Schlimm: Fachkräftemangel in Deutschland!

14 Tage war ich medial offline. Was hat sich in der Zeit getan? Anscheinend nicht viel, außer dass sich unsere Ursula  v.d.L. inzwischen das seit Jahren allgemein auf den Nägeln brennende Thema des Fachkräftemangels unter denselben gerissen hat. Sie warnt vor einem „drastischen Fachkräftemangel“ und will deshalb u.a. die Hürden für qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland senken“. Zuletzt hatte Herr Brüderle vor einigen Wochen oder Monaten mit diesem Thema mediale Punkte gesammelt. Gibt es da eine Liste, in der man sich als Politiker eintragen kann? Wer ist als Nächster dran, um vor dem drohenden Fachkräftemangel warnen zu dürfen?

Aber es ist ja auch richtig, dass immer wieder darauf hingewiesen wird. Denn Fakt ist, dass Deutschland einen ganz schlimmen Fachkräftemangel hat! Wird ja so auch immer im Fernsehen gesagt. Gut – man könnte sich an der Stelle einmal fragen, was einen Menschen eigentlich zu dem so sehr begehrten Status „Fachkraft“ erhebt? Wodurch unterscheiden sich die in freier Wildbahn so seltenen Fachkräfte von sonstigen Menschen? Dazu sehen wir gewohnheitsmäßig bei Wikipedia nach. Fachkraft: Eine Person, die eine gewerbliche, kaufmännische oder sonstige Berufsausbildung erfolgreich absolviert hat. Mensch mit absolvierter Berufsausbildung … Tatsache – so etwas gibt es in Deutschland bekanntlich kaum. Oder kennt etwa jemand jemanden, der einen Berufsabschluss hat?

So, und an der Stelle ist Schluss mit lustig, denn das ist absolut nicht zum Lachen: Ironie Ende.

Wer hat die Geschichte mit dem drohenden Fachkräftemangel eigentlich erfunden, der nur durch Zuwanderung ausgeglichen werden könne? Derjenige hätte sich das patentieren lassen sollen, denn es ist an Frechheit kaum zu überbieten. Warum? Ganz einfach : Jeder normale Mensch sagt sich einerseits, dass wir bei – je nach Rechenmethode – rund 4 bis 9 Millionen Arbeitslosen doch unmöglich einen Mangel an Fachkräften haben können. Aber andererseits ist hier argumentativ etwas mit Ausländern enthalten und man sagt sich automatisch, dass man dagegen besser nichts sagen solle, denn das sei ja dann ausländerfeindlich, womit man sich mit Nazis auf eine Stufe stellen würde. Die Frechheit besteht darin, dass potentielle Einwanderer hier aber nur schamlos missbraucht werden. Es geht in Wirklichkeit gar nicht um solche. Und man muss sich bei Gedanken zu dem Thema auch nicht entschuldigen, man hätte nichts gegen Ausländer oder so, denn das ganze Thema ist ohnehin nur vorgeschoben.

Politiker, die immer wieder das Märchen aufwärmen, es gäbe einen Fachkräftemangel (der mit Einwanderern ausgeglichen werden müsste), wollen nur von ihrer Unfähigkeit ablenken, keine ernsthaften Konzepte gegen Arbeitslosigkeit entwerfen zu können. Aber was ist die Folge solch unüberlegter Politikerphrasen?

Was geht in jemandem vor, der möglicherweise seit Jahren Arbeit sucht, nichts findet aber stattdessen immer wieder von Politikern aller Parteien erzählt bekommt, Arbeitslosigkeit könne gar nicht so ein Problem sein, denn wir hätten sogar Fachkräftemangel? Den wir nur durch Zuwanderer ausgleichen könnten? Dieser Arbeitslose wird sich möglicherweise leicht verarscht vorkommen und bemerken, dass nur eine einzige Partei sich nicht an der Verbreitung der Lüge vom Fachkräftemangel beteiligt. Und auch wenn unser Arbeitsloser intelligent genug ist, die gegenteiligen Parolen dieser Partei, das „Boot ist voll“ und „Ausländer raus“, als noch dümmere Rattenfängerparolen einzustufen, könnte es doch dazu führen, dass sich einige dieser Millionen Leute bei den nächsten Wahl sagen: „Ich gehe nicht mehr wählen“, oder „aus Protest wähle ich diesmal NPD“ oder sogar „das sind nun einmal die Einzigen, die sagen, was Sache ist“.

Jede dieser Varianten ist falsch, denn sie nutzt den falschen Leuten. Aber falls die NPD Zulauf gewinnt, liegt es auch an den demokratiezerstörenden Äußerungen angeblicher Demokraten.

 

9 Kommentare:

  1. Volle Zustimmung, Frank, oder „FACK“ in der „IT-Sprache“ 😉
    … außer bei der Option „Ich gehe nicht mehr wählen“. Die habe ich nämlich nach rund 15 Jahren Wählengehen gewählt.

    Warum soll ich Politiker wählen, die ich nicht kenne? Warum Parteiprogramme, die ich nicht vertreten kann – auch wenn ich in 20 bis 80% übereinstimme? „Alle“ wählen kann ich nicht, also dann doch lieber nicht wählen als ständig das „kleinere/geringste Übel“.

    Oder man versucht, sich selbst wählen zu lassen, um so an der Wahl teilzunehmen, doch da haben die bisher Gewählten die Regeln so komplex und schwierig gemacht, dass es eher von der momentanen Version der Demokratie abschreckt als einlädt.
    Insofern wähle ich in Zukunft nur noch, wenn ich wirklich gute Gründe habe und nicht weil ich es als „Pflicht“ verstehe. Heißt ja nicht umsonst „Wahlrecht“ 🙂
    … und Rechte kann man wahrnehmen, man muss aber nicht (gilt auch für die anderen Rechten ;))

    Ansonsten wird es in Deutschland immer einen „Fachkräftemangel“ geben, denn irgendein/e Betrieb/Firma sucht immer jemanden, selbst bei nur 1000 sog. Arbeitslosen in Deutschland 😉
    Mich würde zudem mal interessieren, ob der sog. „Fachkräftemangel“ genau dann in die Medien kam, als das Wort „überqualifiziert“ nicht mehr so angemessen war.

    Alles in allem ist es zudem ein Problem von „Kurzfristigkeit vs. Mittel-/Langfristigkeit“. Eine Ausbildung dauert nunmal meist länger als irgendeine Boomphase in der Wirtschaft anhält. Das wissen viele meiner ehemaligen Mitkommilitonen, die Geodäten, bestens … Anfang der 1990er Jahre im „Bauboom“ angefangen, Ende der 1990er fertig geworden … da ging dann gerade u.a. Philipp Holzmann pleite und gebaut wurde auch etwas weniger (auch wenn’s manchmal nicht so aussieht 🙂 und somit wurden auch weniger Vermesser gebraucht; hinzukamen technische Veränderungen (GPS etc.).

    Doch auf letzteres kann Politik auch keine Lösung haben, denn die Wahlperioden sind nur vier Jahre lang und zudem ist das Parteibuch entscheidend, mitunter auch im „normalen“ Berufsleben 😉
    Nach einem Jahr im Politikalltag kennt man auch seine Möglichkeiten besser und ab 50 bereiten sich viele sowieso auf den Übergang in die Pension vor … also sind die einen eher ruhig und die anderen – die sog. Spitzenpolitiker (heißen so weil sie „an der Spitze“ sind, nicht primär weil sie „Spitze“ sind :)) pflegen ihren Job im „Phrasendreschen“ … business as usual.

    Und da sie nicht nur reden können, machen sie dann noch „sinnvolle Gesetze“, wie man mit dem Thema „Arbeitslosigkeit“ umgehen soll. Und eine Fachkraft ist als Putzkraft oder Taxifahrer immer noch gut für die Statistik. Da hat der „Normalpolitiker“ wenigstens was davon. Alles andere bedarf eine wirkliche Beschäftigung mit der Materie. Doch darauf haben die wenigsten Lust oder nicht genügend Grips, also bleibt’s bei Beschäftigungsmaßnahmen (ABM, 1-Euro-J., sog. Bürgerarbeit“).

    Selbst sog. ausländische Fachkräfte dürfen erst ab einem
    Jahresgehalt von 64.000+ Euro anfangen. Hol da mal jemand nach außerhalb von München, Hamburg, Stuttgart etc. 🙂 … das ist Realsatire vom Feinsten.

    Und genau aus diesem Grund gehe ich nicht mehr wählen, denn veralbern kann ich mich immer noch selbst am besten 🙂

  2. Naja, das mit dem „nicht wählen gehen“ ist ein Thema für sich. Mir geht es ja selbst so – ich überlege auch jedes Mal, ob ich bei einer anstehenden Wahl überhaupt hingehe und welche Kompromisse ich eingehe. Was bringt’s? An dem Spruch „wenn Wahlen wirklich etwas ändern würden, hätte man sie längst verboten“ ist ja durchaus etwas dran. Andererseits sage ich mir immer: Erst wollten wir Mitbestimmungsrecht und nun nehmen wir es nicht wahr. Und Kompromisse wird man auch immer eingehen müssen. Also ist es schon besser, wählen zu gehen, auch wenn es häufig nur das geringere Übel ist. Wiederum andererseits passiert es mir dauernd, dass ich auf der Straße meine Mitbürger mit ihren intelligenten Gesichtsausdrücken beobachte und mir sage: Die dürfen auch alle wählen gehen! Das erklärt auch so einiges … Aber soll man nur bestimmte Leute zur Wahl zulassen? Oder nur nach einem Intelligenztest? Das kann’s auch nicht sein. Schön wäre, wenn nur die wählen gingen, die sich tatsächlich dafür interessieren und sich mit den Themen und den wählbaren Personen auseinandergesetzt haben. „Aber eine geringe Wahlbeteiligung nutzt doch den Extremisten!“ … jaja, schon klar.

    Dass man gelegentlich örtlich oder zeitlich auf bestimmte Berufszweige begrenzt Fachkräftemangel feststellen kann, ist schon klar. Bei Pflegepersonal scheint ein solches Problem zu existieren. Aber gleich zu behaupten, Deutschland würde an einem allgemeinen solchen Mangel leiden, ist schon etwas arg.

  3. Es sind zweierlei Schuhe, zum Einen wird über mangelnde Fachkräfte geklagt, zum Anderen werden diese dann nicht eingestellt oder mit Gehältern abgespeist, die anderswo wesentlich besser sind. Beides wird wohlweislich von den Politikern verschwiegen, ist ja dann unpopulär. Unpopulär ist außerdem zu erklären, dass gute Ausbildung (und Fachkräfte brauchen diese nunmal) Geld kostet. Egal, ob es sich um fundierte Schulausbildung handelt, oder die darauf folgende Berufsausbildung an Berufsschule oder Universität. Große Konzerne geben für die Ausbildung ihres Berufsnachwuchses das wenigste Geld aus, manche bilden überhaupt nicht aus. Erst nahm man den Nachwuchs aus der „alten Zone“, denn der war gut ausgebildet. Leider ist die „Zone“ seit 20 Jahren verschwunden und die dort Ausgebildeten sind inzwischen zu alt um noch wirtschaftlich zu sein. Und jetzt, o Gott, Niemand groß mehr da! Also woher nehmen? Ach ja, über Zuwanderung. Andere Länder bilden nämlich noch gut aus, auch wenn sie wirtschaftlich wesentlich ärmer sind. So spart man in Deutschland wieder Geld, gut so in der Finanzkrise, die man gleich noch ein wenig länger im Munde führen kann, als sie eigentlich ist. Wir brauchen so kein Geld ausgeben für bessere Studienbedingungen (die Umstellung auf das Bachelor/Masterstudium hat einen Haufen Chaos verursacht, den die Hochschulen bei sinkendem Zuschuss immer noch nicht in den Griff bekommen haben), wir brauchen keine solide Berufsausbildung. Jobtraining, wie in Amerika, prima. Gehälter, bitte möglichst billig, es ist ja Finanzkrise! Der Rest kommt aus dem Ausland-nur wo bleibt er denn? Geht der etwa auch dorthin wo bessere Gehälter gezahlt werden? Na so was!

  4. Nicht Anonymus-sondern nur vergessen Identität auszufüllen!

  5. zum Einen wird über mangelnde Fachkräfte geklagt, zum Anderen werden diese dann nicht eingestellt oder mit Gehältern abgespeist, die anderswo wesentlich besser sind

    Ja, das kann man zur Zeit in Dresden in der Halbleiterindustrie erleben. Ich habe kürzlich mit jemandem geredet, der bei Qimonda gearbeitet hat und im Zuge der Schließung dieser Firma entlassen wurde. Momentan erklärt aber Global Foundries (ex AMD), expandieren zu wollen und die hiesige Fertigung erweitern zu wollen. Ich habe ihn deshalb gefragt, ob er dort nicht Chancen hätte? Ja, meinte er, sofort. Allerdings stellen die nicht selbst ein, sondern machen alles über die beliebten Zeitarbeitsfirmen. Das bedeutet für den Arbeiter, dass er ca 1/3 weniger Geld bekommt und die üblichen stark eingeschränkten Rechte akzeptieren müsste.

    Das Dumme ist, dass es dieses „Anderswo“ mit den „wesentlich besseren Gehältern“ in vielen Berufszweigen gar nicht gibt.

    Übrigens ist es aber nicht so, dass „niemand mehr da“ ist, nur weil manche Betriebe nicht selbst ausbilden. Es gibt immerhin Berufsschulen (meine Frau ist an einer solchen Lehrerin), an denen immerhin durchaus noch der eine oder andere junge Mensch einen Abschluss schafft 😉

  6. „Übrigens ist es aber nicht so, dass „niemand mehr da“ ist, nur weil manche Betriebe nicht selbst ausbilden. Es gibt immerhin Berufsschulen (meine Frau ist an einer solchen Lehrerin), an denen immerhin durchaus noch der eine oder andere junge Mensch einen Abschluss schafft ;-)“

    Ja sicher war es etwas übertrieben- wir sind in der Ehegattenberufsfraktion Leidensgenossen ;-). Ich meinte mit Niemand mehr da eher meine Generation, also die der gut 40-ger, die nach der Wende jung und gut ausgebildet waren und somit willkommen. Mein Mann hat eben an der Berufsschule Lehrlinge aus Industrie und Handwerk und somit einen gewissen Vergleich. Das handwerk hat in den gesamten letzten 20 Jahren immer versucht noch ordentlich auszubilden, während in der Industrie die Lehrlinge oft billige Mitläufer sind, learning by doing, kann – muss aber nicht immer gut sein. Ich selbst bilde im Pflegebereich aus und weiß, dass viele Absolventen dann doch weggehen oder müssen. In der Schweiz z.B. ist Jeder, der einen einigermaßen ordentlichen Abschluss auf diesem Gebiet gemacht hat, herzlich willkommen- zum besseren Preis. Aber ich will nicht jammern, wollte es nur noch mal verdeutlichen.

  7. Ich setze noch eine drauf und sage, dass das alles nur erfunden wurde um Gehälter der Deutschen Fachkräfte zu drücken, denn diese Fachkräfte gibt es sehr wohl, allerdings will die Wirtschaft keine angemessene Bezahlung bieten und versucht so billige Arbeitskräfte aus dem Ausland zu bekommen, mit denen man die Deutschen Fachkräfte unter Druck setzen kann,womit das fortgeführt wird, was die Agentur für Arbeit mit deren „Kunden“ und Vermittlung an Verleihfirmen schon längst macht.

    Wenn diese Story dann wieder erfolgreich durchgedrückt wurde, darf u.a, RTL wieder darüber berichten, wie Deutsche Fachkräfte, die in DE verzweifelt einen Job suchten resigniert z.B. nach Schweden gehen, wo sie deutlich besser bezahlt als in DE wirklich benötigt werden.

    Armes Deutschland !

  8. sehr,sehr guddi geschrieben………

    danke dir…

    grussi….. :-O

  9. Kann sehr gut sein, Bagsida, dass dieser „Fachkräftemangel“ eine erfundene Mär ist. Vielleicht auch von der INSM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft), so wie der Spruch „Sozial ist, was Arbeit schafft“ 😉 … Mann, wenn man diesen Spruch mal auf Zwangsarbeit anwenden könnte – das wäre echt Spitze 😉
    Und wenn man dann noch Fachkräfte aus Schwellenländern zu Gehältern von dort bekommen könnte 😉

    Alles in allem würd‘ ich’s mal Halbwahrheit nennen, weil „erfunden“ nach Lüge klingt und Lügen bemerkt man leichter. Bei Halbwahrheiten ist’s schwieriger, weil man immer den wahren Teil noch sieht 😉

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