Bin mal eben die Welt retten!

Seit etwa 20 Jahren überlege ich nun schon, ob ich mich nicht irgendwie politisch mit betätigen sollte? Schon klar: In den nächsten 20 Jahren sollte ich endlich auch irgend einen Entschluss fassen. Jedenfalls dürfte es sicher auch anderen so gehen, dass man verschiedene Weltverbesserungsgedanken mit sich herum trägt, so in der Richtung Ungerechtigkeit und Armut abschaffen, Chancengleichheit und eine lebenswerte Umwelt für alle, kurz: Die Welt retten. Vielleicht nicht ganz so schnell umgesetzt wie bei James Bond, dafür aber mit weniger kaputten Autos.

Wenn man so etwas vor hat, wird man sich typischerweise in einer Partei beteiligen. Und wenn man Glück hat, gelangt man später vielleicht in irgendein Parlament, wo man seine großen Ideen umsetzen kann. Der Bundestag wird es vielleicht nicht sofort sein, aber möglicherweise schafft man es zunächst in einen Stadtrat. Da ich mir die Tagesordnungspunkte  des Dresdner Stadtrates oft ansehe, habe ich gelegentlich das Gefühl, dass die wirklich großen Revolutionäre beim Weltverbessern hier ein wenig ausgebremst werden könnten. Denn da geht es häufig nur um ziemlich banal erscheinende Dinge. Die nächste Sitzung ist wieder so ein Fall, da geht es z.B. wieder einmal um mehrere personelle Änderungen in städtischen Einrichtungen und Gremien, es geht wieder um Flächennutzungs- und Bebauungspläne, um Satzungen, um Abwasser, um die „Abgabe einer Einredeverzichtserklärung einschließlich abstraktem Schuldanerkenntnis zur Absicherung der mittelfristigen Finanzierung“ … äh, wie bitte? Egal. Immerhin geht es auch ein wenig um Schulen und Spielstätten für Kultureinrichtungen, aber dann gleich wieder um Straßenumbenennungen und Veränderungen im Busnetz …

Schon klar: Das sind nun einmal die ganz konkreten Dinge, die in einer Stadt anfallen und die erledigt werden müssen. Ich stelle mir dann nur vor, dass irgendwo zu Hause Mütter* sagen: Der Papa kommt heute später! Der hat noch Stadtratssitzung, er ist mal eben die Welt retten … Aber was macht der Vater tatsächlich gerade? Er hält eine gegen die Opposition gerichtete flammende Rede wider die Umverlegung der Buslinie 66.

Solche Vorstellungen bremsen mein Engagement immer ein wenig aus. Kein Wunder, dass James Bond nie in der Kommunalpolitik tätig war.


(* Damit dieser Artikel Gender-Richtlinien entspricht: Selbstverständlich sagen das auch genauso viele Väter über „Mama“)

3 Kommentare:

  1. Sehr gut erkannt.
    Ich bin ja nun auch schon gut 35 Jahre (In den ersten 5 Jahren waren mir tatsächlich anderer Dinge wichtig) im Weltrettergeschäft unterwegs und stelle ähnliches fest.

    Das man mit Politik nichts erreicht war mir irgendwie auch schon beim Ortsverband unserer Jungen Union damals klar. Das beste was du dort tun konntest war so unsympathisch zu sein gegenüber deinen Ortsverbandskameraden und dann hattest du die Chance, dass sie dich in den Kreisverband, Landesverband weglobten oder abschoben. Eventuell versucht man das Spiel dort nochmal, aber man muss schon ziemlich vielen Leuten hinten rein kriechen bis man ihnen so zum Hals raushängt das sich dich weiter nach oben schieben, bis man endlich an politischen Positionen wäre an denen man was ändern könnte. Meist hat man unterwegs dann vergessen was man dort nochmal wollte.
    Also über Politik geht es glaube nicht, das Weltretten.

    Dann eben eine andere Form der Weltrettung, also vielleicht Spenden sammeln für GutMensch-Organisationen? Plakate auf edlem Papier drucken und zu Hauf in der Stadt verteilen gegen die Regenwaldabholzung? Mit dem Flieger von Klimagipfel zu Klimagipfel um die Welt fliegen um immer wieder die selben Leute zu treffen? Mit Waffengewalt Passanten dazu zwingen den Mitgliedantrag von Amnesty International zu unterschreiben oder vielleicht die alkoholisierten Penner in der Stadt persönlich mit Schnaps versorgen?
    Es schien mir über viele Jahre nichts dabei was wirklich sinnvoll funktionierte und ich hab einiges ausprobiert.

    Bliebe noch, auf ein Wunder hoffen? In die selbe Kategorie würden für mich auch andere religiöse Fanatismen fallen die auf den ersten Blick etwas Proaktiver wirken als das blosse hoffen. Also auch sowas wie mit selbstgebastelten Bombengurten im Namen von irgendwem anders als man selbst darauf zu hoffen dass es die Welt noch stört wenn mehr Blut vergossen wird. Alles Quatsch, geht auch nicht wie genug andere schon bewiesen haben. Also was dann?

    Frustriert und enttäuscht zog ich mich zurück und dachte mir, mensch Welt, warum willst du dich nur von mir nicht retten lassen? Ich bin so ein netter Kerl und ich weiß was für dich gut ist!
    Beim Schmollen kam mir dann plötzlich der Gedanke, hmm, weiß ich das denn wirklich? Und wenn ja , woher? Was wäre wenn jemand anderes, sagen wir mal mit nem Raumschiff über das große Meer käme und mir sagen würde du musst dies oder jenes tun um die Welt zu retten? Ich würde ihm wahrscheinlich sagen, verpfeiff dich, deine Meinung interessiert mich nicht, du kennst meine Welt doch gar nicht. Ich leb doch hier, nicht du!

    Und dakam mir die vielleicht zündende Idee für die absolute Weltrettung.

    Vielleicht muss ich bei meiner eigenen Welt anfangen und bleiben? Also beschloß ich mich auf meine Welt zu konzentrieren. Das fängt bei kleinen Selbstverständlichkeiten an, wie z.B. keine Papierschnippsel oder Kippen, Kaugummi oder Kronkorken auf die Straße zu werfen oder zu spucken. So ein Verhalten ist irgendwann, vergleichsweise schnell sogar, ziemlich auffällig. Irgendwann sehen dich Leute an und du siehst wie sie anfangen zu überlegen. Sie halten dich für sonderbar, seltsam, ANDERS. Da merkt man dann, huch, ich hab die Welt gerade verändert, den ich hab vielleicht eine Denkmaschine angeworfen die seit langer Zeit nicht mehr benutzt wurde.

    Es geht dann weiter damit das ich meine Lebensmaxime: „Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!“ einfach auf meinen Planenten und meine Stadt und so weiter erweitert habe. Also flieg ich nicht nach Malle um dort chilenischen Importwein zu trinken sondern sitze an der Spree und trinke Berliner Pils. Stellt überhaupt keine Einbuße von Lebensqualitätdar, aber hilft der Umwelt direkt und unmissverständlich.

    Was ich sagen will, man kann die Welt nicht verändern und schon gar nicht retten. Man kann nur sich selbst und seine Gewohnheiten ändern und anpassen. Das ist die eine wichtigste Grundregel wenn man wirklich die Welt retten will. Im besten Falle dient man anderen Menschen damit auch noch als Vorbild und dann hat man mehr erreicht als überhaupt zu erwarten war.

    Einen zweiten Punkt will ich noch ansprechen. Man kann dabei helfen dass die Menschen und das Wissen was es gibt besser zueinander finden. Es gibt so viele Menschen die nach Wissen suchen und es gibt so viel Wissen, das ungenutzt in der Ecke steht, weil niemand es findet. Also kann man die Welt vielleicht ein kleines Stück verbessern, wenn man als vermittler dazwischen auftreten kann. Wenn man den Menschen zeigt, was und wie sie mit dem wissen umgehen können. Und wenn man dem Wissen dazu verhilft, dass es auch praktisch umgesetzt wird.
    Also wäre die zweite große Regel fürs Weltretten: Verhelfe den Menschen und dem Wissen zur Selbsthilfe, so dass beide den Umgang miteinander lernen und Spaß daran haben.

    Mit diesen beiden Regeln der Weltrettung hab ich größere Erfolge gehabt, als mit aller Politik, Engagement und besserwisserischem Gutmenschentum. Dabei ist es so einfach. Man darf die Welt nicht mit Gewalt retten wollen, dann verkrampft man selbst und die Welt auch. Aber wenn du einfach nur versuchst ein möglichst gutes Vorbild zu sein für andere, an dem man sich vielleicht orientieren kann, dann schafft man viel.

    In der Hinsicht kann ich dich übrigens beruhigen Frank, du bist auf nem sehr, sehr guten Weg und hast bereits sehr viel getan für die Rettung der Welt. Mach einfach so weiter und sei den anderen Vorbild, dann wird alles Gut eines schönen Tages.

  2. Das man mit Politik nichts erreicht

    wollte ich aber als Fazit nicht gleich ziehen.

  3. „Also wäre die zweite große Regel fürs Weltretten: Verhelfe den Menschen und dem Wissen zur Selbsthilfe, so dass beide den Umgang miteinander lernen und Spaß daran haben.“

    Infos zur morgigen Stadtratssitzung gibt’s – wie immer – unter http://staddrat.de.
    Inklusive Link zu Bürgerpad und Audio-Livestream.

    Grüße vom streamenden Fidel^^

    P.S. Am 18. Juli findet eine „offizielle“ Einwohnerversammlung zur geplanten „Hafencity“ statt. Bürgerbeteiligung ausdrücklich erwünscht.

Schreibe einen Kommentar

Name und E-Mail-Adresse erforderlich (E-Mail-Adr. wird nicht veröffentlicht).
Siehe auch Kommentar-Regeln, Spamschutz und Hinweise zu Textformatierung