Report München: Brasilianische Bauern sind dumm und können nicht rechnen

Das bleibt zumindest als Aussage hängen, nachdem man das Video „Die EU und der Wundermais“ des ARD-Magazins Report gesehen hat: Da bezahlen die Bauern in Südamerika schon mehr für gentechnisch verändertes Saatgut als für andere Sorten, dann stimmt die versprochene Qualität aber nicht, denn der angeblich schädlingsresistente Mais 1507 wird doch von Insekten befallen, deshalb müssen die Bauern zusätzlich Pestizide kaufen, so dass sogar weitere Kosten entstehen und ihre Gewinne zum Schluss einbrechen.

Wie blöd müsste ein Bauer sein, diese unbrauchbare Maissorte jemals wieder zu kaufen? Ein solches Produkt sollte normalerweise umgehend vom Markt verschwunden sein. Aber die südamerikanischen Bauern scheinen laut „Report“ exakt so dumm zu sein – trotz schlechter Erfahrungen, höherer Ausgaben und geringerer Gewinne kaufen diese Bauern immer wieder diese schlechte Maissorte. Konventioneller Mais wird von ihnen kaum noch angebaut. Seltsam. Können die alle nicht rechnen? Gibt es in Brasilien keine Zeitungen, Telefone, keine Bauernverbände, kein Internet, über das die Bauern ihre schlechten Erfahrungen mit dieser Sorte austauschen können? Sind die in Knebelverträgen mit dem amerikanischen Saatguthersteller Pioneer, so dass sie nicht einfach bei einem der anderen weltweit agierenden Saatguthersteller einkaufen können? Aber warum müssen dann trotzdem immer noch die im Video gezeigten Vertreter Pioneers durch Brasilien ziehen – angesichts von scheinbar existierenden Knebelverträgen?

„Report“ hat etwas schier Unglaubliches entdeckt: In Brasilien sind offenbar Vertreter der Insektenart Maiszünsler aufgetaucht, die inzwischen resistent gegen die von Bt-Mais produzierten Abwehrstoffe geworden sind. Deshalb ist „Gen“-Mais also irgendwie schlimm.

Dass Resistenzen gegen GV-Pflanzen auftreten können, ist aber eigentlich kein Geheimnis und darüber könnte man auch ganz sachlich informieren – in „Spektrum der Wissenschaft“ wurde erst gestern über diesen Effekt beim Westliche Maiswurzelbohrer in den USA berichtet. Allerdings sind entstehende Resistenzen kein spezifischer Effekt der Gentechnik – das Problem ist so alt wie die Schädlingsbekämpfung selbst. Dass Schädlinge und Unkräuter irgendwann Resistenzen gegen verwendete Bekämpfungsmittel entwickeln, ist schon lange bekannt und passiert bei herkömmlicher Bekämpfung genauso. In den USA und anderen Ländern vermeidet man Resistenzbildung beim Maiszünsler bisher erfolgreich dadurch, indem man immer einen bestimmten Prozentsatz der Maisanbaufläche mit nicht geschütztem Mais bepflanzt. Dort können sich die Schädlinge normal „austoben“ und sind nicht gezwungen, Resistenz gegen Bt-Toxin zu entwickeln.

Vielleicht haben die im Report-Beitrag gezeigten Bauern Brasiliens sich lediglich nicht an diese Vorgabe gehalten? Leider wird das nicht hinterfragt. Das ist aber auch kein Wunder in diesem sehr einseitigen Beitrag: Es kommen ausschließlich Gentechnikkritiker zu Wort. Zum Ende des Films ergäbe sich zwar eine Stelle zum Befragen eines Pioneer-Vertreters, wieso sich die Larven denn trotzdem entwickeln können, aber die Autoren lassen diese seltsamerweise ungenutzt und kommentieren die Begegnung nur mit einem empörten „der Pioneer-Vertreter versucht sogar uns den Genmais schmackhaft zu machen“. Was hat er aber gesagt? Keine Ahnung, stattdessen erfolgt lieber ein Schnitt zum Gentechnikkritiker Andrioli, der noch einmal erklärt, das sei alles ganz schlimm, was hier passiert.

Maissorten der Firma Pioneer

Maissorten der Firma Pioneer werden längst in Deutschland verwendet – hier im Schönfelder Hochland bei Dresden (keine Panik, es sind ausschließlich Sorten „ohne Gene“)

7 Kommentare:

  1. Auch eine Lösung

    Frank:
    In den USA und anderen Ländern vermeidet man Resistenzbildung beim Maiszünsler bisher erfolgreich dadurch, indem man immer einen bestimmten Prozentsatz der Maisanbaufläche mit nicht geschütztem Mais bepflanzt.

    In Deutschland dagegen, indem man nicht nur den Anbau von genverändertem Mais verbietet, sondern die Grüne Gentechnik generell:

    Hendricks:
    Die grüne Gentechnik hat sich als Holzweg erwiesen.

    Die Weisheit unserer Umweltministerien !!

  2. Unsere Umweltministerin ist ganz einfach unglaublich kompetent, was sie auch bei anderen Themen beweist 😉

  3. Ein Jahr später (2016): Brasilien hatte 2015 für Soja und Mais Rekordernten eingefahren, für 2016 werden wieder Rekordwerte erwartet, natürlich mit GMO Pflanzen, und obwohl uns der Verdummungssender ARD einige Felder mit Schädlingsbefall gezeigt hat.

  4. Beim ARD arbeitet man bestimmt schon an einer Doku, die uns beweisen wird, warum diese brasilianische Rekordernte trotzdem irgendwie wegen der Gentechnik ganz schlimm ist 😉

  5. Nein, um die Erntemengen zu kennen müsste man ein wenig Recherche betreiben, zB die Webseite TopAgrar besuchen. Recherche ist etwas das Gesinnungsjournalisten unter allen Umständen vermeiden.

    Ps. Ich freue mich sehr ,dass Sie als jemand der wahrscheinlich nicht Biologe ist diese Form der „Dokumentation“ als das erkennen was es ist.

  6. Ich habe beruflich tatsächlich nichts mit Biologie oder Landwirtschaft zu tun. Das ist bei mir nur so allgemeines Interesse. Außerdem kann ich es nicht leiden, wenn falsche Dinge behauptet werden. Gegen Gentechnik wird ja fast nur mit falschen Argumenten gearbeitet. Ich interessiere mich aber auch ein wenig für Naturschutz. Und Gentechnik und Naturschutz passen meiner Meinung nach sehr gut zusammen. Als Grüner müsste man eigentlich für Gentechnik sein.

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