Hoax: Kein radioaktiv mutierter Riesenkalmar in Kalifornien

Update Jan. 2015: Die hier beschriebene Funktion in Google Chrome existiert seltsamerweise nicht mehr. Schade. Aktuell ist es viel umständlicher oder man muss ein Plugin benutzen.


Dass im Internet auch eine Menge Unsinn verbreitet wird, ist nichts Neues. Aber neu ist, dass eine Google-Funktion dabei helfen kann, Falschmeldungen als solche zu erkennen. Vor ein paar Tagen ging eine Meldung durch Facebook, dass an der Küste Kaliforniens nun schon zum zweiten Mal ein gigantischer Riesenkalmar angespült worden sei und dass als Ursache für seinen Riesenwuchs radioaktive Verseuchung durch Fukushima vermutet wird. Nun will ich nicht behaupten, dass der japanische Atomunfall folgenlos für den Ozean bleiben könne, aber das Foto empfand ich beim spontanen Anblick als zu schlechte Montage:

Ursprüngliche Quelle (Source), inzwischen dort nicht mehr online: http://www.lightlybraisedturnip.com/

Selbst für „Fluch der Karibik“-Fans, die ja so einiges gewöhnt sind, stellt sich vielleicht die Frage, ob derartige Mutationen in der kurzen Zeit seit dem japanischen Super-GAU biologisch überhaupt möglich sind? Doch das muss uns alles nicht beschäftigen. Der Kalmar auf dem Bild scheint regelrecht in der Luft zu schweben, der Lichteinfall auf seinem Körper ist irgendwie anders als in der Umgebung … ist das eine Montage?

Das lässt sich seit wenigen Monaten bequem mit einer Funktion ermitteln, die Google in seinem Browser Chrome integriert hat*: Ein Rechtsklick auf das zu untersuchende Bild zeigt dort auch die Funktion „In Google nach diesem Bild suchen“. Damit werden nicht nur Seiten ermittelt, die dasselbe Bild verwenden, sondern es werden auch andere Bilder mit Teilen des Inhaltes ermittelt. Wie gut das funktioniert, zeigte sich im vorliegenden Fall. Die Quelle, woher der Kalmar stammt, war damit schnell ermittelt – derselbe „gigantische“ Kalmar wurde auch schon an Spaniens Küste angespült:

(* Ob die Funktion auch in anderen Browsern verfügbar ist oder durch Plugins gemacht werden kann, habe ich nicht ermittelt)

Quelle (Source): http://in2eastafrica.net/tag/enrique-talledo/

Der Kalmar war also nicht „measuring a whopping 160 feet from head to tentacle tip“, wie auf der sehr seriösen Seite lightlybraisedturnip.com behauptet wird, sondern nur „30 feet“, also etwa neun Meter, was für einen Riesenkalmar (Architeuthis dux) nicht ganz so ungewöhnlich erscheint. Bei dem Foto aus Spanien stellt sich übrigens auch die Frage, ob hier durch die extreme Weitwinkel-Wirkung nicht auch schon übertrieben wurde und ob das insofern in doppelter Hinsicht eine Falschmeldung ist, aber das soll uns hier auch nicht weiter beschäftigen.

Der andere Teil des Bildes, also der Hintergrund, in den der Kalmar hinein montiert wurde, war zwar nicht sofort auf den ersten Google-Treffer-Seiten zu sehen, wurde aber ebenfalls so sichtbar:

Quelle (Source): http://english.cntv.cn/20111104/108509.shtml

Dieses Foto mit dem Wal fand ich zuerst in einem chinesischem Fotoforum, ursprünglich stammt es anscheinend von 2011 aus Chile, diese Details sind hier aber auch nicht weiter wichtig.

Fazit: Mitdenken sollte man ohnehin, aber dank der Technik ist die Kontrolle von verdächtigen Meldungen nun noch einfacher geworden.


Wie ich beim Schreiben dieses Artikel feststellte, haben sich auch andere mit dieser Meldung beschäftigt, zum Beispiel hier:

SENSATION, EINE NEUE SPEZIES ENTDECKT: DER ZDDK WAL-KALMAR 😉

Dort steht auch, was man von lightlybraisedturnip.com zu halten hat. Aber ich kann immerhin beweisen, dass ich mich bereits vorher, am 9. Januar mit dem Thema befasst hatte.

3 Kommentare:

  1. Gute Arbeit und danke für diesen Technik-Tipp! Kann man als Beitrag zu der Lobo-Diskussion sehen. Enttäuscht vom Heilsbringer Internet … Ich denke in der Technikwelt bildet sich der Zustand des Menschen ab. Da gibt es immer Gutes und Schlechtes, Angenehmes und weniger Angenehmes. Schön, wenn es Beiträge wie diesen zum „verantwortlichen Umgang“ mit dem Medium gibt.

  2. Ich hätte übrigens beim Kritik-Ansatz auch zunächst überprüfen können, was das eigentlich für eine Seite ist, die so seltsame Meldungen bringt. Lightly Braised Turnip bedeutet „Leicht angebrannte Rübe“ (hat mir jemand auf G+ erklärt), insofern hätte ich auch so drauf kommen können, dass das nur Spaß ist. Aber ich hatte hier spontan die Idee, dass das doch mal ein Fall für diese Google-Funktion sein könne, von der ich kürzlich gelesen hatte. Und es war erstaunlich, wie schnell die Lösung damit sichtbar wurde. Deshalb habe ich die Seite selbst dann gar nicht mehr hinterfragt – was aber eigentlich noch dazu gehört hätte.

    Übrigens bin ich nicht gleich enttäuscht vom Heilsbringer Internet, das Internet kann ja nichts dafür, dass viele es nur oberflächlich nutzen. Allerdings muss ich sagen, dass ich Lobo nicht gelesen und die Diskussion nicht so verfolgt habe. Das hat ganz einfach damit was zu tun, dass ich kein Lobo-Fan bin, aber das würde jetzt zu weit führen.

    Hat zwar wenig mit dem Thema zu tun, aber da ich es heute gelesen hatte und da es hier auch um eine neue Google-Funktion mit Bildern ging – es gibt schon wieder eine. Sie ist zwar angeblich gar nicht so neu, aber sie ist jetzt leichter zu finden: Ergebnisse lassen sich nun nach Nutzungsrechten filtern

  3. Ich fand „Wir nennen es Arbeit“ von Friebe und Lobo mal ganz gut, so als Ausdruck eines Lebensgefühls, ist aber schon ne Weile her. – Ich hab nur einen Fetzen der Diskussion mitbekommen, ich glaube es geht weniger um oberflächliche Nutzung, mehr darum, dass das Pendel mehr in Richtung Überwachung anstatt in Richtung Demokratisierung ausschlägt.

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