Darf man nun eigentlich „Zigeuner“ sagen oder nicht?

Heute im „Weltspiegel“ (ARD) kam ein Bericht aus einer Stadt Moldawiens, in der sich immer mehr Sinti und Roma aus ganz Europa ansiedeln. Da der Staat sie anscheinend ziemlich in Ruhe lässt, haben sie dort fast so etwas eigenes Königreich. Immerhin haben sie aber einen Baron – so bezeichnen sie ihr akzeptiertes Oberhaupt. Und der erzählte dem Reporter ganz klar, dass sie sich selbst Zigeuner nennen und auch Wert darauf legen.

Den Beitrag kann man sich in der Mediathek ansehen (stellenweise ganz witzig, aber nicht sehr tiefschürfend), ansonsten ist hier die Textversion:

(Nachtrag 2013: Nicht mehr online).

Aber was hat das für Konsequenzen? Gilt nun weiterhin die Regel, wegen der political correctness „Sinti und Roma“ zu sagen? Oder hat nicht das Vorrang, was die Betroffenen selbst wollen? Zumal es sogar ihr Oberhaupt so festlegt? Andererseits wurde die Bezeichnung „Sinti und Roma“ nicht nur von entgegenkommenden Westeuropäern gefordert, sondern auch von Zigeunern selbst: „Die Durchsetzung und Etablierung von ‚Sinti und Roma‘ geht wesentlich zurück auf die Anstrengungen der seit den 1970er-Jahren entstandenen Selbstorganisationen der Sinti und Roma und der Bürgerrechtsbewegung für die gesellschaftliche Anerkennung und Integration der Minderheit.“ (Wikipedia)

Aber wer hat nun mehr Recht? Irgendeine Selbstorganisation oder der Baron? Die Meinung des Barons würde uns zumindest von der albernen Situation befreien, „Sinti und Roma“ sagen zu müssen, obwohl man gerade nur mit Einem zu tun hat.

7 Kommentare:

  1. Wenn ich den Wikipedia-Artikel recht verstanden habe, dürfte die Selbstbezeichnung eines einzelnen Angehörigen entweder „Rom“ oder „Sinto/Sintiza“ sein. Keine Rede also von albernen Situationen.

  2. Ich meine das auch anders herum: Angenommen, nur ein Mitglied dieser ethnischen Gruppe betritt z.B. die Straßenbahn – soll man da sagen „ein Sinti oder Roma betrat die Bahn“? Oder soll das Schlagerduo Cindy und Bert seinen Hit „Aber am Abend da spielt der Zigeuner “ umnennen in „… da spielt der Sinti oder Roma“?

  3. Ich hab den Bericht auch gesehen, Frank … er wurde wohl auch über den Umweg Sarkozy-Frankreich-Zigeneuner-S&R-Politik sozusagen ins Programm eingeführt.
    Witzig war der Baron ja schon, mit seiner selbst gebauten „Capitol“-Kopie (oder war es das Weiße Haus?).

    Bezeichnend fand ich natürlich auch die Verheiratung der Frau, die als dabei nicht sonderlich glücklich aussehend bezeichnet wurde … und es wahrscheinlich auch nicht war.

    Was die Terminisierung anbetrifft, so kann man wohl allgemein sagen, dass man „mehrgleisig“ fahren kann. Ich versuchte da im Zweifelsfall immer beide Bezeichnungen zu verwenden.
    Und wenn man mit den Betreffenden zusammen ist, dann fragt man diese am besten selbst.

    Wenn man jemand etwas länger kennt und sich auch über den Humor bisschen austauschen kann, dann ist das auch leichter. Da hätte ich nicht mal ein Problem damit, wenn mich jemand mit „you little nazi“ anspricht 😉 … was ohne sich vorher kennenzulernen, zu einer erheblichen Verstimmung führen würde 🙂

    Ich denke, solche Political Correctness bewirkt häufig das genaue Gegenteil, weil sie Kommunikation eher verhindert als fördert. Kann man nur selbst lösen, denke ich … und persönliche Erfahrungen sind sowieso die nachhaltigsten.

    Ich erinnere mich daran, dass ich mal eine Freundin einer Freundin, die aus Mocambique stammte und wirklich sehr dunkel sozusagen war, fragte ob ich ihr einen Kaffee machen könne. Sie sagte „Yes“, Ich: „Black coffee?“, Sie „Plain coffee.“ … zwei Sekunden später in der Küche dachte ich ‚Oooops, hab ich da jetzt ein ziemliches Fettnäpfchen erwischt.‘

    Ich sprach sie dann darauf an und sie meinte, dass es kein Problem wäre … sie hatte das wahrscheinlich gar nicht so wahrgenommen. Letztlich kann man nur darüber reden, z.B. dass man in Deutschland eben meist bzw. häufig „Kaffee schwarz“ sagt.
    Umgehen kann man das „black“ oder „plain“ natürlich auch mit einem „Milk? Sugar?“ 😉

    Also, alles in allem kommt man sowieso nicht um Situationen herum, wo man etwas mehr reden „muss“, vermute ich. Sofort richtig, geht nicht, weil es kein sofort richtig gibt, würde ich meinen 😉

  4. Das mit der korrekten Benennung bleibt für mich sowieso nur theoretischer Natur, da ich zu selten mit Sinti, Roma oder anderen Zigeunern zu tun habe. Klar würde man einfach fragen, wenn man mit einem konkret zu tun hätte.

    Übrigens war der Film wirklich total oberflächlich. Allein schon diese deutlich zwangsverheiratete junge Frau zeigte ja, dass es nicht allen Zigeunern so toll geht in Moldawien. Wenn man sich nur halbwegs beliest, stößt man schnell auf Schilderungen, nach denen es ihnen auch in Moldawien nicht sehr gut geht. Und in einem Bericht von „Fakt“ wurde gezeigt, woher die Bettler in Dresden* bzw. die teilweise aggressiv bettelnden „Scheibenputzer“ auf Berlins Kreuzungen kommen: Das sind arme Roma (allerdings in dem Film aus Rumänien, Region Moldau), die von Schlepperbanden nach Deutschland gebracht werden. Dadurch sind sie natürlich gleich erst einmal bei diesen Bandenchefs verschuldet (Fahrt- und Unterkunftskosten) und behalten so letztlich kaum etwas von dem eingenommenen Geld. An ihnen verdienen ausschließlich wenige reiche Zigeuner, die sich dann Prachtvillen bauen lassen. Als in dem „Weltspiegel“-Beitrag die Häuser der lustigen „Zigeunerbarone“gezeigt wurden, kamen mir automatisch die fast gleichen Bilder aus dem „Fakt“-Beitrag in den Sinn. Ich will damit nicht sagen, die bei „Weltspiegel“ Gezeigten wären allesamt Oberhäupter von Verbrecherbanden, aber im Film wurde nicht einmal die nachvollziehbare Frage gestellt, woher eigentlich der Reichtum kommt, mit dem sich Manche riesige Paläste bauen lassen, obwohl ihr Volk eines der ärmsten ist.

    (* Die sind inzwischen wieder verschwunden)

  5. Ja, solche Hintergrundinfos sind wichtig, Frank … man ahnt es ja immer irgendwie 😉 … warum sollten andere Völker, Kulturgruppen nur aus guten Menschen bestehen?
    Tja, letztlich herrscht bei den Sinti und Roma wohl das Patriarchat und ganz andere Dinge, die wohl eben so sind wie sind manchmal sind. Das Wedeln mit den Geldscheinen bei der Hochzeit hatte ja auch einen ganz speziellen Charme 😉

    Fragt sich eben … was die Intention des ARD-Weltspiegels war bzw. der verantwortlichen Redakteure … dass es Sinti & Roma & Zigeunern in dem moldawischen Städtchen besser geht als in Frankreich??
    Letztlich war der Beitrag ja völlig schräg … er brachte ein etwas seltsames Bild von Moldawien und lenkte gleichzeitig von den Problemen in Frankreich ab 🙂 … journalistische Meisterleistung der ARD – naja, wozu gibt’s GEZ-Gebühren 😉

    Ich versuch’s mal mit der Geschichte der Sinti & Roma … nachdem ich mir vor Jahren in Prag mal ein Buch gekauft habe, könnte ich glatt mal wieder reinschauen 😉

  6. Übrigens gibt es nicht nur Zigeuner-Barone, sondern auch noch einen König, allerdings auch einen gegenüberwohnenden Kaiser. Beide sind nicht gut aufeinander zu sprechen. Die Sache mit der Heirat könnte an einer jahrtausendealten Tradition liegen, die – wie der König betont – nun einmal zu der betreffenden Kultur gehört. Kann man nichts machen …

  7. @König, Baron etc.
    Naja, „irgendwo hier in der Nähe“ soll’s ja mal nen „König Kurt“ gegeben haben … und im Süden da lebt der „Kaiser Franz“.

    Ja, und mit der Heirat … tja, andere tun „so was“ ja auch freiwillig 😉

    Meine erste Teilnahme an einer arrangierten indischen Hochzeit sah ungefähr genauso aus wie in dem Report … Geld hing dem Bräutigam auch von der Kleidung (war festge“tackert“) und die Braut muss wohl auch traurig sein, wiel sie ihre Familie verlässt … ist sie wahrscheinlich auch. Naja, vom Regen in die Traufe in manchen Fällen vermutlich … möchte das nicht überbewerten.

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