Viele neue Arbeitsplätze in Sachsen, Subventionen und was das mit Armut in Afrika zu tun hat

Sachsens Landwirtschaftsminister Frank Kupfer hat Grund zur Freude: In der kleinen sächsischen Gemeinde Stauchitz werden neue Arbeitsplätze entstehen! Da versteht es sich von selbst, dass man sich nicht kleinlich gibt, sondern dies mit ein paar Subventionen fördert. Und auch der weltgrößte Hähnchenzüchter Erich Wesjohann hat Grund zur Freude, denn „nirgendwo in Deutschland gibt es so viel Fördergeld für ihn“. (SZ, 11.10.2011)

In diesem Artikel der SZ kann man nachlesen, wie viele Arbeitsplätze in Stauchitz neu entstehen werden (zwei) und wie viel Fördergeld sich damit auf jeden dieser beiden Jobs verteilt (jeweils etwa 300.000 €). Lohnt es sich für einen Staat, Arbeitsplätze derartig hoch zu subventionieren? Falls Lehrer ihren Schülern praxisbezogene Mathematikaufgaben stellen wollen, können sie die Kinder ja einmal ausrechnen lassen, nach wie vielen Jahren dieses Geld anhand der später von den Arbeitern gezahlten Steuern wieder zurück gezahlt wäre.

Möglicherweise werden die die beiden Angestellten auch etwas länger dafür benötigen. Erich Wesjohanns Bruder Paul betreibt unter dem Namen „Wiesenhof“ die Mast von Hühnern. Darüber brachte die ARD vor kurzem die Doku „Das System Wiesenhof“, in der unter anderem auch von Billigarbeitern und zusätzlich noch schlechten Arbeitsbedingungen die Rede ist.

Im SZ-Artikel steht auch, wie viele Millionen € bereits an Subventionen für sächsische Geflügelfarmen gezahlt wurde und was hier noch alles geplant ist. Man wird sich möglicherweise fragen, wer all diese Massen an Eiern und Geflügel eigentlich essen soll? Nun – zumindest das Geflügel kann man anschließend wie gewohnt billig in solche Länder verkaufen, die sich keine subventionierte Landwirtschaft leisten können. Beispielsweise nach Afrika. So wird es bereits seit Jahren von der EU getan. In vielen afrikanischen Gegenden können die einheimischen Geflügelproduzenten schon lange nicht mehr mit den hochsubventionierten importierten billigen Hähnchen oder deren Resten aus der EU mithalten. So kann man ganze Länder vom Aufbau einer funktionierenden Eigenversorgung abhalten und ihnen dann großzügig Entwicklungshilfe geben.

Man kann sich noch viele andere Fragen stellen, zum Beispiel: Was hat das eigentlich für Auswirkungen auf andere sächsische Geflügelproduzenten? Sind die auch so erfreut wie die Herren Kupfer und Wesjohann? Erfreut zum Beispiel über die vorbildliche Verwendung ihrer gezahlten Steuern? Man könnte auch fragen, ob für Schulen und Jugendarbeit auch so viele Millionen ausgegeben werden?

Warum werden so viele Geflügelfarmen gebaut? Im Artikel steht, dass pro Stall nur sieben Tiere leben, sechs Hennen und ein Hahn. Das klingt nach einer Variante der Kleingruppenhaltung, von der es  Ende letzten Jahre hieß, sie sei verboten worden. Aber die Kleingruppenhaltung ist noch gar nicht verboten – das gilt erst in einigen Monaten (frühestens ab 1.4.2012, wenn ich diese Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichtes nicht  falsch verstanden habe). Deshalb wird jetzt noch so viel investiert. Denn Bestandsanlagen werden nicht verboten. In einigen Monaten dürfen dann keine neuen mehr gebaut werden. Das macht die Sache umso beeindruckender: Da wird also mit Landes-Unterstützung und unserem Geld schnell noch etwas gefördert, was laut Bundesverfassungsgericht jetzt schon als „mit dem Grundgesetz unvereinbar“ gilt.

8 Kommentare:

  1. Könnte man denen nicht einige Biber und Hufeisennasen unterjubeln?

  2. Kein Problem – dafür gibt es doch den Feldhamster-Verleih!

    (Die Seite ist nicht auf den ersten Blick als Satire erkennbar. Dort sollen schon Einige ganz ernsthaft angefragt haben …)

  3. Oh, ich wollte darüber auch schon voller Wut gestern posten, habe es mir dann allerdings erst einmal verkniffen . Mein bissiger Sarkasmus wäre dann wohl etwas unsachlich geworden. Das kannst du besser und hast, ohne es zu wissen, meine gestrigen Gedanken sachlich „auf’s Papier“ gebracht.
    Vielleicht hätte ich die Subventions-Rechnung als Journalist auch offen geschrieben, an Rechenkünsten scheint es ja einem Großteil der sächsischen Bevölkerung, einschließlich ihrer Regierung, zu mangeln. Erich Wesjohan hat da bestimmt schon besser gerechnet – seinen eigenen Gewinn, dem ihn die Sachsen so bescheren. Andere Bundesländer scheinen bessere Kenntnisse in Mathematik zu haben – zumindest in ihren Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerien.

  4. Eine möglicherweise unsachliche Bemerkung habe ich mir auch verkniffen – etwas in der Art: „Aber wenn die beiden Angestellten schon keine allzu hohen Steuern zurück zahlen, wird Herr Wesjohann das ganz bestimmt tun. Wie jeder andere Großunternehmer auch“

    Da war ich mir nur nicht sicher, ob er zufälligerweise mal die positive Ausnahme ist?

  5. …wäre ich mir auch nicht sicher! Vielleicht.

  6. Mögliche Faustregel: Sobald sich heutzutage in Deutschland größere Unternehmen niederlassen wollen (statt in Rumänien oder gar China), bringt es denen reichlich geldwerte Vorteile und gibt’s dort zig arbeitswillige Billiglöhner; kurz: irgendwas ist dann faul am Deal mit der Kommune.

  7. Ich kann dem Artikel und Franks Fazit in den Kommentaren nur zustimmen: Es ist absolut nicht nachvollziehbar, was sich Sachsen von dieser Maßnahme verspricht. Arbeitsplätze werden offenbar nicht »geschaffen«, Steuern werden vermutlich woanders gezahlt (nehmen wir es wohlwollend an).

    Dafür werden unsere Umwelt und unser Haushalt in Mitleidenschaft gezogen, damit Fleisch noch billiger wird, obwohl es schon kaum noch etwas kostet. Ich mag es subjektiv sehen, aber ich stelle doch die Behauptung auf, dass Fleisch in einem Supermarkt nach der Wiedervereinigung (relativ zu anderen Preisen) teurer war als heute. Ich kaufe das nicht, aber ich schaue manches Mal mit Schrecken auf die Preise.

    Prinzipiell kann man als Verbraucher nur sagen: Ich schränke meinen Fleischverbrauch so stark ein, dass es für die Wiesenhof & Co. irgendwann mal keine Nachfrage mehr gibt. Ich hoffe nur, dass der Freistaat Sachsen das industriell produzierte Fleisch dann nicht aufkauft und im Kühlhaus bunkert.

    Überall schwadronieren sie von „Klimaschutz“, aber es wäre der beste Beitrag zum „Klimaschutz“, solche Anlagen gar nicht erst entstehen zu lassen.

  8. Ähm, Asche auf mein Haupt … ich bin 90%iger Vegetarier und „bio“-Esser, doch letzte Woche hatte ich mal wieder Appetit auf Huhn. Ich stand im netto und was habe ich gekauft – natürlich Wiesenhof, weil ich keine „Chicken Wings“ wollte oder irgendetwas gewürztes. Natürlich wusste ich, dass das im Grunde mieses Fleisch ist.
    Ich meine, bei netto gibt’s Hühner für unter 3-4 Euro. Wie lange leben Hühner? Ich nehme jetzt mal 8 Wochen an, vermutlich länger. Das Huhn hat für 50 Cent die Woche bzw. 8 Cent am Tag gelebt … fünfzig Mal billiger als Sarrazin Hartz-IVern vorgerechnet hat 😉
    Doch Spaß beiseite, als ich diese Milchmädchenrechnung gemacht habe, schmeckte mir das Fleisch schon nicht mehr so richtig. Eigentlich schon vorher nicht, doch ab und an brauche ich wohl den „realen Beweis“ im Mund 😉

    … hmm, ich bin dumm. Hab mir den Artikel mal durchgelesen. Okay, 40 Wochen lebt so’n Huhn … oder muss es leben. Mir fiel dann auch auf, dass das Fleisch wohl eher ein Abfallprodukt ist. Die Eier bringen mehr – Pharmaeier für Glaxo-Smith-Cline und jeden Tag ein Ei für netto, LIDL & Co. 😉

    Zu den Subventionen .. ich habe 2004 beim LTW-Wahlkampf mal einen gaaaanz bürgernahen CDU-Wahlstandsmitarbeiter gefragt, ob die Agrarsubventionen denn mal gekürzt werden würden, zwecks Wirtschaft in Entwicklungsländern usw. Da lächelte er mich an und meinte wohl etwas in der Art, dass man ja nicht gleich das System verändern könne.(sinngemäß – ist paar Jahre her 🙂

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