Konzertbericht: „Stick Men feat. Tony Levin“ spielen in irgend so einem Schuppen

Angesichts einer derartigen Frechheit müsste man eigentlich gleich wieder gehen und sein Geld zurück verlangen, dachte ich vor dem Beginn des Konzerts. Aber wie mir gleich darauf klar wurde, ging das ja gar nicht mehr, so ohne Eintrittskarte als Beweismittel. Doch der Reihe nach …

Nur durch Zufall entdeckte ich letzte Woche auf ein paar Plakaten an meinem Arbeitsweg, dass eine interessante Band in Dresden im Club Tante Ju auftreten würden: Die „Stick Men“. Fans von Prog-Rock muss man nicht erklären, wer dahintersteckt: Die Rhythmussektion von King Crimson – Tony Levin und Pat Mastelotto – zusammen mit Markus Reuter aus Innsbruck. Levin und Reuter spielen auf dem sogenannten Chapman Stick – ein Instrument, welches Bass- und Gitarrensaiten auf nur einem Griffbrett vereint. Wie sich das bei der Band anhört und wie die Spielweise aussieht, kann man sich momentan noch auf ARTE im Internet ansehen (ab 25:30 min).

Also kaufte ich eine Eintrittskarte und erwartete den Freitag. Wieder nur durch Zufall kam ich am Freitag auf die Idee, noch mal im Internet nachzusehen. Glücklicherweise, denn beinahe wäre ich umsonst ins Industriegelände gefahren: „Stick Men feat. Tony Levin (USA) – verlegt ins PUSCHKIN“ stand auf der Seite vom „Tante Ju“. Bei einer Anfahrt mit dem Auto wäre es nicht ganz so dramatisch gewesen, wenn man damit zur falschen Adresse kommt, aber ich wollte ursprünglich mit Fahrrad oder ÖPNV fahren …

Jedenfalls: Im „Puschkin“ ging es weiter mit den Überraschungen, denn man durfte als Besitzer einer Karte nicht einfach hinein, sondern mussten sich wie alle zunächst an der Kasse anstellen. Dort wurden die Karten nicht wie üblich nur abgerissen, sondern jedem Besucher komplett abgenommen. Das hatte ich noch nirgends erlebt, auch nicht hier. Verwunderlich war auch, dass noch von einer zweiten anwesenden Band die Rede war – sollte etwa erst noch eine Vorband auftreten? Nein, erklärte man mir an der Kasse, die spielen gleichzeitig. Man hätte ja hier zwei Säle, da sei das kein Problem. Dass es hier zwei Säle gibt, war mir neu. Was dieser zweite „Saal“ war, zeigte sich bald: Ein winziger Raum … angemessener bezeichnet wäre er eher mit „Schuppen“ oder „Kellerloch“. Der Raum war nur geschätzte 8×9 Meter groß, davon nahm im Hintergrund bereits die Bar Platz weg sowie links ein abgesperrtes Minibühnchen, worauf 3 Musiker aber niemals Platz finden würden. Die rissigen Wände wirkten, als würden sie nur noch von der Farbe zusammengehalten, aber immerhin hatte man die gröbsten Spinnweben entfernt. In diesem Loch sollten heute weltberühmte Musiker auftreten? Hier kann man doch bestenfalls einen unbekannten Solisten auftreten lassen, der noch keine Ansprüche an das Ambiente stellen kann und mit zwanzig – den Raum füllenden – Besuchern zufrieden sein muss. Mehrere Besucher waren aufgrund ähnlicher Gedankengänge etwas verwirrt und versuchten herauszufinden, ob das nicht doch woanders stattfinden müsste. „Doch, doch! Schon richtig“, erfuhr man bei der Suche nach auskunftsfähigem Personal. Aus dem Hauptsaal dröhnte inzwischen die andere Band. Na, das könnte ja toll werden bei der Geräuschkulisse! Unser Raum war inzwischen brechend voll. Umkippen konnte man bald nicht mehr. Anscheinend sollten alle Leute, die im „Tante Ju“ Platz gefunden hätten, hier hinein. Völlig undenkbar, aber anscheinend nicht für die Veranstalter. Und wo sollten überhaupt die Musiker stehen? Außer zwei Mikrofonständern war nichts bühnentechnisches zu sehen. Hatte man überhaupt schon aufgebaut? Ein Schlagzeug war nicht zu entdecken. „Doch, ich habe es selbst gesehen!“, schwor ein Besucher der Bar, der sich von ganz vorn nach hinten durchgekämpft hatte.

Dann kam die Band tatsächlich. Eine richtige Bühne gab es nicht, die Musiker waren fast auf Augenhöhe mit uns. Ich war zwar einer der Größeren, konnte aber praktisch nichts sehen. Nur Levins kahlen Schädel und Reuters Haarschopf konnte ich über die Besucher hinweg erspähen. Was die Beiden auf ihren Instrumenten machten, blieb unsichtbar, genauso wie auch der Schlagzeuger mit seinem Instrumentarium. Im Laufe des Abends verließen mehrere Besucher resigniert den Raum. Dadurch ergaben sich für uns Verbleibende dann doch gelegentliche Sehschlitze nach vorn. Am besten war es immer, wenn einer der weiter vorn Stehenden sein iPhone zum Knipsen hochhielt, dann konnte am auf dem Display kurz mit ansehen, dass da vorn tatsächlich Musiker standen.

Die Beschallung erfolgte seitlich von links statt von vorn, was auch etwas unüblich war. Dass man in Musik-Pausen ein deutliches Brummen aus den Boxen hört, sollte eigentlich der technischen Vergangenheit angehören. Aber dem Techniker kann man wahrscheinlich keine Vorwürfe machen, er holte aus der Anlage einen – für diese Bedingungen – noch recht guten Sound.

Wie war denn nun das eigentliche Konzert? Für die Umstände prima! Die Band versuchte das Beste aus dem Abend zu machen und spielte ihr Programm (incl. Zugabe) sehr gut, das Publikum reagierte entsprechend begeistert. Ein paar Stücke von King Crimson waren im Programm und viele eigene. Bei denen hört man auch immer mal Crimson-mäßige Spielweisen heraus, was aber überhaupt nicht negativ ist. Ich hätte dem hier gern mehr Raum gegeben, aber leider bewegt mich das Drumherum wesentlich mehr zum Schreiben.

Was war der Grund für die Verlegung in diese winzige Bruchbude? Im „Tante Ju“ hatte es bekanntlich vor einer Weile einen Einbruch und einen Brand gegeben. Das heutige Konzert sollte das erste nach den Reparaturen werden. Hatte es damit etwas zu tun? Auf meine Anfrage per Facebook* kam die Antwort, dass es Probleme beim Wiederaufbau gegeben hätte: „(…) Leider ist uns auf den letzten Metern zum Ziel eine Firma abgesprungen. Ohne Heizung wär es einfach verdammt kühl in unseren Räumen! Auf der Suche nach einer Ausweich-Location gab es leider nur die Möglichkeit ins Puschkin zu gehen. Andernfalls hätten wir das Konzert absagen müssen und das wollten wir unseren Freunden einfach nicht zumuten. Das es nicht die optimale Lösung war, ist uns bewusst und das tut uns natürlich auch unendlich leid. (…)“

(* Ich dachte, darüber wäre der Druck größer, schnell zu antworten, weil das – im Gegensatz zu E-Mails alle mitlesen können. Hat ja auch funktioniert.)

Kann man das als Entschuldigung gelten lassen? Finde ich nicht, denn dann hätte man eben nicht so knapp neue Konzertermine ansetzen können, wenn noch nicht alles wiederhergestellt war. Außerdem hätte man – da das Konzert ja sicher schon eine Weile im Voraus geplant wurde – von vornherein die Möglichkeit in Betracht ziehen müssen, dass bei den Bauarbeiten etwas schief geht und Verzögerungen entstehen. So ungewöhnlich ist das bei Bauprojekten ohnehin nicht. Also hätte man von vornherein Ausweich-Auftrittsorte einplanen müssen, und zwar nicht nur den allerbilligsten. Dass der Auftrittsort noch nicht eindeutig ist, hätte man  wiederum auch gleich in der Konzertankündigung mit angeben sollen, verbunden mit dem Hinweis, dass man sich bitte vor dem Beginn noch im Internet informieren solle.

Ja, ich weiß schon – ich befinde mich hiermit in der Rolle von dem Typen, der im Nachhinein alles besser weiß. So etwas kann ich selbst eigentlich auch nicht leiden, aber ich mache trotzdem weiter mit meiner Besserwisserei:

Wenn es nur die Heizung betrifft, dann hätten wir Besucher das vielleicht akzeptiert, wenn es jemand vorher erklärt hätte (Jacken hatten wir eh alle an) und für die Musiker hätte man ja ein paar Heizpilze auf die Bühne stellen können.

Die fehlende Erklärung war gestern ohnehin das Haupt-Ärgernis. Wir Besucher hätten die Situation vielleicht akzeptiert, wenn sie jemand im Puschkin vor dem Beginn des Konzerts erklärt hätte. So etwas sollte doch auf jeden Fall möglich sein!

Und die Aktion mit dem Einkassieren der Eintrittskarten bleibt für mich eine Nummer mit etwas üblem Beigeschmack. Denn so wurde vorbeugend die Basis beseitigt, auf der man sein Geld hätte zurückverlangen können. Ja, das kann auch andere Gründe gehabt haben, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich schon mal irgendwo meine Karte abgeben musste. Seltsamer Zufall…

Schön wäre, wenn der Dresdner Eindruck auf die Musiker nicht durch die gestrigen Location, sondern besser vom Dresdner Publikum geprägt wurde und wenn die „Stick Men“ genau deshalb irgendwann noch einmal zu uns kommen. Ich wäre dabei!

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Nachtrag: Unglaublich liest sich auch der Bericht von Tony Levin über diesen Tag. Die Band wurde vor Ort von niemandem eingewiesen, fing deshalb im falschen Saal an aufzubauen, war dann anscheinend leicht schockiert über den „richtigen“  Raum, wo sie sich selbst erst einmal Platz schaffen mussten, eine Heizung gab es dort übrigens auch nicht, niemand vom Puschkin-Personal wusste so richtig Bescheid, es gab keine Garderobe oder sonstigen Aufenthaltsraum … „we try to fight off the feeling we aren’t wanted at this show and perhaps nobody will find this club to hear us“. Immerhin klang der Abend für die Band durch uns Besucher doch noch positiv aus.

5 Kommentare:

  1. SKANDAL … ich finde da wäre zumindest eine öffentliche Entschuldigung seitens der Organisatoren bzw. seitens des ‚Tante Ju‘ mehr als angesagt … unglaublich das Musikern dieses Kalibers zu zu muten!!

  2. Das ist RocknRoll!

    Um das mal ein bischen geradezurücken: Weltbekannte Ex-Mitglieder von King Crimson waren nicht in der Stadt. Sehr gute Musiker waren da, die in den späten Line-Ups von King Crimson dabei waren. Toni Levin spielte das erste Mal auf mit und Mastelotto war sogar erst ab dabei. Beides keine schlechten Alben, aber den Ruhm der Band haben andere Alben begründet. Und weltberühmt sind andere Musiker von KC.
    Aber es ist schön für Fans, wenn zwei späte Ex-Mitglieder von KC jetzt rumziehen und einen auf KC machen.

  3. Da hat es oben Worte geschluckt: Toni Levin spielte das erste mal auf DICIPLINE mit. Das war 1981 die erste KC-Platte nach einer 7jährigen Pause. Und Mastelotto war erst ab THRAK dabei. Das war 1995 und er war der zweite Rhytmiker. Der Hauptdrummer war ein gewisser Bill Bruford 🙂 .

  4. Ist mir bekannt. Aber zumindest Levin als einer der durchaus weltbesten Bassisten ist Musikfreunden nicht ganz unbekannt. Und die machen nicht einfach nur „einen auf KC“. Das hat schon einen eigenen Stil, auch wenn man gelegentlich einen gewissen KC-Stil heraus hört.

  5. Zitat:
    Schön wäre, wenn der Dresdner Eindruck auf die Musiker nicht durch die gestrigen Location, sondern besser vom Dresdner Publikum geprägt wurde und wenn die “Stick Men” genau
    deshalb irgendwann noch einmal zu uns kommen. Ich wäre dabei!
    Ich auch !

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