Charlotte Roche: „Schoßgebete“ – Über die Kunst, durchgängig langweilige Bücher zu schreiben

Wie schaffte die Autorin das nur, diesen Stil durch das ganze Buch so konsequent beizubehalten? Diese nahtlose Langeweile vom ersten Satz an bis zum … okay, ich gebe zu, dass ich von den 350 Seiten momentan nur 65 gelesen habe, aber ich habe nicht das Gefühl, dass sich hier noch viel zum Positiven verändern wird.

Wenn Schriftsteller einen lakonischen, trockenen Stil zu verwenden, können eigentlich durchaus sehr gute Bücher dabei entstehen. Charles Bukowsky oder William S. Burroughs fallen mir da spontan ein. Oder auch Sven Regener. Aber von solchen Qualitäten ist Frau Roche weit entfernt. Egal, worüber sie schreibt – immer der gleiche emotionsarme Stil. „Meine Tochter kommt gerade aus der Schule … meine Therapeutin hat ihre Praxis in der elften Etage … ich habe jetzt meinen vaginalen Orgasmus“ … dem Stil merkt man ihre angebliche Erregung in der Sex-Passage nicht an, da existieren keine stilistischen Unterschiede zu den sonstigen Abschnitten. Keine Höhen und Tiefen.

Geht es in dem Buch übrigens nur um Sex? Es beginnt zwar unmittelbar damit, aber anschließend passiert durchaus noch anderes. Was? Kann ich nicht so genau sagen, denn ich habe beim Lesen einen interessanten Effekt bemerkt: Dass Männer Frauen nicht zuhören, ist ja ein bekanntes Phänomen. Mir ist hier erstmalig aufgefallen, dass dieser Effekt auch bei geschriebenen Texten von Frauen auftreten kann: Bei mehreren durchgelesenen Seiten stellte ich an deren Ende fest, dass ich nicht „zugehört“ hatte. Ich hatte den Text zwar optisch gelesen und im Hirn halbwegs verarbeitet, ertappte mich aber dabei, dass ich mit meinen Gedanken mehrfach ganz woanders war. Carlottes Worte gingen sozusagen zu einem Auge hinein und zum anderen Ohr wieder hinaus. Also überflog ich die Seiten meist noch einmal fix. Hatte ich etwas verpasst? Nein.

Beispielsweise beschreibt die Protagonistin des Buches, Frau Kiehl, nach der ersten Sex-Schilderung, dass sie nun zu ihrer Psychologin fahren wird. Der Fahrtantritt zieht sich im Text etwas hin. Dann fährt sie aber tatsächlich los. Das zieht sich auch wieder sehr in die Länge. Man erfährt sehr viele Belanglosigkeiten in diesen Passagen und wünscht sich, dass die Autorin doch nun bitte mal zum Thema kommen möge. Zu irgendeinem. Falls ihr nichts einfällt, soll sie halt nochmal was mit Sex bringen. Aber dann ist Frau Kiehl endlich bei der Therapeutin angekommen und man hofft, dass dort nun endlich ein wenig weiterer Inhalt der Geschichte angedeutet wird. Aber vorher müssen noch langwierige Betrachtungen über dies und das überstanden werden. Endlich geht es dann los. Erfährt man bei diesem Termin etwas wesentliches, wozu unbedingt ein Psychologe in der Geschichte auftreten musste? Nein. Es wird nur kurz erwähnt, dass Frau Kiehl mit ihrem Mann demnächst gemeinsam ins Bordell gehen wird. Toll. Hätte Frau Roche das nicht schon 40 Seiten eher hinschreiben können? Henry Miller wäre in der Zeit schon drei Fick-Schilderungen weiter gewesen (um sich mal angepasst auszudrücken). Aber bei dem hätte man auch eine gewisse Begeisterung an solchen Beschäftigungen herausgelesen.

Na gut. Ich steige auf Seite 65 aus. Frau Roche wird damit sicher leben können, denn ihr Buch wird garantiert  noch eine Weile auf Platz 1 der Bestsellerliste bei Amazon bleiben. Trotz überwiegend schlechter Bewertungen.

6 Kommentare:

  1. Also, ich würde mich über das Buch freuen – und kann mir vorstellen, dass man als weibliche Leserin zu durchaus anderen Schlüssen gelangt. 😉

  2. Das ist schon möglich. Ich will auch niemandem verbieten, das Buch zu lesen – ich finde nur, dass es mal wieder etwas überbewertet wird und auf keinen Fall aus literarischen Gründen auf Platz 1 gelandet sein kann. Aber es ist ja altbekannt: Sex sells. Kann ja auch sein, dass später im Buch doch noch mehr passiert. Anfangs fand ich es sogar noch halbwegs interessant aber das verflüchtigte sich bei mir einfach zu schnell.
    Ich hatte mal im Fernsehen eine Lesung von ihr gesehen (aus „Feuchtgebiete“), wo fast ausschließlich Frauen im Publikum saßen, denen das offensichtlich durchaus etwas gab. Insofern: Wenn’s wirklich jemanden interessiert – na meinetwegen. Soll sie mal machen, die Charlotte. Etwas peinlich fand ich nur, dass Roche in dieser Lesung immer so wirkte, als sei sie erschrocken, was da für schweinische Wörter im Text vorkamen: „… die (huch, was steht denn hier … entschuldigender, verschämter Blick ins Publikum) … Muschi …“ Meine Güte, dachte ich damals, Du hast das selbst so geschrieben – nun hab Dich mal nicht so zimperlich!

  3. Michael Winkler

    Kann es sein, dass du einerseits deine Erwartungen recht hoch angesetzt hast, Frank?
    Andererseits, es meist gar nicht so aufregend ist, wenn über Sex geschrieben wird … ?

    und last but noch least, die meiste Literatur, die mit dem Thema Sex recht tabulos umgeht, meist recht ernüchternd ist .. spätestens nach der dritten Aktbeschriebung? 🙂
    Ich kann da – aus eigener Erfahrung – nur mit Charles Bukowski dienen. Als 16jähriger fand ich es ganz spannend. Als ich vor zwei, drei Jahren nochmals von einem Freund ein Bukowski-Buch ausgeborgt bekommen habe (ich hatte nicht danach gefragt, er gab’s mir einfach ;)), fand ich es eher langweilig .. dafür fand ich die einige wenige andere Passagen ganz interessant – völlig frei von Sex, drugs und „R’N’R“.

    Ich weiß nicht worüber Charlotte Roche schreibt, doch Sex als Aufhänger funktioniert nun mal … und als Autor würde ich wohl darüber lachen, wenn einige Leser nun dachten, dass es da 280 Seiten nur ums Vögeln geht – ich zählte dich nicht per se dazu, Frank 😉

  4. Ich hatte gar keine Erwartungen, sondern hatte nur alle meine Bücher ausgelesen und zufälligerweise bekam ich es leihweise. Ich ging also völlig neutral heran.

    Über Sex zu schreiben, ist kein Problem. Ich bin z.B. als Jugendlicher über diesen Umweg auf Hermann Hesse gekommen, weil mir ein Freund gesagt hatte, in „Narziss und Goldmund“ gäbe es einige „ganz schön schweinische Stellen“. Das war (für unsere damaligen Verhältnisse) auch so – heutige Jugendliche haben da sicher drastischere Quellen. Aber jedenfalls war auch noch sehr viel Handlung in dem Buch und ich bin darüber Hesse-Fan geworden, habe damals alles von ihm gelesen und bin nachträglich noch ganz froh darüber. Bukowsky hat natürlich später auch eine große Rolle gespielt, wobei es ja auch bei ihm nicht nur um Sex geht, Henry Miller ganz genauso, solange man nicht „Sexus“ liest. Denn da geht es echt nur um dieses Thema und das ist tatsächlich sein langweiligstes Buch.

    Mich stört nicht, dass Roche über Sex schreibt – das ist ja auch eines von den vielen Themen, die in unserem Leben eine Rolle spielen – warum dann nicht auch darüber schreiben? Frank Zappa hat mehrfach sehr eindeutige Sachen darüber gesungen und das ist mir wesentlich lieber als ein verschämtes „bleib bei mir heut‘ Nacht“ im Schlager, obwohl doch ganz klar ist, was da „heut Nacht“ passieren wird. Dann kann man es auch klipp und klar aussprechen. Das macht Roche. Und zwar sehr konkret. Aber in einem medizinisch langweiligen Stil. Sie könnte genauso gut eine Gallenblasenentfernung beschreiben. Und die sonstige Handlung bleibt indem gleichen emotionsarmen Tonfall.

    Vielleicht hätte ich nicht vorher die sehr guten Bücher „Schau heimwärts, Engel“ von Thomas Wolfe und „Empörung“ von Philip Roth lesen sollen. Der Kontrast war wohl zu stark. Bei Roth geht’s übrigens stellenweise auch um Sex, aber dort hat es einen Sinn für die Geschichte.

  5. Charles who? Bukowsky? Meinst Du Heinz Buschkowsky oder doch eher Charles Bukowski, der den Literaturnobelpreis (gefühlt) hundertmal mehr verdient hätte als (ebenfalls gefühlte) 95% der tatsächlichen Preisträger …

    Scheint ja nicht einmal ein Schreibfehler zu sein, da im Kommentar vom 16.08. auch wieder das „y“ zu finden ist. So etwas ist schwach, noch dazu, wenn man den Mann als Positivbeispiel heranzieht. Dann nämlich sollte man auch ein mpaar Bücher von ihm gelesen haben.

  6. Jo mei … das kann schon mal passieren! Ich habe aber tatsächlich alle seine Romane gelesen (allerdings nur wenige Gedichte). Die stehen sogar zu Hause im Regal – da hätte ich tatsächlich nochmal vergleichen können.

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