verlags.

    So ist das. Selbst nach mehreren Tagen kriegst Du nicht mehr zusammen als die seit Jahren nicht mehr existente Gruppe Skinheads Sächsische Schweiz und die NPD.
    Überleg mal, warum das so ist.

    Dort werden ab und an Veranstaltungen (Konzerte etc.) abgehalten“

    The end of time is nigh. Jedenfalls „ab und an“.

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