Geständnis: Ich bin schuld am weltweiten Terror!

Das war eines meiner Lernergebnisse, als ich in der vergangenen Woche bei einer beruflichen Weiterbildung in der Nähe von Meissen auf dem „Gut Frohberg“ übernachtete. Das Thema war zwar nicht Bestandteil des Tagesprogrammes, aber der Betreiber dieses Seminarzentrums hatte sich wirklich Mühe gegeben, seinen Besuchern diese Erkenntnis zusätzlich mit Hilfe eines Buches zu vermitteln.

In Übernachtungsstätten findet man oft verschiedene Bücher, die in den Zimmern oder in Gemeinschafträumen herum liegen. Meist sind es die Reste, die aus der eigenen Bibliothek ausgesondert oder von früheren Besuchern liegen gelassen wurden, also muss man es nicht besonders überbewerten, wenn da auch etwas eigenartige Werke in irgendeinem Regal vor sich hin verstauben. Aber auf dem Gut Frohberg hat man ein Buch auf einem extra aufgestellten Tisch sehr deutlich ausgelegt, mit einladendem Sessel davor, an einer Stelle, wo jeder Besucher zwingend vorbei kommen muss, wenn er zur Toilette muss:

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Anscheinend betrachtet der Betreiber, Herr Schwarzmüller, dieses Buch als sehr wichtig. Also nahm ich das Angebot gern an, schlug es auf und war schnell etwas belustigt. Denn es ging um Kreationismus. Ich gebe es ja gern zu, dass ich die Evolutionstheorie für den schlüssigeren Ansatz halte. Aber wer sich mit Natur nicht beschäftigen will, darf meinetwegen auch gern völlig unlogischen Theorien anhängen, ich bin da ziemlich liberal. Auch wenn es traurig ist, mit ansehen zu müssen, dass Leute sich im heutigen Zeitalter bewusst gegen allgemein verfügbare Erkenntnisse sperren. Aber solange sie das ihren Kindern und anderen Leuten nicht einreden – sollen sie machen. Wir anderen haben dann etwas zum Belächeln. Wir anderen gelten aus der Sicht von Kreationisten übrigens als Darwinisten, auch wenn wir uns vielleicht gar nicht so bezeichnen. „Fossilien haben die Evolutionstheorie widerlegt“, schreibt der Autor und gibt sich über viele Seiten hinweg Mühe, das zu beweisen. Nun ja …

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Ich wollte das Buch schon wieder zuklappen, blätterte aber noch ein wenig weiter und las plötzlich, dass wir Darwinisten eine schwere Schuld tragen:

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Damit meint der Verfasser Menschen wie mich und Herr Schwarzmüller scheint es wichtig zu finden, dass wir davon erfahren. Sonst würde er das Buch ja nicht so dort auslegen. Wir Darwinisten sind nicht nur am weltweiten Terror, sondern auch an Kriegen und Massenmorden schuld, Hitler und Stalin hätte es ohne Darwin nie gegeben und wir waren sogar auch am elften September schuld:

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Nebenbei: Wenige Seiten nach unserer Schuldzuweisung an 9/11 steht, dass der Islam eine Religion des Friedens und nicht die Quelle, sondern sogar die Lösung des Terrorismus ist. Ich hatte das nur spontan mit abfotografiert (siehe unten), kann jetzt aber gar nicht mehr so richtig rekonstruieren, warum ich da einen grotesk witzigen Zusammenhang sah …

Jedenfalls möchte ich mich hiermit für diese wichtige Erkenntnis meiner großen Mitschuld bei dem Betreiber vom Gut Frohberg bedanken. Ich bin immer an neuen Erkenntnissen interessiert, auch wenn sie schmerzhaft sind und betroffen machen. Danke! Falls einmal jemand eine Empfehlung für ein Seminarzentrum sucht, wird mein neues Wissen sicher in die Bewertung mit eingehen.


Um nur kurz auf das Thema Evolution einzugehen: Selbst wenn man von der Existenz eines Schöpfers ausgeht, wäre es aus dessen Sicht vielleicht etwas unsinnig, alle Tierarten oder sogar noch deren Unterarten einzeln zu basteln? Klingt es sinnvoll, beispielsweise alle 13 Unterarten des Feuersalamanders manuell einzeln anzufertigen und über Eurasien zu verteilen oder speziell in jedes einzelne spanische Gebirgstal* zu setzen? Einfacher wäre es bereits, nur die Art herzustellen und dann mal zu sehen, wie sie sich verteilt und an die unterschiedlichen Gebiete anpasst. So wäre die Art durch ihre Anpassungsfähigkeit sogar resistenter gegen Umweltveränderungen – als Schöpfer kann man ja auch nicht alles vorhersehen. Man hat vielleicht in der Planung übersehen, dass dreitausend Jahre später irgendwo ein Erdrutsch auftritt und eine gesamte Population unter sich begräbt. Dann ist es schon praktisch, wenn sich die Art inzwischen etwas ausgebreitet und in anderen Lebensräumen angepasst hat. Ansonsten hätte man immerhin umsonst geschöpft. Und vielleicht wäre es aus Sicht des Schöpfers sogar noch sinnvoller, gar nicht erst die vielen einzelnen Arten zu basteln, die ja dann doch zum Großteil alle wieder aussterben, sondern nur ein paar Eimer Biomaterie, also Urschleim auf der jungfräulichen Erde zu verteilen?

(* in Spanien gibt es viele Unterarten dieser Art, teilweise kommen diese Unterarten nur in einzelnen Gebirgstälern vor)

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