Aufmerksamkeit erhalten im Multimedia-Zeitalter

Gestern war ich bei einer Veranstaltung, die sehr viel mit „Multimedia“ zu tun hatte (ich half dort ein wenig mit aus). Überall sah man Bildschirme, Leinwände und Elektronik. Wer gerade nicht im Gespräch mit anderen Besuchern war, tippte Dinge in sein Smartphone, den Laptop oder aufs Tablet. Der Anblick erscheint uns ja inzwischen als völlig selbstverständlich. Ich hatte mir für den Fall, dass ich eine Weile nichts zu hätte, vorsichtshalber auch etwas mitgebracht und beschäftigte mich zwei Mal damit. Beim ersten Mal fand ich es nach einer Weile eigenartig, dass immer wieder Vorbeikommende interessiert zu mir schauten oder ihre Begleiter lachend auf mich hin wiesen. Jemand wollte sogar (kein Quatsch!) ein Foto von mir machen.

Des Rätsels Lösung: Ich las ein Buch! „Das ist so eine Art iPad, wo der Akku praktisch unbegrenzt hält“, erklärte ich jemandem. „Ein Tablet mit der besseren Ökobilanz.“

Jedenfalls gab mir dieser Aufmerksamkeits-Effekt schon ein wenig zu denken. Noch ein paar Jahre, dann gilt man als Buch-user wahrscheinlich als jemand, der sich nur wichtigmachen will. So wie vor einigen Jahren die ersten Handybenutzer. Mich erinnerte das an ein anderes, kürzlich gelesenes Buch (*), worin die Situation in 10-20 Jahren beschrieben wird: Bücher zu besitzen oder gar zu lesen, gilt inzwischen als absonderlich, richtig lesen kann ohnehin niemand mehr, Texte werden nur noch überflogen, also auf Stichwörter gescannt, andererseits ist der Besitz einer Art Smartphone vorgeschrieben. Dahinein sollte man möglichst oft etwas streamen – wer sich weigert, oder gar die Veröffentlichung seiner Daten und seiner Bonität blockiert, riskiert Gefängnisstrafen, sofern man nicht zu den Reichsten gehört, welche als Einzige noch ein Recht auf Privatsphäre haben.

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(* “Super Sad True Love Story” von Gary Shteyngart. Mein Aktuelles ist übrigens “Nemesis von Philip Roth)

3 Kommentare:

  1. Na ja, ich bin da noch unsicher. Also, was immer gerne vergessen wird, ist der Sammel und Häufungstrieb des Menschen. Es ist ein völlig anderes haptisches Gefühl und auch ein optisch anders „angeberisches“ Gefühl wenn man zuhause so was wie ein Bücherregal oder gar ne Bibliothek hat, statt eine Festplatte in der Ecke. Also die kann man schon auch haben, aber sie macht halt nix her und daher glaube ich das das Buch nicht aussterben wird. Es freut sich ja auch grade unter dem Weihnachtsbaum immer noch sehr großer Beliebtheit.
    Und es kommt noch was dazu, weshalb ich das gar nicht so schlecht finde, ja sogar wichtig. epubs oder ähnliches, was vielleicht auch noch nur in einer cloud rum liegt, ist sehr anfällig für Manipulationen. Das heißt, du bekommst heute eine andere Version des Buches wie noch vor einem Jahr z.b. Kein Witz, in Amerika werden teilweise Märchen zensiert, weil sie angeblich zu gewalttätig sind für Kinder, oder politisch nicht korrekt. Sowas ist mit epubs natürlich direkt und jeder Zeit für alle Ausgaben möglich und niemand merkt es mehr, dass er die falschen Texte bekommt. Bei gedruckten Büchern wird zwar auch geändert und zensiert und was auch immer, aber wenn eine Auflage erstmal gedruckt ist, ist sie gedruckt und kann eben nicht mehr geändert werden.
    Gut, ich gehe nicht davon aus, dass sich solche Gedanken irgendwer macht der epubs liest. aber ich weiß, dass die Schallplatte auch am Ende war und heute ein wunderbares Sammel- und Statussymbol ist. Genauso ist es mit der Büchersammlung und/oder der CD bzw. DVD/Blu-Ray Sammlung.
    Ich vertraue da auf die persönliche haptische Wahrnehmung und den Willen etwas persönlich und selbst zu besitzen. Und das selbst bei jungen Menschen, die vielleicht mit weniger solchen Dingen aufgewachsen sind. Zumindest kennen die die Spiele von den Konsolen und auch da war es eine gewisse Zeremonie die neue Kassette, oder das neue Spiel aus zu packen und zum ersten mal ein zu legen. Das kommt wieder, immer wieder, denn es steckt tief in uns drin solche Dinge zu fühlen.

  2. – Sammel und Häufungstrieb des Menschen & „angeberisches“ Gefühl:

    Das ist richtig. Sieht irgendwie besser aus als eine Festplatte. Hat aber den Nebeneffekt, dass man irgendwann nicht mehr weiß, wohin mit dem Zeug. Bei uns zu Hause ist das seit Jahren ein Problem. Mein CD-Regal steht immer kurz vor der 100%igen Füllung, weshalb ich inzwischen die Einlageböden auf maximale Packungsdichte erhöht habe und doch gelegentlich mal etwas ausmiste. Im Bücherregal sind die Bücher inzwischen in zwei Schichten (vorn/hinten) und oben drauf gestapelt. Deshalb habe ich in letzter Zeit tatsächlich schon die ersten Bücher nur noch als pdf auf dem Netbook gelesen und bin wieder öfter in der Bibo zu Gast.

    – epubs, Manipulationen, Märchen zensiert:

    Hm, alte Kindergeschichten zensieren oder „verbessern“ wollen – das stand erst kürzlich wieder auf Telepolis: Theologin will Pippi Langstrumpf aus Kinderzimmern verbannen

    Ein Werk, was nach dem Kauf in irgendeiner cloud herumliegt und nicht wirklich mir gehört, sondern vom Verkäufer jederzeit geändert werden könnte, würde ich mir nicht kaufen. Allerdings könnte das wiederum auch gerade ein Vorteil sein, weil gefundene Fehler so korrigiert werden können. Aber das hätte nur Sinn bei wissenschaftlichen Sachen. Wenn man von Änderungsmöglichkeiten vorher Kenntnis hat und wenn die Änderungen dokumentiert werden – wie bei Wikipedia – wäre es bei solchen Büchern okay.

    Ich habe übrigens mal eine politisch korrigierte Version von Jim Knopf im Dresdner Kulturpalast erlebt: In Michael Endes Buch kommt Jim Knopf ja in einem Postpaket nach Lummerland. Beim Auspacken ruft Frau Waas überrascht: „Ein kleiner Neger!“, was ich beim Vorlesen immer ziemlich sympathisch und keineswegs rassistisch fand, denn hier sagt eine ganz normale liebe Frau das, was ihr hier spontan einfällt. Ja, und dann wurde „Jim Knopf“ mal auf die Bühne gebracht (anscheinend von irgendeinem bis dahin unbekannten Musiker, der nur seine mittelmäßige Musik so besser zu verkaufen gedachte). Jedenfalls war ich mit Sohn dort und sehr gespannt auf die Stelle mit dem „Neger“. Es wurde „ein kleiner Farbiger!“

    Fand ich ziemlich peinlich.

  3. Stimmt wohl, das mit dem fast ganz vollen Regal. Mein Bücherregalist auch schon wieder voll, obwohl es erst deutlich vergrößert wurde. Ich glaube, das Recht unddie Pflicht immermal wieder aus zu müllen nimmt einem digitales auch nicht. Ich habe sogar das Gefühl es macht es eher schlimmer. Ich glaub ich hab so viele Daten auf Festplattendie längst gelöscht sein könnten, aber weil man ja denkt, ach besser zweimal haben als einmal weg sein wenn die Platte mal vom Tisch fällt, oder so, und auch einfach aus unbändiger digitaler Sammelwut, weil man alles noch gebrauchen könnte, wird nix gelöscht.
    Ich oute mich also hier als Digitalmessi, das ist schließlich oft ein erster Schritt im Therapieansatz. Leider muss ich auch sagen, solange alles auf unterschiedlichen Externen Festplatten ist und man immer nur eine begrenzte Anzahl an Platten an den Rechner bekommt, ist es digital viel schwieriger für mich, aus zu misten, also im Bücher oder CD Regal z.B.

    Die Änderungen an digitalen Texten sind meiner Meinung nach genauso schnell überhaupt nichtmehr nach zu vollziehen. Und dann passiert was paradoxes. Das Internet, was zur besseren Verfügbarkeit von Wissen für alle gesorgt hat wird auf einmal Wissen zerstören. Weil die abgeänderte Kopie von der abgeänderten Kopie immer mehr Fehler haben wird. Wieder ein Grund warum Bibliotheken z.B. auch in Zukunft unglaublich wichtig bleiben werden.

    Ja, und die Jim Knopf-Geschichte ist natürlich schön. Wie sagtman so schön, Sie waren sehr bemüht. 🙂 Zum Glück kam keiner auf die Idee, die Frau sagen zu lassen: „Oh, ein neugeborener Starkpigmentierter!“ 🙂 Das wär dann eben mitten aus dem Leben. 🙂

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