„18 Stiche“, Dresden, Schillerplatz

Darf man an einem Verein Kritik üben, der sich immerhin vorgenommen hat, „der Ausbreitung des Rechtsextremismus und rechtsextremer Gedanken entgegenzuwirken“? Oder ist man dann bereits selbst ein Nazi?

Solche Gedanken gehen einem automatisch durch den Kopf, wenn man die gestern am Schillerplatz aufgestellte Stele sieht. Dabei will ich gar nicht die Aktion an sich kritisieren. Dass es Alltagsrassismus gibt, kann schlecht wegdiskutiert werden. Und es ist auch richtig, immer einmal wieder darauf hin zu weisen. Aber die Umsetzung ist kritikwürdig. Eine fast mannshohe Betonskulptur steht nun in dem Bereich, wo die meisten Fußgänger entlang kommen. Sie ist nicht im Boden befestigt. Stabilisiert wird sie lediglich von zwei Stäben. Sie steht noch nicht einmal gerade, sondern leicht schief (falls ich mich nicht täusche).

Am Schillerplatz

Ich bin der Meinung: Gerade steht die nicht. Was keinen guten Eindruck vermittelt, ...

... wenn dieses Betonelement schon nur von zwei Streben "gesichert" wird.

Okay – sie steht wenigstens nicht mitten im Weg. Aber nun herrscht ja am Schillerplatz zu bestimmten Tageszeiten viel Fußgängerverkehr. Dort fahren auch Radfahrer entlang. An jedem Dienstag, Donnerstag und Sonnabend sind direkt daneben die Marktstände aufgebaut, wodurch es in diesem Bereich ziemlich eng wird. Nun male ich einmal etwas schwarz und stelle mir vor, es kommt aus irgendwelchen Gründen zu Gedrängel, jemand stolpert dagegen oder ein paar Jugendliche schubsen sich, ein Rentner springt spontan zur Seite wegen eines Fahrradfahrers  … was weiß ich. Jedenfalls: Das Betonteil kippt. Und es steht gerade jemand dahinter. Vielleicht trifft es sogar ein Kind (was in der Zeitung anschließend noch dramatischer herüber käme). Dann wird es ein großes Geschrei geben, man wird sagen, so hätte man das auch nie machen dürfen … es werden plötzlich sehr viele Experten in den Medien auftreten, welche erklären, dass das ganz klar absehbar war, sie hätten ja bereits vorher gewarnt. Man wird fragen, wer der Schuldige ist. Vielleicht wird sogar unsere Oberbürgermeisterin Rücktrittsforderungen erhalten, weil sie diesen offensichtlichen Fakt ignoriert hat.

Das mag alles übertrieben sein und wahrscheinlich wird überhaupt nichts passieren. Aber als Techniker weiß ich, dass man Installationen normalerweise gegen denkbare Unfallquellen absichert. Gerade wenn absehbar Personen in die Nähe kommen. Und ich finde es erstaunlich, welche Denkverbote man sich hier trotzdem selbst auferlegt. Während man bei einer beliebigen anderen technischen Installation sofort die Problempunkte in der Umsetzung bemängeln würde, macht man sich hier gleich wieder vorbeugende Gedanken, welche Fettnäpfchen man betreten könnte. Hier hat man gleich zwei: Erstens würde man etwas gegen ein Anti-Rassismus-Projekt sagen und zweitens handelt es ja auch noch um Kunst.  

Übrigens wird schon deshalb nichts passieren, weil sich unten an der Stele ein alles verhindernder Hinweis befindet:

Na, dann kann ja nichts passieren!

Nebenbei: Als ich mit dem Fotografieren beschäftigt war, kam ein Paar vorbei. Ihr Gespräch (so ungefähr, aus dem Gedächtnis):

Er: „Ach – ham‘ se hier auch eins hingestellt …“
Sie: „Was iss’n das?“
Er: „Das soll uns Dresdnern zeigen, dass wir damals den Mord an der Ägypterin hätten verhindern müssen …“

Scheinbar führt die Aktion also auch zu Missverständnissen, die ein wenig nach hinten losgehen.

Update, 9.8. 2010:

Man hat inzwischen nachgebessert:

Fast schon professionell

Nun kann also nichts mehr schiefgehen!

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5 Kommentare:

  1. Da muß mindestens ein Zaun drum. Oder so ein Ultraschalldings welches Vierbeiner daran hindert, das Beinchen zu heben. Nicht auszudenken, wenn ein Deutscher Schäferhund …… Also wehret den Anfängen !

  2. Selten passte der Satz so gut wie hier: Das Gegenteil von gut gemacht ist gut gemeint!

  3. So weit würde ich nicht unbedingt gehen. Es gibt zwar den Spruch: „Es gibt nichts schlimmeres als gut gemeint“, aber den hat Max Goldt einmal recht gut widerlegt. So aus dem Gedächnis: „Doch, da gibt es Schlimmeres. Zum Beispiel böse gemeint, lieblos dahingeklotzt …“ (Rest habe ich vergessen).

    Ich würde es eher so formulieren: Nur weil Leute, die das Gute wollen, irgendeine Aktion machen, ist die nicht automatisch auch schon gut. Die kann auch nicht ganz zu Ende gedacht sein. Oder Mißverständlich. Dilletantisch umgesetzt . Oder, oder, oder …

    Übrigens frage ich mich inzwischen immer mehr, wieviele neue Nazis und wieviel Alltagsrassismus ganz konkret durch diese Aktion verhindert werden? Kann natürlich niemand wirklich beanworten, aber die Frage kann man ja einmal stellen.

  4. Bei mir hat sich noch ein anderer Gedanke formiert: wenn die Stelen immer wieder umgeschmissen werden, ist es eben trotz aller dilettantischen Ausführung eine gelungene Aktion: denn an guter Kunst muß man sich vielleicht auch stoßen können. Diejenigen, die sie umstoßen, stört offensichtlich etwas. Und die (umgefallenen) Stelen machen das sichtbar.

  5. Die umgekippte Stele vor dem Hauptbahnhof geht übrigens auf das Konto betrunkener linker Jugendlicher. Begründung (sofern man unter Alkoholeinfluß Begangenes überhaupt noch begründen kann): Tote in Afghanistan fänden zu wenig Beachtung und irgendwie störten sie sich an der “öffentlichkeitswirksamen Kunstaktion des Vereins ‘Bürger Courage’”. Stand am Fr. in der SZ

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