Islay, Tag 3 – Lagavulin, Ardbeg, Japaner und Kultur

9:30 Uhr waren wir in Lagavulin angemeldet (gesprochen übrigens Lagawuhlin, Betonung auf dem Kursiven). Sich anzumelden, scheint tatsächlich unnötig zu sein, denn wir waren die einzigen Besucher. Immerhin stießen nach wenigen Minuten noch zwei Amerikaner zu uns. Was in einer Destillerie passiert, habe ich ja gestern schon beschrieben, deshalb hier nur die Fotos mit wenigen Anmerkungen:

Hier wird soeben Gerste angeliefert

Lagavulin liegt – wie fast alle Destillerien Islays – an der Küste.
(alle anklickbaren Fotos: Klick vergrößert)

Man beachte übrigens das Wetter! Ich hatte zu wenig kurzärmlige T-Shirts eingepackt, weil ich der Wettervorhersage vertraut hatte: In den ersten beiden Tagen maximal 20°, dann Tendenz fallend. Und nun das! Schönes Wetter in Schottland? Das glaubt mir wahrscheinlich wieder kein Mensch … (ja, ich gestehe: Die Fotos sind alle in Photoshop entstanden!)

Bei der anschließenden Verkostung war man deutlich spendabler als gestern in Bowmore. Eigentlich kannten wir alle die Lagavulin-Sorten längst, aber man trinkt ihn ja immer wieder gern. Wobei ich zugebe, nicht so ein ausgemachter Lagavulin-Fan zu sein. Mir ist der Geschmack, verglichen mit anderen Islay-Whiskys, etwas zu streng. Da ist mir Ardbeg lieber (vor allem Ardbeg Ten). Aber der 16jährige Lagavulin oder die Destillers Edition sind schon feine Sachen. Wir saßen beim Tasting in einem angenehmen alten Raum und da unsere Begleiterin nach einiger Zeit etwas erledigen musste, übernahmen wir das Nachschenken gern selbst. Es war also ein unbeaufsichtigtes Tasting. Aber wir haben die Situation nicht schamlos ausgenutzt, denn wir sind ja Whisky-Freunde, und als solcher lässt man sich nicht sinnlos voll laufen. Wir ließen uns sinnvoll voll laufen … naja, kleiner Scherz. Hier noch die Destillerie Lagavulin von außen:

Nachmittags wollten wir zum nahe gelegenen Ardbeg, aber bis dahin hatten wir noch Zeit und besuchten Kildalton. In meinem Islay-Buch steht: „A visit to Islay without seeing Kildalton cross is unthinkable“. Na, wenn der Nichtbesuch undenkbar ist, dann müssen wir schon dort hin. Kildalton ist die Ruine einer alten kleinen Kirche mit drei Steinkreuzen (die man in Irland überall sieht) und alten Grabplatten. Schade, dass in Wikipedia (auch in der englischen) nichts (bzw. kaum etwas) darüber steht, denn es ist Zeugnis der gar nicht so unbewegten Geschichte Islays. Unter anderem hat man hier Zeugnisse über die immer wiederkehrenden Überfälle der Wikinger auf die Hebriden gefunden. Unterwegs rief ich aber zunächst erst einmal: „Dort sind Seehunde!“ Wir stiegen aus und Tatsache – je länger wir die Bucht ansahen, desto mehr träge herumliegende Robben konnten wir auf den Steinen ausmachen.

Und das ist Kildalton:

Das Kreuz ist übrigens deshalb unsymetrisch, weil der Steinmetz es an die Struktur des Gesteins anpasste. Von da aus wanderten wir noch zur Küste

Nein, das ist nicht am Mittelmeer

Fasane hört man hier ständig, manchmal sieht man auch welche

Nebenbei gibt es hier (wie auch auf dem Schottischen mainland) massenhaft Kaninchen und sogar Pfaue. 14:00 Uhr begann in Ardbeg die Tour „Old Ardbeg, new Ardbeg with samples“, die etwas umfangreicher (also auch teurer) war als eine normale Besichtigung.

Hier kann man die unterschiedlichen Zustände der Gerste sehen, also vor und nach dem Mahlen. Ich glaube, „Schroten“ wäre vielleicht die bessere Übersetzung, denn Mehlherstellung ist hier nicht das Ziel (auch wenn welches mit anfällt). Für den Geschmack des Whiskys ist das verwendete Mischverhältnis der einzelnen gemahlenen Bestandteile auch mit entscheidend.

Die mesh tuns

und die stills

Auch Ardbeg liegt an der Küste (was früher simple Transport-Gründe hatte):

Und dort fand auch die Verkostung statt:

Eine Verkostung im Freien ist zwar eine schöne Sache (wenn das Wetter passt), hat allerdings den Nachteil, dass aufkommender Wind recht schnell die Düfte aus dem Glas weht, welche sich gerade erst entfaltet haben. Beim Whisky ist ja nicht nur der Geschmack, sondern auch der Geruch wichtig. Gerade Ardbeg ist dafür das beste Beispiel (zumindest für mich*). Meine momentane Liebligssorte unter den Islay-Whiskys ist Ardbeg Ten. An einem Glas davon könnte ich stundenlang nur riechen! Das ist ein wirklich großartiger Geruch.

(* ich würde mich whisky-mäßig auf keinen Fall als Experten einstufen, sondern bestenfalls als fortgeschrittenen Anfänger.)

Jedenfalls war das für mich der einzige kleine Nachteil, ansonsten fand ich das sehr schön dort draußen. Einer aus unserer Gruppe nörgelte allerdings herum, „in der Sonne“ sei ihm das zu warm, das würde doch gar nicht zu einer Wkisky-Verkostung passen. Naja, diese Touristen halt – von denen meckert ja immer einer. Ihnen kann man es sowieso nie recht machen! Jedenfalls gab es auch den „Ardbeg Alligator“, der uns auf der Tour bereits als das momentane Nonplusultra empfohlen wurde. Mein Fazit: Für meinen Geschmack etwas zu übertrieben im Charakter, aber nun weiß ich, dass ich hier viel Geld sparen kann. Ich will damit aber nicht sagen, er sei  nicht empfehlenswert. Das sollte jeder selbst entscheiden.

Abends gab es in Port Ellen einen “Whisky tasting evening” mit Wettbewerb. Man sollte 11 Whiskys nur am Geruch erkennen.

Vorgegeben war eine Liste, die man mit seinen Riechvermutungen abgleichen sollte. Die konnte man später abgeben und tolle Preise gewinnen. In Wirklichkeit war das dann nur wieder irgendwelcher Alkohol …

Bei einigen Sachen war ich mir sicher, den Geruch erkannt zu haben, andere konnte ich aber überhaupt nicht zuordnen: Kilchoman zum Beispiel. Den hatte ich noch nie getrunken, dort wollten wir auch erst noch hin. Glücklicherweise waren im Eintrittspreis auch drei kostenlose Whiskys enthalten, deshalb ließ ich mir einfach mal einen Kilchoman einschenken und beschloss, diesen als Vergleichsgrundlage zu benutzen. Leider gab es diese Whiskys nur in Plastikbechern, die oben komplett offen sind, so dass sich im Vergleich zu ordentlichen Wkisky-Tastinggläsern hier gar kein richtiger Geruch aufbauen und halten kann. Profis nehmen wahrscheinlich ein persönliches Tastingglas zu solchen Veranstaltungen mit. Gewonnen hat übrigens ein  Japaner. Wie uns die Niederländer (denen wir hier ständig wieder begegnen) berichteten, hat der aber vorher auch eisern trainiert, denn er muss früh schon in der Hotel-Lounge an verschiedenen Proben gerochen haben. Ich finde es gut, dass er gewonnen hat. Denn anderenfalls hätte er wahrscheinlich noch vor Ort  Harakiri begangen! Um ihm den Gewinn zu überlassen, hatte ich meinen Zettel auch vorsorglich gar nicht erst ausgefüllt – das lag also keineswegs daran, dass ich schlicht kaum etwas wusste.

Da ich soeben erwähnte, dass wir hier andere Feis Ile-Besucher wieder trafen: Wir sind gerade erst den dritten Tag hier, aber es häuft sich, dass man ständig Leute wieder sieht, die man bereits bei irgendwelchen Destillerie-Besuchen sah. Wahrscheinlich kennt man nach einer Woche alle anderen Festival-Besucher. Die beiden Japaner auf dem Foto waren z.B. die, mit denen wir am ersten Tag in Bowmore bei der Führung waren (der Gewinner des heutigen Wettbewerbs war aber ein anderer).

Nach dem Tasting-Wettbewerb wurde der Saal umgeräumt und bekam seine eigentliche Bestimmung als Tanzsaal zurück. Eine aus drei jungen Frauen bestehende Band (laut Programm scottish entertainment) lieferte die Beschallung und dann stürmten die Einheimischen die Tanzfläche. Ich versuchte, durch Beobachtung aus den Schrittfolgen schlau zu werden, verstand das System aber nie so ganz. Das kann aber auch daran gelegen haben, dass die Einheimischen selbst auch ständig improvisierten und den Tritten ihrer Nachbarn auszuweichen versuchten. Insofern war ich ganz froh, dass mich keine Schottin mit ins Epizentrum zerrte. Einige anwesende Japaner hatten da weniger Glück – sie wurden von einer Frau entdeckt und mit den Worten „ah – it‘s very easy“ zu einer Sache überedet, die sich anschließend doch nicht als ganz so easy erwies, sondern sehr viel begleitender Koordinierung bedurfte.

Glücklicherweise gab es auch eine Bierverkostung. Das hat uns getränkemäßig etwas gerettet, denn außer Whisky gab es zunächst nichts zu trinken. Auf Islay werden auch einige interessante Biere hergestellt.

3 Kommentare:

  1. Deine Robben sind viel schöner, als meine! 🙁

  2. Sebastian Malik

    Eine wunderbare Reportageserie! Aber wo sind die schottischen Molche und Salamander? Oder hat Dir der Uisge keine Zeit dafür gelassen?

  3. @ Jens: Alles Photoshop-Retusche!

    @ Sebastian: Ich glaube, auf Islay gibt es gar keine. Ich bin mir da aber nicht sicher – ich hatte vorher behauptet, Amphibien und Reptilien gäbe es da nicht, weil die es nie geschafft haben, das Meer zu überqueren. Allerdings krabbelte dann doch mal eine Waldeidechse (im Gelände von Laphroaig) herum und einmal hüpfte ein Grasfrosch vor mir davon. Aber ich habe zumindest nicht danach gesucht.

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