Stadtradeln und der Datenschutz

Seit kurzem kann man sich bei der Aktion „Stadtradeln“ beteiligen. Ich mache dabei nicht mit, weil es eigentlich für Leute gedacht ist, die auf das Fahrrad umsteigen, ich aber sowieso fast immer Rad fahre. Außerdem werden dort auch gefahrene Kilometer in angeblich gesparte CO2-Werte umgerechnet. Ich habe aber keine Lust, Dresden so zu künstlichen Klimaschutzerfolgen zu verhelfen. Dafür soll die Stadt bitte selbst etwas tun.

Ich hatte mich aber trotzdem beim Stadtradeln angemeldet, weil ich wissen wollte, wie das abläuft. Interessant fand ich, dass man ein Häkchen bei „Ich bin Kommunalpolitiker“ setzen kann, wodurch wohl besonders wertvolle Kilometer zustande kommen.

Gestern kam eine E-Mail:

Lieber Teilnehmer/innen am Stadtradeln,

seit einer Woche treten die Dresdner/innen nun fleißig in die Pedalen, um im Rahmen des Stadtradelns ein Zeichen für nachhaltige Mobilität und Klimaschutz zu setzen.

Sie haben sich dafür ebenfalls angemeldet, bis Donnerstag abend aber noch keine Kilometer eintragen. Das ist kein Problem, da Sie Ihren Radelkalender auch nachträglich füllen können. Ich möchte nur sichergehen, dass keine technischen Hürden oder vergessene Zugangsdaten Sie daran hindern. (…)

Mit freundlichen Grüßen
(XYZ)

Ich war sehr erstaunt, dass im Adressfeld nicht nur meine, sondern auch sehr viele andere Adressen standen. Naja – Anfängerfehler, dachte ich. Aber heute kam noch eine E-Mail von einem der anderen Teilnehmer. Die möchte ich gern wiedergeben, denn ich finde, dass der Absender Recht hat. So etwas sollte eigentlich nicht passieren:

Sehr geehrter Herr (XYZ),

mit einiger Verwunderung nehme ich wahr, dass Sie hunderte (private) E-Mailadressen als Stadt Dresden öffentlich machen trotz klarer Datenschutzerklärung.

Mir war auch nicht klar, dass unser personenbezogenen Daten der Stadt Dresden zur Verfügung gestellt werden und unsere Nutzungsprofile, Eintragungsverhalten etc. für die Stadt Dresden auswertbar sind. Davon ist in der Datenschutzerklärung nirgends die Rede.

Warum „Klima-Bündnis / Alianza del Clima e.V.“ unsere (Nutzungs?)Daten an die betreffende Stadt/Kommune/Gemeinde ohne unsere Kenntnis weiterreicht, kann ich nicht nachvollziehen.

Mit freundlichen Grüßen

(…)

Nachtrag, 26.9.11: Immerhin hat sich der Verursacher anschließend mit einer weiteren Rundmail bei allen entschuldigt (diesmal waren die Adressen sogar im richtigen Feld). Was es mit diesem Klimabündnis auf sich hat, erklärte er auch: „Das Klimabündnis stellt uns als Koordinatoren der Aktion Stadtradeln in Dresden den Zugriff auf die E-Mail-Adressen zur Verfügung, damit wir mit den Teilnehmern in Kontakt treten können. Es wird dabei explizit darauf hingewiesen, die Adressen nur ins BCC-Feld einzutragen. Das habe ich leider aus Versehen nicht getan.“

9 Kommentare:

  1. Wie ich vermutet hatte, wird in den Mitteilungen der Stadt Dresden diese völlig fiktive CO2-Einsparung als offizielle Zahl gemeldet. Die Zahl ist auch noch großzügig aufgerundet. Die Grundlage der »Berechnung« soll dem Leser verborgen bleiben. Das ist vielleicht auch besser so, denn die wirklich erreichte CO2-Einsparung könnte man genausogut auch auswürfeln …

  2. Meinst Du diese Meldung*? „Autos stehen verweist auf ihren Parkplätzen“ … idyllische Zustände in Dresden! Wahrscheinlich sind es hauptsächlich die Autos vom Rennradsport-Verein „Picardellics Velo Team“ und die vom Dresdner Fahrradkurier.

    (*Nicht mehr online, Update 2015)

  3. Ja. Die lyrische Betrachtung und den peinlichen Rechtschreibfehler hatte ich überlesen. Ich hatte die PR-Meldung der Stadt im RSS-Feed gelesen und mich interessierten eigentlich nur die Zahlen. Ich wollte die Quelle noch verlinken, aber da war der Kommentar schon abgesendet.

    Wir nähern uns in schnellen Schritten dem Zustand am Ende der DDR-Zeit, als der Staat immer absurdere Zahlen veröffentlichte und die Presse alles kritiklos abdruckte. Ich könnte wetten, dass wir in der »SZ« noch mehrere Jubelmeldungen lesen werden.

    Die Datenschutz-Erklärung ist übrigens ein Witz. Sie bezieht sich dem Buchstaben nach überhaupt nicht auf die eingegebenen Daten der Nutzer (Name, Adresse, Fahrtstrecke). Sie bezieht sich auf die Daten, die bei der Verwendung des Webservers bzw. des Content-Management-Systems anfallen.

    http://www.stadtradeln.de/datenschutzerklaerung.html

    Schau Dir mal genau an, bei wem Du Deine Daten hinterlassen hast: bei der Stadt Dresden oder bei der Aktion Stadtradeln.

  4. @ RS-Fehler
    Hmm, wie denn nun: „verwaist“ oder „verwest“? 😉

    @ Daten
    Ich finde es gut, dass du es ausprobiert hast, Frank … denn nur praktisch macht man solche Erfahrungen (wie du) und sieht, wie stümperhaft einiges offenbar ablaufen kann.
    Und Fahrrad fahren kannst du ja trotzdem weiterhin – keiner kann dich zwingen, die Kilometer auch einzutragen 😉 …

    Kannst ja mal anfragen, ob du auch Meilen eintragen kannst – so nach dem Motto „Miles & more“ 😉
    Gibt’s bei 1000 eingetragenenen Kilometern eigentlich etwas zu gewinnen? 🙂

  5. Klar, ab 1000 km gibt’s nen Liter Biosprit umsonst 🙂

  6. Biosprit aus regionalem Anbau oder von Rapsfeldern in Übersee? 🙂

  7. Das Leben schreibt die besten Satiren:
    http://www.dresden.de/de/02/035/01/2011/10/pm_008.php (momentan gerade offline):

    Zum Vergleich: Die beim Stadtradeln gegenüber der Fahrt dem Auto eingesparte Menge an Treibhausgasen wird von etwa 37 Buchen mit einem Altern von 80 Jahren gebunden.

    Noch mal zum Mitschreiben: Ein großer Teil diese Kilometer wird gar nicht als Ersatz für Autofahrten zurückgelegt. Fahrradkuriere, ADFC-Mitglieder und Rennradler haben diese Kilometer nicht ersetzt, sondern sie rechnen einfach ab, was sie sonst auch mit dem Fahrrad zurücklegen. Also sind schon die 37 Bäume blühender Unsinn.

    Aber selbst wenn es stimmte: 37 Bäume! 37 ganze Bäume! Braucht man noch einen eindrucksvolleren Beweis, wie sinnlos diese Aktion ist?

    Man kann ja mal in der Dresdner Heide nachzählen, wie viele solche Bäume auf einen Hektar passen. Die Dresdner Heide ist etwas mehr als 6.000 Hektar groß …

  8. Wenn derjenige, der dann in der Heide Bäume zählt, diese Strecke auch noch per Fahrrad zurücklegt, kann er gleich noch ein paar Bäume mehr verrechnen 🙂

    Das mit dieser Umrechnerei „soundsoviel Treibhausgas entspricht soundsoviel Pflanzen“ ist ohnehin etwas fragwürdig. Es hat sich ja erst kürzlich gezeigt, dass die Berechnungsmethoden möglicherweise geändert werden müssten: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,789082,00.html

  9. Michael Winkler

    Ich bin heute gefühlte 30 Kilometer „stadtgeradelt“, zur Führerscheinstelle – wo ich ungefähr drei Fahrräder und 100 Autos gesehen habe. Ob der Führerschein CO2-neutral hergestellt werden wird, habe ich nicht erfragt 😉
    Dennoch – es scheint, dass sich etwas in DD ändert – Seite der Stadt zur Verkehrserhebung. (Korrektur 2013: Nicht mehr online)

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