Droht in Japan ein Super-GAU?

Diese Frage wurde heute in den Fernsehnachrichten und in einem ZDF-Special mehrfach gestellt, als es um das vom Erdbeben bedrohte japanische AKW ging. Ich kann es eindeutig beantworten: Nein. Es droht kein Super-GAU. Weder heute noch morgen. Auch nicht in der nächsten Woche oder erst sonst wann. Weder in Japan noch auf dem restlichen Globus.

Das hätte aber nicht nur ich, sondern auch jeder bessere Schüler erklären können. Ist denn das so schwer zu verstehen und wurde es nicht schon oft genug erklärt? Ein GAU ist bereits der größte anzunehmende Unfall. Da kann es also nichts noch größeres, also „superes“ geben. Das Wort GAU mit Super zu erweitern, ist überflüssig. Redundant.

Aber im Fernsehen klingt es so einfach dramatischer. Wahrscheinlich werde ich mich also auch an diese sprachliche Entgleisung gewöhnen müssen. So, wie ich mich früher schon mit der Existenz von „Pommes“ abfinden musste und aktuell mit „Sinn machen“.

Nachtrag, 12.3: Inzwischen habe ich allerdings gesehen, dass in Wikipedia ein Super-GAU tatsächlich erwähnt und beschrieben wird. Die Versionsgeschichte dieses Wikipedia-Artikels zeigt zwar, dass es auch dort Diskussionen dazu gibt, aber die Erklärung klingt zunächst logisch. Denn: Was bedeutet eigentlich GAU? Also größter anzunehmender Unfall? Bei einem relativ einfachen technischen Gebilde wie einem Auto würde man wohl sagen: Wenn man einen Unfall mit Totalschaden hat. Das ist der worst case, der ungünstigste Fall, der eintreten kann. Aber was ist, wenn eines Tages etwas noch viel Schlimmeres passiert, was vorher nur noch nie jemandem in den Sinn gekommen ist? Wenn jemand z.B. mit dem Auto in eine Kindergruppe rast, entsteht ein größerer Schaden, als der in bisherigen Schadensszenarien angenommene. Wir haben also nun einen größeren Unfall, als den bisher als größten angenommenen.

Und genauso ist es auch mit AKW: Dort hat man einen aktuellen technischen Kenntnisstand, man kann sich verschiedene theoretische Unfallvarianten ausdenken und die schlimmste ist der GAU. Wenn eines Tages etwas noch Schlimmeres auftritt oder als möglich beschrieben wird, muss die Definition eines GAU neu durchgeführt werden. Bis dahin kann der aktuell größere Unfall als Super-GAU bezeichnet werden.

Und trotzdem ist das Unfug: Dieser noch größere Unfall wurde ja eben bislang noch nicht in Erwägung gezogen, also kann er nun auch kein Super-Größter angenommener Unfall sein. Er müsste ganz anders bezeichnet werden, zum Beispiel „Bisher nicht angenommener schwerer Unfall“ oder so ähnlich. Mögen sich bitte Techniker und Sprachwissenschaftler etwas Passendes ausdenken, aber „Super-GAU“ bleibt ein Widerspruch in sich.

In Wikipedia wird erwähnt, dass ein Unfall ab der Stufe 5 auf der INES-Skala schon die Bedingung eines GAU erfüllt. Es sei „jedoch üblich, erst schwere und katastrophale Unfälle mit Super-GAU zu bezeichnen (INES 6 und INES 7)“. Ich will mir zwar nicht anmaßen, Atomenergie-Fachleuten ihre Fachbegriffe ausreden zu wollen, aber logisch ist das trotzdem nicht, den größten anzunehmenden Unfall bereits auf Stufe 5 anzusiedeln, wenn noch zwei Schweregrade folgen.

Abschließend noch: Ja, ich weiß, dass es albern ist, auf solchen sprachlichen Feinheiten herum zu reiten, wenn es um eine aktuell drohende Kernschmelze geht. Die Leute in Japan und Ost-Asien dürften momentan sicher andere Probleme als die korrekte Wortwahl haben.

7 Kommentare:

  1. Stimmt, „Sinn machen“ geht genauso wenig wie „Schuld sein“. Sinn oder Schuld haben – das geht; immer, stimmts?
    🙂

  2. Schuldig sein kann man zumindest. Da gibt es allerdings sicher noch einige andere kritikwürdige Formulierungen … Aber Super-GAU ging mir schon immer auf die Nerven.

  3. Möglicherweise habe ich Unrecht (muss man ja auch mal zugeben können): http://de.wikipedia.org/wiki/Auslegungsst%C3%B6rfall#Super-GAU

    Wikipedia ist m.E. zwar keine verbindliche Quelle, sondern muss immer hinterfragt werden, aber die Erklärung in dem Text klingt nachvollziehbar. Es scheint also doch Super-GAUs zu geben (besser gesagt: Hoffentlich nur theoretisch). Allerdings zeigt die Versionsgeschichte dieses Wikipedia-Artikels, dass meine Position nicht ganz abwegig ist.

  4. Auch wenn es albern ist, auf solchen sprachlichen Feinheiten herum zu reiten, wenn es um eine aktuell drohende Kernschmelze geht (die Leute in Japan und Ost-Asien dürften momentan sicher andere Probleme haben als die korrekte Wortwahl): Ich habe mich noch einmal damit auseinandergesetzt – siehe Nachtrag.

  5. Was auch nervt: wenn im Zusammenhang mit einem großen oder weitreichenden Schritt von einem „Quantensprung“ gesprochen wird. Oder „in 2011“ anstatt „im Jahre 2011“. Aber wie heißt es so schön: Sprache lebt. Auch, wenn es wehtut.

  6. …ich denke auch, das es weitaus größere Probleme gibt…ob ein Gau ein SuperGau oder korrekt ein Gau bleibt…

    Die Wortwahl ist „geschmacksache“, ein Gau schmeckt niemandem…

  7. Mittlerweile – nach 2 Wochen Dauerberichterstattung und zahllosen Talkrunden und und und … blieb bei mir nur ein Satz über, wenn’s um Atomkraft geht:
    „Das kommt mir ja panisch vor …“ 😉
    Nach einer Woche Auf und Ab in Fukushima ging mir der Werbespruch einer größeren japanischen Autofirma durch den Kopf 😉 … allerdings so:
    „Nichts ist unmöglich … Fukushima.“

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