Ich will Herrn Mixa nicht entschuldigen …

 … (den schon gar nicht), aber bei den aktuellen Vorwürfen, es hätte früher durchaus die eine oder andere Ohrfeige in Schulen, Internaten und Kinderheimen gegeben, sollte man eines bedenken: In der damaligen Zeit galt es eben als normal und richtig, in der Erziehung gelegentlich auch mit Gewalt durchgreifen zu müssen. Für manche frühere Lehrer war es z.B. selbstverständlich, dass der Rohrstock ein übliches Unterrichtsmittel war. Heute sind wir schlauer (vor allem auch unsere heutigen Pädagogen), aber keiner weiß heute, was spätere Generationen an uns einmal kritisieren werden. Möglicherweise gibt es in 30 Jahren auch Leute, die sich dann in den Medien als Opfer outen. Wegen Gründen, bei denen wir heute nur verständnislos den Kopf schütteln würden.

11 Kommentare:

  1. Es gab auch mal Zeiten, da war es selbstverständlich Juden zu vergasen und Andersdenkende. Gilt das als Rechtfertigung?
    Wenn man sämtliches Handeln dem Zeitgeist überlässt kann man sich nicht als moralische Institution aufspielen und anderen Menschen vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben. Dann ist man als Kirche schlicht überflüssig, denn den Job übernimmt ja der Zeitgeist.
    Als Kirche hat man nun mal ethische Grundsätze zu definieren und einzuhalten.

  2. Ich will das nicht rechtfertigen. Auch die aktuell von Kirchenvertretern geäußerten Sätze finde ich ziemlich übel, mit denen man Herrn Mixa schützen will. Da wird ja behauptet, solche Beschuldigungen aus dem „Halbdunkel“ (gestern 2x im Fernsehen so gehört) seien unakzeptabel.

    Aber ich versuche auch gern, mich in die betreffenden Personen so halbwegs hinein zu versetzen. Und ich kann mir schon vorstellen, dass früher in katholischen Kinderheimen und Schulen die Meinung herrschte, man müsse ggf. auch einmal „mit harter Hand“ durchgreifen. Der heute eher lustig gemeinte Spruch „Ein leichter Schlag auf den Kopf erhöht das Denkvermögen“ war möglicherweise einmal ernst gemeint.

    Und dann scheint es ja auch um Vorfälle aus der Zeit zu gehen, die schon von der beginnenden 68er-Bewegung und ihren antiautoritären Ideen geprägt war. Ich denke schon, dass man sich in konservativen Kreisen (wozu die katholische Kirche nun einmal gehört) ganz unbewusst davon abgrenzen wollte. Wenn die (aus konservativer Sicht) „langhaarigen Spinner“ dann behaupteten, Kinder solle man nicht schlagen, dann hat man sich in katholischen Heimen vielleicht gesagt: Doch!

    Wie schon gesagt: Damit will ich das nicht rechtfertigen (schon gar nicht die sexuellen Übergriffe) und ich will auch schon gar nicht im Umkehrschluß behaupten, die 68er seien daran Schuld. Selbstverständlich ist es falsch, Kinder zu schlagen. Aber wenn heute aus jeder früheren Ohrfeige* ein großes Mediendrama gebastelt wird, kann man das ja auch einmal so betrachten, wie ich es versucht habe.

    (* Da müsste man ja auch mindestens 50% aller früheren Eltern anklagen.)

  3. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen: die Kirche rechtfertigt ihre Weigerung, dringend nötige und gewünschte Reformen anzugehen ja immer mit dem Hinweis, sie wolle sich nicht dem Zeitgeist beugen, um gewachsene Traditionen nicht vorschnell zu opfern. Dann muß man sich aber auch an diese Gebote halten.

  4. Ich sehe als Kernansatz bei der Kirche auch immer ihren Grundgedanken der Nächstenliebe, den sie ja Jesus zuschreibt. Wenn sie sich einfach nur daran halten würde, könnte sie mir regelrecht etwas sympathischer werden.

  5. Aber das Mediendrama bezieht doch seinen Stoff aus dem Widerspruch zwischen Bischof Mixas ersten Erklärungen und seinen späteren Einlassungen. Will sagen: die Ohrfeigen aus der Zeit vor 25 Jahren wären vielleicht erklärbar. Aber das arrogante Abstreiten noch vor zwei Wochen — das war doch inakzeptabel. Als es schon die eidesstattlichen Erklärungen gab, sagte er noch: »Diese Leute können sich doch gar nicht mehr an mich erinnern.«

  6. Angeblich soll er sogar gesagt haben: „Diese Leute können sich doch gar nicht mehr an mich erinnern. Denn ich kann mich doch auch nicht mehr an sie erinnern«. Das ist schon alles richtig. Aber bei einigen Medienberichten hatte ich das Gefühl, dass man sich hier auf jede neu entdeckte Ohrfeige stürzte, um noch einen weiteren Skandal erfinden zu können.

    So war auch mein erster Gedanke, als an dem Tag (wo ich das schrieb) Mixas neueste Verfehlung mit dem Kunstkauf auf Kosten des Waisenhauses beschrieben wurde. Denn das hatte mit Kindesmisshandlung nun wirklich nicht mehr viel zu tun. Natürlich ist so etwas auch nicht in Ordnung, aber mir ging’s um diese krampfhafte Argumente-an-den-Haaren-Herbeizieherei.

    Du hattest wohl gerade einige Minuten Pause im Neustadt-Geflüster? 😉

  7. Ein Kind, dass von einem „Herrn“ Pfarrer eine oder mehr „Watsch’n“ kassiert erinnert sich sehr gut an die. Und vergisst sie auch nicht so schnell wie der „Herr“ Pfarrer.
    Anführungszeichen deswegen, weil es schon was von BDSM hat wie sich der Mann verhalten hat.
    In der Zeit haben sicher viele Ohrfeigen verteilt. Nur wer davon hat sich heutzutage derart geriert? Was soll Jesus hingehalten haben? Wer segnet Soldaten in Afghanistan?
    Einen einfachen Lehrer aus dieser Zeit wird dieser Medienschwung nicht behelligen. Er hatte sich nie als moralisch höhere Instanz definiert. Das ist die Krux – und die Kathoholiker werden sie nicht lösen können.

  8. Kurzer Nachtrag:
    Es obliegt nicht den Kindern ihre Unschuld nachzuweisen.

  9. Zum Glück muss man als Beschuldigter nicht seine Unschuld, sondern der Kläger muss die Schuld beweisen.
    Leider müssen aber umgekehrt die ehemaligen Kinder heute genauso Mixa & Co die Schuld nachweisen. Das dürfte schwierig sein.

  10. Sechs Eidesstattliche Aussagen (Mindeststrafe 1 Jahr) gegen eine Erinnerungslücke eines zuvor der Lüge überführten Herrn.
    Da wird die Luft auch im Strafrecht dünn.
    Zum Glück für Mixa ist das alles verjährt. Wie – sonderbarerweise – fast alles was die katholische Kirche jetzt rausfindet bei ihrer Selbstkasteiung,
    Ein Schelm wer Taktik dahinter wähnt…

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