Broder bei Illner

Ich sehe mir gerade seit langem einmal wieder „Maybrit Illner“ an – und das nur, weil meine Reiz-Figur Henryk M. Broder dabei ist. In der Sendung geht’s – wie könnte es anders sein – um Sarrazin. Es ist keine Maybrit Illner-Sendung, sondern eine Broder-Show. Er ist der Mittelpunkt und alle anderen wirken sehr farblos. Dass er der Mittelpunkt ist, meine ich nicht negativ. Ich habe das Gefühl, dass ich meine Meinung über Broder wieder einmal neu überdenken sollte. Anfang der 90er fand ich ihn ganz interessant, später nervte es mich, dass er sich herausnahm, jeden nach Belieben heruntermachen zu können, weil Kritik daran ja Kritik an einem Juden, also antisemitisch, also rechts sei. Und aus dieser sicheren Schutzposition heraus beschimpfte Broder jahrelang gutbezahlt im SPIEGEL nach Belieben jeden, der ihm nicht passte. Damit war er für mich gestorben.

Inzwischen funktioniert diese Scheinlogik „Kritik an einem einzelnen Menschen, der zufälligerweise auch Jude ist“ = „Nazi“ glücklicherweise nicht mehr so einfach. Und kürzlich las ich wieder einmal wieder ein – inzwischen älteres – Buch von ihm: „Die Irren von Zion“. Absolut großartig! Kann ich jedem nur empfehlen, der etwas über Israel lernen möchte.

Broder ist in der laufenden Sendung der Einzige, der durchdachte Sätze von sich gibt, allen anderen (auch diesem Pro-Sarrazin eingestellten Roger Köppel) hört und sieht man an, dass sie der Meinung sind, vorgefertigte Positionen verteidigen zu müssen. Und Broder legt es hier noch nicht einmal darauf an, zu provozieren, sondern stellt nur klar. Und auch, wenn ich ihn jahrelang nicht leiden konnte, muss ich zugeben: Sehr intelligent. Und schlagfertig. Die iranische Politologin Naika Foroutan tut mir richtig leid. Sie meint es wirklich gut und wirkt ehrlich engagiert. Aber sie hat mit ihrer Naivität gar keine Chance gegen Broder. Cem Özdemir versucht es lieber gar nicht erst wirklich.

Na gut, wenn ich die noch herumliegenden Bücher (Tarrach – Der ewige Sündenbock, Henry Miller – Plexus) demnächst ausgelesen habe, könnte ich vielleicht doch einmal wieder über Lektüre von Herrn Broder nachdenken.

14 Kommentare:

  1. Sarrazin et consortes

    Ich behaupte: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

    Ich behaupte: Integration wird nicht primär durch das perfekte Erlernen der deutschen Sprache durch Migranten, sondern auf dem Wege der Erziehung von Kindern und Jugendlichen (egal ob von Migranten oder Nichtmigranten, und egal mit welchen Genen) zu selbständigem Denken und Urteilen sowie verantwortungsbewusstem Handeln erfolgreich betrieben

    Ich behaupte: Die Schuld für die Unfähigkeit, Kinder und Jugendliche (egal ob von Migranten oder Nichtmigranten, und egal mit welchen Genen) zu selbständigem Denken und Urteilen sowie verantwortungsbewusstem Handeln zu erziehen, ist nicht bei Kindern und Jugendlichen (egal ob von Migranten oder Nichtmigranten, und egal mit welchen Genen) zu suchen. Die Schuld liegt bei uns. Es sind wir, die unsere kostbare Zeit mit Diskussionen pro oder kontra solchen „Wahrheitsverkündern“ vergeuden. Es ist eine tolle Ersatzbefriedigung: Statt dem Kinde und dem Jugendlichen (egal ob von Migranten oder Nichtmigranten, und egal mit welchen Genen) ins Gesicht zu schauen, statt uns selbst ins Gesicht zu schauen, schauen wir in das vertraute Gesicht „unserer“ Mehrheit. Und diese lächelt uns wie immer an.

    Ich frage mich: Wo bleibt unsere Würde?

  2. zu Broder habe ich auch ein gespaltenes Verhältnis, bewundere aber seine Fähigkeit in den Dampfwolken der Sprechblasen seiner Gesprächspartner sofort die Schwachstelle zu erkennen und pointiert zu kontern. MIch wundert allerdings, was der so alles sagen darf. Vergleicht das Merkel mit der Reichsschrifttumskammer. Sowas. Etwas sehr starker Tobak. Wenn ich da an das Gezeter über den „inneren Reichsparteitag“ Fußball -WM denke – mein lieber Schwan. 00Broder mit der Lizenz zum Dings oder was weiß ich.

    Allerdings sind Personen, zu denen man ein gespaltenes Verhältnis hat, die interessanteren. Man denkt über sie nach und das will schon was heißen. Zu Paolo Pinkel habe ich dagegen kein gespaltenes Verhältnis, da ist die Sache klar.

    Das Thema Sarrazin wird uns sicher noch eine Weile beschäftigen, aber da ich morgen in den Urlaub fahren (Besuch einer Weltkulturerbestätte) will und noch etwas packen muß – Tschüß bis später.

    P.S. bei K.B. steht B. für Brocken – Broder hat da auch Talente. Aber warum nicht. Die alten Römer nahmen dafür die Pfauenfeder.

  3. Ich kann die Zustimmung für Herrn Broder nicht nachvollziehen. Überlegte ich bei früheren Auftritten noch ob seine Provokationen eventuell ganz spannend sind, fand ich seinen letzten Auftritt bei Illner nur noch lächerlich.
    Als Frau Foroutan für mich sehr stichhaltig darlegt, wie Herr Sarrazin in seinem Buch wissenschaftlichkeit vortäuscht, indem er vier Jahre positive Entwicklung einfach ignoriert, und statt sich mit der Gegenwart zu beschäftigen Statistiken von 2005 auf Heute hochrechnet, beruft sich Broder auf eine ominöse Dunkelziffer in der Statistik, die natürlich per se völlig unfassbar ist, aber anscheinend trotzdem erklärt warum in Deutschland die meisten Verbrechen von Muslimen verübt werden. So ein Quatsch muss einem erstmal einfallen.
    Ähnlich geht er mit Cem Özdemirs Einwand um, in Katholischen Ländern wären die Morde an Ehefrauen ein ernsteres Problem als Ehrenmorde in Deutschland. Offensichtlich sind Ehrenmorde das wichtigste Verbrechen überhaupt, unabhängig davon wieviele es tatsächlich gibt.

    Ich hoffe nach diesem Auftritt werden ihm nicht mehr so oft Bühnen geboten, aber wie ich die Deutsche Medienlandschaft so kenne wird eher das Gegenteil der Fall sein.

  4. Der Text gab meinen Eindruck live während der Sendung wieder. Wenn ich mir das noch einmal nachträglich ansehen und dabei etwas analytischer herangehen würde, kann ich mir schon vorstellen, dass ich einzelne Aussagen anders bewerten würde.

    Broders Meinung zu Morden an Ehefrauen in Katholischen Ländern (da ging’s um Mexiko, oder?) fand ich allerdings auch etwas eigenartig.

  5. Ich glaube. ich muss meine teilweise harten Urteile gegenüber Henryk M. Broder teilweise wieder revidieren 😉 …

    Interessanter Artikel im Spiegel Nr. 36 (diese Woche) …
    S. 162 …
    DEBATTE – Thilo und die Gene: Streitfall Sarrazin: Haben eigentlich alle dasselbe Zeug gekifft? Von Henryk M. Broder

    Leider nicht im Netz verfügbar … die 3,80 Euro haben sich für mich – als zweimal im Jahr nen Spiegel kaufen 😉 – diesmal gelohnt.

  6. Nach meinem Eindruck hat Frau Foroutan nur sehr aufgeregt behauptet, daß Sarrazins Statistiken von 2005 ur-ur-alt seien, sie dagegen im Besitz der allerneusten Zahlen,persönlich überreicht vom Berliner Polizeipräsidenten sei. Das persönliche Schreiben ist im web abrufbar – nur angesichts dieser dünnen Datenlage, die eine rasante positive Wende in den letzten 4 Jahren dokumentieren soll, von stichhaltigen Darlegungen zu sprechen, dürfte wohl etwas gewagt sein. Auch eine vom Berliner Polizeipräsidenten präsentierte Prozentzahl darf kritisch hinterfragt werden – siehe dazu das Buch von Kisten Heisig, Seite 27 ff.. Tat, Täter und Tatverdächtigen auseinanderzuhalten – auf diesen Quatsch muß man erst mal kommen.Wenn Frau F. etwas stichhaltig dargelegt hat, dann war es dies, daß sie einen recht kreativer Umgang mit Zahlen pflegt.
    Hybride Mathematik wahrscheinlich. Woher sie die Information bezogen hat, daß Vietnamesen auf Platz 3 in der Berliner Gewaltkriminalität gelandet sind, wird auch ein Geheimnis bleiben. In der gesamtdeutschen PKS aller nichtdeutscher Täter- also nicht nur der Gewalttäter rangieren die Vietnamesen auf Platz 10, wobei ca.50 % der Delikte Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht ausmachen.
    Ganz toll war auch ihr Einwand, daß es unter Migranten zwar mehr Bezieher von Sozialleistungen gäbe, unter den autochtonen Deutschen dafür aber mehr Rentner seien.

    „Ähnlich geht er mit Cem Özdemirs Einwand um, in Katholischen Ländern wären die Morde an Ehefrauen ein ernsteres Problem als Ehrenmorde in Deutschland. “

    Dieses Argument entbehrt nicht einer gewissen Logik – in katholischen Ländern ist die Zahl der ermordeten katholischen Ehefrauen zweifellos höher als die Zahl der Ehrenmorde und damit ein ernsteres Problem. Auch in Deutschland ist die Zahl der „Familientragödien“ mit tötlichem Ausgang wahrscheinlich höher als die Zahl der Ehrenmorde. Könnte möglicherweise an der Bevölkerungsstruktur liegen, daß es in einem katholischen Land mehr katholische als muslimische Opfer gibt oder hat Herr Özdemir da irgendwelche belastbaren Zahlen zur Hand gehabt, die etwas anderes beweisen ?

    „Offensichtlich sind Ehrenmorde das wichtigste Verbrechen überhaupt, unabhängig davon wieviele es tatsächlich gibt.“

    Nein- Ehrenmorde sind natürlich völlig unwichtig, Betriebsunfälle gewissermaßen. Man erkennt dies daran, daß die Täter im Nachhinein zu Helden erklärt werden, wie u.a. die Fälle Morsal Obeidi (Hamburg) und Hatun Sürücü (Berlin) eindrucksvoll demonstrieren. Dies unterscheidet den „Ehrenmord“ übrigens in der Regel von der deutschen „Familientragödie“. Man benennt auch keine Straßen und Plätze nach Ehrenmordopfern und kein Zentralrat wird im Bundeskanzleramt vorstellig, kann also überhaupt nicht wichtig sein. Apropos Zentralrat : als im Oktober 2009 in Dresden der Prozeß gegen Alex W., den Mörder von Marwa El Sherbini begann und Journalisten, Botschafter, Zentralräte und Prediger – Pierre Vogel mit seiner Truppe durfte da natürlich nicht fehlen – ihre ganze Aufmerksamkeit auf ein Gebäude am Dresdner Sachsenplatz richteten, wurde in Köln-Bilderstöckchen die Ehefrau eines Jordaniers von ihrem Gatten auf offener Straße regelrecht abgeschlachtet. Der Fall schaffte es gerade mal in die Lokalpresse – also offenbar völlig unwichtig.

  7. Was verstehst du denn unter einer „Behauptung“, Lilia? 🙂

    Prinzipiell stimme ich diesen Aussagen zu, doch aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man erst weiß, was Menschenwürde ist, wenn sie einem mal genommen wurde oder wenn man sich dessen bewusst geworden ist.
    Ohne Schmerz keine Erkenntnis odeer anders ausgedrückt: erst wenn ich auf die heiße Herdplatte greife, merke ich dass sie heiß ist.
    Das heißt nun nicht, dass ich unbedingt auf die heiße Herdplatte greife muss, um zur Erkenntnis zu kommen. Doch ich greife eher auf eine heiße Herdplatte, wenn mir jemand sagt „Greife bloß nicht auf die Herdplatte.“ und noch mehr wenn dort steht „Auf die Herdplatte greife ist verboten.“ als wenn mir jemand ganz sachlich-nüchtern sagt (oder schreibt) „Die Herdplatte ist heiß.“
    Wenn ich nicht weiß, was „heiß“ bedeutet greife ich vielleicht mal kurz drauf oder frage jemanden, was „heiß“ bedeutet; mit anderen Worten: ich kann selbst meine Erkenntnis voranbringen – den Weg kann ich selbst wählen.
    Bin ich spontan und probiere gern aus, greife ich drauf, schreie kurz auf, habe ein paar Tage ne Brandblase o.ä. und dann weiß ich, was der Satz „Die Herdplatte ist heiß.“ bedeutet 😉

    Da du schon das Grundgesetz zitiert hast, m.E. wird es an jedem Tag von diversen staatlichen Institutionen mit den Füßen getreten – in vollen Bewusstsein und ganz legal (!).
    Ich zitiere dazu mal die frühere Hamburger Justizsenatorin Lore-Maria Peschel-Gutzeit aus einem Interview beim DRadio Kultur (23.05.2009): „Was [also] in einfachen Gesetzen steht, ist nicht etwas, was sich in jedem Punkt an der Verfassung messen lassen muss und kann.“
    Mehr dazu (Vorsicht Eigenwerbung ;)) hier: http://pirat-micha.blogage.de/de/entries/2010/2/3/Ist-Zwangsarbeit-in-Deutschland-eigentlich-verboten

    Und um deine letzte Frage „Wo bleibt unsere Würde?“ zu beantworten … das kann nur jede/r allein herausfinden, kein Gesetz dieser Welt wird dir dabei helfen … insofern viel Erfolg 😉

  8. Ich behaupte: Es sind wir, die – vor lauter Langeweile – unsere eigene Würde mit unseren eigenen Füßen platt treten, in dem wir uns mit Sarrazin & Co beschäftigen 🙂

  9. Ich finde die Beschäftigung mit „Sarrazin & Co.“ sehr wohl wichtig, als Spiegel nicht zum Abreagieren.

    Ich glaube auch nicht, dass man etwas platt tritt, wenn man es einmal kennt – manche vielleicht, hmm, weiß es nicht. Viele wissen nur nicht, was Würde ist oder würden es anders nennen.
    Ich kann da sehr genau und vielleicht „spitzfindig“ werden, wenn mir jemand mit Sätzen mit „wir“ kommt.

    Das „wir“ habe ich früher zu DDR-Zeiten häufiger gehört und jetzt immer mal wieder, wenn man Menschen einschwören will auf irgendetwas … es fängt immer erst mit (je)dem Einzelnen an, danach kann das „wir“ gern kommen. Wer sofort mit dem „wir“ anfängt, sollte sich ab und zu mal umschauen, ob er nicht in einer Herde läuft 😉
    Es sei denn man will eine Herde anführen, dann hinterfragt man das ganze natürlich anders … und möchte meist nicht, dass andere das hinterfragen 🙂

    Insofern, wie wär’s mal mit Sätzen statt „Behauptungen“, Lilia? 😉

  10. Michael Winkler

    Nicht gerade passend zu diesem Artikel, doch im Ansatz schon. Ein FAZ-Artikel von heute – „Im blinden Hass gegen Hass“ erwähnt der Autor, dass der Attentäter von Oslo angeblich auch Texte von Henryk M. Broder angetan gewesen zu sein.
    Broder hat auch schon in der Welt-Online dazu Stellung genommen.
    Nur so Rande … weil es hier um Herrn Broder ging. Etwas mehr dazu vielleicht später mal…

  11. Michael Winkler

    Nicht gerade passend zu diesem Artikel, doch im Ansatz schon. Ein FAZ-Artikel von heute – „Im blinden Hass gegen Hass“ erwähnt der Autor, dass der Attentäter von Oslo angeblich auch Texte von Henryk M. Broder angetan gewesen zu sein.
    Broder hat auch schon in der Welt-Online dazu Stellung genommen.
    Nur so Rande … weil es hier um Herrn Broder ging. Etwas mehr dazu vielleicht später mal …

  12. Ja, „Werbung“ – hab mich mal an Broder rangetraut 😉 … „e-Mail an Henryk M. Broder“

    (Nachtrag 2013: Artikel nicht mehr online, Anm. Frank)

  13. Ich wollte sofort spontan dazu bemerken, dass Post an Broder auf http://www.henryk-broder.com landet – aber wie ich sehe, hast Du das selbst bemerkt. Deine Mail ist aber nicht feindselig genug, um dort zu erscheinen 😉

  14. Leider nicht im Netz verfügbar

    doch

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