In den Kaditzer Faultürmen

Faultürme von hinten (Klick vergrößert)

Wer auf der A4 an Dresden entlang fährt, sieht (ungefähr gegenüber vom Elbepark) zwei eigenartige Bauwerke, die aussehen wie  riesige Eier. Da war ich gestern drin! Das kann nicht jeder von sich behaupten, zumal gestern auch die letzte Gelegenheit für eine Besichtigung gewesen wäre. Ich kann aber auch niemandem empfehlen, dort noch einmal hinein zu wollen, denn man müsste sich den Platz bald mit sehr viel Klärschlamm teilen. Der vordere Turm wird bereits gefüllt und im hinteren geht es demnächst auch los.

Ich hätte nie gedacht, dass es mir mal etwas nutzt, Beziehungen zu jemandem in der Kläranlage zu haben. Das klingt nun vielleicht so, als wäre ich bei einer geheimen Führung für Insider dabei gewesen, allerdings stimmt das nicht, denn es waren auch ganz normale Anwohner aus der Umgebung dabei. Die wollten mal wissen, was man ihnen da vor die Nase gesetzt hat. „Seitdem das da steht, stinks’s bei uns“, erklärte einer von ihnen, während alle Teilnehmer eintrafen. Aber das kann schlecht sein, denn ausgerechnet die Faultürme sind so beschaffen, dass da nichts herauskommt – immerhin will man die entstehenden Gase ja gerade nicht entweichen lassen, sondern zur Stromerzeugung benutzen.

Eines von vielen Klärbecken (Klick vergrößert)

In der Kläranlage stinkt es ohnehin erstaunlich wenig, wie wir bald feststellen konnten. Ganz lässt es sich logischer weise nicht verhindern, doch „Bürgerbelästigung durch Kläranlagen“ soll hier nicht mein Thema sein. Von unserem Treffpunkt aus konnten wir die Faultürme bereits sehen, vorerst aber nur ziemlich weit im Hintergrund. Bis dorthin mussten wir laufen. Mir war gar nicht klar, was für eine riesige Anlage die Kläranlage Dresden-Kaditz ist. Wenn man sich ein Luftbild ansieht, wird man vielleicht sagen: Aha, naja, eine Kläranlage halt … Aber wenn man da durch geht, erscheint es einem Besucher ziemlich gigantisch. Bald ging es unterirdisch weiter, in Gängen zwischen mehr als 7 Meter hohen Klärbecken. Endlose Gänge, viele Leitungen, Rohre und technische Anlagen. In manchen Gängen roch es übrigens doch ein wenig stärker. Man könnte auch sagen, es stank ganz schön … das wäre kein Arbeitsplatz für mich! Aber möglicherweise gewöhnt man sich nach einigen Jahren daran.

Bis unter der Autobahn führte unser langer unterirdischer Weg hindurch, dann standen wir endlich vor dem Ziel.

Der Zugang in den Innenraum des noch nicht befüllten Turmes führte über eine Röhre, die wir kriechend durchqueren mussten. Zu sehen war innerhalb der Kuppeln eigentlich gar nicht so viel, weshalb das Foto der Kuppel-Innenseite hier möglicherweise auch nicht sehr viel aussagt. Hier soll ja  nur Klärschlamm vor sich hin blubbern und dabei langsam umgepumpt werden. Künstlerisch wertvolle Ausschmückungen der Innenseite dieses Behälters wären hier also etwas fehl am Platz gewesen, ebenso komplizierte Formen an den Innenwänden. Statt dessen standen wir nur innerhalb einer elliptischen Betonform. Aber beeindruckend war einfach die Dimension der Anlage. Und verblüffenderweise auch der Sound! Dort drin gab es einen ganz seltsamen Hall. Das leiseste Geräusch wird durch die Kuppel derartig verstärkt und mit endlosem Nachhall versehen, dass man sich wie in einem Science-Fiction-Film vorkam (ich musste an die Energietürme des Todessterns denken). Schade, dass ich davon nichts geahnt hatte, sonst hätte ich ein Aufnahmegerät und ein paar Mikrofone mit genommen. Aber ob eine Sounddatei hier wirklich einen Sinn ergäbe, wenn man beim Hören gar nicht in dem Turm steht? Wahrscheinlich nicht. Egal. Es ist nun ohnehin zu spät.

Kuppel von innen, Blick nach oben

Unten im Riesen-Ei

Unser Einstieg (den so bald niemand mehr benutzt)

Durch das senkrechte Rohr, welches man auf den soeben gezeigten Bildern hier in der Mitte des Turmes sieht, wird der Faulschlamm immer umgepumpt und so in Bewegung gehalten. Die Türme werden praktisch bis fast an die Oberseite voll damit sein. Die im Schlamm enthaltenen Mikroorganismen setzen u.a. Methan frei, welches dann verwertet wird. Ca. 2/3 Methan werden in dem abgegebenen Gasgemisch enthalten sein. Das ist zwar weniger als im Erdgas, aber trotzdem ist es effektiver, das so produzierte eigene Methan selbst zu verbrauchen, statt Energie zu kaufen. Und prinzipiell könnte man sogar – je nach sich entwickelnder Marktlage – auch das Methan der Faultürme von anderen Gasen trennen und anschließend mit ins Netz einspeisen und so verkaufen. Das wäre in Dresden durchaus eine Option, da die innerstädtische Stromerzeugung ohnehin bereits in Gasturbinen-Heizkraftwerken erfolgt.

Wer hier übrigens kritisch vermutet, dass da wahrscheinlich wieder nur steuerlich subventionierter Ökostrom produziert werden soll, der uns dann überteuert ins Netz gespeist wird … der liegt falsch. Subventionen oder Fördermittel gab es hier nicht, denn Faultürme sind keine neue Technologie und werden deshalb nicht mit subventioniert. Sie sind stattdessen eine schon relativ lange bekannte Technik und wurden auch in Kaditz schon in den 30er Jahren einmal gebaut. Man kann sie heute noch dort sehen, wenn man das Gelände betritt. Allerdings sind sie wesentlich kleiner und schon lange nicht mehr in Betrieb. Der hier in den neuen Türmen bald produzierte Strom soll ausschließlich helfen, den Eigenbedarf zu decken. Komplett reicht das zwar noch nicht, aber man erwartet, auf etwa 50% des Gesamtenergieverbrauchs zu kommen.

Die Faultürme in Kaditz sind also ein gutes Beispiel dafür, dass „Ökostrom“ nicht unbedingt Etikettenschwindel sein muss, sondern durchaus auch funktionieren und dabei sogar betriebswirtschaftlich  sein kann.

Technische Details finden sich in dieser Pressemeldung der Stadtentwässerung Dresden GmbH vom 29.04.2010: „Dresdner Fauleier feiern Richtfest


2 Kommentare:

  1. Pingback:Das Geheimnis der Kaditzer Rieseneier…

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