Homeschooling – Neues von Familie Neubronner

Beim Durchsehen verpasster Sendungen fand ich in der ZDFMediathek „Homeschooling – Der Fall Neubronner“ (14:43 min) (1). Über die Familie Neubronner kam schon einmal ein Film in der Reihe „37°“: „Homeschooling: Unterricht am Küchentisch“ (3). Da dieser Film im Gegensatz zur üblichen Qualität dieser Reihe ziemlich einseitig und teilweise unfreiwillig komisch war, widmete ich ihm einen Artikel (4) und war nun natürlich gespannt, ob sich etwas in der Darstellung des Themas gebessert hatte. Nein, gar nicht. Diesmal war es noch einseitiger und unkritischer. Um hier nicht noch einmal das Thema „Homeschooling“ und die Pro- und Kontra-Argumente erläutern zu müssen, wenn Eltern ihre Kinder zu Hause selbst unterrichten wollen, möchte ich auf meinen letzten Text (4) verweisen, wo ich das alles schon einmal abgearbeitet habe.

In „Der Fall Neubronner“ kommt beim flüchtigen Ansehen heraus, dass Homeschooling etwas wunderbares ist, was bei den Neubronners perfekt funktioniert, doch leider schikaniert der böse Staat die Familie, so dass sie sogar ins Ausland flüchten musste. Doch was erfährt man alles nicht?

Warum gehen die Kinder z.B. nicht zur Schule? Man erfährt nur, dass sich beide Kinder in der Schule unwohl fühlten, sie waren häufig krank und litten regelrecht. Im ersten Film konnte man immerhin noch heraushören, was wirklich die Ursache war: Die beiden Jungen (Moritz, der Ältere und sein Bruder Thomas) mögen Schule ganz einfach nicht. Moritz war 2 Jahre in einer Schule. Ihm hat es nicht gefallen. Der kleine Bruder testete diese Sache mit der Schule auch und hielt knapp 2 Wochen durch, hatte dann aber keine Lust mehr. Dabei waren die Eltern selbst an der Gründung einer Schule mit beteiligt, einer Montessori-Schule. Hatten sie ihre Kinder dorthin gegeben? Wurde nirgends erwähnt, aber es ist wohl anzunehmen. Dass der knallharte Alltag in der ersten zwei Klassen an normalen Grundschulen und erst recht an Montessori-Schulen zu psychosomatischen Problemen bei Kindern führt, ist ja bekannt.

Wenn man im ersten Film genau hinhört, merkt man: Die Jungen waren einfach clever. Welches Kind hat schon Lust auf Schule? Die beiden hatten keine, dafür aber ihre Eltern sichtlich im Griff und wussten, wie sie sich bei ihnen durchsetzen konnten.

Dadurch drohten den Eltern Zwangsgelder und Haftandrohungen, weshalb sie nach Grand Canaria flohen. Dort erklärt Moritz (9:20 min): „Unseren Eltern wäre es natürlich viel lieber, wenn wir nicht so’n Radau machen würden und einfach ganz normal in die Schule gehen würden, denn dann hätten sie nicht so viel Stress …“ Aber was will er machen, wenn er sich selbst anderen Stress (also den in der Schule) ersparen will? Da müssen die Eltern also schon durch. Ich stehe dabei auf der Seite der Kinder: Da ihre Eltern trotz allem immer so selig lächeln, kann die Situation ja nicht so schlimm sein. Die Mutter sagt dann auch – sehr glücklich lächelnd – dass sie sehr entspannt den Stress beobachtet, den sich andere Eltern machen (die ihre Kinder in die Schule geben). Dann ist ja alles bestens.

Der Vater flüchtet später trotzdem allein mit Moritz und Thomas nach Südfrankreich, während die Mutter in Bremen allein den Verlag weiter leitet. Alles zum Wohl der Kinder. Wenn in der gezeigten Gerichtsverhandlung (8:50) die Großmutter dann unter Tränen klagt, warum man (also der böse Staat) diese Familie so quält, dann greift man unwillkürlich selbst zum Taschentuch.

Der Unterricht im Exil läuft auf jeden Fall fachlich sehr kompetent: Chemieunterricht am Wohnzimmertisch (1:00), eine Reaktion mit Natriumhydrogencarbonat (also wahrscheinlich Backpulver). Geht leider schief, aber man hat sicher irgendetwas gelernt. Denn man lernt immer etwas, wie Thomas erklärt: „Man lernt hier fast den ganzen Tag, manchmal merkt man gar nicht, dass man gerade etwas lernt„. So ist Einkaufen auf Grand Canaria schon einmal Unterricht (Mathe und zweite Fremdsprache) und auch das, was andere Leute so nebenbei machen, wenn sie mit ihren Kindern im Garten etwas säen, wird hier zum Biologieunterricht (1:55): Die Mutter steckt mit ihren Söhnen Kartoffeln! Das ist, wie die Kommentatorin schwärmt, sogar „Unterricht mit allen Sinnen“.

Die Kinder, besser gesagt die Freilerner, bestimmen ihren Stundenplan selbst (1:30), der sogar erstaunlich voll ist: Heut war bei Moritz Joggen und  Mathe dran. Und beinahe hätte er sogar noch Englisch und Spanisch gemacht. Wenn die entsprechende Internetseite funktioniert hätte. Bei 10:25 fragt Moritz seinen kompetenten Vater, woran er denn den Unterschied zwischen einem spitzen und einem rechten Winkel erkennen könne? Der Vater: „Ja, sobald es ein rechter Winkel ist, ist es kein spitzer Winkel“. Womit er freilich Recht hat. Was Moritz beim Lernen am PC (mit Hilfe einer  Knobelaufgabe) eintippt (13:10) zeigt zwar, dass er sehr grundsätzliche mathematische Dinge nicht verstanden hat. Aber dafür ist er ganz gut in Kunst, wie er selbst sagt.

Filmschluss: Moritz will mit 16 ein Jahr nach Amerika und dann in Deutschland seinen Schulabschluss machen. Er will, bevor er sein Abitur macht, vorher noch einmal in eine Schule gehen und fragen, ob er noch irgendetwas dazu lernen muss?

Kann ich mir nicht vorstellen.

Quellen:

(1) ZDFMediathek „Homeschooling – Der Fall Neubronner“

(2) Text zum Film

(3) ZDFMediathek 37°: „Homeschooling: Unterricht am Küchentisch“

(4) mein letzer Text zum Thema

8 Kommentare:

  1. Gruslig! Insgesamt klingen Deine Überlegungen in den beiden Artikeln nachvollziehbar. Meine Eltern (beide Lehrer) haben auch mehrere Fälle von Kindern erlebt, die durch religiös motivierte Eltern nicht im Kindergarten und entsprechend auffällig sozialisiert waren, als sie in die Schule kamen.

    Kleiner Hinweis: Esoterik wird ohne „h“ geschrieben. (Ich sage das nur, weil ich neulich erst herausfand, dass man Känguru auch ohne „h“ am Ende schreibt …) 🙂

  2. Ach, gruselig würde ich es nicht gleich nennen, ich finde es eher lustig bis peinlich: Nur, weil zwei Kinder haben ihre Eltern gut im Griff haben, entwickeln sich diese dadurch für eine kleine Fangemeinde und für ein paar unkritische Fernsehproduzenten zu Heldenfiguren.

    Den Rechtschreibhinweis habe ich mal korrigierend angewendet. Danke!

  3. Allerdings sollte man schon mal die Schulpflicht hinterfragen …
    Ich habe vor Jahren mal in einige Bücher von Ivan Illich, der zwar Katholik war, doch ebenso Professor in Bremen, glaube ich. Also, die Schulpflicht zu hinterfragen, ist durchaus berechtigt … sage ich als ehemaliger „Streber“ und Musterschüler 😉

    Illich nannte es „Entschulung“, u.a. Bücher – „Schulen helfen nicht“ und „Entschulung der GEsellschaft“ …

    Einiges dazu fand ich auch hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Entschulung
    Diesen Satz bzw. diese Frage daraus fand ich sehr einleuchtend: „Seit der Schulbesuch Pflicht ist, muss die Schule nicht immer wieder nachweisen, dass sie nützlich ist?“
    Da könnte man ansetzen 🙂

    Ich wusste schon, warum ich den Spruch „Für das Leben lernen wir, nicht für die Schule.“ aus dem Mund eines Lehrers nie wirklich getraut habe 🙂

  4. Der Hinweis, dass Illich Katholik war, erfolgte weil hier mitunter von „Esoterikern“ und „religiös motiviert“ gesprochen wurde … nicht weil ich das kritisieren würde … ganz und gar nicht, insbesondere weil Illich ein äußerst kritischer Zeitgenosse war – der sich nicht immer Freunde unter seinen Glaubensbrüdern gemacht hat

  5. Schulpflicht zu hinterfragen – das ist durchaus berechtigt (siehe auch meine entsprechenden Bemerkungen im verlinkten alten Text). Grundsätzlich darf und sollte man alles hinterfragen, was früher einmal von Menschen festgelegt wurde. Immerhin können sich die Ausgangsbedingungen, de zu der damaligen Entscheidung führten, längst geändert haben.

  6. Kurz als Nachtrag, was ich letztes Jahr noch beim Lesen einer kurzen Goethe-Biografie feststellte … kurzum: der kleine J.W. war offenbar auch ein „Homeschooling-Kind“ 😉

    Mit anderen Worten … auch ohne Schulpflicht kann aus Kindern etwas werden 😉

    PS: … ansonsten an dieser Stelle gleich noch ein „Gesundes neues Jahr … auf dass es spannend und entspannend bleiben möge …

  7. Ein Genie wird natürlich auch ohne Schulpflicht zu einem solchen. Letzlich sind ja auch alle anderen berühmten Denker und Künstler vor der Einführung der Schulpflicht etwas geworden (das Gegenteil ist auch schlecht vorstellbar). Und ich denke, dass sogar die beiden cleveren Jungs der Fam. Neubronner einen Weg durchs Leben finden werden.

    Ja, gleichfalls „Gesundes Neues …“. Es herrschte ja in der letzten Zeit ziemliche Funkstille Deinerseits. Ich begann mir schon Sorgen zu machen …

  8. Prinzipiell habe ich gar nichts gegen Schule, doch ich bin kein Freund von „Verschultem“ 🙂 – Bildung gehört zum neugierigen Menschen dazu wie Essen.

    Wenn’s um die Menge und die Art & Weise der Nahrung – kurzum „Qualität & Quantität“ – geht, fange ich wirklich mit Diskutieren an 🙂
    Da ich auch andere Schulmodelle schon ansatzweise gesehen habe, würde ich meinen, dass meine eigene Schul(aus)bildung nur eine von vielen Varianten ist/war.
    Und auch wenn ich recht erfolgreich war, würde ich sie nicht als die beste Variante „anpreisen“ … vielleicht weil ich vermute, dass ich noch wesentlich mehr lernen und effizienter sein ko(e)nnte ???

    Hmm, naja, schau’n mer mal … an dem Thema bleibe ich „gezwungenermaßen“ die nächsten Jahre dran 😉

    Ich habe mir jedenfalls vor reichlich einem Jahr mal ansatzweise ein paar allgemeine Gedanken zum Schulsystem gemacht … siehe hier: http://forum.piratenpartei.de/viewtopic.php?p=71960#p71960

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