Girlsday

 Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Menschen sagen gehört zu haben: „Girlsday? Find ich toll!“. Stattdessen höre ich immer nur: „Ach ist dieser Blödsinn schon wieder?“

Ja, er ist schon wieder. Auch bei uns trafen wieder die ersten jungen Damen ein, um an klassische Männerberufe herangeführt zu werden. Was machen sie bei uns aber ganz konkret? Ein sehr kurzes Kurzfilmchen drehen (was man an einem Tag eigentlich nicht schafft) und genauso kurz einen Blick in ein Hörfunkstudio werfen. Also dieses berühmte „Irgendwas-mit-Medien“. Ist das ein reiner Männerberuf? Absolut nicht. In bestimmten Teilbereichen der Medienberufe sind zwar noch mehr Männer anzutreffen, dort liegt es aber eher an einem gewissen Desinteresse der Frauen selbst. Ist auch klar – wer hat schon Lust, diese schweren Kameras und Lichtkoffer durch die Gegend zu schleppen? Seltsamerweise wollen Mädchen auch beharrlich nie etwas über Themen wissen wie z.B. „Unterschiede zwischen symetrischer und unsymetrischer Signalführung in XLR-Kabeln“. Solche Fragen kommen immer nur von Jungen.

Aber so sind die Mädchen mal einen Tag nicht in der Schule, worüber sie selbst und vielleicht auch die Lehrer ganz froh sind. Man kann also nicht sagen, die Sache sei komplett sinnlos.

Seltsamerweise ist heute gar kein Junge dabei. Man hat ja vor einigen Jahren entdeckt, dass der Girlsday die Jungen ausgrenzt (anscheinend war die Aktion nicht gegendert), also durften fortan auch Jungs mit zum Girlsday. Die Krönung kam vor zwei Jahren, als (sicher gut bezahlte) Experten in einer Studie festgestellten: Mädchen sind in der Schule durchschnittlich besser als Jungen. Für diese Erkenntnis hätte man auch preiswerter den berühmten Mann von der Straße fragen können. Oder seine Frau. Jedenfalls kam deshalb die Meinung auf, Jungen seien irgendwie benachteiligt, also sollten wir die Jungen fördern, was ja dann zu verschiedenen entsprechenden Projekten führte.

Und erstaunlicherweise gibt es für diesen kurzsichtigen Aktionismus auch immer Fördergelder, obwohl für wichtige Dinge angeblich nie Geld da ist.

8 Kommentare:

  1. Ich finde nicht, daß man den Girls‘ Day (Ich schreib das jetzt mal richtig, weder Du noch die Veranstalter selbst scheinen das auf die Reihe zu kriegen ;-)) als kurzfristigen Aktionismus abtun sollte. In Zeiten, wo selbst Studentenzeitschriften allen Ernstes Prostitution als Möglichkeit anpreisen, hip und easy nebenher Geld zu verdienen, ist es umso wichtiger, Mädchen Möglichkeiten der Berufswelt aufzuzeigen, die eben nicht wie Germany’s Next Topmodel von vornherein auf Aussehen, Optik, körperliche Attribute abzielen.

    Du magst Dich zwar über die Tatsache lustig machen, daß Mädchen sich nie nach den „Unterschieden zwischen symmetrischer und unsymmetrischer Signalführung in XLR-Kabeln“ erkundigen, aber gerade das ist doch die beste Begründung dafür, daß wir noch viel mehr Initiativen brauchen, die in Mädchen ein Interesse an technischen Details wecken.

  2. Das mit dem kurzfristigen Aktionismus bezog sich auch mehr auf die Jungenförderung. Das mit der Anpreisung von Prostitution in Studentenzeitschriften war doch hoffentlich nicht ernst gemeint?

  3. Absolut ernst. Du brauchst nur „prostitution studentenjob“´zu googeln und findest Berichte hierzu in SPON, BRIGITTE, SÜDDEUTSCHE, EMMA etc. Und dann die Augen offen halten, welche Jobs Studentinnen auf Kleinanzeigen-Plattformen angeboten werden. Und die UNICUM kritisch quer lesen. Daraus ergibt sich ein trauriges Bild.

  4. Ich hadere sehr mit dem Gender-Thema, wie offenbar auch viele Piraten.
    Es erschliesst sich mir nicht, warum heutzutage ein Mädchen sich gehindert fühlen sollte, sich in einer Sparte um eine Stelle zu bemühen. Jede Frau mit der ich mich über das Thema unterhalten hat, hat die Problematik ebenfalls nicht verstanden.
    Dennoch sind das rein subjektive Eindrücke.
    Allerdings stehe ich öffentlichen Fördergeldern zum Zweck gesellschaftlicher Veränderung prinzipiell sehr skeptisch gegenüber. Unabhängig vom Thema, es fliesst derart viel in die Rotation um Egos und so wenig kommt bei denen an die es betreffen soll.

    Sich zu prostituieren wurde auch schon HartzIV-Empfängerinnen von der Arbeitsagentur angeboten. Das ist also kein Problem speziell von Studentinnen. Das will ich aber nicht vertiefen.

  5. Dass sich ALG-II-Empfängerinnen prostituieren sollten, ist ja wohl eine »Urban Legend«. Die Arbeitsagentur darf solche Jobs überhaupt nicht anbieten. — Dass es Studentinnen tun, ist sehr bedauerlich, aber es lässt sich durch kein Gesetz der Welt verbieten.

  6. Ich würde schon zwischen »Anpreisen« und »Berichten« unterscheiden. Und warum sollte die Presse nicht darüber berichten? Das Thema gehört nicht zu den wenigen wirklich berechtigten Tabus, an die sich unsere Presse hält.

  7. In Dresden gibt es aber schon seit zwei (drei?) Jahren einen Girls‘- und Boys‘-Day. Die Jungen werden nicht mehr zum Absitzen von Stunden in der Schule verdonnert (es gab Zeiten, da mussten sie unter Aufsicht stumpfsinnige Übungsaufgaben lösen). Jetzt gibt es Angebote für Jungen und Mädchen. Allerdings ist Dresden wohl die erste und fast einzige Großstadt in Deutschland, sie so etwas anbietet.

  8. Bei uns waren aber nur Mädchen (letztes Jahr auch schon). Auf meine Frage, was denn die Jungs heute machen, erhielt ich von den Mädchen die Antwort, die wären natürlich in der Schule. Ich habe nur in einem Jahrgang erlebt, dass auch einige Jungen dabei waren.

    Ich bin soeben auf die Idee gekommen, mal meinen Sohn zu fragen, warum er an dem Tag eigentlich freiwillig in die Schule gegangen ist. So genau konnte er es mir auch nicht erklären, aber alle Jungen aus seiner Klasse waren auch in der Schule. Er und auch seine aktuell mitskypenden Freunde konnten mir aber selbst keinen eindeutigen Grund dafür nennen (außer „Ich fand das schon immer schwachsinnig“).

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