Pfiffige Geschäftsideen

Ich hatte kurz nachgedacht über den Titel „Nepper, Schlepper, Bauernfänger: Wie der Springer-Verlag mit Betrügern zusammenarbeitet“. Aber diese Formulierung wäre juristisch möglicherweise nicht ganz wasserdicht – nicht dass mir noch haltlose Unterstellungen nachgesagt werden und dadurch zusätzliche Post vom Anwalt kommt. Schön ist aber, dass man als moderner Mensch überhaupt gelegentlich ungefragt mit juristischen Problemen konfrontiert wird. Denn das hält geistig wach und sorgt für etwas Aufregung in unserem ansonsten doch recht langweiligen Alltag.

Worum geht es? Im letzten Herbst lag bei uns eine unbestellte Zeitung im Briefkasten: „Computer Bild Spiele Gold“. Adressiert an den Namen meiner Frau, aber mit einer nicht existierenden Adresse (bei uns in der Straße gibt es keine Hausnummer 999). Allerdings ist das eigentlich nebensächlich, denn wir hatten so oder so nichts bestellt. Produkte, die deutlich klar erkennbar vom Springer-Verlag sind, kämen uns ohnehin nicht ins Haus. Noch nicht einmal als kostenloses Probeexemplar. Nun ist ja bekannt, was man mit unbestellten Zeitungen machen soll: Ignorieren und dem Papiermüll übergeben. Dann kamen (ich mach’s kurz) mehrere Briefe (immer an die falsche Adresse, die die Postfrau aber guten Gewissens bei uns einwarf) mit Zahlungsaufforderungen. Wurden teilweise weggeworfen, teilweise mit „Absender unbekannt“ zurück gesandt. Einmal schrieb ich sogar eine E-Mail, weil ich es nicht mit ansehen konnte, dass beim Springer-Verlag wertvolle Arbeitszeit für so etwas vergeudet wurde. Hätten wir geahnt, wie viele Monate sich das noch hinzieht und wie sich die Beträge entwickeln, hätten wir uns Kopien der Briefe behalten.

Kürzlich kam sogar einer vom Gericht. Zumindest sah es so aus, denn im Absender stand: „Prodefacto am Landgericht 2 Osnabrück“. Was Prodefacto genau war, ging beim Überfliegen des Textes etwas unter – offensichtlich irgendeine Abteilung oder Einrichtung am Landgericht II in Osnabrück. Ich rief bei der angegebenen Telefonnummer an und erklärte alles. „Ach so“, meinte der Mann auf der Gegenseite, „… ganz andere Adresse und Sie haben gar nichts bestellt? Dann hätten Sie die Briefe ja nur zurück senden brauchen …“ Es wäre jedenfalls alles okay und er wollte das regeln.

Nun kam aber schon wieder ein Schreiben von Prodefacto und diesmal las ich es mir genauer durch: Das ist ein Inkassounternehmen und hat gar nichts direkt mit dem Gericht zu tun, sondern lediglich auf der Straße „Am Landgericht 2“ in Osnabrück seine Adresse. Das finde ich echt clever, sich in einer solchen solchen Adresse einzumieten, denn so sorgt man beim Empfänger natürlich gleich für viel mehr Eindruck. Sehr herzerweichend ist auch der Text:

(Anrede) … Sie haben auf die Ihnen vorliegenden Rechnungen und Mahnungen weder geantwortet*, noch Zahlungen geleistet**. Nach Rücksprache mit unserer Mandantin ist es nun unumgänglich: Die gerichtliche Geltendmachung gegen Sie wird in den nächsten Tagen durch Rechtsanwälte eingeleitet***.

* Doch hatte ich: Einmal per Mail an den Verlag, einmal per Telefon an die Prodefacto Forderungsmanagement GmbH

** Und da werden auch nie welche kommen

*** Darauf läuft es hinaus: Angst machen vor gerichtlichen Folgen. Dann warten wir die doch mal ab. Da man im Internet beim Eingeben von „Prodefacto“ sehr fündig wird (man entdeckt dabei nur wenig Lobendes über diese Firma), läuft es auf Folgendes hinaus: Bei so geringen Streitwerten machen Gerichte sowieso nichts. Falls doch, legt man Widerspruch ein. Einem korrekten gerichtlichen Mahnbescheid liegt ein Formular bei, in dem man ein Häkchen setzt bei „Ich widerspreche dem Anspruch insgesamt“. Das sendet man innerhalb von 14 Tagen zurück. Das Mahnverfahren geht dann in die Klage über. Ich bin sehr gespannt, ob sich das Gericht allen Ernstes wegen 4,99 € dazu entschließt. Prodefacto müsste dann aber begründen, ob und in welcher Höhe die Forderung gegenüber uns rechtmäßig ist, worauf ich auch sehr gespannt wäre. Die Beweispflicht liegt beim Unternehmer, denn grundsätzlich ist bei Anmeldungen im Internet der Unternehmer beweispflichtig. (Kann man so zumindest in verschiedenen Internetforen lesen).

Übrigens geht es laut Prodefacto inzwischen um folgende Beträge:

Zeitschriftenbezug Computer Bild Spiele Gold: 4,99
Sonstige Nebenforderungen unserer Mandantin: 20,00
Kontoführungsgebühren: 3,80
Kosten, die unsere Partei als Verzugsschaden geltend macht: 39,00

Gesamtforderung: 67,79

Das tut mir schon leid, was die jetzt inzwischen unseretwegen für Arbeit hatten (nicht zu vergessen, die enormen Kontoführungsgebühren!). Aber so entstehen auch dringend benötigte Arbeitsplätze in Deutschland: Der Springer-Verlag versendet einfach so an irgendwelche Haushalte Zeitschriften und anschließend Rechnungen. Manche Leute bezahlen sicher immer mal aus Furcht oder Unwissenheit. Und wenn das nicht klappt, übergibt man es einem Inkasso-Unternehmen. Kaufen die solche „ausstehenden“ Mahnungen ein? Oder was hat der Verlag davon?  Jedenfalls bezahlen dann sicher auch immer mal Einige bei dieser Wegelagerei 2.0. So bleibt das Geld im Umlauf – ohne dass dafür erst komplizierte Produkte hergestellt werden müssen. Bei der Methode des Geldflusses bleibt der Verbrauch von Rohstoffen, Treibstoff und Energie sogar auf einem erstaunlichen Minimum. Das ist gut fürs Weltklima – es handelt sich also um ein positives Geschäftsmodell mit Zukunft!

Ach so, der Rest vom Text noch:

Sind Sie sich wirklich über die Ernsthaftigkeit der Lage bewusst? Neben erheblichen Kosten für Gericht und Anwalt, wird nötigenfalls auch die Vollstreckung durch den Gerichtsvollzieher hinzukommen. Der gegen Sie zu erwirkende Schuldtitel wird 30 Jahre vollstreckbar sein. Der Verlust ihrer Kreditwürdigkeit durch Eintragung in das amtliche Schuldnerverzeichnis und die nötigenfalls anstehende Beantragung zur Abgabe einer eidesstattlichen Versicherung (Offenbarungseid) werden für Sie unangenehmer werden, als die Zahlung unserer Forderung.

Letztmalig fordern wir Sie eindringlich auf bis zum 06.05.2011 Ihren Schuldbetrag zu zahlen.

Ihr Handeln ist jetzt gefragt! Hiermit informieren wir Sie gem. § 33 Abs. 1 Bundesdatenschutzgesetz, dass wir die zu Ihrer Person vorliegenden Daten gespeichert haben.

An der Stelle wird es langsam eine unglaublich dreiste Frechheit. Die drohen einem allen Ernstes mit einem SCHUFA-Eintrag, ohne dass man wirklich irgendetwas Nachweisbares getan hat! Ich kann mir schon vorstellen, dass spätestens an der Stelle doch noch Einige sagen: „Ach, dann bezahl ich’s mal doch lieber …“. Aber wegen unbewiesenen 4,99€ macht die SCHUFA doch keine Einträge. Das könnte ja für die völlig nach hinten losgehen! Insofern finde ich es schon interessant, dass Prodefacto in seinen Kontaktdaten auch stehen hat „Partner der SCHUFA Holding AG“.  Interessant, was die SCHUFA so für Partner hat. Man müsste glatt einmal dort anfragen.

Vielleicht mache ich das am Montag mal – jetzt übers Wochenende muss ich erst einmal ohne Internet auskommen.

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12 Antworten auf Pfiffige Geschäftsideen

  1. Muyserin sagt:

    Ähnlich gelagerter Fall in meinem Elternhaus (es ging um angebliche Urheberrechtsverletzung im Netz): da wurde ernsthaft erwogen zu zahlen. Zu viel Ärger für alte Leute, zu viel Einschüchterung, die nach tatsächlicher Staatsgewalt klang … zum Glück hat Töchterlein gegoogelt und den Schmuh schnell entlarven können.

    Die Generation der Silver Surfer mag experimentierfreudig durchs Netz wandeln, aber wenn solche Drohkulissen aufgebaut werden, fehlt ihnen die Chuzpe von uns Digital Natives, die sich zum Glück nicht zermürben und einschüchtern lassen.

  2. Micha(el) Winkler sagt:

    Frank, ich glaube der Springer-Verlag hat damit recht wenig zu tun. Prode-wieauchimmer nutzt nur Zeitungen aus dem Hause Springer … denen wäre das selbst auch nicht recht, doch naja, so ist eben das Leben ;)
    Wer würde das schon mit der “jungen Welt” machen? ;)

    Apropos, Springer-Presse … gerade “in der Mache” – “Die Strippenzieher” von Cerstin Gammelin und Götz Hamann, wo u.a. auch einige Ex-Springer-Leute zu Beratern wurden und werden. Interessante Lektüre, hab’s ganz preiswert (analog, als Buch, versteht sich ;) ) über die einschlägigen 2nd-hand-Internetseiten …

  3. Frank sagt:

    @ Muyserin: Dass gerade Ältere dann noch ratloser sind, kann ich mir gut vorstellen. Da könnte man zwar sarkastisch sagen, dass Rentner ja ohnehin auch auf andere Weise gern mal übers Ohr gehauen werden (immer wieder mit dem Klassiker der Kaffeefahrt), aber da verleitet man sie ja “nur” zu nutzlosen Käufen und darüber wurde auch schon oft hingewiesen. Hier wird einem aber ein angeblicher Gesetzesverstoß um die Ohren vorgeworfen, von dem man sich freikaufen soll. Das ist schon ziemlich übel.

    @ Micha: Ja, klar – das betrifft nicht nur Springer. Bei der Suche nach Infos über dieses Inkassounternehmen habe ich auch andere Verlage gefunden, die angebliche ausstehende Kosten einforderten, aber Springer passte mir so gut ins Feindbildschema.

    Dass Du Dich bei der Bücherbesorgung so an die Einhaltung rechtlicher Aspekte hältst, finde ich total klasse!

  4. Micha(el) Winkler sagt:

    @ Feindbild-Schema
    Kann ich verstehen, doch seitdem ich die BILD im Abo habe, verteidige ich den Springer-Verlag ;)
    Im Ernst, mir ging’s nur um eines der OB-Wahl-2008-Themen: Transparenz ;)

    “Dass Du Dich bei der Bücherbesorgung so an die Einhaltung rechtlicher Aspekte hältst, finde ich total klasse!”
    Ich weiß, Frank ;)
    Naja, Deutschland soll doch wachsen, da kann ich doch auch mal 3 Euro (1 Euro Buch, 2 Euro Versand) ausgeben :)

  5. Daniel Gottlieb sagt:

    Hallo,

    sehr interessant, mir ist naemlich genau das Gleiche passiert. Heute lag eine wortwoertlich identische Mahnung in meinem Briefkasten mit einer Zahlungsaufforderung bis zum 4.6.2011 im Briefkasten.
    Mich wuerde interessieren, wie es weitergegangen ist.
    Gruesse,

    Daniel

  6. Frank sagt:

    Bis jetzt ist erst einmal gar nichts weitergegangen. Wir warten ab, ob da tatsächlich ein gerichtlicher Mahnbescheid kommt. Ich erwarte das nicht, denn viele Gerichte tun das angeblich nicht, wenn der eigentliche Streitwert (was nur die 4,99€ sind) unter 100 € liegt. (Diese Auskunft habe ich aber nur von Nicht-Juristen).

    Falls noch was Wesentliches passiert, schreibe ich hier ein Update oder einen weiteren Kommentar.

  7. Dummhase sagt:

    Mich würde jetzt echt mal interessieren, ob der angedrohte Mahnbescheid denn auch kam.

    Da Du nichts mehr geschrieben hast, vermute ich, dass nichts mehr kam. Hätte, mich auch gewundert.

  8. Frank sagt:

    Bis jetzt ist nichts weiter gekommen.

    Irgendwie finde ich das fast schon wieder etwas niveaulos: Erst sorgen solche modernen Wegelagerer für Aufregung bei den willkürlich Überfallenen und wenn diese sich dann darauf einstellen und schon Vorfreude auf die nächsten haltlosenen Drohgebärden haben, dann kommt plötzlich nichts mehr ;-)

  9. Sebastian sagt:

    Da man dieses Seite findet wenn man bei Google “Prodefacto Betrug” eingibt, hier mal eine aktuelle Info:

    Habe heute exakt die gleiche Forderung erhalten, nur ging es angeblich um die BILD am Sonntag.

    Jedenfalls habe ich die Polizei per Mail angeschrieben, da ich das Schreiben als Nötigung empfinde (Adressen findet man schnell) und folgende Info erhalten:

    Hallo Herr ….,

    das an Sie gerichtete Schreiben ist eine seit Monaten andauernde Betrugsmasche.
    Ich habe Ihre Mail hier eintragen und als Anzeige erfassen lassen. Weitere Schritte von Ihnen sind zur Zeit nicht erforderlich. Teilen Sie mit bitte nur noch kurz mit, ob das Schreiben bei Ihnen als Briefpost oder als Email eingegangen ist.
    Die Täterermittlungen gestalten sich in diesen Fällen mehr als schwierig, da meistens Briefkastenfirmen oder fiktive Personen hinter den Taten stehen.
    Ignorieren Sie solche Schreiben einfach und leiten Sie diese bitte an uns weiter.

    Mit freundlichem Gruß

    Hoffe, dass das anderen Suchenden weiterhilft.

  10. Frank sagt:

    Bei uns ist seit diesem Artikel nichts mehr eingetroffen, für mich hatte sich der Fall inzwischen erledigt. Aber für Andere ist Dein Kommentar sicher ein wichtiger Hinweis. Danke für die Information!

  11. Manu Blu sagt:

    Hallo Frank,
    auch ich bin eine Betroffen von den Androhungen von PD – die vertreten auch die I-Net-Plattform StayFriends.de , wo es seit längerem auch großen Ärger gibt. Es betrifft diese Gold-Mitgliedschaft, die bisher immer freiwillig abgeschlossen werden konnte u. nach einem Jahr “automatisch” auslief – das hat auch immer funktioniert (meine Erfahrung).
    Nun aber – in Zeiten von Facebook & Co. – sehen die (SF) ihre “Felle davon schwimmen” und haben viele User “gelinkt” , indem die die Gold-Mitgliedschaft einfach weiterführend “automatisch verlängern”.
    Natürlich sind wir alle sehr empört über die Frechheit u. die Art u. Weise der Geschäftsgebahren von SF, denn angeblich wurden emails verschickt, die darauf hinwiesen!
    Dies ist nicht der Fall – auch erhielten die User keine offizielle Rechnung , geschweige denn die Mahnungen per email – nichts ist bei keinem angekommen!
    Und ganz schnell hat man PRODEFACTO auf dem Hals!
    (auch hier mal nachzulesen: http://de.reclabox.com/beschwerde/50995-stayfriends-erlangen-goldmitgliedschaft-automatisch-verlaengert-nicht-von-mir )

    auch hier bei FB rege diskutiert und angestrebt, diesen Sachverhalt in die öffentlichen Medien zu bringen (zB. AKte2012)
    http://www.facebook.com/groups/411477622238243/

  12. Olli sagt:

    Hallo,

    die versuchen es immer noch…..angeblich haben wir die TV Spielfilm aboniert.

    Morgen gehts zur Polizei-ne Anzeige machen.

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