Fachkräftemangel

Das Abwasserrohr ist eingefroren. So, wie jeden Winter. Wird das jetzt ein Bericht „Zeitzeugen berichten aus der DDR?“. Nein, es spielt heute. Wir sind sehr geduldige Mieter und rufen jedes Jahr die Firma an, die das beheben soll. Die behebt das seit Jahren und verbessert jedes Jahr etwas, was sich im nächsten Winter leider wieder nicht als Lösung herausstellt. Dieses Jahr sollten sie die gesamte Abwasserleitung nun endlich einmal tiefer legen. Leider sind sie noch nicht dazu gekommen, denn es war einfach zu wenig Zeit. Lediglich Frühling, Sommer und Herbst – da kommt man doch zu nichts. Man ist einfach mit Aufträgen voll bis obenhin. Aber nächste Woche hätte es losgehen sollen, erfahre ich beim Anruf. Könnte die Hausverwaltung da nicht einfach die Firma wechseln? Oder könnte die nicht noch ein paar Leute einstellen?

Oh, das ist ganz schwierig, sagt man mir. Es seien absolut keine Fachkräfte zu finden! Heute will doch niemand mehr arbeiten, die wollen doch alle nur noch Bürojobs, sagt mir der Mann im Büro. Nun ja, versuche ich zu entgegnen, ich kenne mehrere junge Leute, die gern … Ach, das kann man vergessen!, höre ich. Die können doch alle eins und eins nicht zusammenzählen … alle unbrauchbar. Hm … im Nachbarhaus hat bis vor kurzem ein junger Mann gewohnt, der durchaus eins und eins zusammenzählen kann und der eine ganze Weile erfolglos versucht hat, im Bereich „Gas, Wasser, Scheiße“ einen Job zu finden, aber nun ja …

Die beiden Fachkräfte, die sich momentan um unser Abwasser kümmern, schauen sich das Problem nun seit Stunden fachkundig an. Aus mehreren Positionen. Manchmal macht einer der  beiden auch irgendwas, während sein Kollege daneben steht, fachmännisch die Hände in den Taschen. Zwischendurch gehen sie gelegentlich mal an ihr Auto, vielleicht um Pause zu machen. Das sei ihnen gegönnt bei diesem harten Job.

Und jetzt gibt es sogar ein Ergebnis: Wie sich herausgestellt hat, ist das Rohr wieder dort eingefroren, wo extra deshalb bereits vor Jahren ein Heizdraht  angebracht wurde. Die Fachleute haben die Messtemperatur einfach mal auf +10° erhöht, damit er an geht. Denn er war ja aus. Wieso +10°, frage ich, da friert doch noch nichts ein? Nun ja, das hat schon Sinn, denn der Sensor ist ja an einer Stelle am Haus montiert, wo es immer deutlich wärmer ist … Einen Sensor nicht dort zu montieren, wo er messen soll – das finde ich auch wieder sehr fachmännisch. Die Firma, die das damals ausgeführt hat, war zufälligerweise genau dieselbe wie … aber lassen wir diese unwesentlichen Details.

Ja, der allseits beklagte Fachkräftemangel! Kein Wunder, dass die wenigen noch existierenden Firmen vor Arbeit zusammenbrechen und einfach nicht mehr hinterher kommen.

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