10 Jahre Morphonic Lab

Im Palais des Großen Garten in Dresden konnte man gestern das zehnte „Morphonic Lab“ erleben. Was das ist? Archaisches Soundgranulat mit visuellem Background, würde ich spontan sagen. Ja, das klingt gut! Sagt natürlich nicht viel aus, aber wie soll man unterschiedlichste, teils recht laute und brachiale Klangexperimente auch beschreiben, ohne hier mehrere virtuelle A4-Seiten zu füllen? Einfach mal hingehen: Detlef Schweiger und einige andere Dresdner Künstler veranstalten ihr „laboratives Kontrastprogramm“ seit 2001 jedes Jahr „in der anziehenden morbiden Atmosphäre des unsanierten Festsaals im Barockpalais Großer Garten“. Wie sie es selbst weiter beschreiben, kann man auf ihrer website lesen.

Palais im Großen Garten mit Lichtinstallation (Klick vergrößert)

Innen, Festsaal (Klick vergrößert)

Ich will hier nicht alle einzelnen Auftritte und Installationen beschreiben, zumal ich auch gar nicht bis zum Schluss geblieben bin. Insgesamt war es richtig gut. Was bei mir allerdings immer etwas zwiespältige Eindrücke erzeugt, sind Auftritte, bei denen die „Akteure“ die ganze Zeit nur mehr oder weniger bewegungslos hinter ihrem Laptop stehen und nur irgend etwas mit Touchpad oder Maus machen. Das war so bei dem ersten Auftritt und teilweise bei dem später aufgetretenen Duo Inade.

Zusätzlich im Programm war ein Künstler aus Prag, dessen Name ich vergessen habe (Klick vergrößert)


Sicher: Es muss nicht ständig Action auf der Bühne sein, aber man fragt sich: Was machen sie da eigentlich? Läuft da nur eine Sounddatei ab? Spielt der Mensch solange nebenbei ein wenig Tetris? Stammen die projizierten Visualisierungen nur von der Mediaplayer-Software? Oder werden wenigstens ein paar Samples in Garageband hin und hergeschoben? Und wenn ohnehin alles im Computer abgespeichert ist – warum muss da nun überhaupt noch etwas geklickt werden? Es wäre nicht schlecht, wenn der Computerdesktop zusätzlich projiziert werden würde, damit man halbwegs sehen könnte, was da passiert. (Ja, schon klar: Darauf könnte man entgegnen, dass das wiederum das Gesamtbild stören könnte … )

Aber das Gesamterlebnis war bei den beiden Auftritten trotzdem gut. Richtig Klasse fand ich ich den Auftritt dazwischen, der sich „Furbies Marionetten“ nannte. Ich wusste nicht, dass da jemand mitmachte, den ich persönlich ein wenig kenne und von dem ich nebenbei gehört hatte, er würde auch „was mit Kunst machen„: Alwin Weber aus Dresden. Alwin bastelt und lötet gern ungewöhnliches Zeug zusammen, was in einem Artikel des Magazins FRIZZ (*) ganz gut beschrieben wurde. „Circuit-Bending“ nennt sich das. Er und sein Partner hatten einen Tisch voller Furby-Puppen aufgestellt. Das sah schon seltsam genug aus. Die Figuren gaben Geräusche ab, was irgendwie über massenhaft wilde Kabelei erfasst, abgemischt und verfremdet wurde und eine ziemlich beeindruckende Kakophonie ergab. Es war aber nicht einfach nur Lärm, sondern hatte tatsächlich eine Struktur. Und wenn ich bei so einer Sache sage, dass ich sie toll fand, dann liegt es nicht an meiner masochistischen Haltung, alles als Kunst einzustufen, nur weil ich es nicht verstehe – nein, ich fand es einfach tatsächlich richtig gut. Auch wenn ich nicht logisch erklären könnte, warum.

(* Anmerkung Mai 2015: Nicht mehr online)

Nur das Ende war etwas zu lang, der Schlussteil ergab keinen richtigen Sinn mehr im Gesamtverlauf. (Den Satz muss ich mir merken – falls ich wieder einmal in eine schwer erklärbare Veranstaltung gerate, kann ich ihn anschließend beiläufig in die Diskussion einwerfen, um Eindruck zu erzeugen!)

Furbies Marionetten (Klick vergrößert)

Alwin Weber (li) und sein „Bending-Ingenieur“-Kollege (Klick vergrößert)

Inade (Klick vergrößert)

Auch wenn ich danach nicht mehr alles gesehen habe, dürfte der Höhepunkt wohl das Duo schnAAk gewesen sein. Plötzlich waren da zwei Leute vor der Leinwand, die gar keinen Computer dabei hatten, sondern ganz normale Instrumente. Und die diese Instrumente sogar beherrschten. Und damit auch noch richtig gute Musik machten! Wow! Nur Gitarre und Schlagzeug – da kamen mir unwillkürlich die „Black Keys“ als Vergleich in den Sinn. So ganz brauchbar blieb der Vergleich aber nicht, denn schnAAk sind viel experimenteller. Einige Besucher verleitete es zu leichten Headbanging-Anfällen und ich hatte auch noch nie erlebt, dass ein Tontechniker hinter seinem Mischpult derart im Rhythmus mit herum springt. Der Schlagzeuger wirkte nachher ganz schön abgekämpft.

scnAAk (Klick vergrößert)

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Bei Bandcampkann man sich das aktuelle Album der Gruppe anhören. Es wirkt in der Studiofassung nicht ganz so druckvoll wie bei einem Liveauftritt. Meiner Meinung nicht gespielt wurde der Titel „it could be nicer being red“ – vielleicht war der für den gestrigen Abend zu seicht? Für ein erstes Kennenlernen der Band ist er jedenfalls interessant genug. Falls „Porcupine Tree“ oder Herr Wilson als Solist einmal wieder in der Nähe ein Konzert geben sollten, oder falls „The Dead Weather“ sich zu einer Tour entschlössen, wäre schnAAk eine sehr passende Vorband.

9 Kommentare:

  1. Alwin W. zeigt übrigens am 15.10. bei den Datenspuren in der Scheune wieder mal, wie man Schaltkreise verbiegt: http://datenspuren.de/2011/fahrplan/events/4637.de.html

  2. Cool, das Du da warst. Ich auch…

  3. PS: „Instrumente beherrschen“ ist aber nicht alles 😉
    PPS: Dass Du Skrol verpasst hast, ist schade…

  4. Ja, dass das Beherrschen von Instrumenten nicht alles ist, ist schon richtig. Ich habe nur früher gelegentlich im Rahmen anderer halbwegs vergleichbarer Aktionen* auch Sachen erlebt, wo die Performer zwar diverse Instrumente in die Hand nahmen, um Geräusche zu erzeugen, aber mit Instrumentenbeherrschung hatte das nichts zu tun. Und insofern freut man sich dann immer, wenn jemand a) handwerklich etwas drauf hat und b) dann auch wirklich etwas Interessantes damit zustande bringt.

    * Ich bin etwas negativ vorbelastet, denn ich habe in den 90ern immer mal wieder bei Dresdner Performances gefilmt und dadurch manchmal recht eigenartige Dinge erlebt, wo angebliche Kunst eindeutig nicht von „können“ kam. Wenn ich damals schon gebloggt hätte, wären sicher lustige Berichte entstanden 🙂

  5. PS: Ja, SKROL habe ich mir nachher mal auf myspace angehört. Hätte ich es vorher getan, wäre ich wohl noch solange geblieben.

  6. Auf die Beiträge wäre ich gespannt. Kannst Du mal ein paar Namen nenne? 🙂

    Hier noch Skrol zum Nachschauen:
    http://www.youtube.com/watch?v=vvmBVtTKSkA

  7. Namen von wem? Von den Leuten, die aufgetreten sind? Das steht doch auf der (im Artikel angegebenen) Internetseite von Morphonic Lab! Oder meinst Du Namen von Leuten, die dort gefilmt haben? Da kann ich leider nicht weiter helfen.

  8. Hallo Frank,

    mein Kompliment, ein sehr guter Beitrag!

    LG, Bildermann

    Ps.: Ein paar Fotos, welche meine Kamera aufnahm, kannst Du hier sehen:

    http://www.bildermann.de/mplx/index.html

  9. Hallo Bildermann, Danke für die netten Worte! Ich hatte zuerst auch schon bei Dir nachgesehen, ob ich ein paar Bilder finde, also nicht um sie zu kopieren, sondern wegen der Verlinkung 😉 aber da war noch nichts online. Später habe ich dann natürlich nicht mehr daran gedacht.

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